Optimismus ist eine feine Sache. Man kann das Glas halb voll sehen. Oder halb leer. Ich gehöre zu den Menschen, die das Glas zunächst sehr gewissenhaft betrachten, anschließend sämtliche Möglichkeiten durchrechnen, wie es umkippen könnte – und dann sagen: „Ich bin eigentlich ganz optimistisch.“
Besonders zuverlässig funktioniert mein Optimismus bei Dingen, von denen ich bereits weiß, dass sie funktionieren. Das ist praktisch. Nur streng genommen keine besonders große Leistung.
Schwieriger wird es, wenn ich nicht weiß, was passieren wird. Dann startet bei mir gern eine Fähigkeit, die deutlich besser trainiert ist als mein Optimismus: Kopfkino.
Nicht schon vorher das Ergebnis kennen
Bei einer großen Hundegruppe kann ich inzwischen erstaunlich entspannt sein. Ich habe oft genug erlebt, dass Gubacca darin gut zurechtkommt – auch wenn unkastrierte Rüden dabei sind.
Bei einer einzelnen Rüdenbegegnung sieht die Sache manchmal vollkommen anders aus. Der andere Hund ist noch ein gutes Stück entfernt und mein Gehirn hat bereits drei mögliche Probleme, zwei peinliche Szenen und mindestens einen Spaziergänger produziert, der anschließend kopfschüttelnd über uns urteilt.
Das Problem daran ist nicht, dass Gedanken automatisch Wirklichkeit werden. Aber mein Kopfkino kann durchaus verändern, wie ich mich in einer Situation verhalte: Ich werde aufmerksamer, vielleicht angespannter, nehme die Leine anders und habe im schlechtesten Fall bereits entschieden, dass wir ein Problem haben, bevor überhaupt etwas passiert ist.
Manchmal muss ich Gubacca die Chance geben
Ein schönes Beispiel dafür war ein Katalanenwochenende am Edersee. Über zwanzig Menschen und ebenso viele Gos d’Atura Català kamen zusammen, darunter sieben unkastrierte Rüden. Natürlich hatte ich vorher meine Zweifel: Würde Gubacca sich in dieser großen Gruppe wohlfühlen? Würde es Spannungen geben? Mein Kopf hatte ausreichend Material für mehrere „Was-wenn?“-Folgen.
Trotzdem fuhr ich hin. Nicht, weil ich plötzlich wusste, dass alles perfekt laufen würde, sondern weil ich aus meinen Befürchtungen nicht schon vorab Gubaccas Ergebnis machen wollte.
Und Gubacca? Lief entspannt in der Gruppe mit, kam mit den anderen Hunden zurecht und verbrachte ein Wochenende, über das sich mein vorheriges Kopfkino erstaunlich wenig beschwert hatte.
Das Erlebnis war für mich deshalb nicht der Beweis, dass Optimismus Situationen automatisch gut ausgehen lässt. Es erinnerte mich eher daran, dass meine Befürchtung eben auch nur eine Möglichkeit ist – nicht die bereits feststehende Zukunft.
Optimismus ersetzt nicht das Hinschauen
Es gibt nämlich auch die Gegenprobe. Situationen, in denen ich ausgesprochen entspannt bin und die Realität anschließend freundlich darauf hinweist, dass etwas an meiner Einschätzung nicht stimmt.
Bella zum Beispiel.
Ich war völlig entspannt. Bella kannte Gubacca, Bella war eine Hündin – alles bestens. Mein Optimismus hatte Dienst und sah keinerlei Anlass zur Beanstandung.
Es war ein Rüde.
Damit war die Sache ziemlich schnell erklärt. Und gleichzeitig bekam mein Optimismus eine wichtige Ergänzung: Zuversicht ist wunderbar – ein zweiter Blick auf den Hund gegenüber kann trotzdem nicht schaden.
„Das wird bestimmt gutgehen“ ist eben genauso wenig eine sorgfältige Einschätzung wie „Das geht sowieso schief“.
Und manchmal baue ich schon die Brücke
Ein Bild aus einem Lesetipp ist mir dazu besonders im Kopf geblieben: Wir Menschen bauen manchmal aufwendig Brücken für Hindernisse, die wir am Ende überhaupt nicht überqueren müssen.
Das trifft mein Kopfkino leider ziemlich gut. Eine mögliche Schwierigkeit taucht am Horizont auf und während andere Menschen vielleicht erst einmal abwarten, ist Bine gedanklich bereits beim Brückenbau. Mit Geländer. Sicherheitsprüfung. Und vermutlich Umleitungsschildern für den Fall, dass die Konstruktion nicht hält.
Optimismus bedeutet für mich deshalb heute nicht, Schwierigkeiten schönzureden. Es bedeutet eher, nicht jedes denkbare Problem vorsorglich wie eine Tatsache zu behandeln.
Ich muss nicht sicher sein, dass etwas gutgeht. Ich darf nur aufhören, schon vorher sicher zu sein, dass es schiefgeht.
Mein Optimismus darf realistisch sein
Bei Gubacca heißt das für mich inzwischen: Ich schaue auf die Situation, nehme seine Signale ernst und darf trotzdem offen dafürbleiben, dass etwas besser läuft, als mein Kopf es vorher ausgerechnet hat.
Manchmal geht es tatsächlich schief. Manchmal überrascht Gubacca mich. Und gelegentlich stellt sich heraus, dass Bella gar nicht Bella ist.
Auch damit kann man arbeiten.
Sondern: Es könnte gutgehen.
Ein Lesetipp, ein ziemlich treffendes Bild und die Frage, die mir geblieben ist: Wie oft suche ich eigentlich schon nach einer Lösung für ein Problem, das noch gar nicht da ist?
Wenn Kopfkino zur Überholspur wird →























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