In den letzten Wochen habe ich ziemlich viel Zeit damit verbracht, alte Beiträge auf MY GUBACCA zu überarbeiten. Texte aus der Welpenzeit, alte Geschichten, Fotos – und irgendwann landete ich dabei natürlich auch wieder bei Lottchen.

Früher war sie oft bei uns. Sie gehörte ganz selbstverständlich zu unserem Alltag, blieb über Nacht und war bei vielen unserer Geschichten einfach mit dabei. Mit zunehmendem Alter wurde das seltener, deshalb war es für mich irgendwann auch nichts Ungewöhnliches mehr, dass Lottchen nicht regelmäßig bei uns zu Besuch war.
Und dann saß ich da, las diese alten Geschichten und tauchte immer tiefer ein. Lottchen war plötzlich wieder so präsent. Nicht als Erinnerung. Einfach als Lottchen.
Ich stöberte weiter und saß erstaunlich oft mit einem breiten Grinsen vor dem Computer. Ja. Genau so war sie. Unser Lottchen.
Wir wollten nur mal gucken
Es gibt Sätze, bei denen man rückblickend ziemlich genau weiß, wie die Geschichte ausgehen wird. „Wir fahren nur mal gucken“ gehört definitiv dazu.
Nach Reinas Tod stand für meine Eltern irgendwann fest, dass wieder ein Hund bei ihnen einziehen sollte. Ein Biewer-Yorkshire-Terrier sollte es werden. Also fuhren wir zu einer Züchterin. Nur zum Anschauen natürlich. Noch keine Entscheidung. Erst einmal gucken.
Ihr wisst, wie solche Geschichten enden. Zwischen vier kleinen Hündinnen saß Lotta, sieben Wochen alt, und aus dem unverbindlichen „Mal sehen“ wurde ziemlich schnell die Frage, wann sie einziehen konnte.
Es war Liebe auf den ersten Blick. Irgendwann ging es gar nicht mehr darum, ob es Lotta werden würde. Die Kleine hatte die Sache längst entschieden. Ein paar Wochen später zog sie bei meinen Eltern ein.
Mehr Erklärung brauchte es eigentlich nie.
Rosa Körbchen, echter Hund
Man muss sich Lottchens Start ins Leben ungefähr so vorstellen: Ihre Züchterin hatte eine ausgesprochene Schwäche für Harald Glööckler. Rosa stand entsprechend hoch im Kurs, Glitzerspangen ebenfalls, und Lottchen schlief in einem rosa Glööckler-Körbchen.
Das passte natürlich hervorragend zu diesem winzigen weißen Fellknäuel. Nur sollte man daraus keine falschen Schlüsse ziehen. Denn bei aller Begeisterung für Rosa und Glitzer war ihrer Züchterin eine Sache wichtig: Ihre Welpen sollten Hunde bleiben. Kleine Hunde, ja. Aber keine Dekoobjekte. Sie sollten laufen, spielen, andere Hunde kennenlernen und auch mal dreckig werden dürfen.
Und genau diesen Teil hatte Lottchen offenbar besonders aufmerksam mitgeschrieben. Das mit den Spangen konnte man machen. Solange anschließend bitte wieder das richtige Leben begann.
Und Lottchen liebte das richtige Leben. Sie rannte mit Chiru und seinen deutlich größeren Hundekumpels durch die Gegend, als hätte ihr niemand gesagt, dass sie größenmäßig eigentlich in einer anderen Liga spielte. Irgendwann bekam sie deshalb bei uns den Namen „rasender Osterhase“.
Pfützen waren ebenfalls kein Problem. Jedenfalls nicht für Lottchen. Dass ein weißer Langhaarhund danach möglicherweise nicht mehr ganz so weiß war, fiel eindeutig in unseren Zuständigkeitsbereich. Man konnte ihr also durchaus eine Glitzerspange ins Haar stecken. Man durfte nur nicht erwarten, dass sie deshalb sitzen blieb.

Bloß nicht verpimpeln
Mein Vater war von der Idee mit dem neuen Hund zunächst übrigens gar nicht so begeistert. Eigentlich wollte er keinen. Und als sich abzeichnete, dass diese Position innerhalb der Familie möglicherweise nicht mehrheitsfähig war, hatte er zumindest ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie es diesmal laufen sollte.
Reina, der kleine Yorkie meiner Eltern vor Lottchen, war bei Hundebegegnungen von meiner Mutter oft vorsichtshalber hochgenommen worden. Andere Hunde waren für sie deshalb eher ein Grund zur Sorge als selbstverständlicher Bestandteil eines Spaziergangs. Genau das wollte mein Vater diesmal anders machen.
Lottchen sollte auf ihren eigenen vier Beinen durchs Leben gehen. Sie sollte anderen Hunden begegnen können, ohne dass sofort jemand nach ihr griff, frei mitlaufen, sich etwas zutrauen und möglichst irgendwann ganz selbstverständlich ohne Leine neben ihm herlaufen. Klein durfte sie sein. Aber bitte kein Hund, dem man ständig vermittelte, dass die Welt da draußen zu groß für ihn war.
Lottchen hatte mit diesem Plan erstaunlich wenig Probleme. Im Gegenteil.

Und so stand ausgerechnet mein Vater irgendwann mit dem kleinen weißen Hund aus dem rosa Glööckler-Körbchen auf dem Hundeplatz und machte mit ihr Hundesport. Eigentlich hatte er damit nur konsequent umgesetzt, was er von Anfang an angekündigt hatte. Nur vermutlich hatte er sich unter „nicht verpimpeln“ etwas weniger zeitintensiv vorgestellt.
Unsere Krabbelgruppe
Wenn Lottchen bei uns zu Besuch war, blieb das übrigens nicht immer unbemerkt. Auch bei den Nachbarn nicht. Lottchen und Chiru hatten die Angewohnheit, ihr Spielzeug mit bemerkenswerter Großzügigkeit im Garten zu verteilen. Bälle, Plüschtiere und alles, was die Spielzeugkiste sonst noch hergab, lag anschließend auf dem Rasen herum.

Dazu kam, dass ich Lottchen natürlich regelmäßig rief. Irgendwann sprach mich unsere Nachbarin beim Bäcker an und erzählte begeistert, wie schön sie es fände, dass bei uns im Garten offenbar öfter eine Krabbelgruppe zu Besuch sei.
Eine Krabbelgruppe? Bei uns? Ich brauchte einen Moment. Dann erklärte sie mir, dass sie von ihrem Fenster aus immer das viele bunte Spielzeug im Garten sehen würde. Und sie würde mich ständig Kindernamen rufen hören. Zum Beispiel Lotta. Langsam fiel der Groschen.
Unsere Krabbelgruppe bestand aus einem Tibet Terrier und einem Biewer-Yorkshire-Terrier. Und wenn ich mir unseren Garten nach einem Lottchen-Wochenende ansah, konnte ich ihr den Irrtum nicht einmal besonders übel nehmen. Es fehlte eigentlich nur noch ein Bobbycar. Wobei ich mir bei Lottchen ziemlich sicher bin, dass sie auch dafür eine Verwendung gefunden hätte.
Besuch war anders
Wobei „Besuch“ eigentlich nie das richtige Wort für Lottchen war. Besuch kommt, verhält sich vielleicht ein bisschen zurückhaltend und fährt irgendwann wieder nach Hause. Lottchen kam und war da.
Sie kannte unser Haus, den Garten, Chirus Spielzeug und natürlich auch die Plätze, die man sich im Laufe eines Wochenendes noch erschließen konnte. Zum Beispiel unseren schwarzen Ohrensessel.
Ich weiß nicht mehr, ob wir jemals offiziell darüber abgestimmt hatten, dass dieser Sessel künftig auch Lottchen gehörte. Ich vermute eher nicht. Lottchen hatte abgestimmt.
Einstimmig.
Damit war die Sache erledigt. Auch bei Spielzeug waren die Besitzverhältnisse gelegentlich Verhandlungssache. Lottchen hatte beispielsweise ein Sternchen-Spielzeug. Ihr Sternchen. Chiru sah das zeitweise etwas großzügiger. Lottchen nicht.

Was wiederum bewies, dass Körpergröße nur sehr bedingt etwas damit zu tun hat, wie nachdrücklich man Eigentumsrechte vertreten kann.
Und dann war da Chiru
Chiru hatte bis dahin ein ziemlich angenehmes Leben geführt. Als Einzelhund. Und zwar als einer, der diesen Status durchaus zu schätzen wusste. Er musste weder Spielzeug noch Aufmerksamkeit teilen, konnte sich seine Freunde selbst aussuchen und hatte vermutlich keinerlei Anlass zu der Annahme, dass sich daran noch einmal etwas ändern würde.
Dann kam Lottchen. Und machte ihn zum großen Bruder. Ob er sich für diese Stelle beworben hatte, ist nicht überliefert.
Anfangs genoss sie bei ihm erstaunlich große Narrenfreiheit. Sie durfte sich Dinge erlauben, bei denen andere Hunde wahrscheinlich deutlich früher eine Ansage bekommen hätten. Das änderte sich irgendwann. Chiru lernte offenbar, dass zu einer ordentlichen Geschwisterbeziehung auch gehört, der kleinen Schwester gelegentlich mitzuteilen, dass jetzt Schluss ist.
Und sonderlich zimperlich war er dabei nicht. Wenn Lottchen beim Rennen im Weg stand, konnte es durchaus passieren, dass Chiru sie einfach über den Haufen fegte. Lottchen nahm ihm das nie übel. Aufstehen. Kurz sortieren. Weiter.

Genau das machte die beiden für mich so besonders. Chiru behandelte sie nicht wie einen zerbrechlichen kleinen Hund. Für ihn war sie einfach seine Schwester.
Und Geschwister kennen bekanntlich viele Aggregatzustände. Man kann gemeinsam schlafen, miteinander toben, sich um Spielzeug streiten und die kleine Schwester ausgesprochen lästig finden, wenn sie ausgerechnet beim Spaziergang mit der besten Freundin ständig hinterherläuft. Das konnte Chiru sehr gut.
Bis Lottchen eines Tages plötzlich verschwunden war. Da war Schluss mit genervtem großen Bruder. Wir suchten sie am Kanal zwischen den Büschen, und aus dem Hund, der sie kurz vorher vermutlich noch gern für fünf Minuten irgendwo geparkt hätte, wurde schlagartig genau das, was er längst geworden war: ihr großer Bruder.
Natürlich tauchte Lottchen wieder auf. Und natürlich dauerte es nicht lange, bis sie ihn wieder nervte. Auch das gehört schließlich zu einer funktionierenden Geschwisterbeziehung.
Vor Lottchen kannte ich diese Seite an Chiru überhaupt nicht. Er war mein Hund, mein überzeugter Einzelhund und mit seiner besonderen Stellung in meinem Leben ziemlich zufrieden. Lottchen nahm ihm davon nichts weg. Sie fügte einfach etwas hinzu.

Dann kam Gubacca
Als Chiru starb, blieb für Lottchen eine riesige Lücke zurück. Ich habe Trauer bei einem Hund vorher und auch danach nie wieder so erlebt wie bei ihr. Chiru war für sie eben nicht einfach der Hund gewesen, mit dem sie viele Jahre zusammengelebt hatte. Er war ihr großer Bruder gewesen. Mit allem, was dazugehört.
Und plötzlich war er nicht mehr da.
Deshalb hatte ich schon die Hoffnung, dass Gubacca irgendwann ein kleines Stück dieser Lücke für sie schließen könnte. Nicht Chiru ersetzen. Das konnte er nicht. Aber vielleicht wieder jemanden an ihre Seite bringen.
Nun ja. Dann traf Lottchen auf Gubacca. Und Gubacca auf Lottchen.
Lottchen war inzwischen erwachsen und dieses wuschelige Gos-Kind vor allem eines: wild, ungestüm und ziemlich schnell ziemlich groß. Davon war sie anfangs nur mäßig begeistert.
Gubacca wiederum begriff erstaunlich schnell, dass Größe in diesem Fall überhaupt nichts zu sagen hatte. Eine Ansage von Lottchen reichte, und der Zwerg-Riese hielt Abstand.
Was mich bei den beiden immer wieder zum Lachen brachte: Ausgerechnet Gubacca ging mit ihr ausgesprochen vorsichtig um. Wenn er mit ihr spielen wollte, machte er sich klein. Zumindest versuchte er es. Bei einem Gos neben einem Biewer-Yorkie sind die Möglichkeiten naturgemäß begrenzt. Aber der gute Wille war erkennbar.
Und Lottchen wusste diesen Respekt durchaus zu nutzen. Wenn sie sich zum Beispiel eine Kaustange von ihm schnappte, nahm Gubacca sie ihr nicht wieder ab.
Er wartete. Lottchen kaute. Gubacca wartete. Bis sie irgendwann beschloss, dass die Angelegenheit für sie erledigt war. Erst dann durfte er nachsehen, ob von seinem Eigentum noch etwas übrig war.
Die beiden wurden nie Chiru und Lottchen. Mussten sie auch nicht. Mit Gubacca entstand etwas Eigenes.

Einen kleinen Haken hatte diese Großzügigkeit allerdings. SeinLeberwurstschnittchen - liebevoll in kleine Stücke geschnitten. Als Lottchen später einmal länger bei uns war, bekam sie von Gubaccas Portion fünf kleine Würfel ab.
Fünf.
Normalerweise ging Gubacca nach dem Essen direkt zu Detlef zur Schmuserunde. An diesem Abend nicht. Stattdessen legte er sich demonstrativ neben Lottchens leeren Teller. Und blieb dort. Ein stiller Protest gegen die ungerechte Umverteilung von Leberwurst.
Lottchen beeindruckte das wenig. Sie hatte aufgegessen. Damit war die Angelegenheit aus ihrer Sicht schließlich erledigt.
Irgendwann wurde aus Übernachten Besuch
Als Lottchen jung war, war sie oft bei uns. Meine Eltern hatten damals immer ein bisschen Sorge, ob sie einem jungen Hund genug Action bieten konnten. Bei uns gab es Chiru, lange Spaziergänge, Garten, Hundekumpels und meistens reichlich Programm.
Mit den Jahren änderte sich das. Lottchen wurde älter und brauchte weniger Action. Und gleichzeitig merkte man immer deutlicher, wo sie eigentlich hingehörte. Sie war nach wie vor gerne bei uns. Sie kannte alles, machte es sich gemütlich und wusste ziemlich genau, wo etwas zu holen war.
Aber irgendwann kam bei längeren Besuchen dieser Punkt. Man konnte ihn ihr förmlich ansehen: So, Leute. War schön bei euch. Und jetzt könnte mich bitte jemand wieder abholen.

Früher wäre sie vermutlich problemlos in die Verlängerung gegangen. Später wollte sie irgendwann einfach wieder nach Hause. Zu meinen Eltern.
Eigentlich war das ein wunderschönes Zeichen. Sie war gerne bei uns. Aber sie wusste ganz genau, wo ihr Zuhause war. Und deshalb wurde es für mich mit der Zeit auch völlig normal, dass Lottchen nicht mehr regelmäßig bei uns übernachtete.
Vielleicht konnte mein Kopf mich genau deshalb beim Lesen der alten Geschichten so gründlich austricksen. Denn dort war sie wieder überall. Im Garten, auf dem Ohrensessel, neben Chiru und später neben Gubacca. Mitten in all diesen Geschichten, in denen sie nie erklären musste, warum sie da war.
Sie war einfach da.
So selbstverständlich, dass ich für einen kurzen Moment dachte: Mensch, Lottchen könnte eigentlich mal wieder bei uns übernachten. Erst danach fiel mir ein, dass das nicht mehr geht.
Am Samstag ist ihr Todestag. Und während ich all diese Geschichten wieder gelesen habe, habe ich erstaunlich wenig an diesen Tag gedacht.

Viel öfter saß ich vor dem Computer und grinste.
Unser Lottchen.





.png)