Es gibt Entscheidungen im Leben, die trifft man mit dem Kopf. Und dann gibt es Entscheidungen, die trifft man in einem Möbelhaus, während man auf einem hellbeigen Wohnzimmerteppich steht und sich einredet, dass das schon irgendwie gutgehen wird. Ich gehöre offenbar zur zweiten Gruppe. Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Wirklich. Ich lebe schließlich nicht allein. Ich teile mein Zuhause mit einem langhaarigen Katalanischen Schäferhund, der in unserer Familie heiß und innig geliebt wird. Meine Schwester und meine Eltern freuen sich jedes Mal, wenn Gubacca zu Besuch kommt. Er wird begrüßt, gekrault, bewundert und liebevoll mit Sätzen empfangen wie: „Ach, da ist ja die größte Dreckschleuder der Welt!“
Es gibt Entscheidungen im Leben, die trifft man mit dem Kopf. Und dann gibt es Entscheidungen, die trifft man in einem Möbelhaus, während man auf einem hellbeigen Wohnzimmerteppich steht und sich einredet, dass das schon irgendwie gutgehen wird. Ich bin die unangefochtene Anführerin der zweiten Gruppe.
Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Schon im Möbelhaus hörte ich in meinem Kopf meine Familie sagen: „Das ist jetzt nicht dein Ernst, Bine?!“ Sie kennen Gubacca. Ich kenne Gubacca. Und sie hätten mit ihren gut gemeinten Ratschlägen so gar recht. Bei meiner Schwester und meinen Eltern ist Gubacca ein gern gesehener Gast keine Frage. Er wird begrüßt, gekrault, bewundert und ungefähr im selben Atemzug liebevoll „die größte Dreckschleuder der Welt“ genannt. Was hart klingt. Aber fair ist. Gubacca bringt schließlich selten nur sich selbst mit. Irgendwas hängt immer im Fell. Fell sowieso. Dazu Sand, Erde, kleine Ästchen, Gras und gelegentlich Fundstücke, über deren Herkunft ich im Sinne des Familienfriedens nicht weiter nachdenken möchte.
Staubsaugen oder Wischen vor einem Gubacca-Besuch? Kann man machen. Man kann sich aber auch einfach hinsetzen und warten, bis der Herr eingetroffen ist. Denn kaum hat Gubacca die Wohnung betreten, ist der vorherige Zustand der Böden nur noch eine vage Erinnerung. Eben war hier doch noch sauber. Ein schöner Gedanke. Kurz. Aber schön. Natürlich bemühe ich mich immer, mit einem sauberen Hund anzukommen. Das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich festhalten. Ich bin stets bemüht. Und wir wissen alle, was das bedeutet. Beim Aussteigen aus dem Auto sieht Gubacca meistens noch ganz ordentlich aus. Ein bisschen zersauselt vielleicht, aber vorzeigbar. Besuchstauglich. Der war gerade draußen, ja. Aber es ist noch im Rahmen.
Dann macht er drei Schritte durch den Flur. Drei. Und irgendwo aus den Tiefen seines Fells rieselt ein kleines Biotop. Etwas Grünzeug hier, ein trockenes Hälmchen dort, ein bisschen Waldboden für die Atmosphäre. Als hätte er unterwegs beschlossen, der Familie ein Stück Natur mitzubringen. Sehr aufmerksam eigentlich. Kaum angekommen, muss selbstverständlich auch sofort getrunken werden. Denn Wasser schmeckt woanders bekanntlich besser. Das ist ein Naturgesetz. Direkt danach tropft das Bärtchen noch einmal quer durch den Raum, damit auch wirklich alle merken: Der Gast ist da.
Und das macht er natürlich nicht nur bei anderen. Das macht er auch bei uns. Was mich zu meiner Einrichtung bringt. Ich liebe helle Räume. Naturtöne. Holz. Körbe. Ruhige Farben. Diesen warmen Boho-Stil, der für mich nach Meer, Leichtigkeit und ein bisschen Urlaub im Alltag aussieht. Nicht perfekt, nicht steif, sondern hell, gemütlich und entspannt. Genau diese Mischung, bei der man kurz vergisst, dass man einen langhaarigen Hund hat.
Die Realität holt mich regelmäßig schnell wieder ein, denn ich wohne mit einem Hund zusammen, dessen Fell draußen offenbar auf Magnetbetrieb läuft. Alles, was unterwegs nicht festgewachsen ist, kommt mit nach Hause. Meine Liebe zu heller Einrichtung ist also keine Stilfrage. Sie ist ein Risikosport.
Vor Kurzem standen der Göttergatte und ich im Möbelhaus. Wir wollten eigentlich nur mal schauen. Das sagt man ja gern so, kurz bevor man Dinge kauft, von denen man bis dahin noch gar nicht wusste, dass man sie unbedingt braucht. Und dann lag er da. Ein Traum in hellbeige. Hell, weich, ein bisschen wie Urlaub für die Füße. Genau dieser Teppich, der einem zuflüstert:„Mit mir sieht dein Wohnzimmer aus wie aus einem Wohnmagazin. Also zumindest aus einem, in dem keine Hunde leben.“ Ich war verliebt.
Der Göttergatte sah den Teppich. Dann sah er mich an. Dann dachte er vermutlich an Gubacca. „Meinst du, das macht Sinn mit Gubacca?“ Eine berechtigte Frage. Leider.
Denn in diesem Moment trafen zwei Kräfte aufeinander, die in etwa gleich stark sind: mein Wunschdenken und die harte Realität. Die harte Realität sagte: „Du hast einen langhaarigen Hund mit Bart, Pfoten und einem beeindruckenden Talent, draußen nach innen zu tragen.“ Mein Wunschdenken sagte: „Aber der Teppich ist so schön.“
Und wie das mit Wunschdenken nun mal ist: Es kennt die Fakten, nimmt sie zur Kenntnis und schiebt sie dann sehr elegant zur Seite. Ich begann also, mir die Fakten schönzureden. Gubacca geht ja nie aufs Sofa. Das stimmt tatsächlich. Also zumindest im Wohnzimmer. Im Arbeitszimmer ist das eine andere Geschichte, aber darüber breiten wir heute den Mantel des Schweigens. Einen hellbeigen natürlich. Außerdem liegt Gubacca gar nicht so gern auf Teppichen. Auch das war bisher richtig. Meistens kommt er abends kurz ins Wohnzimmer, lässt sich kraulen, nimmt die Huldigung entgegen und verschwindet dann wieder auf den kühlen Boden. Der Herr bevorzugt klare Temperaturen und strategisch günstige Liegeplätze.
Und nach Spaziergängen verlasse ich mich ohnehin nicht auf diesen sagenumwobenen Selbstreinigungsprozess, von dem manche Hundehalter sprechen. Bei Gubacca funktioniert der nur sehr eingeschränkt. Also eigentlich gar nicht. Wenn Gubacca dreckige Pfoten hat, dann bleiben sie dreckig, bis ich etwas dagegen unternehme. Von allein passiert da wenig. Außer dass sich die Spuren gleichmäßig im Haus verteilen. Deshalb gibt es bei uns die Pfotendusche. Keine Wellness, eher Katastrophenschutz.
So stand ich also im Möbelhaus und argumentierte innerlich wie eine Anwältin für beige Textilien. Er liegt nicht auf Teppichen. Er geht nicht aufs Sofa. Ich wasche ihm die Pfoten. Wir schaffen das.
Der Göttergatte blieb skeptisch. Ich blieb optimistisch. Und eine Woche später zog der hellbeige Boho-Traum bei uns ein. Er wurde ausgerollt. Er lag da. Wunderschön. Hell. Weich. Für einen kurzen Moment sah alles genauso aus, wie ich es mir im Möbelhaus vorgestellt hatte. Und dann kam Gubacca.
Er betrat das Wohnzimmer, sah den Teppich und traf eine Entscheidung.Sucht man Gubacca, muss man nicht lange überlegen. Man schaut einfach ins Wohnzimmer. Dort liegt er. Lang ausgestreckt. Tiefenentspannt. Mitten auf dem hellbeigen Boho-Traum. Als hätte er nie etwas anderes gewollt.
Kein kurzer Besuch. Kein „ich lasse mich mal eben kraulen und gehe dann wieder“. Nein. Der Hund wohnt jetzt dort. Es war Liebe auf den ersten Blick. Oder besser gesagt: Liebe auf den ersten Fellabdruck.
Ich gebe zu, ich war überrascht. Nicht, weil Gubacca schöne Dinge erkennt. Das kann er. Er hat schließlich Geschmack. Er hat mich als Frauchen ausgesucht, da wollen wir mal nicht kleinlich sein. Aber dass ausgerechnet dieser Hund, der Teppiche sonst eher wie dekorative Umwege behandelt, plötzlich seinen inneren Wohnblogger entdeckt, kam unerwartet.
Vielleicht fühlt er sich dort besonders gut in Szene gesetzt. Vielleicht harmoniert sein Fell mit Beige. Vielleicht hat er auch nur gemerkt, dass dieser Teppich genau die richtige Bühne für einen Rüden ist, der weiß, wie man Räume betritt und anschließend übernimmt.
Seitdem liege ich gedanklich auf der Lauer. Nicht wegen Gubacca. Wegen des Teppichs. Wie lange hält so ein hellbeiger Boho-Traum dem echten Leben stand? Wie viele Spaziergänge, Bärtchentropfen, Pfotenabdrücke, Krümel, Fellflusen und kleine Naturgeschenke verkraftet er? Und vor allem: Wird er irgendwann noch hellbeige sein oder diese ganz eigene Farbe annehmen, die man nur kennt, wenn man mit Hund lebt?
Wir wissen es nicht. Noch ist alles gut. Noch rede ich mir ein, dass das eine stabile Beziehung werden kann. Der Teppich und Gubacca. Gubacca und der Teppich. Zwei, die sich gesucht und offensichtlich gefunden haben. Ob die Liebe zweiseitig ist, bleibt allerdings offen. Gubacca wirkt sehr glücklich. Der Teppich sagt nichts. Was vermutlich besser ist.
In den letzten Tagen hat mich, wie viele andere auch, das Schicksal des Buckelwals beschäftigt, den viele als „Hope“ kennen und der in den Medien auch „Timmy“ genannt wurde. Morgens ging mein erster Blick auf den Liveticker im Internet, abends las ich mich durch die vielen Beiträge dazu. Aus „nur mal eben schauen“ wurde ziemlich schnell dieses stille Mitfiebern, bei dem man plötzlich merkt: Mist. Jetzt hängt mein Herz an einem Wal in der Ostsee. Und gleichzeitig war da natürlich diese andere Seite. Rund um Hope gab es viele Meinungen. Kritische, vorsichtige und hoffnungsvolle. Genau das gehört wohl zu so einer Geschichte dazu. Nicht jede Rettung ist einfach. Nicht jede Entscheidung ist eindeutig. Von außen lässt sich manches schneller sagen, als es sich vor Ort verantworten lässt.
Manchmal ist es schon eines, wenn jemand nicht allein bleibt.“
In den letzten Tagen hat mich, wie viele andere auch, das Schicksal des Buckelwals beschäftigt, den viele als „Hope“ kennen und der in den Medien auch „Timmy“ genannt wird. Morgens ging mein erster Blick auf den Liveticker im Internet, abends las ich mich durch die vielen Beiträge dazu. Aus „nur mal eben schauen“ wurde ziemlich schnell dieses stille Mitfiebern, bei dem man plötzlich merkt: Mist. Jetzt hängt mein Herz an einem Wal in der Ostsee.
Und gleichzeitig war da natürlich diese andere Seite. Rund um Hope gab es viele Meinungen. Kritische, vorsichtige und hoffnungsvolle. Genau das gehört wohl zu so einer Geschichte dazu. Nicht jede Rettung ist einfach. Nicht jede Entscheidung ist eindeutig. Von außen lässt sich manches schneller sagen, als es sich vor Ort verantworten lässt.
Was mich daran nicht losgelassen hat, war nicht nur das Schicksal dieses Wals. Mich hat bewegt, wie viele Menschen sich für ihn eingesetzt haben. Da waren Menschen, die bereit waren, eine aufwendige und sicher alles andere als günstige Rettungsaktion zu finanzieren, weil sie nicht einfach hinnehmen wollten, dass ein Tier in Not aufgegeben wird. Da waren Einsatzkräfte, Helferinnen und Helfer, Fachleute und Unterstützer, die über Tage drangeblieben sind. Die diskutiert, abgewogen, ausprobiert und weitergedacht haben, auch wenn es nicht einfach war und von außen längst nicht alle einer Meinung waren.
Und ja, natürlich kann man über vieles sprechen. Über Sinn und Risiko. Über Chancen und Grenzen. Über das, was man tun sollte, und das, was man besser lässt. Aber was ich daran so berührend fand, war dieser Wille, überhaupt noch nach einem Weg zu suchen. Denn mal ehrlich: Wer hätte vorher gedacht, dass ein Buckelwal irgendwann in einer Art Privat-Taxi zurück Richtung Nordsee gebracht wird?
Das klingt erst einmal absurd. Fast wie eine Geschichte, bei der man denkt: Jetzt übertreiben sie aber. Und gleichzeitig zeigt es etwas, das mir sehr naheging. Manchmal braucht Hilfe nicht nur Wissen und Kraft. Manchmal braucht sie auch Phantasie. Menschen, die ungewöhnlich denken. Menschen, die sich trauen, einen Plan zu verfolgen, obwohl er nicht in die Schublade „haben wir immer schon so gemacht“ passt.
Und wahrscheinlich braucht es auch eine ordentliche Portion Mut. Nicht diesen lauten Heldentum-Mut mit Fanfare und dramatischem Blick in die Ferne. Sondern den anderen. Den praktischen. Den, bei dem man irgendwann sagt: „Wir wissen nicht, ob es gelingt. Aber wir versuchen es trotzdem.“ Und genau das hat mich berührt. Nicht, weil Hope damit sicher gerettet werden konnte. Sondern weil da ein Lebewesen in Not war. Und Menschen nicht weggesehen haben.
Sie waren da.
Sie blieben da.
Und sie haben versucht, möglich zu machen, was erst einmal ziemlich unmöglich klang.
Und dann kam dieser entscheidende Moment. Ich hatte die Rettung so lange verfolgt, mitgefiebert und immer wieder auf neue Meldungen geschaut. Ausgerechnet als es ernst wurde, saß ich in einer Teamsitzung. Also genau dort, wo man schlecht aufspringen und rufen kann: „Entschuldigung, ich muss kurz nach dem Wal sehen.“
Nach der Sitzung griff ich sofort zum Handy. Da war eine Nachricht von meiner Schwester: „Sie haben es geschafft. Er ist drin!“ Ich hätte in diesem Moment am liebsten einen Luftsprung gemacht. Innerlich habe ich ihn auch gemacht. Äußerlich vermutlich eher so eine Mischung aus Bürobeherrschung und viel zu breitem Grinsen.
Zuhause habe ich mir dann als Erstes diesen Moment im Internet angesehen. Den Moment, in dem Hope tatsächlich in die Barge schwamm. In sein Hope-Taxi. Und ich musste lachen. Weil es plötzlich so selbstverständlich aussah. Als würde da kein zwölf Meter langer Buckelwal in eine Transport-Barge schwimmen, sondern ein Fahrgast einsteigen, der kurz prüft, ob die Adresse stimmt. Einsteigen, einmal umsehen, passt, los bitte.
Diese Selbstverständlichkeit hatte etwas Unglaubliches. Gerade, weil vorher kaum jemand wirklich sicher daran geglaubt hatte, dass genau dieser Schritt gelingen würde. Und dann saß ich vor meinem Laptop, schaute auf die Menschen im Wasser und merkte, wie mir die Tränen liefen. Da standen sie im kalten Wasser. Erschöpft, angespannt, wahrscheinlich völlig durchgefroren. Und dann dieser Moment, in dem klar war: Er ist drin. Dieser eine, riesige Schritt ist geschafft.
Man sah Menschen lachen. Man sah Menschen weinen. Man sah diese Erleichterung, die sich nicht mehr hinter einer zuversichtlichen Miene verstecken musste. Nicht, weil damit alles sicher war. Nicht, weil plötzlich feststand, wie die Geschichte ausgeht. Sondern weil in diesem Moment sichtbar wurde, wie viel es bedeuten kann, wenn Menschen nicht wegsehen.
Ein Lebewesen war in Not.
Und andere blieben da.
Während ich hier sitze und diesen Text schreibe, ist die Rettung von Hope noch nicht vorbei. Der erste große Schritt ist geschafft, aber Wind, Wellen und der schwierige Weg Richtung Nordsee zeigen, wie heikel diese Reise noch immer ist. Aus dem großen Moment in der Barge ist noch kein Happy End geworden, sondern erst einmal ein Weiterhoffen.
Ich werde Hopes Reise weiter verfolgen und wünsche mir sehr, dass aus diesem mutigen Versuch am Ende ein guter neuer Anfang wird. Die Vorstellung, dass er tatsächlich wieder in die Freiheit entlassen werden kann, möglichst in der Nähe anderer Wale, ist so schön, dass ich gar nicht anders kann, als weiter darauf zu hoffen.
Genau das hält mich an dieser Geschichte so fest.
Nicht nur der Wal.
Sondern dieses gemeinsame Hoffen. Dieses Dranbleiben. Dieses „Wir versuchen es“, obwohl niemand garantieren kann, dass es reicht.
Und deshalb bleibt für mich dieses Zitat für den Mai:
Manchmal ist es schon eines, wenn jemand nicht allein bleibt.
Souveränität ist so ein Wort, das im Hundekontext schnell fällt und dabei erstaunlich unklar bleibt. Meist ist damit ein Hund gemeint, der ruhig bleibt, gelassen wirkt und sich von seiner Umwelt nicht gleich aus der Bahn werfen lässt. Klingt erst mal gut. Trifft es aber nur halb. Denn ein souveräner Hund ist nicht einfach einer, dem alles egal ist. Er muss auch nicht alles stoisch ertragen oder völlig unbeeindruckt durch jede Situation laufen. Und nur weil ein Hund still ist, heißt das noch lange nicht, dass er innerlich wirklich entspannt ist.
Souveränität ist so ein Wort, das im Hundekontext ständig fällt und dabei erstaunlich unklar bleibt. Meistens stellen wir uns darunter einen Hund vor, der wie eine Statue alles an sich abperlen lässt. Aber Souveränität heißt nicht, dass dem Hund alles egal ist oder er stoisch jede Situation erträgt. Vor allem: Nur weil ein Hund still ist, heißt das noch lange nicht, dass er innerlich wirklich entspannt ist.
Für mich bedeutet echte Souveränität vielmehr die Fähigkeit, Reize wahrzunehmen, ohne sofort impulsiv, unsicher oder kontrollierend reagieren zu müssen. Ein souveräner Hund bemerkt seine Umwelt, ordnet sie ein und kann sie im besten Fall wieder loslassen – ohne jede Bewegung zu bewerten oder jede Situation sofort mit einer eigenen Handlung füllen zu wollen.
Entscheidend ist nämlich nicht das äußere Nichtstun, sondern das, was innerlich passiert: Bleibt der Hund ansprechbar? Kann er die Situation aushalten, ohne sich sofort zuständig zu fühlen? Genau da beginnt die echte Souveränität – weit weg von bloßer Unbeeindrucktheit.
Ist Souveränität angeboren oder entwickelt sie sich erst?
Wie so oft liegt die ehrliche Antwort irgendwo zwischen „so ist der Hund eben“ und „das muss man nur richtig trainieren“. Natürlich bringen Hunde unterschiedliche Voraussetzungen mit. Manche wirken von klein auf stabiler, unaufgeregter oder robuster im Umgang mit Reizen. Andere sind schneller wach, schneller angespannt und schneller dabei, ihre Umwelt genau zu beobachten und auf Veränderungen zu reagieren. Das ist kein Erziehungsfehler, sondern erst einmal Veranlagung.
Damit ist aber längst nicht alles entschieden. Denn Souveränität ist keine feste Eigenschaft, die ein Hund entweder mitbringt oder eben nicht. Sie entwickelt sich auch durch Erfahrungen. Durch Situationen, die er gut bewältigen kann. Durch Wiederholungen. Durch Orientierung. Und durch einen Alltag, in dem er nicht ständig das Gefühl hat, selbst die Verantwortung übernehmen zu müssen.
Ein Hund, der immer wieder erlebt, dass etwas harmlos ist, muss mit der Zeit nicht mehr so schnell in Alarmbereitschaft gehen. Ein Hund, der seinen Menschen als klar und verlässlich erlebt, kann eher loslassen. Und ein Hund, der nicht dauernd überfordert wird, hat überhaupt erst die Chance, Gelassenheit zu entwickeln, statt nur immer schneller auf Anspannung umzuschalten.
Souveränität ist also weder reine Charakterfrage noch etwas, das man dem Hund einfach antrainiert wie ein Sitz oder Platz. Sie entsteht im Zusammenspiel aus Anlage, Lernerfahrung und Alltag. Und das ist für mich der entscheidende Punkt: Nicht jeder Hund wird in jeder Situation souverän sein. Aber viele Hunde können lernen, in bestimmten Momenten ruhiger, sicherer und weniger schnell das Gefühl zu haben, selbst eingreifen zu müssen.
Warum ist Souveränität gerade beim Gos so ein spannendes Thema?
Weil diese Hunde nicht dafür gemacht sind, alles stoisch zu ignorieren. Ein Gos erfasst Dynamiken blitzschnell und fühlt sich oft direkt zuständig. Er ist kein Typ für das einfache „Abhaken“ von Reizen. Souveränität bedeutet bei ihm deshalb nicht, dass er nichts merkt, sondern dass er lernt, trotz seiner Wachsamkeit nicht sofort in den Handlungsmodus zu schalten.
Die Herausforderung beim Gos ist schließlich selten, dass er zu wenig mitbekommt. Im Gegenteil: Er nimmt alles wahr, bewertet blitzschnell und ist meistens nur einen Wimpernschlag von dem Gedanken entfernt, dass man die Sache jetzt besser selbst regeln sollte. Genau das ist der entscheidende Punkt: Wo hört die reine Aufmerksamkeit auf und wo beginnt die gefühlte Zuständigkeit?
Bei Gubacca merkt man ziemlich gut, dass Souveränität nicht bedeutet, dass ein Hund immer und überall gleich reagiert. Er kann in vielen Situationen erstaunlich gelassen sein. Im Urlaub braucht er nicht lange, um an einem neuen Ort anzukommen. Lange Autofahrten mit Zwischenstopps? Machen ihm gar nichts aus. Bei einer Weihnachtsfeier im Büro wurde einmal kurz die Lage gecheckt, jeder begrüßt und danach war für ihn offenbar alles erledigt: Er verzog sich in eine Ecke und schlief. Ähnlich entspannt war er schon als Welpe, als neue Fenster eingebaut wurden – Gubacca lag mitten im größten Handwerker-Trubel und pennte.
Das zeigt: Es geht beim Gos nicht um mangelnde Belastbarkeit oder schwache Nerven. Wenn eine Situation für ihn klar ist, kann er vieles erstaunlich stoisch hinnehmen. Die echte Herausforderung beginnt erst dort, wo Dynamik, soziale Spannung oder Druck ins Spiel kommen. Also genau da, wo die Situation eben nicht mehr statisch ist, sondern sich sein innerer Schalter fast automatisch auf „Zuständig“ umlegt.
Wie kann Souveränität im Alltag wachsen?
So schön das Wort auch klingt: Souveränität lässt sich nicht verordnen. Sie ist kein Trainingsziel, das man nach genug Wiederholungen einfach abhaken kann. Aber man kann Bedingungen schaffen, unter denen sie wachsen kann.
Ein wichtiger Punkt ist für mich, den Hund nicht ständig in Situationen zu bringen, die er nur mit Mühe aushält, aber nicht verarbeiten kann. Ein Hund wird nicht souveräner, wenn er ständig über seine Grenzen geschubst wird – er wird höchstens schneller, heftiger oder früher reagieren.
Was stattdessen hilft, ist Routine. Wenn Gubacca Dinge immer wieder erlebt und als harmlos abspeichert, muss er sie nicht bei jeder Gelegenheit neu bewerten. Das ist oft unspektakulär, aber wirksam. Dazu kommt der Abstand: Gerade für Hunde, die sich schnell zuständig fühlen, ist Distanz keine Schwäche. Sie ist oft die einzige Voraussetzung dafür, dass überhaupt noch ruhiges Verhalten möglich ist. Steckt der Hund erst einmal mitten in seiner Alarmzone, ist Souveränität nur noch ein schöner theoretischer Wunsch.
Und dann ist da noch der Mensch. Nicht im Sinne von „Du musst nur souverän genug sein, dann wird dein Hund es auch“ – so einfach ist es nun wirklich nicht. Aber ein Gos orientiert sich daran, ob jemand eine Lage klar einschätzt. Er muss nicht dauernd besänftigt werden; ihm hilft es mehr, wenn sein Mensch glaubwürdig zeigt: „Ich habe das gesehen. Du musst das nicht übernehmen.“
Bei Gubacca merke ich genau das. Ein ernst gemeintes „Lass es“ mit der passenden Körpersprache macht im richtigen Moment den Unterschied. Nicht als Zauberwort, sondern weil er merkt, ob ich es nur sage oder ob ich es auch so meine.
Am Ende ist Souveränität viel unspektakulärer, als das Wort vermuten lässt. Sie zeigt sich nicht in demonstrativer Coolness, sondern in den kleinen Momenten, in denen er etwas bemerkt und trotzdem nicht sofort einsteigt. Nicht alles bewerten. Nicht alles regeln. Nicht aus allem eine Aufgabe machen. Für einen Gos ist das keine Kleinigkeit. Es ist die eigentliche Kunst.
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Manchmal sind es keine großen Trainingspläne, sondern kleine Veränderungen im Alltag, die plötzlich einen Unterschied machen.
Ein liebevoller Blick auf Gubaccas ganz eigene Art, den Alltag zu gestalten und mich mit seinen kleinen Marotten zuverlässig zum Grinsen zu bringen.
Über Wunschbilder im Kopf, den erwachsenen Gubacca und die Frage, warum wir uns oft viel lieber das Schwierige als das Gute ausmalen.
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