Der Gos d’Atura: Von 0 auf 300 – und warum Ruhe so wichtig ist
Kennt ihr das? Man gibt ein Kommando, und der Hund schaut einen an, als würde er erst einmal die Sinnhaftigkeit der Anweisung prüfen. Typisch Gos d’Atura eben!
Der Charakter des Gos d’Atura Català gilt als klug, eigenständig und nicht immer ganz einfach. Wer mit dieser Rasse lebt, merkt schnell: Regeln werden verstanden – aber nicht immer sofort akzeptiert.
In diesem Beitrag geht es genau darum. Um kleine Diskussionen im Alltag, um das berühmte „Ich hab dich gehört, aber ich überlege noch“ und um die Frage, wie viel Konsequenz und Gelassenheit ein Gos eigentlich braucht.
Kein Ratgeber, keine Patentlösung. Sondern Beobachtungen aus vielen Monaten mit Gubacca. Ehrlich, manchmal anstrengend und ziemlich typisch für diese Rasse.
Einmal Gos, immer Gos?
Es gibt Themen, um die man lange herumläuft, obwohl sie eigentlich mitten im Alltag liegen. Der Charakter des Gos d’Atura Català ist so eines. Ich schreibe hier nicht über „die Rasse an sich“, sondern über meine Erfahrungen mit Gubacca. Über Beobachtungen, Situationen und dieses ganz eigene Zusammenspiel, das sich entwickelt, wenn ein Hund sehr klug ist – und sich dessen auch bewusst.
Wie ich zu einem Gos kam? Ganz ehrlich: nicht, weil ich mich vorher tief in das Wesen der Rasse eingelesen hatte und genau wusste, worauf ich mich einlasse. Eher im Gegenteil.
Ich habe mich zunächst in das Äußere verliebt. In dieses helle, wuschelige Fell, das mich an meinen Tibet Terrier Chiru erinnerte. Ein klassischer Fall von „erst Gefühl, dann Verstand“ – also genau die Art Welpeninteressent, die man sich als Züchter vermutlich nicht wünscht.
Zu meiner Ehrenrettung gehört allerdings: Noch bevor es konkret wurde, habe ich angefangen, mich intensiv mit der Rasse zu beschäftigen. Gar nicht so einfach, denn wirklich greifbare Erfahrungsberichte über den Gos d’Atura Català sind rar.
Was man findet, klingt oft sehr ähnlich: ein ursprünglicher Hütehund, sensibel, klug, anhänglich, mit viel „will to please“. Ein Hund, der konsequent, aber liebevoll geführt werden möchte. Und immer wieder der Hinweis, dass ein Gos kein unauffälliger Kuschelhund ist, sondern eine Rasse, mit der man sich auseinandersetzen muss – gerade im Alltag.
All das war ein Anfang. Und längst nicht alles, was den Alltag mit einem Gos ausmacht.
Trotzdem haben mich diese Beschreibungen im Internet beschäftigt. Was heißt es eigentlich, wenn ein Hund als sehr ursprünglich in seinem Wesen beschrieben wird? Wie ernst muss man den Hinweis nehmen, dass der Gos kein typischer Anfängerhund ist und man sich mit seinem Charakter auseinandersetzen sollte?
Und wie passen Begriffe wie „selbstständiger Hütehund“ und „sensibel“ überhaupt zusammen? Für mich war ein sensibler Hund lange Zeit einer, den man mit Samthandschuhen anfasst. Eine Fehlinterpretation, wie ich mit Gubacca ziemlich schnell lernen durfte.
„Eine Rasse, die noch sehr ursprünglich in ihrem Wesen ist.“ Dieser kurze Satz taucht auf fast jeder Züchterseite auf und klingt zunächst harmlos. Tatsächlich steckt darin aber schon erstaunlich viel von dem, was den Gos ausmacht.
Um den Gos und sein Wesen wirklich zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf seine Herkunft. Die Katalanen, die heute bei uns leben, tragen noch viele Merkmale klassischer Arbeitshunde in sich. Eigenschaften, die nicht zufällig entstanden sind, sondern sich über Generationen aus ganz konkreten Aufgaben entwickelt haben.
Bei der Arbeit an der Herde waren je nach Situation unterschiedliche Fähigkeiten gefragt: Ausdauer, Aufmerksamkeit, Beweglichkeit, Zusammenarbeit mit dem Schäfer – und immer wieder auch eigenständige Entscheidungen. Solche Anlagen gehören zur Geschichte der Rasse. Wie stark und in welcher Form sie sich bei einem heutigen Gos zeigen, ist allerdings individuell.
Herkunft & Geschichte des Gos d’Atura →„Ich habe keinen Ferrari, ich habe einen Gos!“
„Von null auf dreihundert in wenigen Zehntelsekunden – kein Problem!“ Fast jeder, der einen Gos hat, weiß: Damit ist kein Ferrari gemeint, sondern der schnittige Spanier an der Leine.
Gubacca braucht für solche Momente kein langes Warmwerden. Eben noch Ruhemodus, im nächsten Augenblick dreihundert. Wenn etwas seine Aufmerksamkeit weckt oder für ihn nicht ins Bild passt, kann er innerhalb von Sekunden voll auf Sendung sein. Dumm nur, dass die katalanische Einschätzung von „Das muss ich mir unbedingt ansehen“ nicht immer mit meiner übereinstimmt.
Wie Eigenschaften wie Wachsamkeit, Eigenständigkeit und dieses schnelle Hochfahren im Alltag wirken können, führt Gubacca ziemlich zuverlässig vor. Was hinter solchen typischen Beschreibungen des Gos steckt, habe ich auf der Seite Charakter & Wesen des Gos d’Atura Català ausführlicher zusammengefasst.
Auch bei Hundebegegnungen wird dieser hohe Erregungszustand deutlich. Es gibt bei ihm kein langsames Hochfahren, kein vorsichtiges Annähern. Wenn ein fremder Rüde ihn schief anschaut, ist Gubacca sofort „auf Sendung“.
Dieses schnelle Hochfahren kann sich schon bei jungen Gossos zeigen. Gerade beim Spielen schießen manche schnell über das Ziel hinaus, weil Selbstregulation eben erst gelernt werden muss. Bei Gubacca gehörten Leinebeißen und Menschenanspringen in solchen überdrehten Momenten zeitweise ziemlich zuverlässig zum Programm.
Nicht ohne Grund bekam auch ich von Goszüchtern immer wieder denselben Rat zu hören: Ein junger Gos muss nicht nur lernen, Gas zu geben, sondern vor allem auch wieder herunterzufahren. Auch vom ständigen Bällchenwerfen und von Hetzspielen wird eher abgeraten.
Leider wird das oft belächelt. Stattdessen freut man sich über den quirligen Nachwuchs. „Mein Perro ist unermüdlich! Gestern ist er über eine Stunde stramm mitgelaufen“, hört man besonders von den Mini-Rütters gerne stolz erzählen. Dabei wäre die eigentliche Königsdisziplin das genaue Gegenteil gewesen: ein Welpe, der viel geschlafen hat.
Ja, die berühmten „wilden fünf Minuten“ sind witzig anzusehen. Und auch ich muss bis heute lachen, wenn der Riese wie ein kleines Karnickel durch den Garten jagt und dabei die Hinterläufe die Vorderbeine überholen.
Wenn später allerdings „Kevin“ Stammgast wird und aus den niedlichen sechs Kilogramm plötzlich fünfzehn geworden sind, die einen beherzt anspringen und anpöbeln, wird es weniger lustig.
Zum Glück war das Thema „zur Ruhe kommen“ bei Gubacca nie ein großes Problem. Bis heute kann er sich im größten Chaos einfach einrollen und schlafen. Dafür gehört er, was die Geschwindigkeit von null auf dreihundert angeht, ganz klar zur Spitzenliga. Sehr passend eigentlich – mir wurde früher ja auch manchmal das Reaktionsvermögen einer Schlaftablette nachgesagt. Das hat sich mittlerweile geändert. Bei mir.
Das schnelle Hochfahren passiert natürlich nicht nur im Kopf. Auch der Körper schaltet um: Aufmerksamkeit, Muskelspannung und Erregung steigen, unter anderem spielt dabei Adrenalin eine Rolle. Und während Gubacca ausgesprochen schnell hochfahren kann, dauert der Rückweg deutlich länger.
Gerade junge Hunde haben hier noch keinen wirklichen Begrenzer. Sie überdrehen schnell – vor allem beim Spielen mit Artgenossen oder in der Hundeschule. Auch bei Gubacca zeigte sich dieses „Motor überhitzt“-Phänomen sehr deutlich. Ein klassischer Auslöser war Wasser. Das aufgestellte Planschbecken im Garten kostete mich mehr als einmal mein Lieblingsshirt. Vollkommen in Ekstase kannte das Pubertier keine Hemmungen mehr und zerrte begeistert an meiner Kleidung.
Später machte sich der schnell erreichte hohe Erregungszustand auch beim Laufen am Rad bemerkbar. Anfangs hatte ich das Problem, dass Gubacca nach einer gewissen Strecke überdrehte und anfing, in die Leine zu beißen. In solchen Momenten hilft eigentlich nur eins: raus aus der Situation mit dem Adrenalin-Junkie. Denn unser vermeintlicher Ferrari hat einen Haken – der Bremsweg ist deutlich länger als die Beschleunigung.
Es ist bis heute eine kleine Kunst, meinen Sportflitzer wieder auf ein normales Tempo zu bringen. In vielen Alltagssituationen gelingt mir das mittlerweile ganz gut. Es gibt aber auch Erlebnisse, an die ich nur sehr ungern zurückdenke.
Zu den Spitzenreitern gehört die Seebrücke am Schöneberger Strand.
Warum Ruhe die Königsdisziplin ist
Zwischen diesem hübschen Foto und einem vollkommen überdrehten kleinen Monster lagen nur wenige Sekunden. Auslöser war ein kleines Mädchen, das mit ihrem Rad über die Holzbrücke polterte und Gubacca in höchste Alarmbereitschaft versetzte.
Zum Glück hatte ich die Leine in diesem Moment fest in der Hand. Trotzdem war es kaum möglich, mit der tobenden Fellrakete wieder von der Brücke zu kommen. Solche Situationen haben mich früher viel Kraft gekostet – auch wenn sie heute zum Glück nur noch sehr selten vorkommen.
Der lange Bremsweg hat nämlich noch eine weitere Tücke: Man muss dem schnittigen Spanier ausreichend Zeit zum Abkühlen geben. Und damit sind wir wieder bei dem Punkt, den viele Züchter immer wieder betonen – jungen Gossis Ruhe beizubringen.
Wenn ein Hund immer wieder stark hochfährt und dazwischen kaum Gelegenheit bekommt, wirklich herunterzukommen, kann das seine Belastbarkeit im Alltag beeinträchtigen. Gerade bei jungen Hunden merkt man dann schnell, dass schon kleinere Reize genügen, damit die Erregung wieder deutlich ansteigt. Für mich wurde deshalb Ruhe genauso wichtig wie Beschäftigung.
Dabei ist es kein Zauberwerk, einem jungen Gos Ruhe beizubringen. Bei uns hat es zum Beispiel sehr geholfen, dass Gubacca von Anfang an eine feste Faltbox als Rückzugsort hatte. Außerdem hat er sich schnell an meinen Arbeitsrhythmus gewöhnt und verschläft bis heute regelmäßig die Vormittage.
Die Mischung aus einem klaren Ruheort und festen Tagesabläufen, bei denen ich die Schlafzeiten vorgegeben habe, hat für uns gut funktioniert. Statt Bällchenwerfen gab es das „Hütchen-Spiel“ – und so war das Zur-Ruhe-Kommen eigentlich nie ein großes Thema.
Wobei man fairerweise sagen muss: Gubacca ist auch ein Gos, der vom Wesen her viel innere Ruhe mitbringt.
Augen auf bei der Züchterwahl
Mit diesem Wissen betrachtet man den Besuch bei einem Züchter plötzlich mit ganz anderen Augen. Für mich war früher ein Garant für eine gute Welpenaufzucht vor allem eines: möglichst viel Spielzeug und möglichst viel Abwechslung für die Zwerge.
Heute sehe ich das differenzierter. Genauso wichtig wie Reize und Beschäftigung sind Rückzugsorte, an denen Welpen zur Ruhe kommen können. Gubacca und seine Geschwister hatten bei ihrer Züchterin zum Beispiel eine große Hundehütte auf der Terrasse stehen, in die sie sich gerne zum Schlafen zurückzogen.
Nicht nur wir können in den ersten Monaten viel dazu beitragen, später einen entspannten Hund an unserer Seite zu haben. Auch die ersten Wochen beim Züchter spielen eine Rolle.
Wie trubelig ist das Umfeld der Welpen? Gibt es ausreichend Rückzugsorte? Wirken die Kleinen lebhaft – oder eher dauerhaft überdreht? All das sind Punkte, die bereits in der Frühprägung eine Rolle spielen und die ich heute bei der Wahl eines Züchters deutlich bewusster wahrnehme.
Und das gilt nicht nur für den Gos d’Atura Català, sondern letztlich für alle Welpen.
Warum kaufen sich Menschen eigentlich gerne schnelle Sportflitzer? Weil die Beschleunigung von null auf dreihundert in kurzer Zeit ein besonderes Gefühl ist.
Mit einem Gos ist es im Grunde nicht anders. Gelingt es, dem feurigen Spanier einen Begrenzer mitzugeben und ihm ausreichend Zeit zum Abkühlen zu lassen, wird diese Energie zu etwas sehr Wertvollem. Nicht nur bei den Arbeitshunden in Spanien, sondern auch im ganz normalen Alltag.
Für mich ist es genau diese Mischung aus Kraft, Wachsamkeit und innerer Spannung, die den Gos so faszinierend macht. Eine Eigenschaft, die er sich durch seine Ursprünglichkeit bewahrt hat – und die ihn so unverwechselbar werden lässt.
Herkunft, Charakter, Alltag und ganz unterschiedliche Erfahrungen mit dieser Rasse habe ich auf der Gos-Seite gebündelt.
Den Gos d’Atura entdecken →
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