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Kapitel 4: Und jetzt?! – Strategien im Umgang mit Ausrastern

Mai 02, 2025

Wir haben uns in den ersten drei Kapiteln angeschaut, wie der Gos tickt. Was in seinem Kopf los ist, warum er oft so anders reagiert als andere Hunde – und wie seine besondere Art der Reizverarbeitung ihn manchmal aus der Kurve fliegen lässt. Jetzt geht’s ans Eingemachte: Was hilft, wenn’s kracht?

Wenn du schon mal mit einem tobenden Gos mitten auf einer gut besuchten Seebrücke gestanden hast, weißt du: Das sind keine Momente, in denen man cool bleibt, analysiert oder pädagogisch wertvolle Entscheidungen trifft. Da geht’s nur noch um Schadensbegrenzung – für Mensch, Hund und das eigene Nervenkostüm. Solche Situationen brennen sich ein. Und sie werfen Fragen auf: Was mache ich, wenn mein Hund ohne Vorwarnung austickt? Wenn er mich anspringt, in die Ärmel schnappt oder gar nicht mehr ansprechbar ist?

Gubacca Schalter

Ich hab genau da gestanden. Mehr als einmal. Zum Beispiel, wenn ich mit Gubacca und seinem besten Kumpel Lennox unterwegs war. Die beiden hatten vorher auf einem eingezäunten Gelände getobt, Lennox war danach tiefenentspannt – Gubacca? Nicht mal ansatzweise. Auf dem anschließenden Spaziergang kippte plötzlich alles. Ich verstand die Welt nicht mehr. Warum ging das bei Lennox und nicht bei meinem Hund?

Oder diese eine Mittagsrunde vor der Arbeit, die sich tief bei mir eingebrannt hat: Alles lief ruhig – bis es plötzlich explodierte. Gubacca sprang mich an, ließ sich nicht beruhigen, ich kam keinen Schritt weiter. Ich war verzweifelt, wütend, überfordert – und musste danach ins Büro, als wäre nichts gewesen. Zuhause habe ich geweint. Nicht nur einmal.

Und genau deswegen ist dieses Kapitel für mich mit das wichtigste in dem Gos-ABC zum Thema Pubertät. Weil ich weiß, wie es sich anfühlt. Und weil ich irgendwann – zwischen Tränen, Frust und „Ich-will-einfach-nur-einen-Hund-und-keinen-Therapie-Fall!“-Momenten – ein paar Dinge gefunden habe, die wirklich geholfen haben. Nicht immer. Aber langfristig.

Ruhig bleiben – so gut es eben geht

Leichter gesagt als getan, ja. Aber entscheidend. Wenn Gubacca eskalierte, half kein Schimpfen, kein „Nein!“, kein Ziehen. Ich habe irgendwann einfach aufgehört, zu reden. Nur noch durchgeatmet, innerlich runtergezählt und geschaut, wie wir möglichst schadlos rauskommen. Manchmal bin ich einfach weggegangen, wortlos. Kein Drama. Kein Kommentar.


Warum das hilft: Ein Hund im Ausnahmezustand braucht keinen Gegenpol, der mit an der Stressschraube dreht. Er braucht Halt – und den kann ich nur geben, wenn ich selbst innerlich wenigstens halbwegs sortiert bin.

Reizreduktion – nicht halb, sondern richtig

Nach dem berühmten Modderloch-Zwischenfall war klar: Die körperliche Erregung allein war nicht das Problem. Es war die Summe aus Reizen, die ihn zum Kippen brachte. Eigentlich hatte Gubacca den Spaziergang am Schloss Lütinghof super gemeistert – viele Menschen, viele Hunde. Bis er irgendwann in die Leine biss, ich die Leine fallen ließ, er abdüste – und mit Karacho im Modderloch landete. Danach war der Stecker gezogen.

Kapitel 4 Foto 1

Was geholfen hat? Wir haben deshalb Spaziergänge in den "Hoch-Phasen" radikal vereinfacht: ruhige Umgebung, kein wildes Spiel unterwegs, keine Begegnungen. Und wenn doch – dann mit großem Abstand. Keine großen Trainingseinheiten. Nur laufen, schnüffeln, runterkommen.


💡 Gos-Insider: Der Gos verarbeitet Reize langsamer und intensiver. Jeder neue Reiz bleibt länger im System. Wird es zu viel, eskaliert er – weil das Nervensystem nicht mehr regulieren kann.

Struktur statt Action

Was dem einen Hund Sicherheit gibt, ist für den anderen einfach nur zu viel. Gerade beim Gos ist weniger oft mehr. Statt ständig wechselnden Spaziergängen haben wir eine Handvoll vertrauter Routen gewählt – mit wenig Überraschungspotenzial. Klingt langweilig – war aber Gold wert.

Unsere Rettung: Ein kleines Wäldchen. Kaum Menschen, kaum Reize. Immer wenn Gubacca drohte, innerlich zu explodieren, sind wir dorthin geflüchtet. Anstatt "auspowern" gab es ruhige Suchspiele. Kleiner Reminder: Nicht jeder Hund muss in den Baumarkt – auch wenn es damals gerade "Mode" war.

💡 Gos-Insider: Der Gos braucht Wiederholungen, um Situationen einzuordnen. Unbekanntes wird schnell zur potenziellen Gefahr. Was vertraut ist, kann er innerlich abhaken.

Innere Haltung schlägt jede Methode

Ich musste nicht strenger werden. Ich musste klarer werden. Gubacca spürte sofort, wenn ich unsicher war – und füllte die Lücke. Mit Aktion. Heute singe ich manchmal leise vor mich hin, wenn’s brenzlig wird. Klingt albern – bringt aber Ruhe in meine Stimme. Meine Stimme ist mein wichtigstes Werkzeug. Ableinen? Nie mit Hektik. Sondern ein extra-ruhiges „Oookkkay“ – fast im Yoga-Tonfall.

💡 Gos-Insider: Der Gos orientiert sich an Souveränität, nicht an Lautstärke. Er reagiert auf Druck mit Gegendruck. Ruhige Führung gibt ihm Halt – immer wieder.

Sensibel – aber nicht zerbrechlich

Der Gos hat feine Antennen. Er spürt sofort, wenn ich unsicher bin. Aber das heißt nicht, dass er zerbrechlich ist. Im Gegenteil: Er hält viel aus, würde sich jederzeit körperlich verteidigen und geht bei Überforderung schnell auf 300. Dann setzt er so viele Stresshormone frei, dass er praktisch kein Schmerzempfinden mehr hat. Grenzen? Nur, wenn sie klar und verlässlich sind.

Gubacca Portrait

Ich musste lernen, dass Sensibilität nicht heißt: „Bitte sanft behandeln.“ Sondern: „Sei eindeutig.“ Nicht laut. Nicht hart. Aber konsequent. Sobald Gubacca merkt, dass er jemanden „unterbuttern“ kann, macht er das auch. Grenzen setzen heißt für ihn: Sicherheit geben. Einen verlässlichen Rahmen bieten. Nur dann kann er loslassen.

💡 Gos-Insider: Wenn ich wackele, übernimmt er. Wenn ich den Rahmen setze – bleibt er drin. Es ist kein Dominanzspiel. Es ist Führung. Wer die Richtung nicht vorgibt, wird beim Gos zur Orientierungslosigkeit.

Wiederholung macht den Meister

Was heute klappt, klappt morgen nicht. Der Gos hat keine Standard-Checkliste im Kopf. Er ordnet Situationen individuell ein. Das braucht Wiederholungen – viele. Und da muss ich ehrlich sein: Ruhiges Sitzen und Warten war – und ist – eine echte Herausforderung. Nicht für Gubacca. Für mich. Weil ich nicht gerne auffalle, wenn er bellt wie eine kaputte Sirene.

Hilfe annehmen – und sich nicht schämen

Ich habe offen zugegeben, dass ich überfordert war. Geteiltes Leid ist halbes Leid, aber noch wertvoller war das Gespräch mit denen, die das Ganze schon durchhaben oder sich mit der Rasse wirklich auskennen. Es braucht Mut, zu sagen: Ich weiß gerade nicht weiter. Aber es lohnt sich.

Die Wellen aushalten

In schwierigen Momenten habe ich mir immer wieder gesagt: Nicht diskutieren, nicht korrigieren, sondern runterfahren, tief atmen und wissen:

"Es ist nur eine Phase – keine persönliche Katastrophe."

Ist der Schalter einmal gekippt, kann er nicht mehr reagieren. Gerade wenn Menschen zuschauen, wollen wir etwas tun. „Zeigen, dass wir es im Griff haben.“ Das verschlimmert die Situation aber nur. Es hilft nur eins: Stehen bleiben. Ignorieren. Aushalten. Warten, bis er ruhiger wird – und das dauert bei einem Gos oft viel länger als bei anderen Hunden.

Kleiner Reminder: Nicht jeder Moment muss repariert werden. Manchmal ist das Beste, was wir tun können: es aushalten – mit Liebe, mit Klarheit, mit Geduld. Und mit verdammt viel Stehvermögen.

Zum Schluss: Ich bin keine Expertin

Was du hier liest, sind meine ganz persönlichen Erfahrungen. Es gibt nicht die eine Strategie. Aber es gibt Haltungen, die helfen:

Reduziere Erwartungen.
Beobachte genau. Handle ruhig und überlegt.
Wiederhole, was funktioniert.
Steh Situationen aus, statt sie zu bekämpfen.
Und vor allem: Bleib bei dir.

Denn in der Gos-Pubertät brauchen sie eines mehr als alles andere: Einen Menschen, der bei ihnen bleibt. Auch wenn’s kracht. Auch wenn alle zugucken. Es ist eine Phase. Eine, die nicht leicht ist – aber vorbeigeht. Nicht über Nacht. Aber irgendwann.

Du nennst das Ausraster. Ich nenne es Enthusiasmus mit Nachdruck.

- Gubacca -

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