Nachgefragt: Einmal Gos- immer Gos?!

Februar 14, 2018

Als Gubacca einzog, hörte ich über den Gos d’Atura vor allem zwei Dinge: schwer erziehbar oder gerade wegen seiner Selbstständigkeit und Intelligenz etwas ganz Besonderes. Aber was war wirklich typisch Gos und was einfach Gubacca? In unserer Reihe „Nachgefragt“ lasse ich deshalb erfahrene Gos-Halter zu Wort kommen. Den Anfang macht Nicole Scholl, die seit 2011 Gos d’Atura züchtet und hier von ihren drei Hündinnen erzählt. Wenn dich besonders Erziehung und Hundeschule beim Gos d’Atura interessieren, findest du dazu viele unserer Erfahrungen auf der Themenseite „Gos d’Atura Erziehung – Verstehen statt Erziehen“. Ich habe meinen ersten Hund, einen Terrier-Pudel-Mix namens Kim, mit zwölf Jahren bekommen und komplett selbst erzogen.
Erfahrungsbericht · Nicole Scholl

Als Gubacca einzog, hörte ich über den Gos d’Atura vor allem zwei Dinge: schwer erziehbar oder gerade wegen seiner Selbstständigkeit und Intelligenz etwas ganz Besonderes. Aber was war wirklich typisch Gos und was einfach Gubacca? In unserer Reihe „Nachgefragt“ lasse ich deshalb erfahrene Gos-Halter zu Wort kommen. Den Anfang macht Nicole Scholl, die seit 2011 Gos d’Atura züchtet und hier von ihren drei Hündinnen erzählt.

Wenn dich besonders Erziehung und Hundeschule beim Gos d’Atura interessieren, findest du dazu viele unserer Erfahrungen auf der Themenseite Gos d’Atura Erziehung – Verstehen statt Erziehen.

Im Vergleich zu anderen Rassen sind Gos eben sehr selbstständig und genau dieser starke Charakter und das Hinterfragen von Entscheidungen macht für mich die Besonderheit der Rasse aus.
Das Hunderudel von Nicole Scholl
Das Hunderudel von Nicole Scholl · Foto: Susanne Hoffmann

Ambar – und plötzlich wieder Hundeanfängerin

Ich habe meinen ersten Hund, einen Terrier-Pudel-Mix namens Kim, mit zwölf Jahren bekommen und komplett selbst erzogen. Meine Mutter züchtete Border Collies und ich habe mit 16 Jahren meinen Zuchtsachkundenachweis im VDH gemacht, um Amerikanische Collies zu züchten. Einige Jahre später lief mir auf einer Ausstellung eine Hündin über den Weg, die aussah wie meine Kim, nur etwas größer. Mein erster Kontakt zu einem Gos und ich war völlig verliebt.

Bereits vier Monate später zog meine erste Gos-Hündin ein und mit ihr fühlte ich mich plötzlich wie ein völliger Hundeanfänger.

Ich, jahrelang Ausbilderin im Hundeverein, erfolgreich im Agility, Colliezüchterin und Mehrhundehalterin, hatte da plötzlich einen kleinen Puschelwelpen, der so völlig anders war. Selbstständig, eigensinnig, kernig, mit einer gehörigen Portion Schutztrieb ausgestattet: meine Ambar. Alle Welpen, die ich vor Ambar hatte, folgten mir auf Schritt und Tritt, wollten spielen, kuscheln und nahmen Leckerlis. Ambar lag zum Beispiel mit neun Wochen im Wohnzimmer und hat noch nicht einmal den Kopf gehoben, wenn ich hinausgegangen bin. Ich habe echt überlegt, Ambar mit zehn Wochen zurückzugeben, weil ich dachte, ich sei ihr egal.

Dann habe ich angefangen, sie genauer zu beobachten. Und siehe da: Die Körpersprache ist im Vergleich zum Collie, Border Collie und dem, was wir sonst schon so hatten, so extrem fein, dass ich sie kaum wahrgenommen habe. Bin ich aus dem Raum gegangen, hat sie zwar nicht einmal den Kopf gehoben, aber jede Bewegung mit den Augen verfolgt und genau gelauscht, wohin meine Schritte im Haus mich führten. Nur war ihr Interesse eben längst nicht so offensichtlich.

Ambar als Welpe
Ambar als Welpe · Foto: Susanne Hoffmann

In der Welpenstunde wiederum hat sie mit elf Wochen keinen fremden Welpen an mich herangelassen. Auf meine verzweifelte Nachfrage bei der Züchterin hieß es, das sei normales Gos-Verhalten. Heute weiß ich, dass ich es trotzdem sofort hätte unterbinden müssen. Damals habe ich sie machen lassen und hatte zeitlebens einen sehr selbstständig entscheidenden und agierenden Hund.

Mit gerade einmal vier Monaten ist Ambar abgehauen. Am 1. Mai hatten irgendwelche Idioten am hinteren Ende des Gartens den Zaun aufgebogen. Mein Terrier ist am nachbarlichen Hasenstall gestrandet, aber Ambar war weg und ich völlig aufgelöst. Sie hat sich einer Wandergruppe angeschlossen und ist mit ihr in den Nachbarort spaziert. Dort ist dann aufgefallen, dass der so selbstverständlich mitlaufende Hund irgendwie niemandem gehört. Ein vorbeifahrender älterer Herr hatte zum Glück eine Ahnung, wo die kleine Dame hingehörte, und heulend nahm ich das quietschvergnügte Mäuschen entgegen.

Das war übrigens das einzige Mal, dass sie abgehauen ist. Ich kenne aber Gos, die über Stunden selbstständig rennen und jagen gehen, zum Teil jedoch ohne das Wild zu verletzen, sodass ich in diesem Fall von ungebändigtem Freiheitsdrang in Verbindung mit Hütetrieb ausgehe.

Ambar hatte ihre eigenen Vorstellungen von Belohnung

Ambar konnte ich nie wie andere Hunde mit Leckerlis oder Spielzeug belohnen oder motivieren. Sie hat, bis sie zwei Jahre alt war, kein einziges Spielzeug angeschaut.

Dann hat sie sich im Fressnapf in einen Stoffigel verliebt. Den haben wir natürlich sofort gekauft und mitgenommen. Jedes noch so gute Leckerli wurde von ihr einfach ausgespuckt, wenn wir unterwegs waren. Das hat sie als älterer Hund zum Teil noch gemacht. Ich konnte ausschließlich über meine Stimme und meine Körpersprache mit ihr arbeiten.

Als sie erwachsen war, wollte ich gerne Agility mit ihr machen. Es wird in kurzen Parcourssequenzen geübt und Ambar war schnell klar, was ich von ihr wollte. Sie arbeitete im Training jede Sequenz mit mir einmal. Wenn ich dann dasselbe noch einmal machen wollte, ging sie – immerhin hatten wir das ja schon erfolgreich abgearbeitet. Habe ich eine andere Sequenz aufgebaut oder etwas umgestellt, kam sie sofort wieder. Ambar brachte mir Bälle oder Frisbees, maximal zweimal, dann hat sie mich völlig irritiert angeguckt: Sie bringt mir etwas und das dumme Frauchen schmeißt es dann wieder weg? Nee, dann kann die das selbst holen. Erst mit fünf oder sechs Jahren hat sie gemerkt, dass das Apportieren Spaß machen kann.

Gos-Hündin Ambar
Ambar · Foto: Susanne Hoffmann

Ein Hund mit eigenem Urteil

Vor zwei Jahren waren wir auf einem Schutzhundetreffen: lauter Malis, Schäferhunde und Rottis und wir mit unseren „Puschis“ dazwischen. Wir hatten dort einen Verkaufsstand mit Halsbändern und Leinen, haben aber interessehalber mit unseren Hunden an einer organisierten „Wesensprüfung“ teilgenommen. Es ging durch Waldstücke mit sich bewegenden Tüchern und kratzenden Kartons und so weiter. Die Spaziergänger: alles kein Thema.

Am Ende – die Hunde liefen frei – kam ein Helfer in Vollschutzanzug und Maske aus dem Wald und „ging mit einem Stock auf den Hundeführer los“. Der Kerl kam brüllend aus dem Wald. Ambar wurde stocksteif, Rute hoch, und hat die Zähne gefletscht, wie ich es bei ihr noch nie gesehen hatte. Dann hat sie, alles innerhalb von ein oder zwei Sekunden, zu mir geguckt und gesehen, dass ich keine Angst hatte. Ich wusste ja, dass der Kerl mir nichts tut. Die Rute fing an zu wedeln und sie begrüßte den Verkleideten freundlich. Madame ist ja nicht doof und lässt sich von so etwas aufs Glatteis führen.

Ambar hatte eine sehr gute Menschenkenntnis.

Kamen Welpeninteressenten und Ambar ist von sich aus nicht hingegangen, haben die Leute keinen Welpen bekommen. Wir haben ihr insgesamt dreimal nicht geglaubt und diese Welpen kamen zurück oder es gab Probleme. Ambar hat mich hinterfragt. Habe ich Dinge verlangt, die sie oder deren Sinn nicht verstand, hat sie sich hingestellt und mich mit einem ganz besonderen Blick angeschaut. Teilweise hat sie sich auch einmal geweigert. War ich aufgebracht und im Ton den Hunden gegenüber entsprechend emotional, hat sie mich nur still angeschaut und ich konnte mein Verhalten selbst hinterfragen.

Es gab auch Probleme: Zeitlebens hat es zwischen ihr und Basca, meiner zweiten Gos-Hündin, die später kam, Spannungen gegeben. Sie haben sich mehrfach heftig gebissen. Ich weiß heute, dass Basca eigentlich eher ein Einzelhund ist, und würde sie nicht noch einmal in ein Rudel integrieren, wäre ich in der Situation wie vor fast neun Jahren.

Gos d’Atura aus Nicoles Rudel
Foto: Susanne Hoffmann

Wachsamkeit und eine große Individualdistanz

Ambar war ein echter Charakterhund. Sie war keine besondere „Schmusebacke“, wurde aber ab und zu plötzlich kuschelbedürftig. Eben wenn es ihr passte. Ansonsten war sie sehr höflich und souverän im Umgang mit Menschen, liebte es, irgendwo zu liegen und einfach zu beobachten. Wenn Leute kamen, wurde kurz gemeldet, aber kein Aufstand gemacht.

An der Leine machte sie Theater, wenn uns auf den Gassirunden Hunde entgegenkamen. Ließ ich die Leine los oder ganz lang, war alles gut. Sie hatte eine unglaublich große Individualdistanz gegenüber fremden Hunden und hasste es, durch die Leine nicht selbst entscheiden zu können. Je mehr man versuchte, ihr das abzugewöhnen, desto schlimmer wurde es. Ablenken oder bestrafen brachte rein gar nichts. Natürlich schämt man sich, wenn der eigene Hund an der Leine bellt und schimpft. Wenn wir jedoch zum Beispiel auf Ausstellungen gefahren sind, war diese „Leinenaggression“ nie ein Thema. Der erste Hund wurde noch angekläfft. Wenn es mehr wurden, hat sie sich hinter mir eingereiht und war ruhig. Ich bin mir sicher: Hätte ich in der Welpenspielstunde das Verhalten „Frauchen gegen andere Hunde verteidigen“ abgestellt, wäre es an der Leine nie zu solch einem Theater gekommen.

Welpenspielstunden mit unkontrolliertem freien Spiel sehe ich beim Gos auch sehr kritisch.

Diese Hunde lernen einfach schnell, Probleme selbst zu lösen, wenn sie keine Hilfestellung bekommen. Wird zum Beispiel ein Gos-Welpe von einem braunen Labrador in der Welpenstunde gemobbt und der Trainer und die Besitzer unterbinden das nicht, klärt „Klein-Gossi“ es mit seinen spitzen Zähnen selbst. Es kann sein, dass das mit braunen Labradoren in Verbindung gebracht wird und später braune Labradore angegangen werden. Einfach schon einmal vorsorglich, da war mal einer doof …

Ansonsten hat sie übrigens niemals einen fremden Hund oder Menschen angegangen oder verletzt. Sie konnte übermütige, nervige Junghunde sehr klar abstellen und meistens reichte ein Blick. Insgesamt hatte sie trotz des Fells eine unglaublich ausgeprägte Mimik und konnte wirklich kritisch gucken.

Ambar mit typisch kritischem Gos-Blick
Ambar · Foto: Nicole Scholl

Ambar hat mich am Anfang oft an meine Grenze gebracht und mir im Bereich Hundeverhalten ganz neue Wege gezeigt. Es hat lange gedauert, bis wir uns zusammengerauft haben, und sie hat immer wieder hinterfragt, was ich tue, wenn sie es für angebracht hielt. Andererseits konnte ich ihr blind vertrauen und wir hatten eine tiefe Verbundenheit. Ambar war nicht mein Seelenhund, aber eine ganz besondere Persönlichkeit, die ich viel zu früh gehen lassen musste.

Bewacher oder Hütehund?

Ich finde, es gibt beim Gos im Ursprung zwei Typen: einmal eher den Herdenschutzhundetyp, der hauptsächlich beobachtet und bewacht hat – Herde und vor allem Hof – und einmal den Hütetyp, der die Herde getrieben hat.

Mittlerweile sind die Typen sicher stark vermischt, aber man kann sich auch bei der Einordnung von Welpen zum Teil gut daran orientieren. Ambar war für mich ein ganz klassischer Typ „Bewacher“ und einige ihrer Kinder sind verhaltenstechnisch echte Kopien von ihr.

Mit Basca, meiner zweiten Gos-Hündin, bekam ich eine Hündin mit deutlich mehr „Will to please“, die aber auch deutlich schneller hochfährt und dann zu fehlender Impulskontrolle neigt. Basca kam erst mit knapp sechs Monaten zu uns und ist ein absoluter Traumhund. Doch der Weg war hart und steinig, denn Basca war sehr verkorkst, als sie zu uns kam. Mittlerweile ist sie auch schon fast neun Jahre alt und immer noch eine aktive Knalltüte, die jederzeit bereit ist zu arbeiten.

Gos-Hündin Basca
Basca · Foto: Sabrina Kilian

Mein Seelenhund ist Nymeria. Sie ist für mich der absolut perfekte Gos, bis auf ein oder zwei kleine Baustellen. Nymeria möchte mir immer gefallen, dabei ist sie manchmal eben etwas übereifrig. Ihre Welt dreht sich vorwiegend um mich, sie arbeitet zuverlässig und ausdauernd, ist extrem pflegeleicht – felltechnisch –, leichtfüßig und locker in der Bewegung. Bewegung ist ein gutes Stichwort: Nymeria ist ausdauernd und im Prinzip körperlich nicht kleinzukriegen.

Gos-Hündin Nymeria
Nymeria · Foto: Nicole Scholl

Basca und Nymeria sind deutlich mehr die „Hütitütis“, deutlich leichtführiger, weniger selbstständig und mehr auf das Arbeiten mit dem Menschen ausgelegt. Die „Hütis“ sind meiner Erfahrung nach temperamentvoller und oft auch etwas hibbelig.

Auslastung beginnt mit Ruhe

Viele Hunde neigen in verschiedenen Bereichen zu fehlender Impulskontrolle. Bewegungsreize, andere Hunde und vieles mehr fahren die Hunde oft schon unglaublich hoch.

Man muss bei allen sportlichen Aktivitäten aufpassen, dass sie danach auch wieder herunterfahren und zur Ruhe kommen. Ich denke, einige Gos neigen aufgrund dieser fehlenden Impulskontrolle auch zum Jagen, andere tackern ihre Besitzer – Malibesitzer wissen, was ich meine. Ein Hund läuft vorbei, der Gos ist aufgeregt und will hin und schnappt vor lauter Eifer ins Bein: fehlende Impulskontrolle.

Basca fehlt sie zum Beispiel im Bereich mit anderen Hunden oft. Ein anderer Hund knurrt, Basca fühlt sich angegriffen und geht los, auch im eigenen Rudel. Auf einer großen Wiese, auf der wir immer Frisbee gespielt haben, rennt Basca los und guckt in die Luft, wann die Frisbee fliegt. Solche Probleme haben aber viele Hütehundbesitzer, ob Border-Collie-, Mali- oder Gos-Besitzer.

Manche Gos-Besitzer meinen, sie hätten einen Arbeitshund und müssten ihn mit aller Gewalt auslasten. Ich bin der Meinung, ein junger Gos muss vor allem eines lernen: zur Ruhe zu kommen und zu entspannen.

Alles andere ist Erziehung, aber Ruhe zu lernen ist die Voraussetzung. Das gilt übrigens für andere Hütehunde auch. Bei Ambar war das nie das Problem, bei Nymeria habe ich es trotz Erfahrung verpasst. Sie kommt in ungewohnter Umgebung insgesamt schlecht zur Ruhe. Beruhigend, dass man nach 20 Jahren immer noch Fehler macht.

Entspannte Gos d’Atura aus Nicoles Rudel
Foto: Sabrina Kilian

Ich hoffe sehr, aus dem nächsten Wurf von Nymeria einen Welpen behalten zu können, um das Abenteuer Gos-Welpe wieder neu starten zu können.

Vielen Dank, Nicole, für diesen sehr interessanten Erfahrungsbericht und die tollen Fotos!
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