Ich wollte keinen schwierigen Hund. Keinen, der mich hinterfragt. Keinen, der mir den Spiegel hinhält. Ich wollte einen, der zu mir passt. Und dann kam Gubacca.
Liebe auf den ersten Blick, ja. Aber auch ein Hund, der ziemlich schnell klargemacht hat: Harmonisch wird das hier nur, wenn du deinen Teil dazu beiträgst. Von daher handelt dieser Beitrag auch nicht davon, was Gubacca können muss. Sondern davon, was ich lernen musste, um mit ihm wirklich zusammenzuwachsen.
Man bekommt nicht den Hund, den man will
Viele von euch kennen das Sprichwort: Man bekommt nicht den Hund, den man will, sondern den, den man braucht. Ist da tatsächlich etwas Wahres dran?
Eigentlich könnte ich diese Frage jetzt mit „nein“ beantworten und den Beitrag mit ein paar neuen Fotos von Gubacca und mir abschließen. Denn bei mir war es Liebe auf den ersten Blick. Ich habe genau den Welpen von Svea bekommen, den ich mir so sehnlich gewünscht hatte.
So einfach ist es mit Sprichwörtern dann aber doch nicht. Meist steckt ein tieferer Sinn dahinter, der sich erst mit der Zeit erschließt.
Grundsätzlich bin ich natürlich der Meinung, dass ich – Bine, liebenswürdig und nett – den weltbesten und ebenso liebsten Hund verdient habe. Und ja, genau den habe ich auch bekommen. Die Problemfelder, die sich phasenweise bei uns zeigen, sind eher pubertärer Natur und werden sich vermutlich legen, sobald die Hormone nicht mehr Salsa, sondern Blues tanzen.
Aber – und jetzt kommt schon das zweite Aber – selbst damit kratzt man eigentlich nur an der Oberfläche dieses Sprichworts.
In den letzten Jahren ist es nicht nur im Berufsleben modern geworden, sich von einem Coach begleiten zu lassen. Hundebesitzer haben es in dieser Hinsicht vergleichsweise leicht. Kaum ein anderes Lebewesen zeigt einem die eigenen Schwachpunkte so präzise und schonungslos wie der eigene Hund.
Wer von uns wünscht sich nicht, von seinem Hund geliebt zu werden und einen souveränen, entspannten Begleiter an der Seite zu haben?
In den meisten Fällen gelingt das jedoch nur, wenn wir bereit sind, an uns selbst zu arbeiten. Unsere Hunde halten uns dabei einen Spiegel vor – man muss nur bereit sein, hinzuschauen und sich selbst zu reflektieren.Und genau hier sind wir am Kern dieses Sprichworts angekommen.
Welche Charaktereigenschaften sind bei Gubacca besonders gefordert?
Gubacca ist ein wunderbarer Lehrmeister, wenn es darum geht, an mir selbst zu arbeiten. Gnadenlos entdeckt er jede meiner Schwachstellen und hält mir prompt den Spiegel vor die Nase.
Mit meinem Zwerg-Riesen brauche ich garantiert keinen Personaltrainer. Weder mental noch körperlich. Beim Sport übrigens auch nicht, wie ich in den letzten Tagen schmerzlich feststellen durfte – aber das ist ein anderes Blogthema.
Dranbleiben, auch wenn der Blick hypnotisiert
Gubacca ist wahnsinnig beharrlich, wenn er etwas durchsetzen möchte. Oft versucht er es ganz charmant – mit diesem hypnotisierenden Blick. Manchmal ist er aber auch so penetrant wie eine Schmeißfliege.
Er lernt unglaublich schnell, sucht aber ebenso schnell nach der Schwachstelle im System. Frei nach dem Motto: Diese doofe Regel gilt bestimmt nicht immer. Und falls doch, gibt es sicher Variationsmöglichkeiten.
Genau hier ist bei mir Durchhaltevermögen gefragt. „Ja, mein lieber Gubacca, auch wenn du das jetzt blöd findest: Das gilt genau so. Immer. Und auch dann noch, wenn ich dir deine Nachfrage zum hundertsten Mal beantworten muss.“
Nun gehöre ich allerdings zu den Menschen, bei denen mindestens drei Strickarbeiten in der Ecke liegen. Die erste, weil ich mit dem Muster nicht klarkam. Die zweite, weil sie mir plötzlich nicht mehr gefiel. Und die dritte, weil ich eine Anleitung so toll fand und den Schal unbedingt haben wollte.
In der Hundeerziehung funktioniert das leider nicht. Es ist verführerisch, bei Gubacca schnell eine andere Methode auszuprobieren, wenn die erste nicht sofort greift. Aber auch hier ist Durchhaltevermögen gefragt – und das fällt mir zugegeben nicht immer leicht.
Dafür bringe ich eine andere Eigenschaft mit, die mir hilft, diese kleinen Defizite auszugleichen. Wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, mutiere ich ebenso wie Gubacca zur Schmeißfliege. In meinem Fall zu „Willi-Linchen“. Dann entwickle ich eine ordentliche Portion Ehrgeiz und Überzeugungskraft. Und genau das hilft mir bei meinem Zwerg-Riesen sehr.
Konflikte aushalten, statt ihnen auszuweichen
Gubaccas Eigenschaft, alles gern zu hinterfragen, hat zwangsläufig zur Folge, dass man konfliktbereit sein muss.
Sehr treffend beschreibt das auch Hoffnung auf Freundschaft von Michael Grewe:
„Das Leben besteht aus Konflikten, buchstäblich. Der eine will dieses, der andere jenes – und schon ist er da, der Konflikt.
Es gibt noch einen weiteren Grund, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen: Sind sie erst einmal gelöst, kehrt Frieden ein. Ein harmonisches Miteinander ist der Lohn für die Mühe mit den Konflikten.“
Bei Gubacca habe ich gelernt, dass es nicht hilft, allen Problemsituationen aus dem Weg zu gehen. Einiges ließ sich umlenken. Anderes nicht.
Manchen Dingen musste ich mich stellen und ihm deutlich machen, wo seine Grenzen liegen – und wo meine.
Loslassen können, statt nachzutragen
Dieser Punkt betrifft vermutlich fast jede Mensch-Hund-Beziehung. Wir müssen lernen – falls wir es nicht ohnehin schon beherrschen –, situationsbezogen zu reagieren und nicht nachtragend zu sein.
Grundsätzlich bin ich das auch nicht. Allerdings verfüge ich über ein ausgesprochen gutes Elefantengedächtnis, wenn es darum geht, wer mich wann, wo und wie geärgert hat.
Gubacca hingegen ist ein wahrer Meister im Stimmungswechsel. Er ist ein harter Konfliktgegner, der vieles infrage stellt. Seinen Unmut bringt er dabei zum Beispiel gerne durch ein beherztes In-die-Leine-Springen zum Ausdruck.
Hat man sich ihm gegenüber jedoch durchgesetzt, schaltet er sofort um – als hätte dieser kleine Machtkampf nie stattgefunden. Eben noch der in die Leine beißende „Wüterich“, zwei Sekunden später läuft er wieder vergnügt und entspannt neben mir her.
Ich versuche in solchen Situationen, ihm zu zeigen, dass ich sein Verhalten gerade absolut daneben fand, ihn aber trotzdem sehr lieb habe. Zugegeben: Das gelingt mir nicht immer.Manchmal stampfe ich auch wütend mit ihm nach Hause und brauche eine gewisse Zeit, um wieder von meiner Palme herunterzukommen.
In der Ruhe liegt die Kraft (ohmmm)
Ich habe selten einen Hund erlebt, der auf Druck so konsequent mit Gegendruck reagiert. Auch mein Tibet Terrier Chiru war ein selbstständiger Hütehund, genau wie Gubacca. Bei ihm lautete die Frage jedoch meist: Mache ich das – oder mache ich das nicht? Grau gab es selten, eher nur Schwarz oder Weiß. Diskutiert wurde ebenfalls kaum.
Gubacca hingegen möchte deutlich öfter das gesamte Spektrum zwischen Weiß und Schwarz für sich ausloten. Schwachstellen sind für ihn dazu da, intensiv genutzt zu werden. Reagiere ich in solchen Situationen wütend und lasse mich aus der Reserve locken, ist der Konflikt für mich im Grunde schon verloren. Gehe ich in die Luft, explodiert Gubacca gleich mit.
Bei ihm hilft tatsächlich nur eines: ruhig bleiben, fünfmal tief durchatmen und dann bestimmt meinen Willen durchsetzen.
Schon als Welpe zeigte Gubacca eine hohe Bereitschaft, Dinge einfach auszusitzen. Bis heute hat er diese Fähigkeit für sich perfektioniert. Und auch hier hilft letztlich nur eins: Durchhaltevermögen.
Damit schließt sich der Kreis der Eigenschaften, die man bei Gubacca mitbringen sollte. Hat man das für sich erreicht, bekommt man den liebsten Gos d'Atura: ever. Ever. Ever.
Manchmal merke ich erst im Nachhinein, wie viel Gubacca mir beigebracht hat.
Über mich. Über Geduld. Über Grenzen.
Vielleicht bekommt man tatsächlich nicht den Hund, den man will – sondern den, an dem man wächst.
Gemeinsam wachsen: Wenn aus Regeln Vertrauen wird
Einen Gos d'Atura zu führen bedeutet, sich jeden Tag neu auf dieses Abenteuer einzulassen. Wenn du wissen möchtest, wie wir unsere ganz eigene Sprache gefunden haben und wie wir mit schwierigen Momenten im Alltag umgehen, lies hier weiter:
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