Der große Häufchen-Bluff oder wie ich als Bloggerin endgültig im Tabu-Kapitel angekommen bin
Vor ein paar Wochen war ich noch Wick-Werbung auf zwei Beinen und mein Mann musste die großen Runden übernehmen. In meinem Fieberwahn dachte ich ja noch rührselig: „Die armen Männer, wie sie wohl ohne mich klarkommen?“ Ich sah mich als die unabkömmliche Zentrale, das Herzstück des Gubacca-Universums, ohne dessen ordnende Hand alles im Chaos versinkt.
Tja. Inzwischen bin ich wieder einigermaßen aufrecht und musste schmerzhaft feststellen: Das Universum hat nicht nur ohne mich überlebt – es hat sich prächtig amüsiert. Während ich im Bett lag, hat sich hinter meinem Rücken ein neues Team gebildet. Eine Männer-WG mit ganz eigenen, höchst dubiosen Abläufen. Und genau hier kommen wir zu dem Punkt, an dem ich etwas gestehen muss: Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann mal einen Blogbeitrag über das hier schreibe.
Vor ein paar Wochen war ich noch Wick-Werbung auf zwei Beinen und mein Mann musste die großen Runden übernehmen. In meinem Fieberwahn dachte ich ja noch rührselig: „Die armen Männer, wie sie wohl ohne mich klarkommen?“ Ich sah mich als die unabkömmliche Zentrale, das Herzstück des Gubacca-Universums, ohne dessen ordnende Hand alles im Chaos versinkt.
Tja. Inzwischen bin ich wieder einigermaßen aufrecht und musste schmerzhaft feststellen: Das Universum hat nicht nur ohne mich überlebt – es hat sich prächtig amüsiert. Während ich im Bett lag, hat sich hinter meinem Rücken ein neues Team gebildet. Eine Männer-WG mit ganz eigenen, höchst dubiosen Abläufen. Und genau hier kommen wir zu dem Punkt, an dem ich etwas gestehen muss: Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann mal einen Blogbeitrag über das hier schreibe.
Aber offenbar gibt es im Leben einer Hundebloggerin dieses eine Tabu-Thema, an dem man nicht vorbeikommt, wenn die Männerwirtschaft erst einmal die Regie übernommen hat. Man kann jahrelang so tun, als würde man nur über Fellpflege, Sonnenaufgänge und niedliche Pfotenabdrücke schreiben und plötzlich steht man im Dickicht und denkt: „Okay. Dann eben Häufchen.“
Unschuldsblick im Schnee: Gubacca berechnet vermutlich schon die nächste Keks-Rendite.
Denn während ich noch an die heiligen Regeln der Hundeerziehung glaubte, hat mein Mann eine völlig neue Währung eingeführt. Er ist nämlich der festen Überzeugung, dass Gubacca nach dem Häufchen als Belohnung ein besonderes Leckerli verdient.
Man muss sich das mal vorstellen: Nach. Dem. Häufchen.
Mir würde so etwas nie im Traum einfallen. In meiner Welt ist das Erledigen des Geschäfts eine biologische Pflicht, kein Bonusprogramm mit anschließender feierlicher Zeremonie. Aber mein Mann? Der sieht das völlig anders.
Es hat ja seinen Grund, warum ich ihn hier auf dem Blog schon seit Jahren konsequent Herrn Mini-Rütter nenne. Er ist eben der unangefochtene Großmeister der theoretischen Hundeerziehung – während ich meistens diejenige bin, die die Theorie in der Praxis irgendwie umsetzen darf. Und weil er in diesen Momenten wieder diese ganz eigene Mischung aus pädagogischer Überzeugung und grenzenlosem Tascheninhalt entwickelte, hat er seinem Namen mal wieder alle Ehre gemacht.
(Er selbst sieht das natürlich als Auszeichnung und Kompliment an seine Fachkompetenz. Ich sehe es eher als dringenden Warnhinweis für die Statik unserer mühsam aufgebauten Erziehung.)
Dann waren wir zusammen spazieren. Ich, wieder halbwegs im Leben. Herr Mini-Rütter, entspannt wie jemand, der nicht bei jedem Ohrzucken eine Charakteranalyse startet. Und Gubacca… nun ja: Gubacca war Gubacca. Dieser charmant-chaotische kleine Typ, der so guckt, als hätte er gerade einen Plan und als wären wir die Praktikanten, die ihn ausführen sollen.
Irgendwann hockte er sich hin. Ein ganz normaler „Es ist soweit“-Moment. Nur: Er schielte dabei zu Herrn Mini-Rütter. So ein Blick, der nicht fragt, sondern erinnert. Wie ein Kellner, der dich an dein Dessert erinnert, obwohl du eigentlich nur zahlen wolltest.
Und aus mir kam – völlig ungekünstelt und vermutlich in einem Ton, der auch in einem Sitzungssaal funktioniert hätte: „Du wirst das doch wohl nicht belohnen?“ Herr Mini-Rütter ließ die Hand in der Tasche. Tapfer. Stark. Man konnte richtig sehen, wie es in ihm arbeitete: Pflichtgefühl gegen Keks-Automat. Wir gingen weiter. Wenige Meter später hockt sich Gubacca wieder hin. Wieder dieser Blick. Diesmal schon etwas offensiver. So nach dem Motto: „Hallo? Wir haben hier ein System etabliert.“ Herr Mini-Rütter blieb hart. Wir liefen weiter.
Beim dritten Mal wurde ich dann doch unruhig. Nicht, weil die Inspektion von Hinterlassenschaften zu meinen bevorzugten Freizeitbeschäftigungen gehört – aber wir Hundehalter wissen ja: Ein ganz normaler Haufen ist eben immer auch der beste Indikator für einen gesunden Hund. Verantwortungsgefühl nennt man das. Oder Kontrollzwang. Je nach Tagesform.
„Privatsphäre, bitte!“ – Oder doch nur der Aufbau einer geschickten Täuschung?
Also bin ich hinterher. Problem: Gubacca erledigt solche Dinge nicht einfach am Wegesrand wie ein zivilisierter Stadthund. Nein. Dieser Hund verschwindet fürs Geschäft grundsätzlich weit im Dickicht, als würde er seine Privatsphäre verteidigen und nebenbei einen Geheimdienst führen.
Ich also: Beutel in der Hand, Pflichtgefühl im Anschlag, Schritt rein ins Gestrüpp, Blick nach unten wie eine sehr unromantische Schatzsucherin. Und dann: nichts. Kein Häufchen. Keine Spur. Nicht mal ein „Hier könnte theoretisch was gewesen sein“.
Ich stand da, zwischen Brombeeren und meinem eigenen Anspruch, und mir dämmerte langsam: Herr Gubacca hatte uns getäuscht. Nicht aus Versehen. Nicht „Ups, falscher Alarm“. Sondern mit vollem Körpereinsatz. Mit Schauspiel. Mit Timing. Mit Blickkontakt.
Ja – zumindest gibt es Hinweise, dass Hunde ihr Verhalten taktisch anpassen können, wenn sie wissen, mit wem sie es zu tun haben. In einer Studie der Universität Zürich führten Hunde eine kooperative Person (die Futter gibt) eher zum besten Futter. Bei einer kompetitiven Person (die Futter eher wegnimmt) zeigten sie später häufiger Verhalten, das wie gezieltes Irreführen wirkt – teils sogar in Richtung einer leeren Option.
Quelle: Heberlein et al. (2017), Universität Zürich.
Und während ich noch in Gedanken die Szene rekonstruierte – „Hocke… Blick… Hocke… Blick…“ – nutzte Herr Mini-Rütter den Moment… und gab dem kleinen Schwindler seine Belohnung. Einen Keks. Für nichts.
Ich schwöre, ich musste gleichzeitig lachen und innerlich sehr kontrolliert kurz schreien. Denn natürlich war es nicht nur ein Keks. Es war ein Keks mit politischer Tragweite. Ein Keks, der sagt: „Wir lassen uns hier verhandeln.“ Und wenn ein Gos merkt, dass es verhandelbar wird, dann verhandelt er. Aus Prinzip. Aus Freude. Aus Kunst.
Herr Mini-Rütter sagt übrigens, ich solle das nicht so eng sehen. Es sei doch nur ein Keks. Ich sage: Das war die offizielle Einführung des „Hock-und-Hoff“-Programms: hinhocken, bedeutungsvoll gucken, Keks abholen.
Und Gubacca? Gubacca sagt nichts. Er läuft nur weiter. Sehr zufrieden. So, als würde er gerade überlegen, ob er in fünfzig Metern nochmal „häufchen“ möchte. Rein vorsorglich.
Manchmal liefert das Leben die besten Pointen. Man schreibt so kluge Sätze über Stressmanagement, während man gemütlich am Laptop sitzt und der Hund friedlich träumt. Man fühlt sich fast wie die Zen-Meisterin der Hundeerziehung. Doch kaum war mein Artikel über die unsichtbare Glocke online, gab das Schicksal die Regieanweisung für die Fortsetzung. Und zwar in der Kategorie: „Du wolltest Praxis? Kannst du haben.“
Der „schlecht zusammengebaute“ Vormittag
Es fing harmlos an: Vormittags war ich bei der Physio. Wer das Vergnügen kennt, weiß: Danach fühlt man sich nicht wie neugeboren, sondern eher wie ein schlecht geöltes Scharnier, das bei jeder Bewegung verdächtig knirscht. Jede Bewegung zwickt, der Rücken jammert, und mein einziger Plan war: „Heute einfach mal nur eine kurze Runde und dann ab aufs Sofa.“ Aber da hatte ich die Rechnung ohne den „Präzisions-Uhrwerker“ mit Fell gemacht.
Dank der läufigen Nachbarshündin Lucy ist Gubacca aktuell nämlich im Vollbesitz seiner… nun ja, Hormone. Da wird der „Herr“ unermüdlichen Liebesboten auf vier Pfoten. Es reicht, dass ich nur in die Richtung meiner Schuhe schaue oder den Blick einmal zu lange auf der Leine liegen lasse und zack: Heulkonzert. Dazu dieser wuschige Gang, dieses wackelnde Hinterteil (bei ihm, wohlgemerkt!), als würde er mir sagen: „Bewegung, Frauchen. Die Mädels warten auf mich. Und deinen Rücken kannst du später kurieren.“
Nase läuft, Gülle dampft
Kaum waren wir unterwegs, fing meine Nase an zu laufen... Nicht dieses zaghafte Tröpfeln, das man noch diskret wegschnüffeln könnte. Nein, ein Wasserfall. Und wer mich kennt, weiß: Ich habe in jeder Tasche garantiert Pansen-Leckerlis und Krümel, aber natürlich kein einziges Taschentuch. Innerlich tauschte ich den auf mich wartenden Kakao bereits gegen Erkältungstee aus. Leider beeinträchtigte meine triefende Nase mein Riechvermögen nicht im Geringsten. Denn da kam er: Der Jauche-Bomber.
Ein Traktor mit einem riesigen Gülleanhänger schien eine persönliche Fehde mit uns zu haben. Egal, in welchen Feldweg ich abbog – der Bomber bog mit uns ab. Das metallische Scheppern, das Dröhnen des Motors und dieser beißende, schwere Gestank, der noch Stunden später an einem klebt, nervten mich zunehmend. Aber es war nicht nur der Duft, der meine Glocke zum Schwingen brachte. Es war die Tatsache, dass wir – egal welchen Weg ich einschlug – im Jauche-Schlamm versanken.
Das unvermeidliche Ende der Gülle-Tour: Ein Moor-Monster in der rückenfeindlichen Badewannen-Zone.
Während ich knöcheltief in der Gülle stand, lief in meinem Kopf bereits der Film für den restlichen Nachmittag: Ich, in einer absolut rückenfeindlichen Position, wie ich versuche, einen schlammkrustigen Gos d’Atura in der Badewanne wieder in einen Hund zu verwandeln. Meine innere Glocke bimmelte nicht mehr, sie läutete Sturm.
Der Pelz-Philosoph auf der Yoga-Matte
Und jetzt kommt der Teil, der mich jedes Mal erstaunt. Wir reden ja ständig davon, dass sich unser Verhalten und das unserer Hunde spiegelt. Das stimmt auch insoweit, dass ich mich von Gubaccas Hektik zuverlässig infizieren lasse – ich brauche dafür keine zwei Minuten, das ist ein echtes Talent. Aber andersherum? Fehlanzeige.
Gubacca begleitete mich wie ein stoischer Pelz-Philosoph. Als hätte er eine innere Matte ausgerollt und würde gerade einen Kurs geben: „Gelassenheit für Fortgeschrittene, heute: Wie ignoriert man die Welt, während Frauchen innerlich brennt.“ Er schwankte gemütlich zwischen zwei Zuständen: „Ich klebe an diesem Grashalm fest, als hinge das Schicksal der Welt davon ab“ und „Tschüss, ich bin dann mal weg“ – wobei seine Definition von „bei Frauchen bleiben“ momentan irgendwo bei gefühlten 500 Metern liegt.
Während ich innerlich auf Hochtouren lief, genoss er die Welt. Reize? Stinkefinger. Schlamm? Egal. Dröhnen? Ach, hübsch. Und ich stand daneben und dachte: Aha. Also so fühlt sich das an, wenn einer in sich ruht. Und wenn der andere… eben nicht.
Das Finale: Schlüssel-Erlebnis
Völlig genervt und optisch kaum noch von einem Moor-Monster zu unterscheiden, erreichten wir die Haustür. Und da stand er: Mein Göttergatte. In sauberer Kleidung, den Autoschlüssel in der Hand, bereit für die Welt. Sein Blick fiel auf mich, dann auf die Uhr, und dann kam der Satz: „Hast du schon wieder keinen Schlüssel dabei? Ich muss jetzt wirklich los!“
Das war der Moment. Das letzte Löffelchen im Besteckkasten löste sich in Luft auf. Meine Glocke zersprang nicht nur, sie explodierte. Ich habe geschimpft wie ein Rohrspatz, während der Schlamm von meinen Schuhen auf den sauberen Boden tropfte. In meinem letzten Artikel schrieb ich: „Wenn der Besteckkasten leer ist, braucht niemand mehr über Gehorsam reden.“ Heute weiß ich wieder: Das gilt auch für uns Menschen. Wir können noch so viel über Stressmanagement wissen – wenn der Jauche-Traktor kommt und der Rücken streikt, sind wir alle nur Lebewesen mit einer begrenzten Anzahl an Löffelchen.
Die wahre Kunst ist nicht, in jeder Situation die Fassung zu bewahren. Die Kunst ist, sich danach eine warme Dusche zu gönnen, den Schlamm abzuwaschen und darüber zu lachen, dass man gerade seine eigene Theorie so herrlich gegen die Wand gefahren hat. Und beim nächsten Mal nehme ich ein Taschentuch mit. Versprochen.
Damit ihr nicht die gleichen Fehler macht wie ich – hier geht es zur Theorie und weiteren ehrlichen Einblicken
In meiner Geschichte vom „Tal der Umwege“ gibt es die Glocke der Aufregung. Sie hängt in keinem Turm, man sieht sie nicht und genau das macht sie so gefährlich. Wer sie sucht, hat schon verloren. Man findet sie erst, wenn man sie längst hört.
In der echten Welt nennen wir das oft „plötzliches Ausrasten“, „Leinenpöbelei“ oder „völliges Überdrehen“. Wir stehen dann da, halten die Leine fest und fragen uns: „Was ist denn jetzt in ihn gefahren? Es war doch gar nichts!“
Doch die Wahrheit ist: Es war nicht „nichts“. Die Glocke hat nur schon lange vorher vibriert. Wir haben nur nicht hingehört. Ich habe früher wirklich geglaubt, man merkt Erregung daran, dass der Hund sichtbar eskaliert. Spoiler: Nein. Man merkt sie daran, dass man hinterher sehr viel über seine eigene Wahrnehmung nachdenkt. Und über seine Griffkraft an der Leine.
Meine Hundeschul-Glocke
„Als Gubacca 13 Monate alt war, besuchten wir zum ersten Mal eine Gruppenstunde in der Hundeschule. Weil die Hundeschule nicht weit weg war, bin ich ganz schlau zu Fuß hingelaufen. Wir mussten eine Hauptstraße entlang, viel Verkehr – am Anfang war er verunsichert, aber es klappte schon fast entspannt. Betonung auf fast.
Auf dem Platz dann die nächste Nummer: viele fremde Hunde, eine Gruppe, die sich längst kannte und ein Rüde, der fand, Gubacca müsse dringend „eingewiesen“ werden. Gubacca hat das vermeintlich gut weggesteckt. Ich war stolz wie Bolle und bin mit ihm nach der Stunde wieder los.
Und dann, auf dem Heimweg an der Hauptstraße, eskalierte er. Ohne Grund? Nein. Der Grund war nur nicht jetzt. Der Grund war: schon vorher. Die Glocke hatte die ganze Zeit vibriert – ich habe nur immer wieder gedacht: „Ach guck, geht doch.“
Heute würde ich es anders machen: Ich würde mit dem Auto fahren. Ich würde nicht sofort die ganze Stunde mitmachen, sondern erstmal am Rand sitzen, damit er die Situation sortieren kann. Vielleicht ein, zwei Übungen und dann wieder heim. Nicht weil er „zu sensibel“ ist, sondern weil sein System eben nicht unbegrenzt Speicher hat.
Das feine Vibrieren: Wenn die Aufregung leise beginnt
Hunde mit einer niedrigen Reizschwelle – wie mein Gos d’Atura Gubacca oder der junge Pedro aus der Geschichte – sind wie ein hochempfindliches Messgerät. Die Glocke beginnt bei ihnen nicht erst zu schwingen, wenn der Erzfeind am Zaun steht.
Sie vibriert schon, wenn …
- das Leberwurstschnittchen um 19 Uhr nicht pünktlich serviert wird und Gubacca mich anschaut, als hätte ich ihm soeben seinen Arbeitsvertrag gekündigt.
- irgendwo ein Auto mit klapperndem Anhänger vorbeifährt und er auf einmal so tut, als sei das der Startschuss für die Apokalypse.
- ich gestresst die Schuhe anziehe (was er als eindeutiges Zeichen interpretiert: Frauchen ist nervös. Also muss ich das jetzt übernehmen.)
Dieses erste Vibrieren ist leise. Der Hund fixiert vielleicht kurz, die Rute geht einen Millimeter höher, die Atmung wird für drei Sekunden flacher. Es sind die Momente, in denen wir noch sagen: „Ach, er guckt ja nur.“ Aber die Glocke ist bereits aktiviert.
Trigger-Stacking: Wenn sich die Töne summieren
Das Problem ist selten der eine große Knall. Es ist das sogenannte Trigger-Stacking (Reiz-Aufsummierung). Stell dir vor, jeder kleine Stressmoment ist ein Schlag gegen die Glocke. Und ich stehe daneben wie ein Mensch mit sehr guter Theorie und sehr mittelmäßiger Timing-Kompetenz.
Der erste Schlag: Ein fremder Hund bellt im Nachbargarten. Pling. Die Glocke vibriert leise.
Der zweite Schlag: Ein gelber Sack flattert im Wind. Dong. Die Vibration wird stärker.
Der dritte Schlag: Ein Kind rennt schreiend vorbei. DÄNG.
„Man findet sie erst, wenn man sie längst hört.“ Wenn der Hund in der Leine hängt, ist die Glocke im Vollanschlag. In diesem Moment ist das Gehirn im Überlebensmodus. Lernen? Denken? Unmöglich.
Wie wir lernen, das Vibrieren zu spüren
Miralda macht in der Geschichte etwas Entscheidendes: Sie kniet sich neben Pedro. Sie schaut nicht auf die Krähe Corva, sie schaut auf ihren Hund. Sie spürt die Vibration, bevor Corva überhaupt gelandet ist.
Die Null-Linie kennen: Wie sieht dein Hund aus, wenn er wirklich tiefenentspannt ist? Wie ist sein Blick? Wie weich sind seine Lefzen? Nur wer die Stille kennt, hört das erste Vibrieren. Bei Gubacca ist die Null-Linie dieses „weiche Gesicht“. So ein Blick, bei dem man denkt: Da drin ist nur Sofa. Wenn das verschwindet, weiß ich: Jetzt ist nicht mehr Trainingstag, jetzt ist Glockentag.
Den „Vorklang“ lesen: Achte auf das Einfrieren. Wenn dein Hund eine Sekunde lang wie eine Statue erstarrt, hat die Glocke gerade den ersten Schlag bekommen. Das ist der Moment, in dem du reagieren musst – nicht erst, wenn er bellt.
Noch entspannt auf dem Holzpodest, aber der Blick fixiert schon die Ferne – Gubacca im „Halb-acht-Modus“.
Stress-Inventur: Wenn du weißt, dass dein Hund heute schon zwei schlechte Begegnungen hatte, ist seine Glocke bereits „vorgeladen“. Erwarte an so einem Tag keine Wunder. Geh lieber einen Umweg. Schenk ihm Raum. Ich hab mir angewöhnt, Tage nicht nach Kilometern zu bewerten, sondern nach Begegnungen. Zwei doofe Situationen reichen bei uns manchmal schon, um den Rest des Spaziergangs in die Kategorie „wir tun heute so, als wäre Umweg eine Tugend“ zu packen.
Ich habe mir das früher immer in Löffelchen vorgestellt. Mit dem jungen Gubacca hatte ich fünf Löffelchen für einen Tag. Hauptstraße? Zack – eins weg. Die Gruppenstunde? Noch eins. Ein Rüde, der ihn maßregelt? Wieder eins. Und wenn der Besteckkasten leer ist, braucht niemand mehr über Gehorsam reden. Dann braucht es nur noch: Ruhe.
Und noch etwas: Positiv zählt auch. Gubacca kann sich riesig freuen, wenn ich nach Hause komme – und ja, auch das kann ein Löffelchen kosten. Es ist nicht nur der Stress, der auflädt. Auch die schöne Aufregung macht den Akku nicht voller.
Außerdem haben wir Menschen diesen Hang dazu, wenn etwas gut geklappt hat, immer noch einen drauf zu setzen. Beispiel: Gubacca ist ruhig an einem fremden Rüden vorbeigegangen. Ich neige dann dazu, mir noch mal die Bestätigung zu holen, wie toll das jetzt klappt. Und was passiert? Gubacca eskaliert, weil der nächste Hund nur einen Augenblick in seine Richtung schaut.
Besser wäre es gewesen, sich nach der ersten tollen Begegnung zu freuen und den Spaziergang ab da mit weniger Herausforderungen fortzusetzen. Wenn etwas gut klappt, will ich manchmal noch einen Beweis. Gubacca hingegen will dann meistens nur eines: Feierabend.
Stille ist der Ort, an dem du zurückfindest
Miralda schenkt Pedro den „Mantel aus Raum“. Sie zieht nicht am Halsband (was die Glocke nur noch lauter schwingen ließe), sondern sie gibt ihm eine Blickmünze – einen Anker zu ihr.
Wir können unsere Hunde nicht vor allen Glockenschlägen der Welt schützen. Die Welt ist laut, Corva ist überall und Reize lassen sich nicht abstellen. Aber wir können lernen, die Hand sanft an die Glocke zu legen, um die Schwingung zu dämpfen, bevor sie ohrenbetäubend wird.
Nicht jedes Signal ist ein Auftrag. Nicht jedes Vibrieren muss im Chaos enden. Manchmal ist das die größte Übung überhaupt: nicht zu reagieren, nicht zu reden, nicht zu korrigieren – sondern einfach dazubleiben, bis der Hund wieder bei sich ankommt.
Wenn du noch ein bisschen tiefer in unsere Reise eintauchen möchtest – hier sind einige Gedanken aus dem Archiv, die heute aktueller denn je sind:
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