Ich reagiere schnell. Bine nennt das gelegentlich vorschnell. Das finde ich ungerecht. Vorschnell würde bedeuten, dass ich handle, bevor ich nachgedacht habe. Ich habe durchaus nachgedacht. Ich bin nur schon fertig, während Bine noch herauszufinden versucht, worüber sie überhaupt nachdenken sollte.Menschen verbringen schließlich einen beträchtlichen Teil ihres Lebens damit, alles schneller zu machen. Schnellere Autos, schnelleres Internet, schnellere Lieferungen. Selbst beim Kochen gibt es Geräte, die das Essen in wenigen Minuten zubereiten, weil offenbar niemand mehr die Zeit hat, auf eine Kartoffel zu warten. Nur bei mir heißt es plötzlich: „Nicht so schnell, Gubacca.“ Manchmal verstehe ich die Menschen wirklich nicht.
Ich reagiere schnell. Bine nennt das gelegentlich vorschnell. Das finde ich ungerecht. Vorschnell würde bedeuten, dass ich handle, bevor ich nachgedacht habe. Ich habe durchaus nachgedacht. Ich bin nur schon fertig, während Bine noch herauszufinden versucht, worüber sie überhaupt nachdenken sollte.
Menschen verbringen schließlich einen beträchtlichen Teil ihres Lebens damit, alles schneller zu machen. Schnellere Autos, schnelleres Internet, schnellere Lieferungen. Selbst beim Kochen gibt es Geräte, die das Essen in wenigen Minuten zubereiten, weil offenbar niemand mehr die Zeit hat, auf eine Kartoffel zu warten. Nur bei mir heißt es plötzlich: „Nicht so schnell, Gubacca.“ Manchmal verstehe ich die Menschen wirklich nicht.
Wenn ich etwas bemerke, sehe ich es mir an, ordne es ein und treffe eine Entscheidung. Das ist keine Hektik. Das ist eine effiziente Nutzung meiner Möglichkeiten. Bine arbeitet anders. Während ich innerlich längst im Ferrari sitze, den Motor gestartet und die erste Kurve genommen habe, sucht sie noch den Schlüssel für ihren Kleinwagen. Dabei kann ich nicht einmal behaupten, dass sie gar nichts bemerkt. Sie bemerkt vieles. Nur eben später.
Der Radfahrer von hinten
Nehmen wir einen Radfahrer, der sich uns von hinten nähert. Ich höre ihn meistens lange, bevor Bine auch nur ahnt, dass hinter uns etwas auf Rädern unterwegs ist. Das leise Rollen auf dem Boden, ein kaum wahrnehmbares Klappern, manchmal eine Veränderung im Luftzug. Für mich reicht das völlig.
Ich sehe Bine an. Dann drehe ich mich kurz um. Damit ist die Meldung eigentlich vollständig: Hinter uns kommt jemand. Ich habe ihn gehört. Du solltest vielleicht ebenfalls davon wissen.
Bine läuft zunächst weiter. Vermutlich denkt sie über den nächsten Blogbeitrag nach. Oder darüber, was sie später kochen könnte. Vielleicht fragt sie sich auch, weshalb ich sie plötzlich so bedeutungsvoll ansehe. Dann hört sie irgendwann das Fahrrad. Dann versteht sie meinen Blick. Dann lobt sie mich. Und wenige Augenblicke später glaubt sie vermutlich, wir hätten die Situation gemeinsam gemeistert. Das lasse ich ihr. Ich bin schließlich nicht kleinlich.
Der Radfahrer fährt vorbei, ich bleibe ruhig und Bine freut sich darüber, wie schön ich mich an ihr orientiert habe. Was grundsätzlich stimmt. Man sollte dabei nur nicht vergessen, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits den Radfahrer wahrgenommen, seine Richtung bestimmt, Bine informiert und kontrolliert habe, ob meine Mitteilung bei ihr angekommen ist. Bine hat mich gelobt. Jeder leistet eben das, was er kann.
Angeborene Arbeitsausstattung
Meine Schnelligkeit kommt übrigens nicht völlig überraschend. Ein Gos sollte bei seiner ursprünglichen Arbeit nicht nur darauf warten, dass ihm jede einzelne Bewegung erklärt wurde. Er musste eine Herde im Blick behalten, Abweichungen erkennen und notfalls selbstständig reagieren. Im Rassestandard wird ausdrücklich beschrieben, dass er Eigeninitiative zeigt und verhindert, dass sich einzelne Tiere von der Herde entfernen. Aktivität, Intelligenz und Wachsamkeit gehörten also nicht zu den unerwünschten Begleiterscheinungen, sondern waren Teil der Arbeitsausstattung.
Wenn sich irgendwo ein Tier entfernte, konnte ein Gos schließlich schlecht erst zum Schäfer laufen und fragen: „Entschuldigung, da hinten passiert gerade etwas. Hättest du vielleicht kurz Zeit, mir mitzuteilen, wie ich damit umgehen soll?“ Bis dahin wäre das Schaf vermutlich längst im Nachbartal angekommen. Also sah man hin. Man bewertete die Lage. Man reagierte. Damals fanden Menschen das ausgesprochen nützlich. Heute bemerke ich einen Radfahrer, ein ungewöhnliches Fahrzeug oder einen großen Rüden innerhalb eines Augenblicks und plötzlich heißt es: „Gubacca, warte.“ Man kann es ihnen wirklich nicht recht machen.
Das Auto auf dem Feldweg
Besonders interessant sind Dinge, die von der gewohnten Ordnung abweichen. Ein Auto auf einem Feldweg zum Beispiel, auf dem normalerweise keine Autos fahren. Bine sieht ein Auto. Ich sehe einen Vorgang, der einer genaueren Prüfung bedarf: Warum fährt es dort? Weshalb ausgerechnet heute? Wer sitzt darin? Wo will es hin? Und warum scheint außer mir niemand zu erkennen, dass dieses Fahrzeug eindeutig nicht zum üblichen Bild gehört?
Ich bleibe kurz stehen. Mein Körper wird still. Dann belle ich. Nicht, weil ich grundsätzlich etwas gegen Autos hätte. Auf einer Straße kann ich ihre Anwesenheit durchaus akzeptieren. Dort gehören sie hin. Ein Auto auf einer Straße ist keine Nachricht. Ein Auto mitten auf unserem Feldweg dagegen schon.
Bine braucht meistens einen Moment, bis sie versteht, weshalb ich überhaupt reagiert habe. Sie schaut erst mich an, dann das Auto und anschließend wieder mich. Ich kann ihr beinahe beim Denken zusehen: Da ist ein Auto. Gubacca bellt. Hier fährt sonst kein Auto. Ach so.
Dann sagt sie: „Alles gut, Gubacca.“ Dieser Satz enthält erstaunlich wenig überprüfbare Information. Hat sie den Fahrer kontrolliert? Kennt sie sein Ziel? Wurde die ungewöhnliche Nutzung des Feldwegs vorher mit ihr abgestimmt? Nein. Bine hat lediglich entschieden, dass das Fahrzeug vermutlich harmlos ist.
Inzwischen weiß ich allerdings, was sie mit „Alles gut“ meint. Nicht, dass dort nichts wäre. Da ist sehr wohl etwas. Ich habe es schließlich gemeldet. Sie meint: Ich habe es jetzt ebenfalls gesehen. Du musst dich nicht weiter darum kümmern. Damit kann ich meistens leben. Es dauert nur gelegentlich etwas, bis sie an diesem Punkt angekommen ist.
Unterwegs mit großen Rüden
Bei großen unkastrierten Rüden wird unser unterschiedliches Tempo besonders deutlich. Ich sehe den Rüden. Ich prüfe Größe, Haltung, Entfernung und Auftreten. Danach stehen meine Rute und meine Einschätzung fest.
Bine entdeckt ihn ebenfalls. Dann bleibt ihr Schritt für einen winzigen Moment hängen. Danach wird sie langsamer. Anschließend schaut sie nach links und rechts, sucht mögliche Ausweichwege und überlegt, ob wir weitergehen, einen Bogen laufen oder umdrehen sollten. Ich möchte das nicht kritisieren. Zumindest nicht übermäßig. Sie versucht schließlich, eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Allerdings tut sie das in einer Geschwindigkeit, bei der sich die Lage währenddessen mehrfach verändern könnte.
Der Rüde kommt näher. Ich habe ihn längst bewertet. Bine prüft noch, ob sich hinter dem Gebüsch vielleicht ein geeigneter Fluchtweg befindet. Ihr ganzer Körper teilt mir dabei sehr zuverlässig mit: Großer Rüde. Hohe Aufmerksamkeit. Wir haben noch keinen fertigen Plan.
Aus ihrem Mund kommt gelegentlich nur: „Nein.“ Nein was? Nein, der Rüde existiert nicht? Nein, ich soll nicht hinsehen? Nein, wir gehen nicht weiter? Oder nein, Bine ist mit meiner bisherigen Einschätzung nicht einverstanden, hat aber noch keine eigene fertiggestellt?
Ich gebe zu, dass ihre Mitteilungen inzwischen besser geworden sind. „Zu mir“ oder „Bei mir laufen“ sind deutlich verständlicher als ein einzelnes Wort, mit dem offenbar ein ganzer menschlicher Gedankengang abgedeckt werden soll. Aber das soll hier gar nicht das eigentliche Thema sein. Es geht schließlich nicht darum, dass Bine manchmal etwas lange braucht, um mir ihren Plan mitzuteilen. Es geht darum, dass ich ihn in derselben Zeit vermutlich bereits dreimal hätte ändern können. Genau darin liegt unsere eigentliche Herausforderung.
Ich nehme nicht nur schnell wahr. Mein ganzer Körper reagiert schnell. Ein Geräusch, eine Bewegung oder eine Veränderung in der Umgebung erreicht mich nicht erst nach einer längeren Beratung mit mir selbst. Die Information ist da und mein Körper steht bereit. Für Bine wirkt das manchmal, als wäre ich innerhalb eines Augenblicks von null auf dreihundert. Aus meiner Sicht fehlt da nichts. Ich habe den Radfahrer gehört. Ich habe das Auto gesehen. Ich habe den Rüden geprüft. Nur weil Bine den größten Teil dieses Vorgangs verpasst hat, bedeutet das nicht, dass er nicht stattgefunden hat.
Die Kunst der kleinen Pause
Trotzdem soll ich lernen, zwischen Wahrnehmung und Handlung einen kleinen Moment freizulassen. Das ist schon etwas merkwürdig. Überall soll alles schneller, besser und effizienter werden. Menschen ärgern sich, wenn eine Internetseite drei Sekunden zum Laden braucht. Sie hupen, wenn ein Auto an der grünen Ampel nicht sofort losfährt. Sie kaufen Kaffeemaschinen, die bereits morgens wissen sollen, wann sie ihren Dienst anzutreten haben. Und ich soll warten. Kurz schauen. Noch nicht reagieren. Bine Zeit geben. Absurd. Aber nicht völlig unsinnig.
Denn wenn ich sofort selbst entscheide, bleibt ihr kaum Gelegenheit, sich einzuschalten. Und wenn ich jede Lage allein regle, sehe ich irgendwann keinen Grund mehr, auf ihre Einschätzung zu warten. Also üben wir diese kleine Pause: Ich bemerke etwas. Ich sehe zu Bine. Sie spricht mich an. Ich bleibe bei ihr. Dann gehen wir weiter.
Das Zeitfenster dafür ist nicht besonders groß. Bine muss schon aufmerksam sein. Wenn ich erst vollständig im Ferrari sitze, braucht sie mit ihrem Kleinwagen nicht mehr anzuklopfen. Erwischt sie den richtigen Moment, funktioniert es jedoch erstaunlich gut. Für Menschen sieht ein kurzer Blick vermutlich nach wenig aus. Für mich bedeutet er, eine bereits laufende Entscheidung zu unterbrechen und abzuwarten, ob von Bine noch etwas Brauchbares kommt. Das ist eine beachtliche Leistung. Ein Leckerchen ist dafür keineswegs übertrieben. Ich möchte das nur erwähnt haben.
Ein Leckerchen kauft keine Meinung
Allerdings sollte ein Leckerchen nicht mit vollständiger Zustimmung verwechselt werden. Das hat Bine erst kürzlich wieder erlebt. Der Nachbarrüde bellte am Gartenzaun. Bine hatte ihn bereits gesehen und bemerkte auch, dass ich ihn ebenfalls wahrgenommen hatte. Sie sprach mich an. Ich sah zu ihr. Wir gingen gemeinsam weiter. Für meine Kooperation erhielt ich ein Leckerchen.
Aus Bines Sicht war die Angelegenheit damit abgeschlossen. Aus meiner Sicht fast. Drei Beller fehlten noch. Also reichte ich sie nach. Nicht, weil ich ihre Entscheidung ignoriert hätte. Ich war schließlich mitgegangen. Ich hatte mich an ihr orientiert und meine ursprüngliche Reaktion zurückgestellt. Aber der Rüde am Zaun sollte nicht glauben, ich hätte ihn übersehen. Das wäre ein völlig falscher Eindruck gewesen.
Bine war offenbar der Meinung, nach erfolgreicher Zusammenarbeit und erfolgter Bezahlung dürfe ich nicht noch einmal auf das ursprüngliche Thema zurückkommen. Das sehe ich anders. Ein Leckerchen würdigt mein Verhalten. Es kauft nicht automatisch meine Meinung.
Ich soll also lernen, meine Entscheidungen nicht ganz so schnell umzusetzen. Nicht langsamer wahrzunehmen. Das wäre schließlich reine Verschwendung. Ich soll den Radfahrer weiterhin hören, bevor Bine ihn bemerkt. Ich soll erkennen, wenn ein Auto dort fährt, wo sonst keines fährt. Und natürlich darf ich auch einen großen Rüden frühzeitig sehen. Ich soll nur nicht sofort davon ausgehen, dass ich für alles allein zuständig bin.
Bine soll im Gegenzug versuchen, etwas früher zu erkennen, dass eine Entscheidung ansteht. So arbeiten wir uns langsam aufeinander zu. Wobei langsam in diesem Fall selbstverständlich ihre Geschwindigkeit bezeichnet.
Bis dahin fahren wir weiter gemeinsam durch den Alltag: Ich im Ferrari. Bine in ihrem Kleinwagen. Sie kommt meistens an. Ich war nur schon vorher da.
Wer es bisher noch nicht wusste: Ich bin ein absoluter Gewohnheitsmensch. Kombiniert mit einer gehörigen Prise Aberglauben ergibt das eine Frau, die nicht nur regelmäßig exakt denselben Urlaubsort bucht, sondern dafür auch einen ganz magischen Zeitraum besitzt. In diesen zwei Wochen hatte ich in Langholz so oft unverschämtes Glück mit dem Wetter, dass ich unser kleines Ferienhäuschen am liebsten für die nächsten zehn Jahre im Voraus für Mitte Juni reservieren würde. Sicher ist sicher. Man weiß schließlich nie, ob das Universum plötzlich beschließt, meine persönliche Schönwettergarantie spontan an jemand anderen zu vergeben.
Wer es bisher noch nicht wusste: Ich bin ein absoluter Gewohnheitsmensch. Kombiniert mit einer gehörigen Prise Aberglauben ergibt das eine Frau, die nicht nur regelmäßig exakt denselben Urlaubsort bucht, sondern dafür auch einen ganz magischen Zeitraum besitzt. In diesen zwei Wochen hatte ich in Langholz so oft unverschämtes Glück mit dem Wetter, dass ich unser kleines Ferienhäuschen am liebsten für die nächsten zehn Jahre im Voraus für Mitte Juni reservieren würde. Sicher ist sicher. Man weiß schließlich nie, ob das Universum plötzlich beschließt, meine persönliche Schönwettergarantie spontan an jemand anderen zu vergeben.
Auch in diesem Jahr hat mein magischer Zeitraum wieder absolut zuverlässig geliefert. Während große Teile Deutschlands bei fast 40 Grad langsam vor sich hin schmolzen, war es an der Ostsee angenehm kühl. Teilweise sogar so erfrischend, dass man abends vermutlich eine dickere Jacke gebraucht hätte. Ich kann das allerdings leider nur vermuten – denn in diesem Jahr hatte ich keinen Urlaub gebucht. Nicht nur kein Langholz, weil wir dort nun wirklich schon sehr oft gewesen waren. Nein, gar keinen Urlaub.
Nach unserem Erlebnis im Allgäu, bei dem mein Mann einen unerwarteten dreitägigen Zwischenstopp im Krankenhaus Füssen eingelegt hatte, und einigen weiteren persönlichen Dingen, die kein Mensch in seinem Fotoalbum braucht, meldete sich mein Bauchgefühl. Es sagte ganz deutlich: Bleib zu Hause. Mein Bauchgefühl sagt selten etwas, aber wenn es sich schon einmal zu Wort meldet, neige ich dazu, es verdammt ernst zu nehmen. Rückblickend hätte ich ihm in diesem Fall allerdings gern für ein paar Wochen rigoroses Hausverbot erteilt.
Während mein magischer Urlaubszeitraum an der Ostsee wieder einmal alles gab, saß ich zu Hause vor dem Laptop. Bei jedem Strandbild auf Facebook seufzte ich ein wenig tiefer. Bei jedem geposteten Sonnenuntergang wurde ich ein wenig unleidlicher. Und sobald irgendwo ein Hund glücklich durch die Wellen lief, blickte ich zu Gubacca und dachte: Mein kleiner Spanier würde jetzt bestimmt auch unheimlich gern dort sein. Schon sah ich ihn vor mir: Gubacca am Strand, Gubacca zwischen den Wellen, Gubacca auf unseren vertrauten Wegen – mit salzigem Fell und Sand an Stellen, an denen Sand bei einem langhaarigen Hund eigentlich absolut nichts verloren hat.
Mein Mann versuchte derweil redlich, mich zu trösten. Vermutlich wollte er auf keinen Fall als gesundheitlich angeschlagener Urlaubsverhinderer in die Familiengeschichte eingehen. Seine beruhigende These lautete deshalb: Gubacca sei bestimmt heilfroh, dass er in diesem Jahr mal nicht in den Urlaub fahren musste. Eine Meinung, die ich im ersten Moment so gar nicht teilen wollte.
Möchte ein Hund überhaupt in den Urlaub fahren?
Ausgerechnet in dieser melancholischen Stimmung entdeckte ich auf Facebook einen Beitrag über das Verreisen mit Hund. Der Grundgedanke war schnell zusammengefasst: Nicht jeder Urlaub ist auch für den Hund eine Erholung. Neue Orte, fremde Geräusche, ungewohnte Schlafplätze, lange Anreisen und ein vollgepacktes Ausflugsprogramm können Hunde erheblich belasten. Nur weil ein Hund überall brav mitläuft, bedeutet das noch lange nicht, dass er sich dabei auch wirklich wohlfühlt. Bis dahin konnte ich gedanklich gut folgen.
Dann wurde der Beitrag deutlicher: Ein Hund fahre nicht in den Urlaub, weil er das explizit möchte. Er fahre nur mit, weil seine Menschen ihn mitnehmen und weil er bei seinem Rudel bleiben wolle. Unter dem Post wurde natürlich heftig diskutiert. Viele fanden den Ansatz viel zu einseitig. Ihre Hunde würden das Verreisen lieben, begeistert ins Auto springen und sich an Urlaubsorten sichtbar wohlfühlen. Manche schienen sich beinahe persönlich angegriffen zu fühlen – als hätte jemand nicht nur die Reisefreude ihres Hundes infrage gestellt, sondern gleich den gesamten Jahresurlaub nachträglich aberkannt. Ich konnte irgendwie beide Seiten verstehen.
Natürlich sitzt Gubacca nicht im Januar mit einem Urlaubskatalog auf dem Sofa und vergleicht die Vorzüge der Ostsee mit denen des Allgäus. Er überprüft auch keine Ferienhausbewertungen und legt vermutlich keinen gesteigerten Wert auf Meerblick. Trotzdem glaube ich nicht, dass er nur deshalb mit uns verreist (wenn er es selbst entscheiden könnte), weil wir sein soziales Sicherheitsprogramm sind und er schlicht keine andere Wahl hat. Lange Autofahrten sind für ihn überhaupt kein Problem; er liegt tiefentspannt in seiner Box auf dem Rücksitz und verschläft große Teile der Strecke. In Ferienhäusern findet er sich meist schnell zurecht, bleibt dort problemlos allein und erkundet mit mir gern neue Wege.
Langholz kennt er inzwischen so gut, dass die Bezeichnung „Urlaubsort“ kaum noch passt. Vermutlich betrachtet er es als seinen zweiten Wohnsitz, bei dem wir lediglich für Buchung, Anreise und Schlüsselübergabe zuständig sind. Er erinnert sich präzise an Wege und Abzweigungen, weiß ganz genau, in welche Richtung es zum Strand geht, und bewegt sich dort nicht wie ein Hund, der gegen seinen Willen aus seinem gewohnten Leben gerissen wurde. Ich bin mir deshalb ziemlich sicher, dass Gubacca unsere gemeinsamen Reisen genießen kann. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass er automatisch alles genießen muss, was wir Menschen unter Urlaub verstehen.
Langholz und Kevin in Hochform
Wie schnell man einen ruhigen Urlaubsort mit einem entspannten Hund verwechseln kann, zeigte mir Gubacca gleich bei unserem ersten Urlaub in Langholz. Er war damals zarte fünfzehn Monate alt, und ich war fest davon überzeugt, dass ein Hund dort eigentlich nur tiefenentspannt durch die Landschaft schweben konnte. Ein paar Tage lang schien meine Theorie auch wunderbar aufzugehen. Dann knallte es. Nicht in Langholz, sondern in Gubacca.
Gubacca sprang uns plötzlich mit voller Wucht an. Er ging in unsere Kleidung und pöbelte alles an, was sich irgendwie zum Anpöbeln eignete. Kevin war in absoluter Hochform! Kevin ist der Teil von Gubacca, der zum Vorschein kommt, wenn das Gehirn den geordneten Betrieb kurzzeitig einstellt und die Impulskontrolle bereits Feierabend gemacht hat. In diesem Zustand wird nicht mehr lange geprüft, analysiert und abgewogen – dann wird gehandelt. Möglichst körperbetont und mit großem persönlichem Einsatz.
Ich war vollkommen fassungslos. Langholz war so ruhig; es gab keine überfüllten Einkaufsstraßen, keine lauten Veranstaltungen und keine endlosen Restaurantbesuche. Wenn mein Hund schon dort nach wenigen Tagen derart aus der Spur geriet, sah ich unsere gemeinsame Urlaubskarriere in Gedanken bereits als beendet an. Vermutlich würden wir künftig nur noch getrennt verreisen können: Einer an die Ostsee, einer mit dem überforderten Kevin zu Hause, und im folgenden Jahr wird getauscht. Was ich damals einfach noch nicht verstanden hatte: Es braucht keinen trubeligen Urlaubsort, damit ein junger Hund völlig überfordert ist. Viel Wasser, viel Bewegung, ständig neue Wege, fremde Gerüche, andere Geräusche und ein ungewohnter Tagesablauf reichten bei Gubacca vollkommen aus. Jeder einzelne Punkt für sich war schön – in der Summe war es einfach zu viel.
Er hatte nicht plötzlich beschlossen, uns den Urlaub zu verderben; er konnte schlichtweg nichts mehr vernünftig verarbeiten. Und weil Gubacca noch nie ein Hund für leise, diplomatische Hinweise war, teilte er uns seinen Zustand eben mit vollem Körpereinsatz mit. Dieser Urlaub wurde für mich zu einer ganz wichtigen Lektion: Ein ruhiger Ort sorgt nicht automatisch für einen ruhigen Hund. Und ein Hund, der scheinbar begeistert unterwegs ist, kann trotzdem längst zu viele Eindrücke gesammelt haben.
Der Hund muss nicht überall dabei sein
Mit diesem Wissen verliefen unsere nächsten Reisen glücklicherweise deutlich entspannter. Wir planten nicht mehr nur danach, was an einem Urlaubstag alles theoretisch möglich war, sondern achteten viel stärker darauf, was Gubacca davon tatsächlich gut verkraften konnte. Wenn wir eine gut besuchte Stadt ansehen oder in Ruhe einkaufen wollten, blieb er einfach im Ferienhaus. Während wir durch Geschäfte liefen, fremde Menschen umkurvten und darüber diskutierten, ob wir wirklich noch eine Tasse mit Möwenmotiv brauchten, lag Gubacca in seiner Klappbox und schlief.
Seine Box ist deshalb auf jeder Reise fest dabei. Sie ist sein vertrauter Rückzugsort in einer fremden Umgebung. Das Ferienhaus wechselt, der Schlafplatz bleibt. Kaum steht die Box an ihrem Platz, gibt es im neuen Zuhause sofort etwas, das vertraut nach ihm riecht und dessen Regeln er in- und auswendig kennt. Dort drängt ihn niemand zur nächsten Sehenswürdigkeit, dort muss er keine fremden Geräusche einordnen und keine neuen Wege analysieren. Dort kann er einfach sein.
Früher hätte ich womöglich ein schlechtes Gewissen gehabt, ihn im Urlaub allein zu lassen. Schließlich fährt man doch gemeinsam weg, damit der Hund möglichst viel dabei sein kann. Heute sehe ich das ganz anders. Gubacca verpasst absolut nichts, wenn er nicht durch eine belebte Innenstadt läuft, die weder ihm noch mir Freude macht. Fremde Städte sind einfach nicht unser Ding. Dort werde ich hektisch, weil er hektisch wird – oder er wird hektisch, weil ich hektisch werde. Wer damit beginnt, lässt sich nach einigen Minuten ohnehin nicht mehr feststellen. Ein entspannter gemeinsamer Stadtbummel sieht jedenfalls anders aus.
Wir sind beide deutlich glücklicher, wenn wir solche Ausflüge ohne ihn unternehmen und Gubacca in der Zwischenzeit genüsslich ausschlafen kann. Danach starten wir gemeinsam zu einer ruhigen Runde, bei der niemand zwischen Einkaufstüten, Außengastronomie und fremden Hundebegegnungen die Nerven verliert. Nicht jeder gemeinsame Urlaubstag muss von morgens bis abends gemeinsam stattfinden. Diese Erkenntnis klingt simpel, aber ich musste trotzdem erst nach Langholz fahren, um sie wirklich zu begreifen.
Manchmal sind die Zeichen sehr klein
Ganz unrecht hat mein Mann allerdings nicht: Gubacca braucht inzwischen an fremden Orten einen kleinen Tick länger als früher, bis er wirklich voll und ganz angekommen ist. Er findet sich weiterhin gut zurecht und bleibt auch dort problemlos allein. Trotzdem reagiert er manchmal aufmerksamer, wenn wir uns fertig machen und ohne ihn losfahren wollen. Er steht dann noch einmal auf, beobachtet genauer, was wir tun, und prüft aufmerksam, ob Leine und Halsband für ihn gedacht sind oder ob die Menschen eigene Pläne verfolgen. Es ist nichts Dramatisches. Vermutlich würde es niemandem auffallen, der ihn nicht sehr gut kennt.
Aber genau darin liegt für mich inzwischen ein ganz wichtiger Punkt: Ein Hund muss nicht das Ferienhaus zerlegen, das Futter komplett verweigern oder mit gepacktem Koffer protestierend an der Haustür stehen, damit eine Reise ihn spürbar beschäftigt. Manchmal zeigt sich Überforderung laut und mit Anlauf – und manchmal eben nur in einem einzigen, kurzen Blick. Gubacca ist inzwischen neun Jahre alt. Reisen sind für ihn vielleicht ein wenig anstrengender geworden. Das heißt absolut nicht, dass er nicht mehr gern mitkommt; es bedeutet nur, dass wir genauer hinsehen müssen. Und dass wir nicht jeden Urlaubstag bis zum Rand mit Erlebnissen füllen sollten, nur damit sich die weite Anreise auch wirklich gelohnt hat.
Was liebt mein Hund am Urlaub?
Ob Hunde grundsätzlich gern verreisen, lässt sich vermutlich ebenso wenig pauschal beantworten wie die Frage, ob Menschen grundsätzlich gern Campingurlaub machen. Die einen blühen vollkommen auf, die anderen würden lieber schweigen und insgeheim auf ein komfortables Hotelzimmer hoffen. Manche Hunde lieben neue Orte und sind in jeder Ferienwohnung sofort zu Hause; andere brauchen lange, bis sie überhaupt entspannen können. Manche finden eine lange Wanderung großartig, aber eine belebte Strandpromenade ganz schrecklich. Andere wiederum liegen zufrieden unter dem Tisch eines Cafés und halten jeden Waldweg für eine völlig unnötige Zumutung.
Deshalb frage ich mich inzwischen weniger, ob Gubacca Urlaub generell mag. Ich frage mich eher: Was genau mag er an unserem Urlaub? Die vertrauten Wege in Langholz vermutlich schon. Das Wasser ganz sicher. Gemeinsame Touren ebenfalls. Eine ruhige Morgenrunde, danach ein langer, ungestörter Schlaf im Ferienhaus und später noch einmal hinaus an den Strand – das dürfte ziemlich nah an seiner Vorstellung eines perfekt gelungenen Urlaubstags liegen. Innenstädte, Menschenmengen und ein dichtes Ausflugsprogramm gehören eher nicht dazu. Das sieht auf Facebook womöglich weniger spektakulär aus. Ein schlafender Hund im Ferienhaus sammelt schließlich deutlich weniger Herzen als ein Hund vor einer dramatischen Meereskulisse. Für Gubacca kann es trotzdem genau richtig sein.
Ich glaube deshalb weiterhin fest daran, dass er auch in diesem Sommer sehr gern mit uns nach Langholz gefahren wäre. Er hätte die Wege sofort wiedererkannt, am Strand das Wasser geprüft und vermutlich sehr genau gewusst, an welcher Abzweigung wir gerade wieder falsch unterwegs sind. Mein Mann darf trotzdem bei seiner Meinung bleiben, dass Gubacca den ausgefallenen Urlaub deutlich weniger tragisch fand als ich. Vermutlich hat er sogar recht.
Gubacca saß schließlich nicht seufzend vor fremden Strandbildern. Er zählte keine verpassten Sonnenuntergänge und ärgerte sich nicht über den verpassten Urlaub. Er hatte seine vertrauten Wege, seinen Garten und uns. Damit war seine Welt wahrscheinlich ziemlich in Ordnung. Meine etwas weniger. Gubacca kommt also offenbar auch ohne Ostsee ganz gut zurecht. Ich dagegen reagiere bei Facebook auf die magischen Worte „noch frei“ und „Last Minute“ inzwischen so zuverlässig wie er auf das leise Rascheln einer Leckerchentüte. Und mein Bauchgefühl bekommt beim nächsten Mal vorsorglich absolutes Hausverbot.
Vor einiger Zeit kam ich mit einer Nachbarin ins Gespräch. Sie hat eine Border-Collie-Hündin, und irgendwann landeten wir bei einem Thema, das vermutlich mehr Hundemenschen beschäftigt, als man nach all den innigen Bildern in den sozialen Medien vermuten würde. Sie fragte sich ganz offen, wie stark die Bindung ihrer Hündin zu ihr tatsächlich sei. Nicht, weil die beiden ein offensichtliches Problem miteinander hätten oder die Hündin ständig versuchte, mit gepacktem Köfferchen bei den Nachbarn einzuziehen. Es war einfach diese leise, feine Unsicherheit, die sich manchmal klammheimlich einschleicht: Bin ich für meinen Hund eigentlich wirklich wichtig?
Vor einiger Zeit kam ich mit einer Nachbarin ins Gespräch. Sie hat eine Border-Collie-Hündin, und irgendwann landeten wir bei einem Thema, das vermutlich mehr Hundemenschen beschäftigt, als man nach all den innigen Bildern in den sozialen Medien vermuten würde. Sie fragte sich ganz offen, wie stark die Bindung ihrer Hündin zu ihr tatsächlich sei. Nicht, weil die beiden ein offensichtliches Problem miteinander hätten oder die Hündin ständig versuchte, mit gepacktem Köfferchen bei den Nachbarn einzuziehen. Es war einfach diese leise, feine Unsicherheit, die sich manchmal klammheimlich einschleicht: Bin ich für meinen Hund eigentlich wirklich wichtig?
Eine Freundin von mir geht mit dieser Frage sogar noch einen Schritt weiter. An der Seite einer Gos-d’Atura-Hündin fragt sie sich nicht nur regelmäßig, ob ihr Hund überhaupt an ihr hängt, sondern ob sie selbst als verlässliche Partnerin wahrgenommen wird. Vermittelt sie genug Sicherheit? Ist sie stark genug an der Seite ihrer Hündin? Als die Hündin bei einem Übernachtungsbesuch bei Verwandten völlig tiefentspannt allein im Wohnzimmer schlief, statt wie erwartet bei Frauchen im Zimmer zu bleiben, war meine Freundin vollkommen entsetzt. Während der Hund einfach selig schlummerte, lag sie vermutlich die halbe Nacht wach und analysierte die gesamte gemeinsame Beziehung. Ich kann darüber übrigens nur deshalb so gut schmunzeln, weil ich diese inneren Monologe selbst bestens kenne.
Bin ich wichtig – oder nur für den Zimmerservice zuständig?
Aktuell ist es Gubacca beispielsweise ziemlich puppeschnurzegal, wo ich mich nachts aufhalte. Bei der sommerlichen Wärme schläft er viel lieber im Wohnzimmer oder im Flur direkt an der Kellertür, weil es dort schlicht am kühlsten ist. Romantik hat bei 25 Grad Raumtemperatur eben auch für einen Hund ihre klaren Grenzen. Morgens begleitet er mich dann zwar sehr gern ins Homeoffice – was im ersten Moment nach tiefer Verbundenheit und familiärer Unterstützung im schweren Büroalltag klingt. Allerdings steht genau in diesem Raum auch sein geliebter Schnüffelteppich. Ist dieser erst einmal gründlich bearbeitet und auch der allerletzte Krümel feinsäuberlich aufgespürt, betrachtet Gubacca seine Tätigkeit als Büromitarbeiter meist als erledigt, dreht um und geht wieder nach unten. Tja, die Liebe geht bei ihm nun mal verdächtig oft durch den Magen.
Überhaupt gehört Gubacca absolut nicht zu den Hunden, die draußen treu an ihrem Menschen kleben. Er läuft mit Vorliebe so weit voraus, dass aus unserem gemeinsamen Spaziergang optisch rasch zwei völlig voneinander unabhängige Veranstaltungen werden. Während ich weiter hinten bemüht bin, ein halbwegs würdiges Tempo zu halten, prüft er ganz vorne schon mal die allgemeine Sicherheitslage der Nachbarschaft. Wenn er dann zwischendurch an einem Grashalm stehen bleibt, schnüffelt er derart konzentriert, als hinge der gesamte Weltfrieden von seiner Analyse ab. Ich laufe in solchen Momenten einfach weiter, während Gubacca seine Ermittlungen fortsetzt. Und manchmal kann man durchaus den Eindruck gewinnen, dass jeder Strauch, jeder Grashalm und jede Nachricht im örtlichen Hunde-Urin-Netzwerk wichtiger ist als ich – die offenbar nur für den groben Streckenverlauf zuständig ist.
Allerdings kennt Gubacca meine Routen auch ganz genau, und mein Hang zu festen Abläufen kommt ihm dabei sehr entgegen. Er weiß exakt, an welcher Kreuzung ich abbiege, wo wir stehen bleiben und wie wir nach Hause kommen. Solange ich mich strikt an diesen unsichtbaren, vereinbarten Plan halte, besteht aus seiner Sicht offenbar überhaupt kein Grund, mich ständig zu kontrollieren. Weiche ich jedoch mal ganz spontan von der üblichen Strecke ab, ist er erstaunlich schnell wieder an meiner Seite. Ganz so unwichtig scheint meine Anwesenheit also doch nicht zu sein – manchmal habe ich eben einfach nur den Status einer absolut verlässlich funktionierenden Wegmarkierung.
Wo ist eigentlich dieser berühmte Seelentröster?
Man liest ja immer von diesen Hunden, die jede noch so kleine Stimmung ihres Menschen sofort spüren. Ist der Mensch traurig, wird der Kopf sanft aufs Knie gelegt; ist der Mensch krank, weicht der treue Gefährte nicht von der Bettkante; hat man einen schlechten Tag, wird unverzüglich der emotionale Bereitschaftsdienst übernommen. Gubacca hat diesen rührenden Abschnitt im großen Hunde-Handbuch möglicherweise einfach überblättert. Natürlich merkt er, wenn etwas anders ist als sonst. Aber daraus folgt für ihn noch lange nicht, dass er für die nächsten Stunden seine eigenen, dringenden Interessen ruhen lässt. Wenn ich kränkele und Herrchen mit der Leine an der Tür steht, ist Gubacca jedenfalls erstaunlich schnell verschwunden. Ein kurzer, mitfühlender Blick ist vielleicht gerade noch drin – aber dann ruft draußen eben ganz laut das pralle Leben.
Manchmal denke ich, aus Gubacca wäre auch ein hervorragender Herdenschutzhund geworden. Irgendwo ganz autark auf einer abgelegenen Weide stehend, selbstständig eine Herde bewachend und tagelang wichtige, einsame Entscheidungen treffend. Also vorausgesetzt natürlich, der Fressnapf bleibt trotzdem pünktlich gefüllt und die Außentemperatur klettert nicht über die 20-Grad-Marke. Aber braucht so ein eigenständiger Hund seinen Menschen überhaupt im klassischen Sinne? Und bedeutet es automatisch eine schwächere Bindung, wenn ein Vierbeiner nicht ununterbrochen die Nähe sucht, jeden Schritt akribisch überwacht oder bei jeder kleinen Entscheidung erst fragend nachsehen muss?
Nicht jeder Hund wurde für dieselbe Zusammenarbeit gezüchtet
Hunderassen unterscheiden sich ja nun mal nicht nur durch ihr Fell, die Größe oder die Menge an Haaren, die sie absolut zuverlässig in der gesamten Wohnung verteilen. Sie wurden über viele Generationen hinweg gezielt für völlig unterschiedliche Aufgaben ausgewählt. Manche Hunde sollten extrem eng mit dem Menschen kooperieren, mussten auf feinste Signale reagieren, ständig Blickkontakt halten und sich immer wieder rückversichern. Andere wiederum sollten weitgehend selbstständig agieren. Sie bewachten eigenständig Herden, schützten große Grundstücke oder trafen in weiter Entfernung zum Menschen ihre eigenen Entscheidungen. Diese ursprünglichen Genetik-Muster beeinflussen bis heute ganz massiv, wie stark ein Hund im Alltag auf unsere menschlichen Hinweise achtet und wie sichtbar er sich an uns orientiert.
Das bedeutet jedoch im Umkehrschluss keineswegs, dass selbstständig arbeitende Rassen keine tiefe und enge Bindung eingehen können. Kynologische Untersuchungen deuten vielmehr darauf hin, dass sich kooperative und eigenständige Hunde gar nicht darin unterscheiden, *ob* sie sich an ihren Menschen binden, sondern lediglich darin, *wie* sie menschliche Informationen nutzen und wie deutlich sie ihre Orientierung nach außen hin zeigen. Ein Hund, der seit Jahrhunderten darauf selektiert wurde, eigene Entscheidungen zu treffen, fragt eben nicht bei jedem Grashalm: „Du, Bine, was meinst du eigentlich dazu?“ Er schaut ihn sich einfach an und bildet sich ganz autark eine eigene Meinung. Das ist absolut keine persönliche Kränkung, sondern unter Umständen schlicht eine sehr alte, fest verankerte Stellenbeschreibung.
Natürlich ist eine Rasse niemals eine fertige, starre Bedienungsanleitung für das einzelne Lebewesen. Die individuelle Persönlichkeit, gemachte Erfahrungen, die Zuchtlinie, das Alter und der tägliche Umgang miteinander spielen eine ebenso große Rolle. Ein Border Collie kann erstaunlich unabhängig sein, und ein Gos d’Atura kann im Gegenzug durchaus viel Körperkontakt suchen – oder aber eben der festen Überzeugung sein, dass der gemeinsame Aufenthalt im selben Gebäude bereits ein völlig ausreichendes Maß an kuscheliger Nähe darstellt. Trotzdem hilft uns der ehrliche Blick auf die ursprüngliche Genetik dabei, manche Verhaltensweisen besser zu verstehen. Bindung zeigt sich eben nicht bei jedem Hund auf dieselbe, plakative Weise.
Nähe ist nicht automatisch Bindung
Wir Menschen neigen ja chronisch dazu, emotionale Nähe in exakten Metern zu messen. Liegt der Hund direkt an uns gepresst auf dem Sofa, fühlen wir uns innig geliebt. Schläft er stattdessen seelenruhig im Wohnzimmer, während wir im Gästezimmer nächtigen, bricht mental sofort die große Beziehungskrise aus. Folgt er uns bis ins Badezimmer, gilt das als Beweis für die ganz große Liebe; bleibt er einfach auf seinem Platz liegen, fragen wir uns insgeheim, ob wir ihm überhaupt irgendetwas bedeuten. Dabei kann dieses ständige Hinterherlaufen ganz unterschiedliche Ursachen haben: Es kann Vertrauen sein, aber genauso gut auch bloße Gewohnheit, Erwartungshaltung, Kontrollwahn oder nackte Unsicherheit. Ein Hund, der entspannt in einem anderen Raum schläft, tut das also nicht, weil ihm sein Mensch egal ist – vielleicht fühlt er sich einfach sicher genug, um nicht ständig nach dem Rechten sehen zu müssen. Oder dort liegt eben schlicht der kühlere Fliesenboden. Gerade im Sommer sollte man tiefenpsychologische Deutungen ohnehin erst dann beginnen, wenn man vorher die aktuelle Raumtemperatur geprüft hat.
In der Verhaltensforschung zeigt sich echte Bindung nämlich vor allem darin, ob der Mensch für seinen Hund eine verlässliche, „sichere Basis“ darstellt. Kann der Hund in der reinen Anwesenheit seines Menschen nachweislich entspannen? Sucht er bei plötzlicher Unsicherheit gezielt Orientierung bei ihm? Verändert sich sein Verhalten merklich, wenn die Bezugsperson fehlt? Wem vertraut er in einer unvorhergesehenen, schwierigen Situation wirklich? Und wenn man diese Fragen als Maßstab anlegt, sehen manche alltägliche Erlebnisse mit Gubacca plötzlich in einem ganz anderen Licht aus.
Der Knall
Vor einigen Jahren war ich gemeinsam mit meiner Hundetrainerin und Gubacca unterwegs. Die Trainerin mochte Gubacca sehr und Gubacca fand sie ebenfalls ziemlich großartig. Wir standen ein gutes Stück voneinander entfernt auf dem Platz, als es plötzlich aus dem Nichts laut und heftig knallte. Gubacca erschrak zutiefst und lief augenblicklich los – aber eben nicht zur Trainerin, sondern schnurstracks zu mir. Es war nur ein ganz kurzer Moment, keine filmreife, große Szene und kein dramatischer Zusammenbruch in meinen Armen. Aber ich weiß noch genau, wie unendlich gut sich dieses unbewusste Verhalten angefühlt hat. Als etwas passierte, das er absolut nicht einordnen konnte, war seine allererste, instinktive Entscheidung der direkte Weg zu mir.
Auch heute noch schaut er mich häufig als Erstes an, wenn er ein seltsames Geräusch nicht richtig einschätzen kann. Nur ganz kurz, als würde er unauffällig nachfragen wollen: „Du, hast du das auch gehört? Muss ich mich jetzt darum kümmern oder hast du die Lage im Griff?“ Und genau in diesen Momenten habe ich sie dann auch im Griff. Nicht, weil ich immer sofort weiß, was da gerade im Gebüsch geraschelt oder gescheppert hat, sondern weil ich einfach ruhig bleibe und ihm signalisiere, dass wir das jetzt gemeinsam regeln. Vielleicht schaut Gubacca im Alltag gerade deshalb so oft zuerst zu mir: Weil er genau weiß, dass ich ihm die Stärke und Sicherheit gebe, die er in diesem einen Moment braucht.
Vertrauen sieht nicht immer spektakulär aus
Ein weiterer, riesiger Liebesbeweis ist für mich die Tatsache, dass ich bei Gubacca schlichtweg alles machen darf. Ich kann problemlos Zecken entfernen, seine Zähne putzen, mir frische Verletzungen ansehen oder unangenehme Pflegemaßnahmen durchführen. Natürlich findet er das meiste davon nicht im Ansatz großartig, und beim Zähneputzen erweckt er selten den Eindruck, diesen Programmpunkt freiwillig im Wellness-Abo gebucht zu haben. Aber er lässt es ohne Murren zu. Er vertraut mir auch dann blind, wenn das, was ich da gerade mit ihm veranstalte, nicht sonderlich angenehm ist. Vielleicht ist genau das der deutlichste Beweis unserer tiefen Beziehung: Nicht ein Hund, der mir bei strahlendem Sonnenschein permanent verliebt in die Augen schaut, sondern ein Hund, der in unangenehmen Momenten felsenfest davon ausgeht, dass ich ihm niemals etwas Böses will. Diese Form von Vertrauen ist leise, unaufgeregt und eignet sich denkbar schlecht für rührende Social-Media-Videos mit dramatischer Klaviermusik – aber sie ist es, die uns sicher durch den Alltag trägt.
Wo ist sie geblieben?
Erst gestern gab es wieder so eine typische Situation. Wir waren mit dem Auto im Wäldchen unterwegs, und auf dem Rückweg am Haus holte mein Mann ihn schon mal aus dem Kofferraum. Gubacca lief ohne auch nur einen einzigen Blick zurück zu werfen sofort schnurstracks ins Haus. Wieder so ein Moment, in dem man als emotional leicht angeschlagene Hundehalterin ins Grübeln geraten und denken könnte: „Na wunderbar, dem Herrn ist es offensichtlich vollkommen egal, ob ich überhaupt mitkomme oder nicht.“ Ich musste den Wagen allerdings erst noch zur Garage fahren und dort mühsam von den unzähligen Blättchen, Ästchen und Waldboden-Resten befreien, die Gubacca zuvor großzügig im Auto verteilt hatte. Ich kam deshalb erst ein ganzes Stück später ins Haus.
Dort angekommen, erwartete mich ein völlig hektischer Gubacca. Er lief unruhig auf und ab, kam überhaupt nicht zur Ruhe, und der Göttergatte machte sich schon ernsthaft Sorgen, ob ihm die drückende Hitze plötzlich so schwer zu schaffen machte. In dem Moment, als ich schließlich durch die Haustür trat, beruhigte sich Gubacca schlagartig, legte sich hin und entspannte. Natürlich kann ich nicht mit wissenschaftlicher Sicherheit wissen, was genau in seinem Wuschelkopf vorging – der gewohnte Ablauf war eben anders als sonst, da wir normalerweise immer gemeinsam von der Garage zum Haus gehen. Vielleicht hatte ihn einfach nur diese Abweichung von seiner gewohnten Routine irritiert. Aber eines konnte ich an diesem Abend trotzdem glücklich feststellen: Es war ihm im Vorfeld eben doch nicht so ganz egal gewesen, wo ich abgeblieben war. Er hatte sich beim Aussteigen vermutlich einfach nur deshalb nicht umgedreht, weil er felsenfest davon ausging, dass ich wie immer ganz selbstverständlich hinterherkomme. Und vielleicht ist genau das tiefste Bindung: Nicht ständig kontrollieren zu müssen, ob der andere noch da ist, weil man sich blind darauf verlässt.
Die Momente hinter meinem Stuhl
Während ich diesen Text nun gedanklich sortiere und niederschreibe, sitze ich gemütlich auf der Terrasse. Gubacca liegt währenddessen direkt hinter meinem Stuhl und schläft tief und fest. Er braucht in diesem Moment rein gar nichts von mir. Es gibt weit und breit keinen gefüllten Schnüffelteppich, kein in Aussicht stehendes Leckerchen und keinen bevorstehenden Spaziergang. Er könnte im Garten an einem seiner vielen strategischen Beobachtungsposten liegen, er könnte im kühlen Hausflur schlummern oder die Grundstücksgrenze bewachen. Stattdessen liegt er genau hier. Nicht auf meinen Füßen, nicht mit forderndem oder sehnsüchtigem Blick – sondern einfach nur unaufgeregt hinter meinem Stuhl. Vielleicht übersehe ich solche kostbaren Momente im Alltag viel zu oft, weil sie so unscheinbar und selbstverständlich wirken; vielleicht suchen wir Menschen immer nach den ganz großen, lauten Liebesbeweisen, während unsere Hunde uns längst ihre ganz eigene, wunderbar unaufgeregte Antwort gegeben haben.
Ein Hund muss mich nicht ständig brauchen
Ich glaube jedenfalls fest daran, dass eigenständige Hunde ihre Menschen grundsätzlich kein bisschen weniger brauchen als andere Rassen – sie brauchen sie nur einfach anders. Nicht als permanenten Auftraggeber, nicht als ununterbrochenes Unterhaltungsprogramm und nicht als jemanden, der jeden einzelnen Schritt auf dem Lebensweg für sie entscheidet. Vielleicht brauchen sie vielmehr einen Menschen, auf dessen pure Anwesenheit sie sich in jeder Lebenslage felsenfest verlassen können. Einen souveränen Partner, der in den wirklich schwierigen Situationen des Lebens die volle Verantwortung übernimmt. Und jemanden, der ihre Unabhängigkeit liebevoll aushält, ohne sie fälschlicherweise mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. Genau darin liegt wohl die größte Herausforderung für uns Halter.
Bei einem Hund, der ständig die körperliche Nähe sucht, erhält man im Minutentakt eine direkte Rückmeldung über die Beziehung. Bei einem eigenständigen Charakter muss man einfach viel genauer und feiner hinschauen. Man muss die ganz kurzen, heimlichen Blicke bemerken. Das ruhige Schlafen im selben Raum hinter dem Stuhl. Den Weg, den der Hund nach einem plötzlichen, lauten Knall einschlägt. Das unerschütterliche Vertrauen bei Dingen, die eigentlich unangenehm sind. Und eben die unruhige Suche, wenn der vertraute Mensch entgegen aller Gewohnheiten plötzlich einmal nicht sofort auftaucht.
Liebt mich mein Hund?
Ob Gubacca mich nun im menschlichen Sinne liebt, kann ich ihn natürlich nicht direkt fragen – zumindest nicht so, dass seine Antwort vor einem strengen, wissenschaftlichen Ausschuss Bestand hätte. Vermutlich würde er ohnehin erst einmal wissen wollen, ob mit dieser Befragung rein zufällig ein kleiner Snack verbunden ist. Aber ich weiß ganz sicher, dass er mir vertraut. Ich weiß, dass er mich in seine Entscheidungen einbezieht, sobald ihm eine Situation nicht geheuer ist. Ich weiß, dass er meine täglichen Abläufe in- und auswendig kennt und fest damit rechnet, dass ich da bin. Und ich weiß vor allem, dass er in einem wirklich entscheidenden Moment ohne zu zögern zu mir gelaufen ist.
Vielleicht erkenne ich unsere tiefe Bindung am Ende des Tages gar nicht daran, dass Gubacca mich ununterbrochen braucht. Vielleicht erkenne ich sie vielmehr daran, dass er verdammt viele Dinge im Leben völlig alleine regeln könnte – und sich in den Momenten, in denen es für ihn emotional wirklich darauf ankommt, trotzdem immer wieder ganz bewusst für mich entscheidet. Auch wenn auf dem Weg dorthin vielleicht erst noch ein ausgesprochen wichtiger Grashalm ausführlich untersucht werden muss.
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