Wie versprochen folgt heute der zweite Teil meines Gesprächs mit Conny Mayerbacher. Im ersten Teil hat sie ausführlich erzählt, wie sie gemeinsam mit ihrer Trainerin Pedros dauerhaft hohen Stresspegel senkte und warum dafür zunächst fast sämtliche Beschäftigung aus seinem Alltag verschwand.
Diesmal geht es darum, woran Conny überhaupt erkannte, dass Pedro gestresst war, und welche Auswirkungen dieser Zustand auf seine Körpersprache, seine Ansprechbarkeit und seine Fähigkeit zu lernen hatte. Ein weiteres großes Thema waren Begegnungen mit Artgenossen. Pedro fiel es schwer, andere Hunde in seiner Nähe auszuhalten und in solchen Situationen nicht sofort nach vorn zu gehen.
Dieses Problem kenne ich noch sehr gut von Chiru, meinem vorigen Hund. Auch bei ihm war eine zu geringe Wohlfühldistanz einer der Hauptauslöser für seine Unverträglichkeit gegenüber vielen Rüden. Conny lernte mit Pedro das Behaviour Adjustment Training, kurz BAT, kennen. Dieses Training half ihm dabei, in Begegnungssituationen nicht nur zu reagieren, sondern selbstständig Abstand zu wählen.
Wie sich Stress bei Pedro zeigte, wie Conny das Training mit ihm aufbaute und was Konsequenz für sie im Alltag bedeutet, erzählt sie in diesem zweiten Teil.
Woran erkenne ich Stress bei meinem Hund?
Bine: Wie zeigte sich Pedros Stress in seiner Körpersprache? Bei Gubacca ist es beispielsweise so, dass er mit den Zähnen klappert oder in die Leine beißt. Und wie hast du es geschafft, Pedros Stresslevel in einer akuten Situation wieder zu senken?
Conny: Pedro war der absolute Zappelphilipp. Als kleiner Bär biss er ebenfalls gern in die Leine. Damals dachte ich, er wolle mit mir spielen, und heizte ihn deshalb häufig noch weiter an. Als ich langsam verstand, was tatsächlich dahintersteckte, ließ ich die Leine einfach fallen, blieb möglichst uninteressant und versuchte, ruhig mit ihm nach Hause zu kommen. Daraufhin zeigte er dieses Verhalten nicht mehr lange.
Im Stress war seine gesamte Körperspannung sehr hoch. Auch seine Haut wirkte so gespannt, als wäre sie fest auf ihm aufgeklebt. Sein Rücken war leicht aufgewölbt, und man konnte kaum eine Hautfalte vom Körper abheben. Ebenso veränderten sich seine Bewegungen: Die Schritte wurden kürzer und ruckartiger, der sonst federnde Gang verschwand, und Pedro blendete mich zunehmend aus.
Er hechelte relativ viel. Was man bei unseren langhaarigen Hunden leider nur schwer erkennt, war außerdem die sehr weit nach hinten gezogene Maulspalte. Beim kleinsten Reiz schoss Pedro in die Leine, lief knurrend und bellend um mich herum und war nur schwer zu bändigen. In solchen Momenten war ich durchaus froh, dass er etwas kleiner geblieben war, als ich es mir ursprünglich gewünscht hatte. Diese siebzehn dynamischen Kilogramm trainierten meine Muskeln bereits ausreichend.
Ein weiterer deutlicher Hinweis war, dass Pedro in solchen Situationen kein Futter mehr annehmen konnte. Sein Stresslevel war dann so hoch, dass für ein Leckerchen schlicht kein Platz mehr war.
Dass sein allgemeiner Stresspegel dauerhaft sehr hoch war, erkannten wir außerdem daran, dass er nicht beständig weiterlernen konnte. Führten wir ein neues Signal ein, verstand Pedro zunächst meist sehr schnell, was wir von ihm wollten. Es machte ihm Spaß, gemeinsam mit uns etwas zu tun und unsere Freude über seinen Erfolg zu erleben.
Übten wir dieses Signal jedoch an den folgenden Tagen weiter, funktionierte es einmal hervorragend, am nächsten Tag gar nicht und danach vielleicht wieder ein wenig. Selbst nach zwei oder drei Wochen war das neue Verhalten in einer ablenkungsarmen Umgebung noch nicht zuverlässig abrufbar. Pedro konnte das Gelernte nicht so verarbeiten, dass daraus eine stabile Verknüpfung entstand. Unter hohem Stress kann ein System nicht gut lernen. Das gilt für Hunde ebenso wie für uns Menschen.
Was half Pedro in einer akuten Situation?
Den Stress unmittelbar während einer schwierigen Situation zu senken, war nur begrenzt möglich. Handelte es sich lediglich um einen kleinen Aufreger, konnte Pedro sich mit der Zeit zunehmend selbst regulieren. Manchmal half es, einige Leckerchen auf den Boden zu werfen, die er suchen konnte, oder ihn kurz ruhig zu streicheln.
Pedro wälzte sich außerdem sehr gern. Daran erkannte ich, wie anstrengend selbst ein scheinbar einfacher Waldspaziergang für ihn sein konnte. Er warf sich unterwegs immer wieder ins Gras und wälzte sich ausgiebig hin und her.
War etwas Größeres passiert, das ihn vollkommen aus der Bahn warf, half eigentlich nur, weiteren belastenden Reizen möglichst aus dem Weg zu gehen und ruhig den Rückweg anzutreten. Zu Hause hatte Pedro gelernt, dass ihm Schlaf half. In gewöhnlichen Phasen schlief er etwa sechzehn bis achtzehn Stunden am Tag. Nach besonders stressigen Erlebnissen wurden daraus zwanzig Stunden und mehr.
Dann verschwand er häufig für mehrere Stunden im Schlafzimmer im oberen Stockwerk und sah ausgesprochen vorwurfsvoll aus, wenn jemand ihn dort störte. Auch die Spaziergänge wurden in solchen Phasen wieder auf ein Minimum reduziert, damit sein Körper und sein Kopf ausreichend Zeit zur Erholung bekamen.
BAT – Behaviour Adjustment Training
Bine: Bitte beschreibe das BAT-Training noch etwas genauer. Mit dem Begriff konnte ich bislang überhaupt nichts anfangen und hatte noch nie davon gehört.
Conny: Im Frühjahr 2017 lernte ich mit Pedro eine neue Form des Begegnungstrainings kennen, die ihm bei seinen Problemen mit Artgenossen helfen sollte. BAT steht für Behaviour Adjustment Training und wurde von Grisha Stewart in den USA entwickelt. Im Juli 2017 besuchte ich dazu ein Seminar, das mein eigenes Training bei Hundebegegnungen stark beeinflusste.
Zur Einordnung: Conny beschreibt hier, wie sie BAT im Jahr 2017 kennenlernte und anschließend mit Pedro umsetzte. Der Abschnitt schildert ihren persönlichen Trainingsweg und ersetzt keine individuelle Anleitung durch eine entsprechend ausgebildete Trainerin oder einen Trainer.
Im Training wurde stets mit einem ausreichend großen Abstand zum jeweiligen Auslöser gearbeitet. Der Hund erhielt die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie nah er an den Reiz herangehen wollte oder ob er lieber wieder mehr Abstand benötigte. Dadurch sollte sein Vertrauen in die eigenen Entscheidungen und in seinen menschlichen Begleiter wachsen.
Pedro wurde nicht in eine Situation gedrängt, in der er sich unwohl oder hilflos fühlte und deshalb in seine alten Reaktionsmuster zurückfallen musste. Stattdessen konnte er in seiner individuellen Wohlfühldistanz die Umgebung erkunden. Welcher Abstand dafür nötig war, hing sowohl von der jeweiligen Situation als auch von seiner Tagesform ab. Bei Pedro konnten das fünf Meter sein, manchmal aber auch zweihundert Meter. Entscheidend war, dass er den Auslöser noch ruhig beobachten und sich anschließend selbstständig wieder abwenden konnte.
Nach außen wirkte dieses Training ausgesprochen unspektakulär. Für den Hund war es trotzdem anstrengend und bei einem kleinschrittigen Aufbau sehr wirkungsvoll. Pedro wurde dabei aufmerksam an einem Brustgeschirr und mit möglichst lockerer Leine geführt. War der Abstand groß genug, konnte er seine Umwelt erkunden und eigene Entscheidungen treffen.
Strebte er frontal auf den Auslöser zu, war die Entfernung offenbar bereits zu gering. Dann konnten wir ihn über die Leine vorsichtig ausbremsen und ihm eine Vergrößerung des Abstandes vorschlagen. Wir zogen ihn jedoch nicht einfach vom Reiz weg, sondern gaben ihm möglichst die Gelegenheit, sich selbst für mehr Distanz zu entscheiden. Unsere Körpersprache und gelegentlich auch Futter konnten ihn dabei unterstützen.
Das Training eignete sich aus Connys Sicht nicht nur für Schwierigkeiten mit Artgenossen, sondern konnte auch bei anderen Auslösern und Ängsten eingesetzt werden. Wichtig war dabei immer, die individuellen Ursachen des Verhaltens zu berücksichtigen.
Auch körperliche Ursachen müssen berücksichtigt werden
Gerade bei Angst, Aggression und anderen auffälligen Verhaltensweisen können körperliche Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Fühlt sich ein Hund aufgrund von Schmerzen oder einer Erkrankung unwohl, kann dies sein Verhalten erheblich beeinflussen.
Deshalb hielt Conny es für wichtig, den Hund auch gesundheitlich untersuchen zu lassen. Nicht nur organische Erkrankungen, sondern ebenso Verspannungen der Muskulatur oder Probleme am Bewegungsapparat sind von außen nicht immer sofort erkennbar. Sie können ein erfolgreiches Training jedoch deutlich erschweren oder sogar verhindern.
So sah das BAT-Training mit Pedro aus
Mit Pedro trainierte Conny zunächst nicht an seinem größten Feindbild, sondern mit den für ihn etwas leichteren Kandidaten. Auf einer großen Wiese wurde der Abstand so gewählt, dass beide Hunde noch in der Lage waren, mit der Nase ihre Umgebung zu erkunden.
Sie durften dort schnüffeln, wo sie wollten. Weil sich ein anderer Hund in Sichtweite befand, bei Pedro häufig in ungefähr zwanzig Metern Entfernung, überprüfte er natürlich immer wieder, was sein Gegenüber tat. Vermittelte der andere Hund einen ungefährlichen Eindruck, konnte Pedro sich wieder der Umgebung zuwenden.
Bemerkte Conny, dass seine Erregung zunahm, lud sie ihn mit ihrer Körpersprache dazu ein, den Abstand zu vergrößern. Meist nahm Pedro dieses Angebot dankbar an und bekam anschließend eine Futterbelohnung. Verdient hatte er sie für Conny vor allem deshalb, weil er sich selbst für eine friedliche Distanzvergrößerung entschieden hatte.
Nach spätestens dreißig bis vierzig Minuten wurde das Training beendet. Es sah zwar unscheinbar aus, war für Pedro aber ausgesprochen anstrengend. Schließlich blieb er die ganze Zeit wachsam und stand in einer ständigen körpersprachlichen Kommunikation mit dem Trainingspartner.
Stand kein geeigneter Hund zur Verfügung, fuhr Conny mit Pedro zu einem Wanderparkplatz, an dem viele Menschen ihre Hunde angeleint ausführten. Dort positionierte sie sich so weit abseits von Wegen und Parkplatz, dass Pedro die fremden Hunde aus sicherer Entfernung beobachten konnte. Weil diese Begegnungen weniger planbar waren als ein gezieltes Training, achtete sie dabei auf einen besonders großen Abstand.
Das gemeinsame Training führte dazu, dass Pedro Conny auch im Alltag zunehmend signalisieren konnte, wenn er mehr Abstand benötigte. Im Freilauf musste er nicht mehr automatisch zu jedem anderen Hund hinrennen, sondern konnte ihm auf seiner selbst gewählten Distanz ruhiger begegnen.
Konsequenz bedeutet nicht Härte
Bine: Konsequentes Handeln ist ein Begriff, der mir bei der Erziehung und Anleitung eines Gos ständig begegnet. Im ersten Moment glaubt vermutlich jeder zu wissen, was damit gemeint ist. Meine erste Assoziation lautet beispielsweise: entweder niemals auf das Sofa oder immer. Und ein ausgesprochenes Nein bleibt ein Nein, egal wie niedlich der Hund schaut. Was verbindest du mit Konsequenz, und wo ist sie dir im Alltag besonders wichtig?
Conny: Ich denke, dass konsequentes Handeln für jeden Hund wichtig ist, unabhängig von seiner Rasse. Hunde mit weniger eigenem Kopf machen es uns dabei nur häufig leichter. Entscheidend ist, Konsequenz nicht mit Härte oder Strenge zu verwechseln.
Auch wenn ein Hund über positive Verstärkung erzogen wird und man auf aversive Reize verzichtet, bedeutet das nicht, dass er alles tun darf oder keine Grenzen kennenlernt. Konsequentes Handeln heißt vor allem, für den Hund verständlich und verlässlich zu sein. Er sollte sich darauf verlassen können, dass die vereinbarten Grenzen nicht täglich wechseln. Ein freundlicher und herzlicher Umgang mit dem Teampartner Hund ist trotzdem möglich.
Dazu gehören natürlich Fragen wie: Darf mein Hund auf das Sofa oder ins Bett? Bleibt ein Nein tatsächlich ein Nein? Für mich bedeutet Konsequenz aber ebenso, klare Signalwörter und Sichtzeichen zu verwenden. Rufe ich heute „Komm“, morgen „Hier“ und am dritten Tag „Jetzt komm endlich her“, woher soll mein Hund wissen, welches Verhalten ich von ihm erwarte?
Ebenso wichtig ist, wie ich in einer Situation reagiere, wenn der Hund sich anders verhält als gewünscht. Wie oft rufe ich ihn? Und was geschieht, wenn er trotzdem weiter sein Ding macht? Darf er an einem Tag einfach seine Freiheit weiter genießen und wird für dasselbe Verhalten am nächsten Tag bestraft, kann er kaum verstehen, was eigentlich gelten soll.
Auch die Leinenführigkeit ist bei vielen Menschen ein Dauerbrenner. Der Hund soll nicht ziehen, doch sobald wir es eilig haben, lassen wir genau das Verhalten zu, das am Vortag noch unerwünscht war. Für den Hund bleibt dadurch unklar, ob Ziehen vielleicht doch zum Erfolg führt, wenn er nur ausdauernd genug bleibt. Handeln wir verständlich und verlässlich, ersparen wir ihm und uns viele frustrierende Situationen.
Einmal Gos – immer Gos?
Bine: Die Zeit mit Pedro war anstrengend, und er ist bis heute kein einfacher Hund. Trotzdem hast du dich später mit Cara für einen zweiten Gos entschieden. Warum?
Conny: Ich träumte schon länger davon, einem zweiten Gos ein Zuhause zu geben. Solange Pedro meine gesamte Aufmerksamkeit und Energie beanspruchte, kam das allerdings nicht infrage. Als er ein wenig ruhiger wurde, entstand zunächst der Wunsch nach einem Welpen vom Züchter. Ich wollte gern erleben, wie es ist, einen Gos mit guten Voraussetzungen von Anfang an zu begleiten.
Allerdings erkannte ich schnell, dass ich Pedro mit einem Welpen keinen Gefallen tun würde, und verwarf diesen Gedanken schweren Herzens wieder. Gleichzeitig fehlte mir in meiner Hundeschule in manchen Stunden ein souveräner hündischer Helfer. Pedro konnte ich nur selten einsetzen, denn mit seinen persönlichen Erziehungsmethoden war ich nicht immer einverstanden.
Bei Hündinnen, kleinen Rüden und Welpen funktionierte es häufig recht gut. Trotzdem musste ich viel zu stark auf Pedro achten und hatte dadurch zu wenig Aufmerksamkeit für meine Kunden. Dann wollte es der Zufall, dass Cara ein neues Zuhause suchte. Als ich sie wenige Tage später kennenlernte, erschien sie mir beinahe perfekt.
Auch Pedro fand sie großartig. Die beiden verstanden sich auf Anhieb, und so beschloss ich, dass Cara bei uns einziehen durfte. Sie ist eine hervorragende Helferin, wenn es darum geht, anderen Hunden höfliches Verhalten zu vermitteln. Cara setzt Grenzen ruhig und souverän und weist einen aufdringlichen Hund ebenso ruhig in seine Schranken.
Außerdem dachte ich, Pedro würde sich über eine Partnerin freuen, weil er allgemein eher wenige Hundekontakte hatte. Damit war ich vermutlich die übereifrige Hundemutter. Pedro hatte sein Leben als alleiniger Prinz bei uns durchaus genossen. Für ihn war es zunächst eine große Umstellung, plötzlich nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit der Familie zu besitzen.
Inzwischen hat er sich jedoch daran gewöhnt. Die beiden verstehen sich sehr gut, es gibt keinen Streit, und jeder darf sich überall frei bewegen. Ich glaube, dass Pedro letztlich doch von Cara profitiert. Und Cara hat sich bei uns ebenfalls gut eingelebt.
Bine: Liebe Conny, ein riesiges Dankeschön für diesen interessanten und sicherlich nicht nur für mich hilfreichen Beitrag. Ich konnte aus deinen Erfahrungen viele Impulse für Gubacca und mich mitnehmen. Außerdem haben deine Antworten mir wieder ein Stück dabei geholfen, den Gos d’Atura Català und seine besondere Art besser zu verstehen.
Liebe Grüße
Bine mit Zwerg-Riese
Wie Pedro zu Conny kam, warum aus gut gemeinter Auslastung Überforderung wurde und weshalb er für sie zu einem echten Lehrmeister wurde, erzählt sie in „Einmal Gos – immer Gos? Connys Weg mit Pedro“.
Im ersten Teil unseres Gesprächs geht es ausführlich um Pedros Anti-Stress-Programm, die Bedeutung von Schlaf und den langsamen Weg zurück in einen normalen Alltag: „Wie bekomme ich einen entspannten Hund?“
Weitere Beiträge über Reizverarbeitung, Orientierung und den Alltag mit einem eigenständigen Gos findest du auf der Seite „Verstehen statt Erziehen“.
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