Eigentlich müsste es mit einem erwachsenen Hund doch langsam entspannter werden. Und tatsächlich: Gubacca ist in den vergangenen Jahren deutlich gelassener geworden. Viele Dinge, die früher zuverlässig einen Kommentar ausgelöst hätten, können heute einfach passieren.
Das Problem ist nur: Ich offenbar nicht.
Denn ausgerechnet bei Gubaccas Gesundheit stelle ich fest, dass meine Nerven mit den Jahren nicht unbedingt besser geworden sind. Den jüngsten Beweis dafür lieferte eine vollkommen harmlose Meldung in unserer Facebook-Ortsgruppe.
Na prima. Jetzt darf bloß nichts sein.
Zwei Tage zuvor hatte ich gelesen, dass unsere Haustierärztin in den kommenden zwei Wochen Urlaub machen würden. Andere Menschen lesen so eine Information vermutlich und denken: Gut zu wissen. Bei mir stellte sich sofort dieses leicht mulmige Gefühl ein: Na prima. Jetzt darf bloß nichts sein.
Am Donnerstagabend dann Gubacca auf der letzten Runde: weicher Kot. Noch nichts, bei dem ich früher besonders nervös geworden wäre.
In der Nacht sah die Sache schon anders aus. Aus weich wurde wässrig und Gubacca hielt mich mehrfach auf Trab. Ansonsten war er allerdings topfit. Wirklich topfit. Im Viertel standen gerade drei Hündinnen in Standhitze und Gubacca flog mit der Nase über den Asphalt, als hinge von seiner persönlichen Ermittlungsarbeit die Zukunft der Menschheit ab.
Die frühere Bine hätte Moro’sche Möhrensuppe gekocht und die Sache erst einmal beobachtet.
Die heutige Bine hatte zunächst denselben Plan.
Bine promoviert kurzfristig im Internet
Irgendwann in dieser Nacht begann meine Recherche. Kann Durchfall mit läufigen Hündinnen zusammenhängen? Kann so viel Aufregung auf den Darm schlagen? Wie lange kann man bei einem ansonsten fitten Hund beobachten? Ab wann sollte man zum Tierarzt? Was gilt noch als harmlos – und was selbstverständlich bereits als Beginn einer medizinischen Großlage?
Google erwies sich dabei wie immer als ausgesprochen hilfreich. Nach kurzer Zeit hatte ich ungefähr alles gefunden: von „erst einmal beobachten“ bis zu Dingen, die ich besser niemals angeklickt hätte.
Man könnte an dieser Stelle erwähnen, dass ich seit meinem 18. Lebensjahr Hunde habe und vermutlich sämtliche Konsistenzen eines Hundehaufens bereits mehrfach erfolgreich überstanden habe.
Half mir erstaunlich wenig.
Am Freitagmorgen kochte ich Moro’sche Möhrensuppe und nahm mir fest vor, genau das zu tun, was die vernünftige Bine früher getan hätte: beobachten, ruhig bleiben und nicht wegen jedem Durchfall sofort beim Tierarzt aufschlagen.
Das funktionierte zunächst sogar erstaunlich gut. Nur rückte mit jeder Stunde nicht allein das Wochenende näher. Auch das Praxisende kam bedrohlich schnell auf mich zu.
Und irgendwann verwandelte sich mein bislang noch halbwegs vernünftiges „Wir schauen erst einmal“ in: Wenn du jetzt nicht fährst, ist gleich Wochenende. Danach haben sie Urlaub. Und DANN STEHST DU DA.
Kurz vor Toresschluss saß Gubacca deshalb im Auto und ich fuhr mit fliegenden Fahnen zur Tierärztin.
Die Diagnose war erfreulich unspektakulär: alles harmlos. Gubacca bekam zwei Spritzen, Tabletten für die kommenden Tage und ein Pulver zur Darmsanierung.
Eigentlich hätte ich jetzt beruhigt sein können.
Eigentlich.
Eine vollständige Genesung innerhalb der nächsten zehn Minuten war allerdings nicht vorgesehen. Der Durchfall beschäftigte uns noch eine Weile – und damit hatte ich ausreichend Gelegenheit, meine neu erworbenen Kenntnisse über Gubaccas Darmgesundheit praktisch anzuwenden.
Am nächsten Morgen stand ich bereits um sieben Uhr in der Küche und kochte die Diätnahrung für den Tag. Sehr gewissenhaft natürlich. Schließlich befanden wir uns inzwischen in einer medizinischen Ausnahmesituation.
Zumindest in meinem Kopf.
Kein Häufchen ohne Qualitätskontrolle
„Vermeiden Sie, dass Gubacca draußen jeden Grashalm ableckt“, gab mir die Tierärztin noch mit auf den Weg. „Ich weiß, ganz verhindern kann man das nicht, aber versuchen Sie es so gut wie möglich.“
Wer mich kennt, kann sich ungefähr vorstellen, was aus diesem Satz in meinem Kopf wurde. Den Teil mit dem „ganz verhindern kann man das nicht“ habe ich offenbar direkt wieder gelöscht.
Von nun an stand jedes Schnüffeln unter Beobachtung. Nase unten: noch in Ordnung. Zunge auch nur einen Millimeter nach vorne: GUBACCA!
Ich hatte plötzlich bei jedem Grashalm das Gefühl, persönlich eingreifen zu müssen. Normales Schnüffeln war damit für die nächsten Tage leider nicht mehr vorgesehen. Jedenfalls nicht unbeaufsichtigt.
Besonders schwierig wurde es allerdings, sobald Gubacca sich hinhockte. Sofort hielt ich innerlich die Luft an: Hoffentlich nicht wieder Dünnpfiff. Kam dann tatsächlich etwas Festes, hätte ich mich eigentlich freuen können. Stattdessen war das Häufchen plötzlich viel zu klein. Nicht, dass der Darm jetzt nichts mehr richtig transportierte.
Man sieht: Wer wirklich entschlossen ist, findet auch im Erfolg noch zuverlässig ein neues Problem.
Gubaccas Stuhlgang hatte sich innerhalb weniger Tage von einem privaten Geschäft zu einem Thema von übergeordneter Bedeutung entwickelt. Kein Häufchen wurde mehr unbeobachtet erledigt.
Parallel dazu unterlag Gubaccas Speiseplan selbstverständlich strengsten Auflagen. Schonkost. Kleine Portionen. Tabletten. Darmpulver. Keine Experimente. Der gesamte Haushalt hatte sich inzwischen auf die neue Lage eingestellt.
Dachte ich.
Bis der Göttergatte am Abend völlig arglos fragte:
„Kann Gubacca nicht wieder sein Leberwurstschnittchen bekommen?“
Ich glaube, ich habe ihn einen Moment lang nur angesehen.
Leberwurstschnittchen?
Jetzt?
Während ich morgens um sieben Diätnahrung koche, draußen jede Zungenbewegung überwache und Gubaccas Ausscheidungen inzwischen einer Qualitätskontrolle unterliegen, möchte dieser Mann Leberwurst servieren?
Offenbar war völlig an ihm vorbeigegangen, dass unser Haushalt seit Tagen unter der Leitung des Bundesamtes für Gubaccas Darmgesundheit stand.
Gubacca hingegen blickte vermutlich zum ersten Mal seit Beginn dieser Krise hoffnungsvoll auf den Göttergatten.
Endlich einer, der hier noch vernünftige Vorschläge macht.
Gubacca wird ruhiger. Ich schaue genauer hin.
Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass es bei diesem ganzen Theater gar nicht nur um Durchfall ging.
Gubacca ist älter geworden. Und damit hat sich auch mein Blick auf seine Gesundheit verändert.
Früher war ein Durchfall erst einmal ein Durchfall. Unangenehm, lästig, meistens nach ein paar Tagen vergessen. Heute schiebt sich viel schneller ein Gedanke dazwischen, den ich eigentlich gar nicht denken möchte: Was, wenn diesmal doch etwas dahintersteckt?
Einen Hund schon so viele Jahre an seiner Seite zu haben bedeutet auch, jede Marotte, jedes Geräusch und jeden Blick ziemlich genau zu kennen. Dadurch fällt natürlich schneller auf, wenn etwas anders ist. Das kann hilfreich sein. Bei mir reicht eine kleine Veränderung inzwischen allerdings manchmal auch dafür, dass mein Kopf schon drei Straßen weiter ist als Gubacca.
Aus aufmerksam wird besorgt. Aus besorgt wird Google. Und irgendwann stehe ich da und begutachte ein winziges Häufchen, als hinge davon die weitere Weltlage ab.
Gubacca ist mit den Jahren gelassener geworden.
Ich dagegen habe offenbar beschlossen, die fehlende Aufregung auf meiner Seite nachzuliefern.
Inzwischen darf Gubacca draußen wieder schnüffeln, ohne dass jede Zungenbewegung protokolliert wird. Auch das Wort „Leberwurstschnittchen“ ist im Haus wieder zugelassen.
Und ich habe mir fest vorgenommen, beim nächsten kleinen gesundheitlichen Zwischenfall vollkommen ruhig und vernünftig zu bleiben.
Schließlich habe ich seit meinem 18. Lebensjahr Hunde. Ich habe Erfahrung. Ich weiß, dass nicht jeder weiche Haufen das Ende der Zivilisation ankündigt.
Der nächste Durchfall kann also kommen.
Wobei …
vielleicht lieber nicht.
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