Wann wird ein Hund ruhiger? Beim Gos d’Atura fällt in diesem Zusammenhang oft das dritte Lebensjahr. Gubacca ist heute neun Jahre alt, und rückblickend begann damals tatsächlich eine spürbare Veränderung. Nicht über Nacht und schon gar nicht als Geburtstagswunder. Die großen Wellen wurden einfach seltener, die Rückwege kürzer und aus ausführlichen Diskussionen immer öfter nur noch ein prüfender Blick.
Wann wird ein Hund eigentlich ruhiger? Diese Frage stellen sich vermutlich seit jeher Menschen, deren Junghund mit anderthalb noch immer überzeugt ist, dass die Welt ohne seine persönliche Aufsicht augenblicklich aus den Fugen gerät..
Eine feste Antwort gibt es darauf natürlich nicht. Rasse, Temperament, Erfahrungen und das, was ein Hund bis dahin gelernt hat, spielen ebenfalls eine Rolle. Beim Gos d’Atura fällt in diesem Zusammenhang allerdings auffallend häufig eine Zahl: drei. Mit dem dritten Geburtstag verbindet sich die Hoffnung auf einen erwachsenen Hund, der gelassener durch den Alltag geht, nicht mehr jede Entscheidung seines Menschen vorsorglich überprüft und vielleicht sogar ein kleines bisschen pflegeleicht wird.
Gubacca ist heute neun Jahre alt. Ich kann also mit einigem Abstand auf diese Zeit zurückblicken und würde sagen: Ja, mit drei wurde vieles leichter. Die Betonung liegt allerdings auf vieles. Und auf Gos.
Mein erster Meilenstein war eine Mogelpackung
Ursprünglich hatte ich mir ein anderes Alter vorgemerkt: achtzehn Monate. Bis dahin, so meine Hoffnung, würde die schlimmste Pubertät hinter uns liegen und aus meinem übermotivierten Junghund langsam ein vernünftiger Erwachsener werden. Einer, der nicht mehr jeden Reiz mit der Dringlichkeit einer eingehenden Katastrophenmeldung bearbeitete und bei Sichtung eines anderen Rüden wenigstens kurz darüber nachdachte, ob ein vollständiger Kontrollverlust wirklich notwendig war.
Gubacca wurde achtzehn Monate alt und lebte anschließend weitgehend unbeirrt weiter. Ganz wirkungslos war dieser angebliche Meilenstein allerdings nicht. Die Abstände zwischen seinen Kevin-Schüben wurden größer. Schwierige Phasen verschwanden nicht, aber sie kamen nicht mehr ganz so zuverlässig direkt hintereinander. Rückblickend waren die achtzehn Monate daher kein Meilenstein, eher ein Schild am Straßenrand: Kevin bleibt. Der Verkehr beruhigt sich nur gelegentlich.
Die nächste Welle blieb einfach aus
Die eigentliche Veränderung bemerkte ich zunächst gar nicht. Wenn etwas schlecht läuft, registrieren wir Menschen jede Kleinigkeit. Jeder Rückschritt wird gründlich untersucht, mehrfach bewertet und nachts um halb drei vorsichtshalber noch einmal aus dem Gedächtnis geholt. Verbessert sich etwas langsam, nehmen wir es dagegen erstaunlich schnell als selbstverständlich hin.
Es gab bei Gubacca keinen bestimmten Tag, an dem ich plötzlich wusste: Jetzt ist er erwachsen. Es gab auch keine Hundebegegnung, bei der er gelassen an einem Rüden vorbeischlenderte, mir anschließend freundlich zunickte und damit das Ende unserer Lieblingsbaustelle verkündete. Die nächste große Welle blieb einfach aus. Dann noch eine. Situationen dauerten kürzer, Gubacca fand nach Aufregung schneller wieder zurück, und irgendwann fiel mir auf, dass ich schon länger nicht mehr ständig auf den nächsten Einschlag gewartet hatte.
Wenn er mich zu einer Rücksprache oder an einem meiner wenigen Bürotage begleitete, konnte er ruhig neben meinem Schreibtisch liegen und schlafen. Das war durchaus beachtlich, soll hier aber auch nicht größer gemacht werden, als es war. Schließlich arbeitete ich überwiegend im Homeoffice. Dort bestand seine wichtigste berufliche Aufgabe darin, regelmäßig zu überprüfen, ob der Schnüffelteppich bereits ausreichend gefüllt war.
Viel bemerkenswerter fand ich, dass man ihn inzwischen nahezu überallhin mitnehmen konnte. Er sprang nicht ungefragt auf fremde Sofas, untersuchte nicht jede Ecke eines Hauses und akzeptierte es, wenn ich ihm einen Bereich zuwies, in dem er bleiben sollte. Dort legte er sich hin und wartete ab, was der Tag noch an essbaren Überraschungen bereithielt.
Als Gubacca noch ein Junghund war, hatte ich einmal Blut und Wasser geschwitzt, weil wir eine Freundin besuchten, deren Wohnung vollständig weiß eingerichtet war. Weiße Möbel. Weiße Wände. Heller Boden. Dazwischen Gubacca. Ich sah bereits beim Betreten sämtliche denkbaren Katastrophen vor mir: Pfotenabdrücke, Fellbüschel, umgestoßene Dekoration und vermutlich irgendwo eine dauerhafte Gubacca-Silhouette an einer frisch gestrichenen Wand.
Nichts davon geschah. Als wir gingen, war die Wohnung noch genauso strahlend weiß wie vorher. Auf dem Boden lag lediglich ein kleines Blatt, das Gubacca irgendwo in seinem Fell eingeschleppt hatte. Ganz ohne persönliche Note verlässt ein Gos schließlich keinen Raum.
Erst alle begrüßen, dann schlafen
Unvergesslich blieb mir auch unsere Weihnachtsfeier. Viele Menschen, lautes Hallo, ständiges Kommen und Gehen. Eine Veranstaltung, die einem jungen Gubacca ausreichend Gelegenheit geboten hätte, sich gleichzeitig für Begrüßungskomitee, Sicherheitsdienst und allgemeine Ablaufkontrolle zuständig zu fühlen.
Er begrüßte jeden. Und damit meine ich wirklich jeden Einzelnen. Schließlich konnte die Feier aus seiner Sicht unmöglich beginnen, bevor er die Anwesenheitsliste persönlich geprüft hatte. Außerdem ließ sich nie ausschließen, dass jemand eine freie Hand zum Streicheln oder ein schlecht gesichertes Häppchen mitgebracht hatte.
Nachdem Gubacca seine gesellschaftlichen Pflichten erfüllt hatte, zog er sich in eine ruhige Ecke zurück und schlief. Einfach so. Er hatte sich alles angesehen, jeden begrüßt und anschließend entschieden, dass die Feier vermutlich auch ohne seine dauerhafte Leitung nicht vollständig zusammenbrechen würde. Nicht, weil er plötzlich kein Interesse mehr an seiner Umgebung hatte. Er konnte nur zunehmend selbst entscheiden, wann genug gesehen, gehört und überprüft worden war.
Von null auf dreihundert ging weiterhin
Natürlich war mit drei nicht alles erledigt. Unsere Begegnungen mit anderen Rüden blieben eine verlässliche Möglichkeit, jede aufkommende Selbstzufriedenheit im Keim zu ersticken. Wenn Gubacca ausflippte, war er weiterhin innerhalb eines Wimpernschlags auf dreihundert.
Der Unterschied lag nicht unbedingt darin, wie schnell er hochfuhr. Er kam schneller wieder zurück. Früher nahm er eine solche Begegnung noch ein gutes Stück mit. Der andere Hund war längst verschwunden, aber Gubacca blieb angespannt und geistig weiterhin mit der Angelegenheit beschäftigt. Später wurde daraus wieder eine einzelne Situation und nicht automatisch das bestimmende Thema des restlichen Spaziergangs.
Erwachsen wurde Gubacca also nicht in dem Moment, in dem er nicht mehr hochfuhr, sondern als er immer häufiger den Rückweg fand.
Kooperation mit eingebauter Rückfrage
Gubacca war auch als junger Hund bereit, mit mir zusammenzuarbeiten. Und genau das ist manchmal das Verzwickte am Gos. Er arbeitet nicht grundsätzlich gegen seinen Menschen. Im Gegenteil. Er orientiert sich, hört zu und nimmt vieles bereitwillig an. Nur bedeutet Kooperation für ihn nicht automatisch, dass die erste Entscheidung des Menschen bereits als endgültig betrachtet werden muss.
Bei Gubacca folgte häufig noch eine kurze Rückfrage: Meinst du das wirklich so? Blieb meine Antwort eindeutig, konnte es passieren, dass er noch einen Schritt weiterging: Auch dann noch, wenn mir diese Regel überhaupt nicht gefällt? In emotional angespannten Situationen sprang er mich manchmal an oder rempelte mich. Es wirkte, als wolle er herausfinden, ob meine Entscheidung auch dann Bestand hatte, wenn er seinen Einspruch etwas körperlicher vortrug.
Dieses Verhalten habe ich später auch bei einigen jungen Gossis meiner Freundinnen gesehen. Zu einem festen Rassemerkmal würde ich es trotzdem nicht erklären. Auch andere Hunde springen bei Frust, Stress oder hoher Erregung an Menschen hoch. Beim jungen Gos trifft dieses körperliche Entladen allerdings auf eine besondere Mischung: große Kooperationsbereitschaft und gleichzeitig der Wunsch, eine Situation selbst zu beurteilen.
Er möchte mitmachen. Er möchte nur vorher sicherstellen, dass der Mensch seinen Vorschlag tatsächlich gründlich durchdacht hat. Mit zunehmender Reife verschwanden diese Rückfragen nicht völlig. Sie wurden lediglich kürzer. Aus einem ausführlichen Das kannst du nicht ernst meinen wurde irgendwann ein Blick: Bist du sicher?
Ja. Und immer häufiger war die Angelegenheit damit erledigt. Nicht begeistert. So weit wollen wir die Geschichte nun wirklich nicht ausschmücken. Aber erledigt.
Wird ein Hund mit drei Jahren wirklich ruhiger?
Meine ehrliche Antwort auf die Frage, wann ein Hund ruhiger wird, lautet deshalb: nicht an einem bestimmten Geburtstag. Bei Gubacca lag die spürbare Wende ungefähr im dritten Lebensjahr, aber sie bestand nicht darin, dass seine Themen plötzlich verschwanden. Er hatte mehr Erfahrung mit der Welt und mit mir.
Viele Situationen waren nicht mehr neu. Er kannte Büros, Feiern, fremde Wohnungen, Spazierwege, Geräusche und die Abläufe unseres Alltags. Nicht jede Kleinigkeit musste noch vollständig untersucht und bewertet werden. Auch seine Erregung verschwand nicht, aber er konnte besser mit ihr umgehen. Zwischen Wahrnehmung und Reaktion entstand häufiger dieser winzige Moment, in dem er zu mir schaute und eine Rückfrage stellte.
Und ich war ebenfalls weiter. Ich kannte inzwischen seine Vorzeichen. Ich wusste, wann er nur interessiert schaute und wann sich hinter seiner Stirn bereits eine komplette Lagebesprechung zusammenbraute. Ich erkannte früher, wann wir Abstand brauchten und wann ich meine Entscheidung einfach ruhig stehen lassen musste.
Vor allem hatte ich aufgehört, nach einer Methode zu suchen, die aus Gubacca doch noch den pflegeleichten Hund machte, der eigentlich auf meinem Wunschzettel gestanden hatte. Wir kannten uns. Das klingt nicht besonders magisch. Im Alltag war es das durchaus.
Drei Kerzen lösen keine Probleme
Trotzdem wäre es falsch zu behaupten, dass jeder Gos mit drei Jahren automatisch ruhig oder pflegeleicht wird. Reifung kann vieles erleichtern. Sie kann aber nicht ersetzen, was ein Hund nie gelernt hat. Ängste verschwinden nicht zuverlässig durch Abwarten, Unsicherheit wird nicht allein durch einen Geburtstag zu Gelassenheit und Verhalten, mit dem ein Hund jahrelang erfolgreich war, löst sich nicht auf, nur weil eine Drei auf seiner Torte steht.
Hat ein Hund gelernt, dass er durch heftiges Auftreten Abstand bekommt, wird er diese Strategie mit zunehmender Erfahrung womöglich sogar sicherer einsetzen. Hat er nie gelernt, nach Aufregung wieder herunterzufahren, übernimmt der Kalender diese Aufgabe nicht. Und hat der Mensch bei jeder Diskussion nachgegeben, weil der junge Hund laut, wild oder körperlich wurde, kann daraus ein erwachsener Hund werden, der seine Verhandlungstaktik inzwischen ausgesprochen überzeugend beherrscht.
Das bedeutet nicht, dass jeder schwierige Hund das Ergebnis menschlicher Fehler ist. Veranlagung, Erfahrungen, Gesundheit und Umwelt spielen ebenfalls eine Rolle. Aber einfach drei Jahre abzuwarten und auf ein kleines Geburtstagswunder zu hoffen, ist kein Erziehungskonzept. Leider. Es wäre ausgesprochen bequem gewesen.
War die Drei nun magisch?
Für uns war sie es. Nicht, weil Gubacca mit drei plötzlich fertig war. Seine Persönlichkeit war noch da, seine Themen ebenfalls und andere Rüden sorgten weiterhin zuverlässig dafür, dass wir nicht überheblich wurden. Aber ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, keinen jungen Hund mehr durch jede einzelne Situation führen zu müssen.
Neben mir stand eine erwachsene Persönlichkeit, die meine Entscheidungen nicht immer teilte, ihnen aber deutlich häufiger vertraute. Und ich hatte endlich verstanden, dass „pflegeleicht“ beim Gos nicht bedeutet, dass er keine Fragen mehr stellt. Es bedeutet, dass er die Antwort gelegentlich gelten lässt.
Manchmal sogar beim ersten Mal.
Wenn du gerade selbst mit einem jungen Hund mitten zwischen Pubertät, Rückschritten und überraschend guten Tagen steckst, findest du auf unserer Seite Verstehen statt erziehen weitere Beiträge darüber, warum Entwicklung selten in einer geraden Linie verläuft.
Mehr über den eigenständigen Kopf, die Sensibilität und die besondere Art des Katalanen erfährst du auf unserer Übersichtsseite Der Gos d’Atura.
Und falls du dich fragst, ob man sich einen solchen Spätentwickler wirklich als ersten Hund ins Haus holen sollte, geht es hier weiter: Ist ein Gos d’Atura für Anfänger geeignet?
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