Gos d’Atura Erziehung – Verstehen statt Erziehen
Wie erzieht man einen Gos d’Atura?
Wer versucht, sich vor dem Einzug eines Gos d’Atura über die Rasse zu informieren, hat es gar nicht so leicht. Man liest Begriffe wie anspruchsvoll, Arbeitshund, selbstständig, sensibel, intelligent – meistens ergänzt um den Hinweis, dass dieser Hund eine klare Führung braucht. Klingt wichtig. Hilft aber nur bedingt.
Denn was bedeuten diese Begriffe, wenn der Hund tatsächlich vor einem steht? „Selbstständig“ klingt zunächst angenehm – bis der Hund eigene Entscheidungen trifft, die sich nicht unbedingt mit meinen decken. „Sensibel“ klingt nach einem eher zarten Wesen – obwohl ein sensibler Hund durchaus sehr deutlich reagieren kann. Und „klare Führung“? Darunter kann man fast alles verstehen.
Mit Gubacca bekamen diese Begriffe nach und nach einen Alltag. Selbstständigkeit zeigte sich in konkreten Situationen, Sensibilität in seinen Reaktionen – und bei der „klaren Führung“ musste ich irgendwann vor allem auf mich selbst schauen.
Genau darum geht es auf dieser Seite. Nicht um die eine richtige Methode und nicht darum, den Gos zum besonders schwierigen Hund zu erklären. Sondern darum, was seine Eigenschaften für die Erziehung im echten Leben bedeuten.
Selbstständig – und was heißt das für die Erziehung?
Gubacca wartet nicht automatisch darauf, dass ich eine Idee habe. Er hat meistens selbst schon eine. Gerade am Anfang lag mein Reflex deshalb nahe: mehr Kommandos, schneller eingreifen, möglichst verhindern, dass er selbst entscheidet.
Nur löste das mein eigentliches Problem nicht. Denn ein Hund kann ein Kommando kennen – und sich in einer schwierigen Situation trotzdem nicht an seinem Menschen orientieren. Für mich wurde deshalb irgendwann eine andere Frage wichtiger: Wie schaffe ich es, dass Gubacca mich überhaupt in seine Entscheidung mit einbezieht?
Es geht also nicht darum, ihm seine Selbstständigkeit abzuerziehen. Ich möchte auch heute keinen Hund, der bei jedem Schritt erst fragend zu mir hochschaut. Aber wenn es darauf ankommt, möchte ich für ihn relevant sein. Orientierung bedeutet für mich deshalb nicht Dauerkontrolle – sondern dass Gubacca weiß: Wenn Bine übernimmt, lohnt es sich zuzuhören.
Sensibel – wenn meine Stimmung mitredet
Dass Gubacca sensibel ist, bedeutete für unsere Erziehung nicht, dass ich ihn mit Samthandschuhen anfassen musste. Aber es bedeutete sehr wohl, dass meine eigene Stimmung, Unsicherheit oder Hektik bei ihm ankam.
Und davon hatte ich zeitweise genug für uns beide. Gerade wenn eine Situation schwierig wurde, neigte ich dazu, schneller zu sprechen, Kommandos zu wiederholen oder noch irgendeine zusätzliche Information hinterherzuschieben. Für mich war das Hilfe. Für Gubacca war es nicht unbedingt mehr Klarheit.
Später wurde mir bewusst: Ein sensibler Hund braucht nicht möglichst viele Ansagen. Er braucht verständliche. Das klingt banal. Bei uns war es das nicht. Denn damit lag plötzlich ein Teil der Erziehung nicht mehr bei der Frage, wie ich Gubacca verändern kann – sondern bei der Frage: Wie klar bin eigentlich ich?
Klare Führung – was heißt das eigentlich?
„Klare Führung“ ist vermutlich einer der Begriffe, die einem bei der Recherche über den Gos d’Atura besonders häufig begegnen. Nur: Was heißt das konkret?
Früher habe ich darunter vor allem verstanden, dass ich Regeln setzen und sie konsequent durchsetzen muss. Heute würde ich es anders formulieren: Gubacca braucht keinen Menschen, der möglichst viel bestimmt. Er braucht einen Menschen, dessen Verhalten für ihn berechenbar ist.
Das klingt nach einer Kleinigkeit. War es bei uns aber nicht. Denn wenn ich selbst unsicher wurde, Kommandos mehrfach sagte, meine Entscheidung im nächsten Moment wieder änderte oder erst reagierte, wenn Gubacca längst eine eigene Lösung gefunden hatte, war das für ihn alles andere als klar.
Mit Gabi wurde mir genau das ziemlich deutlich. Nicht Gubacca brauchte ständig neue Regeln oder noch mehr Training. Ich musste lernen, eindeutiger zu werden.
Und das war auch eine meiner größten Lernkurven mit Gubacca: Ich konnte von ihm nicht erwarten, dass er sich an mir orientiert, wenn ich selbst nicht wusste, was ich eigentlich von ihm wollte.
Wenn Erziehung am Timing scheitert
Ein weiterer Punkt, den ich mit Gubacca lernen musste: Ein Kommando zur richtigen Zeit ist etwas völlig anderes als ein Kommando fünf Sekunden zu spät.
Und fünf Sekunden können bei einem Hund, der seine Umwelt sehr aufmerksam beobachtet, ziemlich lang sein. Ich habe Situationen früher oft erst dann „übernommen“, wenn Gubacca längst selbst entschieden hatte, wie er damit umgehen möchte.
Dann kam mein Kommando. Manchmal noch eins. Zur Sicherheit gern auch noch ein drittes. Das Problem war nur: Für Gubacca war die Sache zu diesem Zeitpunkt häufig schon entschieden.
Erziehung bedeutete für mich deshalb irgendwann nicht mehr nur, das richtige Signal zu kennen. Ich musste lernen, Situationen früher zu erkennen und zu handeln, bevor Gubacca überhaupt das Gefühl bekam, er müsse sie selbst regeln.
Das klingt heute ziemlich logisch. Damals stand ich allerdings erstaunlich oft am anderen Ende der Leine und wunderte mich, warum ein Hund, der ein Kommando eigentlich sehr gut kannte, plötzlich so tat, als hätten wir uns noch nie über dieses Thema unterhalten.
Sechs Kapitel durchs Chaos
Man ahnt es ja früh, aber so richtig glücklich ist niemand, wenn der eigene Gos beschließt, über Nacht in die Pubertät zu stolpern. Plötzlich steht da derselbe Hund – nur mit mehr Meinung, weniger Impulskontrolle und einer beeindruckenden Kreativität, was „Regeln“ betrifft.
In diesen sechs Kapiteln erzähle ich, wie Gubacca und ich uns durch diese Phase manövriert haben – mit Humor, ein bisschen Verzweiflung und erstaunlich viel Erkenntnis.
Wann wird ein Hund ruhiger?
Irgendwann wurden die schwierigen Wellen tatsächlich flacher. Nicht über Nacht und auch nicht durch drei Kerzen auf der Geburtstagstorte. Aber mit drei Jahren begann Gubacca, Antworten gelegentlich gelten zu lassen. Manchmal sogar beim ersten Mal.
Ob es nun wirklich am dritten Geburtstag lag oder einfach daran, dass aus dem pubertierenden Gubacca langsam ein erwachsener Hund wurde, kann ich bis heute nicht sagen. Sicher ist nur: Gubacca blieb Gubacca – mit eigener Meinung und eigenen Ideen. Aber vieles wurde leichter.
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