Ich sehe ihn meistens einen Moment später als Gubacca. Irgendwo weiter vorne taucht ein großer Hund auf. Gubacca hat ihn natürlich längst entdeckt. Der Kopf geht ein kleines Stück höher, der Blick bleibt hängen und ich weiß ziemlich genau, was jetzt als Nächstes kommt, wenn wir einfach weiter geradeaus laufen. Früher begann an dieser Stelle mein inneres Rechenzentrum zu arbeiten. Wie breit ist der Weg? Wie weit ist der andere Hund noch entfernt? Kann ich Gubacca auf die andere Seite nehmen? Soll ich stehen bleiben? Vielleicht klappt es heute ja. Irgendwann muss er schließlich lernen, auch an einem anderen Rüden vorbeizugehen.
Ich sehe ihn meistens einen Moment später als Gubacca. Irgendwo weiter vorne taucht ein großer Hund auf. Gubacca hat ihn natürlich längst entdeckt. Der Kopf geht ein kleines Stück höher, der Blick bleibt hängen und ich weiß ziemlich genau, was jetzt als Nächstes kommt, wenn wir einfach weiter geradeaus laufen.
Früher begann an dieser Stelle mein inneres Rechenzentrum zu arbeiten. Wie breit ist der Weg? Wie weit ist der andere Hund noch entfernt? Kann ich Gubacca auf die andere Seite nehmen? Soll ich stehen bleiben? Vielleicht klappt es heute ja. Irgendwann muss er schließlich lernen, auch an einem anderen Rüden vorbeizugehen.
Heute fällt meine Entscheidung meistens deutlich schneller aus. Wenn es möglich ist, wechsle ich die Straßenseite.
Fertig.
Das klingt vollkommen unspektakulär. Für mich war es das lange Zeit allerdings überhaupt nicht. Denn Ausweichen fühlte sich früher verdächtig nach Niederlage an.
Aber der Hund muss das doch lernen!
Diesen Satz hatte ich erstaunlich fest im Kopf. Und ganz aus der Luft gegriffen war er nicht. Viele Hundetrainer, mit denen ich im Laufe der Jahre zu tun hatte, sahen schwierige Hundebegegnungen vor allem als Lernchance. Wenn ein anderer Hund auftauchte, war das eben eine Gelegenheit zu üben. Ruhig bleiben, ansprechbar sein, vorbeigehen und möglichst gestärkt aus der Situation herauskommen.
Das klang für mich lange sehr logisch. Schließlich wollte ich ja nicht für den Rest unseres gemeinsamen Lebens bei jedem großen Rüden die Straßenseite wechseln. Gubacca sollte lernen, dass ihm andere Hunde begegnen können, ohne dass daraus gleich eine Angelegenheit von höchster Dringlichkeit wird. Und natürlich haben wir genau das auch trainiert.
Trotzdem blieb bei mir mit der Zeit ein ungutes Gefühl hängen. Denn aus der Lernchance wurde in meinem Kopf irgendwann fast eine Verpflichtung: Wenn ich auswich, hatte ich eine Gelegenheit verstreichen lassen. Wenn ich einen Bogen lief, statt an einem Hund vorbeizugehen, hatte ich es mir irgendwie zu leicht gemacht.
Meine Trainerin Gabi war später diejenige, die mir eine ganz andere Sicht darauf eröffnete. Für sie hatte es viel mit Achtsamkeit dem eigenen Hund gegenüber zu tun. Nicht jede Situation muss genutzt werden, nur weil sie gerade vor einem auftaucht. Man darf auch sehen, dass der Hund heute schon angespannt ist, dass der Abstand zu gering wird oder dass diese eine Begegnung gerade schlicht nichts bringt außer Stress.
Das war für mich tatsächlich ein ziemlich großer Gedankenwechsel. Ausweichen bedeutete plötzlich nicht mehr automatisch, dass wir etwas nicht geschafft hatten. Es konnte genauso gut heißen: Ich habe gesehen, was mein Hund gerade braucht, und entsprechend gehandelt. Diese Sichtweise hat übrigens vieles von dem geprägt, was ich heute unter Verstehen statt Erziehen verstehe: nicht nur darauf zu schauen, was der Hund gerade tut, sondern auch darauf, warum eine Situation für ihn schwierig wird.
Mit dieser neuen Erkenntnis hätte das Thema für mich eigentlich erledigt sein können. Wenn da nicht die anderen Hundebesitzer wären.
Alle können das. Nur wir wieder nicht.
Denn so vernünftig man sich das alles vorher zurechtlegen kann, in dem Moment, in dem der eigene Hund in der Leine hängt und der entgegenkommende Vierbeiner vollkommen ungerührt an einem vorbeischlendert, macht das trotzdem etwas mit einem.
Zumindest mit mir.
Der andere Hund läuft vorbei, als wäre überhaupt nichts passiert. Gubacca findet die Angelegenheit dagegen durchaus erwähnenswert. Und ich stehe am anderen Ende der Leine und habe für einen kurzen Moment das Gefühl, dass gerade jeder im Umkreis von hundert Metern gesehen hat, wer hier offenbar seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.
Alle anderen können das. Nur wir nicht. Willkommen im Club der größten Hundehalter-Loser ever, ever, ever.
Natürlich ist das Quatsch. Das weiß ich heute auch. Ich weiß inzwischen sogar, dass vermutlich ein beträchtlicher Teil der Menschen überhaupt nicht über uns nachdenkt, sondern einfach seinen eigenen Spaziergang fortsetzt. Aber es gibt eben auch die anderen.
Manche schauen nur. Andere ziehen ein wenig die Augenbraue hoch. Und einige besitzen dieses ganz besondere Talent, einem bereits aus der Entfernung zu vermitteln, dass sie dieses Problem selbstverständlich nicht hätten. Was vermutlich sogar stimmt, schließlich läuft ihr Hund gerade ziemlich unbeeindruckt an uns vorbei.
Noch schöner: Die, die es ganz genau wissen
Eine besondere Kategorie sind für mich allerdings Hundebesitzer, die sehr wohl wissen, dass ihr eigener Hund bei Begegnungen ein Thema hat und trotzdem mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit auf uns zulaufen.
Ich weiche nach rechts aus. Sie kommen mit. Ich gehe ein Stück auf die Wiese. Sie ebenfalls. Ich versuche, einen größeren Bogen zu laufen, während mir Gubacca am anderen Ende der Leine inzwischen ziemlich eindeutig mitteilt, dass er den Sinn dieser gemeinsamen Wanderbewegung nicht versteht. Und manchmal möchte ich tatsächlich fragen: „Entschuldigung, sollen wir uns vielleicht einfach irgendwo in der Mitte treffen? Dann haben wir es schneller hinter uns.“
Denn genau darum geht es für mich inzwischen: Wenn zwei Hunde offensichtlich keinen Wert auf nähere Bekanntschaft legen, warum müssen wir Menschen dann unbedingt dafür sorgen? Gubacca braucht keinen Begrüßungskontakt mit jedem Hund, dem wir begegnen. Und er muss auch nicht beweisen, dass er einen großen fremden Rüden in einem Abstand von anderthalb Metern kommentarlos passieren kann.
Theoretisch wäre das sicherlich schön. Praktisch habe ich inzwischen andere Hobbys.
Ausweichen heißt für mich nicht flüchten
Es gab allerdings auch eine Variante des Ausweichens, bei der ich mich nie wohlgefühlt habe. Eine Bekannte von mir hatte ebenfalls einen Hund, bei dem Begegnungen schwierig werden konnten. Sobald irgendwo ein anderer Hund auftauchte, änderte sich schlagartig ihre gesamte Körpersprache: „Da kommt ein Hund!“ Und schon verschwand sie mit ihrem eigenen in der nächsten Garageneinfahrt. Dabei wirkte es weniger wie ein ruhiges Ausweichen als vielmehr wie: Hauptsache schnell weg. Der Hund wurde hektisch, sie wurde hektisch und obwohl der entgegenkommende Vierbeiner noch ein gutes Stück entfernt war, herrschte auf unserer Seite bereits Alarmstufe Rot. Das kann für mich auch nicht die Lösung sein.
Wenn ich heute mit Gubacca die Seite wechsle, möchte ich genau das Gegenteil. Kein Drama, kein hektisches Zerren an der Leine und kein plötzliches „Oh Gott, da kommt einer!“. Wir gehen eben rüber. Ruhig, möglichst früh und mit so viel Abstand, wie es die Situation gerade zulässt. Allerdings wechsle ich nicht bei jedem entgegenkommenden Hund automatisch die Straßenseite. Warum sollte ich auch? Viele Begegnungen sind für Gubacca überhaupt kein Problem. Ich möchte schließlich nicht aus jedem Hund, der irgendwo am Horizont auftaucht, vorsorglich ein Ereignis machen.
Wann ich bei Hundebegegnungen ausweiche
Gubacca reagiert häufig erst einmal grundsätzlich auf einen Hund, den er nicht kennt. Für mich beginnt deshalb die eigentliche Herausforderung damit, möglichst schnell herauszufinden, wer uns da eigentlich entgegenkommt. Ist es eine Hündin, kann ich ziemlich entspannt bleiben. Bei einem kastrierten Rüden ebenfalls. Dann gehen wir in aller Regel einfach vorbei und die Sache ist erledigt. Spannender wird es bei großen Rüden.
Und wenn der Kollege uns schon aus einiger Entfernung entdeckt, zielstrebig den nächsten Grashalm ansteuert und erst einmal demonstrativ das Bein hebt, weiß ich meistens ziemlich genau, wohin die Reise geht. Gubacca übrigens auch.
Wenn es irgendwie möglich ist, schaffe ich dann Abstand. Wir wechseln die Straßenseite, gehen einen größeren Bogen oder ich weiche so weit wie möglich zur Seite aus. Oft werfe ich dabei ein paar Leckerchen auf den Boden. Gubacca kann suchen, der andere Hund kann passieren und im besten Fall war es das auch schon.
Manchmal gibt es diesen Platz aber schlicht nicht.
Dann kommt bei uns der Jackpot ins Spiel: ein getrockneter Hähnchenhals. Den gibt es bei mir tatsächlich nur für besondere Herausforderungen und Gubacca würde dafür vermutlich einiges unterschreiben. Bei Herrchen wird der Begriff „besondere Herausforderung“ etwas großzügiger ausgelegt. Man denke nur an die Belohnung für ein erfolgreich erledigtes Häufchen.
Und jetzt kommt mein kleines Geständnis: Wenn es eng wird, halte ich Gubacca den Hähnchenhals auch schon mal direkt vor die Nase. Ich weiß durchaus, dass das pädagogisch nicht die besonders elegante Variante ist. Im perfekten Trainingsmoment würde Gubacca den anderen Hund wahrnehmen, ansprechbar bleiben und sich ganz bewusst mir beziehungsweise der Belohnung zuwenden.
Nur findet unser Alltag nicht immer in perfekten Trainingsmomenten statt. Wenn ich schon vorher einschätzen kann, dass wir gerade keine gute Übungssituation haben, ist mir wichtiger, dass Gubacca nicht mit voller Wucht in die Leine geht und sich die ganze Begegnung hochschaukelt. Dann darf der Hähnchenhals für ein paar Sekunden eben interessanter sein als der Rüde auf der anderen Straßenseite.
Für mich ist das inzwischen ein wichtiger Unterschied: Ich muss nicht aus jeder Hundebegegnung Training machen. Manche dürfen wir auch einfach möglichst ruhig hinter uns bringen.
Ich kenne meinen Hund heute besser
Nach so vielen gemeinsamen Jahren muss Gubacca keinen Ton sagen, damit ich weiß, wohin eine Begegnung gerade läuft. Ich sehe den festeren Blick, die höhere Rute und diesen kleinen Moment, in dem aus „Da kommt ein Hund“ ein ziemlich eindeutiges „DEN meine ich“ wird.
Manchmal reicht dann noch ein „Lass es“ und wir gehen weiter. Und manchmal weiß ich eben früh genug, dass wir uns diese Diskussion heute sparen können. Das ist vielleicht der größte Unterschied zu früher: Ich muss nicht mehr ausprobieren, wie weit wir kommen. Ich kenne meinen Hund inzwischen gut genug, um manches vorher zu wissen.
Natürlich haben wir geübt. Natürlich haben wir Fortschritte gemacht. Und natürlich kann Gubacca heute an vielen Hunden vorbeigehen, bei denen ich früher schon aus hundert Metern Entfernung nervös geworden wäre.
Aber ein großer fremder Rüde kann ihn eben immer noch innerhalb kürzester Zeit von „Wir machen einen gemütlichen Spaziergang“ auf „Ich hätte da dringend etwas zu klären“ umschalten. Das ist keine besonders charmante Eigenschaft. Aber sie verschwindet auch nicht dadurch, dass ich so tue, als wäre sie nicht da.
Manchmal ist die andere Straßenseite einfach die bessere Straßenseite
Und wenn dabei jemand auf der anderen Straßenseite die Augenbraue hebt, soll er ruhig. Ich habe lange genug versucht, Hundebegegnungen so zu meistern, wie sie von außen vermutlich richtig aussehen. Heute reicht mir, wenn sie für Gubacca und mich funktionieren.
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