Nachgefragt...im Gespräch mit Conny Mayerbacher Teil 2

Februar 22, 2018

Heute gibt es wie versprochen den zweiten Teil von "Nachgefragt..." in dem Conny beschreibt wie sich der Stress bei ihrem Gos-Rüden Pedro bemerkbar gemacht hat und welche Auswirkungen dieser hohe Level auf ihn hatte. Ein weiteres Problem für Pedro war die Nähe von Artgenossen zuzulassen. Dieses Problem kenne ich noch von Chiru, meinem vorigen Hund, sehr gut und das war bei uns der Hauptauslöser für seine Unverträglichkeit bei vielen Rüden. Die Trainingsmethode "BAT" (Behaviour Adjustment Training) half Conny unter anderem Hundebegegnungen für Pedro leichter zu machen. Wie diese Methode funktioniert erfahrt ihr heute ebenfalls von ihr. Viel Spaß beim Lesen! 

Woran erkenne ich Stress bei meinem Hund?


Sali: Wie zeigte sich der Stress körpersprachlich bei Pedro. Bei Gubacca ist es so, dass er anfängt mit den Zähnen zu klappern oder in die Leine beißt. Wie hast du es geschafft Pedro´s Stresslevel in einer akuten Situation zu reduzieren.

Conny: Pedro war der absolute Zappelphilip. In die Leine hat er als kleiner Bär auch gern gebissen. Damals dachte ich, er möchte mit mir spielen und heizte ihn immer noch richtig an. Als ich dann langsam kapierte ließ ich die Leine fallen, blieb desinteressiert und versuchte so ruhig wie möglich nach Hause zu kommen. Daraufhin zeigte er dieses Verhalten nicht mehr lange.

Im Stress war seine Körperspannung und auch die Hautspannung sehr hoch, dass sein Rücken etwas aufgewölbt war – er hatte einen leichten Buckel und die Haut war wir auf ihm festgeklebt. Man konnte keine Hautfalte vom Körper abheben. An seinen Bewegungen konnte man den Stress auch erkennen. Seine Schritte wurden kürzer, die Bewegungen ruckartiger, der federnde Gang fehlte und er blendete mich immer weiter aus. Er hechelt relativ viel und was man bei unseren langhaarigen Schätzen schlecht sieht – die Maulspalte war sehr lang. Außerdem rannte er beim leisesten Reiz in die Leine, lief knurrend und bellend um mich herum und war nur schwer zu bändigen. Zu der Zeit war ich dann ganz froh, dass Pedro etwas kleiner blieb, als ich es gern gehabt hätte. Diese 17 dynamischen Kilo trainierten meine Muckis. In solchen Situationen konnte er dann auch keine Leckerli mehr annehmen.

Dass sein Stresslevel generell sehr hoch ist merkten wir, weil er nicht beständig weiterlernen konnte. Als wir ein neues Signal einführten funktionierte es meist ziemlich schnell. Pedro machte es Spaß mit uns gemeinsam etwas zu tun und unsere Freude zu erleben. Wenn wir dies dann die nachfolgenden Tage übten klappte es manchmal super, manchmal nicht und dann wieder ein bisschen. Aber auch nach 2 oder 3 Wochen war das neue Signal selbst in ablenkungsarmen Situationen nicht zuverlässig. Er konnte das Gelernte nicht so verarbeiten, dass es zu den nötigen Verknüpfungen im Gehirn gekommen wäre. – Im Stress kann das System nicht lernen. Das ist bei unseren Hunden genauso wie bei uns Menschen.

Den Stress in einer akuten Situation zu reduzieren ist sehr schwer. War nur ein kleiner Aufreger im Weg schafft er es inzwischen ganz gut selbst wieder herunterzufahren oder ich werfe ihm ein paar Leckerli, die er suchen kann bzw. streichle ihn kurz. Er wälzt sich auch gern. Daran merke ich, wie anstrengend ein einfacher Waldspaziergang für ihn sein kann. Er wirft sich dann alle paar Meter ins Gras und wälzt sich hin und her.
War es ein größeres Ereignis, das ihn aus der Bahn wirft, hilft eigentlich nur möglichst allem, was ihn aufregt aus dem Weg zu gehen und ruhig den Rückweg nach Hause anzutreten. Zuhause hat er gelernt, dass ihm Schlaf hilft. Er schläft dann noch mehr als sowieso schon. Kommt er in für ihn normalen Zeiten auf 16 – 18 Stunden am Tag sind es in sehr gestressten Zeiten 20 Stunden und mehr am Tag. Er verschwindet dann oft für Stunden im Schlafzimmer im oberen Stock und schaut auch vorwurfsvoll, wenn man ihn dort stört. Das Gassi gehen wird dann auf ein Minimum zusammengekürzt.

Links: Conny mit Pedro als Welpe | Rechts: Pedro als Welpe

BAT – Behaviour Adjustment Training

Sali: Bitte beschreibe doch dein Training BAT noch ein wenig. Mit dem Begriff kann ich überhaupt nichts anfangen und habe noch nie davon gehört.

Conny: Im Frühjahr 2017 habe ich mit Pedro eine neue Art des Begegnungstrainings kennengelernt um ihm bei seinen Problemen mit Artgenossen zu helfen. BAT – Behaviour Adjustment Training wurde von Grisha Stewart in den USA entwickelt und wird seit einigen Jahren auch hier in Deutschland praktiziert. Im Juli 2017 war ich dazu dann auf einem Seminar, das mein Training in Bezug auf Hundebegegnungen stark beeinflusst hat.

Im Training wird stets in ausreichendem Abstand zum Auslösereiz gearbeitet. Durch die Möglichkeit des Hundes, selbst zu entscheiden, wie nah er an den Reiz geht oder ob er lieber weiter Abstand hält wächst das Vertrauen in sich und seine menschlichen Begleiter. Der Hund wird in keine Situation gezwungen, in der er sich unwohl oder hilflos fühlt um dann in alte Muster zu verfallen sondern kann im Wohlfühlabstand die Umwelt erkunden. In welchem Abstand das Training stattfindet ist je nach Situation und Hund unterschiedlich. Bei Pedro habe ich je nach Begebenheit und seiner Verfassung zwischen 5 Meter und 200 Meter, die er braucht um noch entspannt den Auslöser zu beobachten und sich selbstständig abzuwenden. Das Training wirkt nach außen unscheinbar, ist aber für die Hunde sehr anstrengend und wirkungsvoll – vor allem, wenn man es schafft  es in kleinen Schritten aufzubauen. Während des Trainings wird der Hund achtsam mit durchhängender Leine am Brustgeschirr geführt. Ist der Abstand groß genug, dann funktioniert das. Strebt der Hund frontal auf den Auslösereiz zu, war der Abstand zu gering und wir können ihn über die Leine „ausbremsen“ und eine Distanzvergrößerung vorschlagen. Dabei ziehen wir den Hund nicht vom Reiz weg sondern überlassen ihm die Entscheidung selbst. Unsere Körpersprache und der Einsatz von Leckerli können hier hilfreich sein. Im Übrigen eignet sich das Training nicht nur bei Problemen mit Artgenossen, sondern auch bei vielen anderen Verhaltensproblemen, Umwelt-/ Ängsten, … . Ziel des Trainings ist es nicht, in geringem Abstand an fremden Artgenossen vorbeigehen zu können sondern der Hund soll eine selbstständige und von uns unabhängige Strategie bekommen.

Im Bereich der Verhaltensauffälligkeiten und hier gerade bei Angst und Aggression spielen körperliche Faktoren eine große Rolle. Fühlt sich der Hund aufgrund von Schmerzen oder Krankheit unwohl kann das immer eine zentrale Ursache für sein Verhalten sein. Es ist also zwingend notwendig, den Hund auch gesundheitlich checken zu lassen um das Training die Verhaltensänderungen nachhaltig erfolgreich zu machen. Sowohl organische Krankheiten als auch Verspannungen in der Muskulatur oder auch Probleme im Skelettapparat sind oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen, können aber ein erfolgreiches Training schwierig bis unmöglich machen.

Bei Pedro sieht das Training so aus, dass ich derzeit normalerweise nicht mit seinem größten Feindbild sondern mit „kleinen“ Feinden auf einer großen Wiese „batte“. Wir wählen den Abstand so, dass beide Hunde noch gut ihre Umwelt mit der Nase erkunden können und lassen sie dorthin schnüffeln, wo sie wollen. Nachdem ja ein anderer Hund in Sichtweite ist (bei uns sind es meist so ca. 20 Meter) wird natürlich immer wieder gecheckt, was der andere tut und wenn der einen ungefährlichen Eindruck macht ist es kein Problem, die Umgebung weiter zu erkunden. Merke ich, dass das Erregungslevel steigt, lade ich ihn mit meiner Körpersprache ein, den Abstand weiter zu vergrößern. Normalerweise nimmt er dies dankbar an und lässt sich mit Leckerli verwöhnen. – Das hat er sich dann auch verdient, wenn er diese Entscheidung der Distanzvergrößerung selbst treffen konnte. Nach spätestens 30 – 40 Minuten beenden wir das Training weil es wirklich unheimlich anstrengend ist. Unscheinbar aber sehr wirkungsvoll. Der Hund ist schließlich immer auf “hab-acht“ und in ständiger körpersprachlicher Kommunikation mit dem Trainingspartner.

Manchmal steht mir kein anderer Hund zur Verfügung. Dann gehe ich bei uns an einen Wanderparkplatz, wo viele Hunde an der Leine ausgeführt werden. Hier positioniere ich mich so weit abseits der Wege und des Parkplatzes, dass wir auf Entfernung den fremden Hunden zusehen können. Dabei achte ich dann auf noch größeren Abstand um ein erfolgreiches Training durchführen zu können.

Unser Training hat inzwischen dazu geführt, dass Pedro mir im Alltag signalisieren kann, wenn er den Abstand weiter vergrößern möchte und dass er im Freilauf auch nicht zu jedem anderen Hund hinrennen muss sondern auf seinem Abstand anderen Hunden ruhig begegnen kann.

Bei der "BAT"-Methode entscheidet der Hund selbst wie nah er an den Reiz herangehen möchte


Konsequenz im Umgang mit unseren Hunden

Sali: "...Konsequentes handeln..." das ist ein Schlagwort, dass mir ständig und besonders bei dem Gos immer wieder bei der Erziehung/Prägung/Anleitung begegnet. Im ersten Augenblick kann auch glaube ich jeder mit dem Wort etwas anfangen. Meine erste Assoziation ist zum Beispiel immer "entweder nie auf das Sofa oder immer" und das ein ausgesprochenes "Nein" auch ein "Nein" bleibt, egal wie niedlich unser Hund dann auch schaut. Was verbindest du mit dem Begriff und kannst du Beispiele aus deinen Alltag nennen wo dir Konsequentes Handeln wichtig ist.

Conny: Ich denke, dass konsequentes Handeln für JEDEN Hund – egal welcher Rasse wichtig ist. Natürlich machen es Rassen mit weniger eigenem Kopf leichter. Wichtig ist, dass man Konsequenz nicht mit Härte oder Strenge verwechselt. Auch wenn man die Hunde über positive Verstärkung erzieht und auf aversive Reize komplett verzichtet heißt das nicht, dass der Hund alles tun darf oder keine Grenzen gezeigt bekommt. Konsequentes Handeln heißt für den Hund verständlich und klar sich darauf verlassen können, dass die Grenzen immer die Selben sind. Einen freundlichen und herzlichen Umgang mit dem Teampartner Hund kann man trotzdem haben.

Damit sind natürlich auf der einen Seite die von dir genannten Grundsätze wie darf mein Hund auf das Sofa oder ins Bett oder nicht oder auch „nein“ bleibt „nein“ gemeint. Für mich heißt es auch für den Hund verständlich zu handeln. D.h. welche Signalworte / Sichtzeichen verwende ich (rufe ich den einen Tag „komm“, am nächsten Tag „hier“ und am dritten „jetzt komm endlich her“ – woher soll der Hund wissen, was wir wollen). Wie verhalte ich mich in welcher Situation und wie reagiere ich, wenn der Hund sich anders verhält als gewünscht. Also z.b. wie oft rufe ich, bis er kommen muss und was mache ich, wenn er trotzdem weiter sein Ding macht. Darf er den einen Tag einfach seine Freiheit weiter genießen und bestrafe ich ihn am nächsten Tag, machen wir es dem Hund schwer überhaupt zu verstehen, was wir von ihm erwarten.

Leinenführigkeit ist auch so ein Thema, das bei vielen ein Dauerbrenner ist. Warum kapiert es der Hund einfach nicht, dass er nicht ziehen soll … gerade hier ist es so wichtig, dass wir konsequent dran bleiben und dem Hund signalisieren, dass wir uns nicht durch die Gegend ziehen lassen. Hat man es dann aber am nächsten Tag eilig lassen wir es zu, was noch am Tag zuvor nicht geduldet wurde. Der Hund weiß so natürlich nicht, ob er nun ziehen darf wenn er etwas für ihn wichtigen in der Nase hat oder nicht und wird es immer und immer wieder probieren, ob er nicht vielleicht doch ein wenig mehr ziehen muss um erfolgreich zu sein. Handle ich für meinen Hund verständlich und verlässlich erspare ich mir und auch ihm frustrierende Erlebnisse.

Konsequenter Umgang ist mehr als ein "Sofa-Verbot"

Einmal Gos - immer Gos?! 

Sali: Insgesamt war es ja eine anstrengende Zeit mit Pedro und er ist bis heute kein leichter Hund. Trotzdem hast du dich für einen zweiten Gos, deine Cara, entschieden. Warum?

Conny: Mein Traum war es schon länger, einem zweiten Gos eine Heimat zu geben. Aber solange Pedro wirklich meine volle Aufmerksamkeit und Energie beanspruchte war das nicht drin. Dann wurde er ein klein wenig ruhiger und es entstand der Wunsch nach einem Welpen vom Züchter um mal zu sehen, wie ich einen Gos mit guten Voraussetzungen erziehen kann. Aber ich merkte schnell, dass ich Pedro mit einem Welpen keinen Gefallen tun würde und verwarf diesen Gedanken schweren Herzens wieder. Dafür merkte ich in meiner Hundeschule immer wieder, dass mir in manchen Stunden ein souveräner hündischer Helfer fehlte, da ich Pedro selten mitnehmen konnte. Mit seinen Erziehungsmethoden war ich nicht einverstanden. Bei Hündinnen oder kleinen Rüden und Welpen geht es zwar ganz gut, aber ich muss viel zu viel auf ihn achten und habe dann für meine Kunden zu wenig Aufmerksamkeit übrig. Der Zufall wollte es dann, dass Cara ein neues zuhause suchte und so wie ich sie dann wenige Tage später kennenlernte, erschien sie mir perfekt. Pedro fand sie auch klasse – sie verstanden sich auf Anhieb. Und so beschloss ich, dass Cara bei uns einziehen darf. Sie ist die perfekte Helferin, anderen Hunden höfliches Verhalten zu lehren und weist sie sehr ruhig und souverän in die Schranken. Und ich dachte, dass sich Pedro über eine Partnerin freuen würde weil er ja generell eher weniger Hundekontakte hatte. Aber da war ich glaube ich die übereifrige Mami. Er genoss sein Leben allein bei uns sehr und es war für ihn eine große Umstellung, dass er nicht mehr der alleinige Prinz in der Familie war. Aber inzwischen hat er sich daran gewöhnt, sie verstehen sich prächtig, es gibt nie Streit, jeder darf überall hin. Ich glaube, er profitiert doch von ihr. Und Cara hat sich bei uns auch gut eingelebt.

Pedro mit Cara


Liebe Conny,

ein riesen Dankeschön für diesen interessanten und bestimmt nicht nur für mich, sehr hilfreichen Blogartikel. Ich konnte aus deinen Erfahrungsberichten viele Impulse für Gubacca und mich mitnehmen. Außerdem hat dein Beitrag mir wieder ein Stück weitergeholfen den Gos d´Atura Català in seinem Wesen zu verstehen.

Liebe Grüße
Sali mit Zwerg-Riese

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1 Kommentare

  1. Ich habe jetzt beide Teile in aller Ruhe gelesen und finde sie toll - inhaltlich und auch vom Stil. Wir haben schon immer viel Wert darauf gelegt, dass die Hunde bei uns sehr früh Ruhe lernen. Denn egal ob im Büro oder auch im Restaurant ... es ist einfach toll, wenn die Hunde entspannt daliegen und nicht gestresst alles beobachten und jede Bewegung als Aufforderung verstehen.
    Auch jetzt mit Shadow merken wir, wie schnell so ein Junghund von sich aus überdrehen würde, wenn wir ihm nicht seine Ruhepausen verordnen würden. Auch bei uns sind die Spaziergänge nicht so sehr reizüberflutet. Morgens gibt es immer die gleiche Runde ... berechenbar, vielleicht auch langweilig - aber trotzdem noch interessant genug für die Hunde.
    Auch an den Abenden gehen wir meistens eine von drei Standard-Runden ... nur so ein- bis zweimal die Woche gibt es hier Variationen! Wenn wir dann mal Ausflüge machen, dann ist hier sicher für die nächsten zwei Tage nur Standard angesagt.
    Wir fahren damit nicht schlecht, denn mittlerweile kann Shadow ganz locker 6 Stunden mit mir im Homeoffice-Büro "arbeiten" - nur von einer kleinen Pipi-Runde unterbrochen - und ist ganz entpsannt.

    Liebe Grüße,
    Isabella mit Cara und Shadow

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