Es gibt diesen Moment, in dem äußerlich vieles schon wieder gut aussieht. Die Pfote heilt. Der Hund läuft entspannter. Die Kontrollen werden weniger. Eigentlich könnte man langsam wieder in den Normalmodus wechseln. Eigentlich. Wäre da nicht dieses kleine Wort: könnte. Er könnte knabbern. Er könnte lecken. Es könnte wieder von vorne losgehen. Und schon reicht ein Gedanke, damit der Puls schneller wird als Gubacca auf dem Weg zur Leberwurstschnitte..
als das Vertrauen im eigenen Kopf.“
Es gibt diesen Moment, in dem äußerlich vieles schon wieder gut aussieht. Die Pfote heilt. Der Hund läuft entspannter. Die Kontrollen werden weniger. Eigentlich könnte man langsam wieder in den Normalmodus wechseln. Eigentlich. Wäre da nicht dieses kleine Wort: könnte.
Er könnte knabbern. Er könnte lecken. Es könnte wieder von vorne losgehen. Und schon reicht ein Gedanke, damit der Puls schneller wird als Gubacca auf dem Weg zur Leberwurstschnitte.
Die Pfote ist schon weiter als mein Kopf. Das kenne ich vom letzten Jahr, als Gubacca sich das Vorderbein verstaucht hatte. Auch damals war am Hund längst vieles wieder gut, während ich innerlich noch jede Bewegung mit unsichtbarem Klemmbrett kontrolliert habe.
Heilung sieht man am Hund. Vertrauen muss man sich manchmal erst wieder zurückholen.
Schritt für Schritt.
Und ja: mit leicht übertriebener Wachsamkeit. Man will ja nicht gleich übermütig werden.
Langsam komme ich mir vor wie in einer Spielshow. mmer wenn ich denke, ich hätte mich gerade halbwegs auf die neue Situation eingestellt, kommt der Moderator um die Ecke, hält ein Kärtchen hoch und sagt: „Nächstes Level“. Der nächsthöhere Schwierigkeitsgrad für die Kandidatin, bitte.
So kamen wir auch vom letzten Kontrolltermin zurück: mit Socken-Verbot. Die Pfote soll an die Luft, nichts soll reiben, nichts feucht werden. Wenn überhaupt Schutz nötig ist, dann nur noch die Plastikhaube. Ich gebe zu: Mir war absolut nicht wohl dabei. Nicht, weil Gubacca sich dagegen gewehrt hätte. Insgeheim hielt ich diese Haube für die größere Gefahrenquelle. Vor allem, wenn ich an unsere offene Bauweise mit den vielen Treppen denke. Ich hatte sofort Bilder im Kopf, wie er damit im Haus unterwegs ist. An Türen hängen bleibt. Die Treppe falsch einschätzt. Oder irgendwo steht und nicht versteht, warum die Welt plötzlich so einen Rand hat.
Aber Gubacca macht es besser, als ich gedacht hätte. Er geht nicht an die Pfote. Er knabbert nicht. Er leckt nicht. Er nimmt die Haube hin, wenn es sein muss. Nicht begeistert, aber gefasst. So, wie Gubacca unangenehme Dinge eben oft hinnimmt, wenn er entschieden hat, dass sich Widerstand gerade nicht lohnt.
Gubaccas innere Hitliste
Was ihm aber tatsächlich zu schaffen macht, ist etwas ganz anderes. Es ist die Tatsache, dass er im Moment nicht mehr so frei entscheiden kann, wo er liegen möchte.
Denn ohne Socken muss ich ihn im Blick behalten. Nicht dauernd mit Argusaugen, aber eben so, dass ich mitbekomme, wenn die Nase doch in Richtung Pfote wandert. Also ist er gerade viel dort, wo ich bin. Im selben Raum. In der Nähe. Sichtbar. Und genau da merke ich, wie selbstverständlich seine kleinen Freiheiten sonst sind.
Dass Gubacca sich auch gern zurücknimmt, weiß ich. Er muss nicht immer vorne stehen. Er kann sehr gut irgendwo liegen und sein Ding machen. Mit einem Ohr bei mir, mit dem anderen vermutlich im Hausflur, falls dort etwas Wichtiges passiert. Neu ist für mich nur, wie wichtig ihm diese Möglichkeit wirklich ist.
Würde Gubacca eine persönliche Hitliste führen, läge „selbst entscheiden, wo ich gerade sein möchte“ ziemlich weit oben. Wahrscheinlich sogar noch vor der abendlichen Leberwurstschnitte. Und die Leberwurstschnitte ist bei Gubacca keine Randnotiz. Wer davor landet, muss wirklich wichtig sein.
Es ist nicht so, dass Gubacca keine Nähe mag. Er legt sich gern zu mir, manchmal auch so, dass ich beim Aufstehen erst meine Beine sortieren muss. Aber er entscheidet das sonst eben selbst. Wenn er beschließt, dass jetzt genug Nähe war, steht er auf und geht in den Flur. Genau dieser Unterschied fällt ihm jetzt offensichtlich schwer.
Gut gemeint ist nicht immer gut passend
Für mich wäre die Sache eigentlich klar gewesen: Am liebsten ohne Haube und unter Kontrolle. Ich sehe, was er macht. Ich kann eingreifen, wenn er doch an die Pfote möchte. Und Gubacca muss nicht dauernd mit diesem Ding um den Kopf durchs Haus laufen. Aus meiner Sicht ist das die bessere Lösung.
Nur ist meine bessere Lösung nicht automatisch Gubaccas erste Wahl. Für ihn ist es offenbar wichtiger, zwischendurch an einem seiner Lieblingsplätze zu liegen. Allein. In Ruhe. Ohne mich direkt daneben. Dann eben mit Haube.
Und genau das ist einer dieser Punkte im Zusammenleben mit Hund, bei denen man sich selbst kurz sortieren muss. Wir entscheiden oft nach dem, was sich für uns richtig anfühlt. Aus Sorge. Aus Fürsorge. Aus dem Wunsch heraus, es dem Hund leichter zu machen. Nur trifft das nicht immer das, was der Hund tatsächlich braucht.
Das ist mir nicht zum ersten Mal aufgefallen. Chiru, mein voriger Hund, ging damals mit ins Büro, weil ich ihn vormittags nicht allein lassen wollte. Für mich war das die liebevollere Lösung. Er war nicht allein, ich hatte ihn bei mir, alles schien gut gemeint. Für ihn war es aber nicht besser. Es war zu unruhig. Zu viel Betrieb. Zu wenig echte Entspannung. Die bessere Entscheidung war am Ende, ihn zu Hause zu lassen, wo er ungestört dösen konnte. Das musste ich auch erst lernen.
Gut gemeint ist eben nicht automatisch gut passend. Und genau daran erinnert mich Gubacca gerade wieder. Also darf er zwischendurch auch mal allein an einem seiner Lieblingsplätze liegen. Dann eben mit Haube. Nicht stundenlang. Nicht völlig aus dem Blick. Aber so, dass er für eine Weile wieder selbst entscheiden kann, wo er sein möchte. Das ist gerade unser Kompromiss. Nicht perfekt. Aber machbar.
Ich behalte die Pfote im Blick. Und Gubacca bekommt ein Stück seiner heißgeliebten Eigenständigkeit zurück.
Ein Verband hat eine ziemlich gemeine Tücke: Er sieht nach Versorgung aus. Nach Schutz. Nach „da ist jetzt erst einmal Ruhe“. Man kann ihn stundenlang anschauen und prüfen, ob er trocken ist, ob er noch richtig sitzt, ob er verrutscht oder ob der Hund ihn gerade als persönliche Beleidigung empfindet. Aber man sieht eben nicht, wie es darunter aussieht. Und genau das machte mich schier wahnsinnig.
Der Koffer stand noch immer unangetastet und gepackt im Flur, denn eigentlich hatte ich ja nur auf die Nachkontrolle gewartet. Ein kleiner, naiver Teil von mir hatte insgeheim gehofft, dass unter dem Verband nach zwei Tagen eine wundersame Heilung zum Vorschein kommen würde. Nicht komplett, ich bin ja nicht völlig unrealistisch – aber vielleicht so ein kleines bisschen. So etwas wie: „Sieht schon viel besser aus, das wird!“
Der Tierarztbesuch brachte allerdings keine Spontanheilung. Als der Verband fiel, war die Wunde immer noch da. Nicht dramatisch schlimmer, aber eben auch nicht plötzlich beruhigend. Kein heimlicher Pfoten-Zauber über Nacht, sondern nur diese offene Stelle an einer verdammt blöden Stelle und meine sehr klare Erkenntnis: So fahre ich nicht weg. Für mich stand sofort fest: Wir bleiben zu Hause.
Also ging es zurück. Diesmal nicht mit Reisegepäck im Kofferraum, sondern mit einer Tüte voller Medikamente, neuen Anweisungen und diesem einen Satz der Tierärztin, der in meinem Kopf sofort mehrere komplizierte Unterordner öffnete: „Möglichst viel Luft an die Pfote lassen.“ Zu Hause solle ich ihm einfach eine Socke drüberziehen, der feste Verband müsse weg. Und da stand ich nun. Mit Hund. Mit Wunde. Mit Medikamenten. Mit einer Pfote, die atmen soll – und mit meinem inneren Kontrollmenschen, der sofort heftige Rückfragen hatte.
Wundheilung ohne Bedienungsanleitung
Denn wenn man eine Wunde sieht, die heilt, weiß man ja nicht automatisch, ob sie gut heilt. Man starrt darauf und versucht verzweifelt, etwas zu erkennen, wofür man eigentlich überhaupt keine Ausbildung hat: Ist das schon gesunder Schorf? Darf das so dunkel sein? Soll das noch so offen aussehen? Warum liegt die Wolfskralle so unverschämt dicht an der Wunde? Und ist warmes Wasser jetzt hilfreich oder weiche ich damit alles wieder unnötig auf?
Ich merkte ziemlich schnell: Eine heilende Hundepfote kommt leider völlig ohne Bedienungsanleitung. Dabei wäre genau das so schön gewesen. Ein kleiner, übersichtlicher Zettel direkt neben der Pfote:
• Tag 1: Sieht schlimm aus, ist aber im Rahmen.
• Tag 2: Schorf darf hässlich sein.
• Tag 3: Bitte nicht alle zehn Minuten kontrollieren.
Leider lag da kein Zettel. Da lag nur Gubacca mit seiner Pfote, und ich daneben mit dem dringenden Wunsch, alles absolut richtig zu machen.
Die Socken-TÜV-Abnahme
Und dann kam der Socken ins Spiel. Früher war eine Socke für mich ein schnödes Kleidungsstück oder, wenn sie allein übrig blieb, ein kleiner, einsamer Überlebender aus den Tiefen der Waschmaschine. Jetzt ist sie Teil eines hochwissenschaftlichen, medizinischen Alltagskonzepts. Sie soll schützen, aber nicht abschließen. Sie soll locker sitzen, aber bloß nicht rutschen. Sie soll luftig sein, aber bitteschön nicht fusseln. Sie darf nicht reiben, nicht drücken und auf gar keinen Fall an der Wunde kleben.
Ich suchte eine textile Lösung für das ziemlich große Unbehagen meines inneren Kontrollmenschen.“. Und plötzlich fiel jede einzelne Socke durch ein Prüfverfahren, das vermutlich strenger ist als eine TÜV-Abnahme: Zu dick. Zu locker. Zu enge Naht. Zu fusselig. Zu wenig vertrauenerweckend.
Gubacca besitzt inzwischen ein stattliches Sockensortiment, von dem bisher nur wenige Stücke meinen extremen Qualitätsanspruch erfüllen. Man könnte auch sagen: Der Hund ist medizinisch versorgt, aber textil noch vollkommen in der Findungsphase.
Das Leben als Pfotenaufsicht
Gubacca selbst macht es mir dabei eigentlich nicht schwer. Er war bisher zum Glück selten krank, aber wenn etwas ist, entpuppt er sich als erstaunlich geduldiger Patient. Er zupft nicht am Socken herum, er knabbert nicht an der Wunde, und wenn die Nase doch einmal in die falsche Richtung wandert, reicht eine kurze Ermahnung. Dann lässt er es – nicht begeistert vielleicht, aber er lässt es.
Das Problem ist eher ein anderes: Gubacca ist kein Hund, der ständig an mir klebt. Er liegt gern bei mir, ja, aber er zieht sich eben auch zurück, geht auf seinen Platz oder legt sich irgendwohin, wo es für ihn gerade gemütlich ist. Normalerweise finde ich diese Eigenständigkeit wunderbar. Im Moment macht sie mich schier wahnsinnig.
Denn wenn der Socken wegbleiben soll, damit möglichst viel Luft an die Pfote kommt, muss ich ihn ununterbrochen im Blick haben. Nicht nur ungefähr, nicht nach dem Motto „ich höre ihn schon, wenn er leckt“, sondern wirklich. Ich muss sehen, ob die Wunde in Ruhe bleibt oder ob die Nase doch wieder heimlich in diese Richtung wandert. Und damit wird selbst ein ganz normaler Nachmittag plötzlich hochkompliziert: Kann ich kurz in die Küche? Kann ich eben Wäsche holen? Kann er im Wohnzimmer liegen bleiben oder soll er besser mitkommen? Socken drauf? Socken ab? Luft dran? Schutz drüber?
Es ist erstaunlich, wie schnell das eigene Leben schrumpft, wenn man versucht, eine Hundepfote im Blick zu behalten. Und noch erstaunlicher ist, wie hoch der eigene Anspruch dabei wird. Ich will es nicht irgendwie richtig machen. Ich will es richtig-richtig machen. Am besten zu 1000 Prozent. Mit sauberer Pfote, genug Luft, passendem Socken, ruhigem Hund und einem Kopf, der aus einer einfachen Tierarztanweisung nicht sofort eine wissenschaftliche Doktorarbeit macht.
Die Doktorarbeit im Kopf
Natürlich macht mein Kopf genau das. Er nimmt die Sätze der Tierärztin und analysiert sie genauer als jede Gebrauchsanweisung.
„Nach dem Spaziergang die Pfote kurz in warmem Wasser baden.“ Klingt klar. Bis man vom Spaziergang zurückkommt und die Pfote trocken und sauber geblieben ist. Dann steht man im Bad und fragt sich: Trotzdem baden, weil es so gesagt wurde? Oder gerade nicht baden, weil ich eine trockene Wunde dann wieder unnötig aufweiche?
„Möglichst viel Luft dran lassen.“ Auch so ein Satz. Aber was heißt „möglichst viel“? Eine Stunde? Drei Stunden? Immer nur dann, wenn ich direkt daneben sitze? Reicht es, wenn ich Gubacca grob im Blick habe, oder muss ich ab jetzt neben ihm auf dem Boden wohnen wie eine überqualifizierte Pfotenaufsicht? Und dann das Socken-Dilemma: Drinnen ja, draußen nein. Als Schutz ja, aber Luft soll auch dran. Locker ja, aber bitte nicht so locker, dass das Ding nach zwei Schritten im Flur liegt und Gubacca mich sehr unschuldig ansieht. So wird aus einer eigentlich einfachen Wundpflege plötzlich ein mittelschweres Übersetzungsproblem.
Mein therapeutischer Plan ist inzwischen etwas pragmatischer geworden:
• Bei Schmutz: Wird sie nass, reinige ich sie kurz mit warmem Wasser und tupfe sie vorsichtig trocken.
• Die Socken-Regel: Wenn ich Gubacca gut im Blick habe, darf Luft dran – wenn nicht, kommt der Socken ins Spiel.
Das klingt vernünftig. Und genau deshalb traue ich dem Frieden noch bedingt. Gubacca schläft inzwischen tief und fest. Die Pfote liegt frei, der Socken griffbereit daneben. Ich sitze in strategischer Reichweite und habe mir fest vorgenommen, jetzt nicht schon wieder nachzusehen. Das war vor genau zwei Minuten. Ich finde, ich habe mich bis jetzt heldenhaft gehalten.
Spoiler: Der Vorsatz hält sich bislang eher mäßig.
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