In den ersten drei Kapiteln ging es vor allem darum, wie sich Gubaccas Pubertät für mich angefühlt hat: dieses Auf und Ab, die Momente von 0 auf 300 und die Situationen, in denen ich plötzlich nicht mehr wusste, wie ich ihn erreichen sollte.
Irgendwann kommt dann zwangsläufig die Frage: Und was hilft?
Wenn man mit einem völlig aufgedrehten Hund mitten auf einer gut besuchten Seebrücke steht, ist das allerdings nicht unbedingt der Moment für pädagogisch wertvolle Entscheidungen. Dann geht es erst einmal darum, irgendwie aus der Situation herauszukommen – für den Hund, für einen selbst und gelegentlich auch fürs eigene Nervenkostüm.
Ich habe genau da gestanden. Mehr als einmal.
Zum Beispiel nach einem Treffen mit Gubaccas bestem Kumpel Lennox. Die beiden hatten vorher auf einem eingezäunten Gelände getobt. Lennox war danach tiefenentspannt. Gubacca? Nicht einmal ansatzweise. Auf dem anschließenden Spaziergang kippte die Stimmung irgendwann komplett und ich verstand die Welt nicht mehr. Warum konnte Lennox nach dem Spiel einfach wieder herunterfahren – und meiner nicht?
Oder diese eine Mittagsrunde vor der Arbeit, die sich tief bei mir eingebrannt hat. Alles lief ruhig, bis Gubacca mich plötzlich ansprang und sich nicht mehr beruhigte. Ich kam kaum weiter. Ich war verzweifelt, wütend, überfordert – und musste danach ins Büro, als wäre nichts gewesen.
Zuhause habe ich geweint.
Ruhig bleiben – so gut es eben geht
Leichter gesagt als getan. Wenn Gubacca hochfuhr, funktionierten Schimpfen, hektisches Reden oder Ziehen bei uns jedenfalls nicht besonders überzeugend. Irgendwann hörte ich auf, in solchen Momenten noch unbedingt etwas „durchsetzen“ zu wollen.
Ich redete weniger. Atmete. Schaute, wie wir möglichst ruhig aus der Situation herauskamen. Manchmal bedeutete das tatsächlich nur: Abstand schaffen, stehenbleiben, warten.
Ich merkte bei mir selbst, wie schnell ich hektischer wurde, wenn Gubacca hektisch wurde. Genau das brachte uns selten weiter. Ich musste nicht vollkommen gelassen sein – das wäre in manchen Situationen auch ziemlich unrealistisch gewesen. Aber etwas weniger Tempo, weniger Worte und weniger Aktion machten oft einen Unterschied.
Weniger Reize statt mehr Programm
Der Spaziergang am Schloss Lütinghof ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Eigentlich hatte Gubacca ihn großartig gemeistert: viele Menschen, viele Hunde, jede Menge Eindrücke. Irgendwann biss er in die Leine, ich ließ sie fallen, er düste los – und landete mit Karacho im Modderloch.
Danach war an Ruhe kaum noch zu denken. Heute würde ich nicht mehr behaupten, das Modderloch habe Gubacca „zum Kippen gebracht“. Viel plausibler erscheint mir, dass vorher schon ziemlich viel zusammengekommen war.
Unsere Konsequenz war erstaunlich unspektakulär: In solchen Hoch-Phasen machten wir die Spaziergänge einfacher. Ruhigere Umgebung. Weniger Begegnungen. Kein wildes Spiel unterwegs. Keine große Trainingseinheit obendrauf. Laufen, schnüffeln, wieder etwas runterkommen.
Das kleine Wäldchen wurde dabei zu unserer Rettung. Kaum Menschen, wenig Überraschungen, vertraute Wege. Statt „Auspowern“ gab es dort eher ruhige Suchspiele.
Struktur statt ständig neuer Action
Ich hatte lange die Vorstellung, ein junger Hund müsse möglichst viel kennenlernen. Unterschiedliche Wege, neue Situationen, Beschäftigung, Begegnungen – schließlich sollte er ja „alltagstauglich“ werden.
Mit Gubacca lernte ich, dass mehr nicht automatisch besser bedeutet.
Eine Handvoll vertrauter Routen half uns zeitweise mehr als der nächste abwechslungsreiche Spaziergang. Nicht für immer. Nicht als Rückzug aus der Welt. Aber als Möglichkeit, zwischendurch wieder Boden unter die Füße zu bekommen.
Meine eigene Haltung machte einen Unterschied
Ich musste nicht strenger werden. Aber ich musste lernen, weniger hektisch zu werden und klarer zu handeln.
Das klingt einfacher, als es für mich war. Wenn ich unsicher wurde, redete ich mehr, wurde schneller und wollte eine Situation möglichst sofort lösen. Genau dieses Hin und Her machte es für Gubacca nicht unbedingt leichter.
Heute singe ich manchmal leise vor mich hin, wenn eine Situation brenzlig wird. Klingt albern – hilft mir aber, meine Stimme ruhig zu halten. Auch mein berühmtes langgezogenes „Oookkkay“ entstand nicht aus einer ausgeklügelten Trainingsmethode. Es war schlicht meine Art, selbst nicht so viel Tempo in die Situation zu bringen.
Grenzen mussten trotzdem bleiben
Ruhiger mit Gubacca umzugehen bedeutete für mich nicht, alles durchgehen zu lassen. Ich wollte weiterhin einen Rahmen, an dem wir uns beide orientieren konnten.
Der Unterschied lag irgendwann weniger darin, ob ich eine Grenze setzte, sondern wie. Nicht lauter. Nicht härter. Möglichst eindeutig und verlässlich.
Auch hier war ich alles andere als perfekt. Ruhiges Sitzen und Warten war – und ist – zum Beispiel eine echte Herausforderung. Nicht nur für Gubacca. Vor allem für mich. Denn ich falle ausgesprochen ungern auf, wenn mein Hund bellt wie eine kaputte Sirene.
Hilfe annehmen
Eine der wichtigsten Sachen war wahrscheinlich, irgendwann offen zu sagen: Ich weiß gerade nicht weiter.
Das fiel mir schwer. Ich hatte schließlich schon Hunde gehabt. Ich war nicht völlig ahnungslos. Und trotzdem stand ich mit diesem einen Hund plötzlich an Punkten, an denen meine bisherigen Antworten nicht mehr reichten.
Gespräche mit anderen, die ähnliche Phasen erlebt hatten, halfen mir. Noch wichtiger wurde später professionelle Begleitung, bei der nicht nur Gubacca betrachtet wurde, sondern auch mein Anteil an unseren Situationen.
Keine Wunderlösung – eher ein Werkzeugkasten
Wenn ich heute zusammenfasse, was uns in dieser Zeit geholfen hat, ist daran nichts besonders Spektakuläres:
Das war für mich wahrscheinlich die schwerste Erkenntnis. Manchmal bestand die beste Strategie wirklich darin, erst einmal aus der Situation herauszukommen und wieder Ruhe hineinzubringen. Nicht spektakulär. Nicht besonders beeindruckend für Zuschauer. Aber für uns oft hilfreicher als der Versuch, mitten im Chaos noch Hundeerziehung vorzuführen.
Und während ich damals noch vor allem versuchte, Gubacca besser in den Griff zu bekommen, schob sich langsam eine andere Frage dazwischen: Was hatte diese ganze Zeit eigentlich mit mir gemacht?
Genau darum geht es in Kapitel 5.
Sechs Kapitel durchs Chaos
Von den ersten Fragezeichen bis zum Rückblick mit Abstand.
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