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Gubacca und sein eigener Kopf – über Eigenständigkeit, Regeln und den Alltag mit einem Gos d’Atura

Juni 19, 2020

Kennt ihr das? Man gibt ein Kommando, und der Hund schaut einen an, als würde er erst einmal die Sinnhaftigkeit der Anweisung prüfen. Typisch Gos d’Atura eben!

Der Charakter des Gos d’Atura Català gilt als klug, eigenständig und nicht immer ganz einfach. Wer mit dieser Rasse lebt, merkt schnell: Regeln werden verstanden – aber nicht immer sofort akzeptiert.

In diesem Beitrag geht es genau darum. Um kleine Diskussionen im Alltag, um das berühmte „Ich hab dich gehört, aber ich überlege noch“ und um die Frage, wie viel Konsequenz und Gelassenheit ein Gos eigentlich braucht.

Kein Ratgeber, keine Patentlösung. Sondern Beobachtungen aus vielen Monaten mit Gubacca. Ehrlich, manchmal anstrengend und ziemlich typisch für diese Rasse.“

Gos d’Atura Gubacca mit typisch klugem Blick im Körbchen – ein Hund mit eigenem Kopf und viel Charakter

Einmal Gos, immer Gos? Wie alles begann

Es gibt Themen, um die man lange herumläuft, obwohl sie eigentlich mitten im Alltag liegen. Der Charakter des Gos d’Atura Català ist so eines. Ich schreibe hier nicht über „die Rasse an sich“, sondern über meine Erfahrungen mit Gubacca. Über Beobachtungen, Situationen und dieses ganz eigene Zusammenspiel, das sich entwickelt, wenn ein Hund sehr klug ist – und sich dessen auch bewusst.

Wie ich zu einem Gos kam? Ganz ehrlich: nicht, weil ich mich vorher tief in das Wesen der Rasse eingelesen hatte und genau wusste, worauf ich mich einlasse. Eher im Gegenteil.

Ich habe mich zunächst in das Äußere verliebt. In dieses helle, wuschelige Fell, das mich an meinen Tibet Terrier Chiru erinnerte. Ein klassischer Fall von „erst Gefühl, dann Verstand“ – also genau die Art Welpeninteressent, die man sich als Züchter vermutlich nicht wünscht.

Zu meiner Ehrenrettung gehört allerdings: Noch bevor es konkret wurde, habe ich angefangen, mich intensiv mit der Rasse zu beschäftigen. Gar nicht so einfach, denn wirklich greifbare Erfahrungsberichte über den Gos d’Atura Català sind rar.

Was man findet, klingt oft sehr ähnlich: ein ursprünglicher Hütehund, sensibel, klug, anhänglich, mit viel „will to please“. Ein Hund, der konsequent, aber liebevoll geführt werden möchte. Und immer wieder der Hinweis, dass ein Gos kein unauffälliger Kuschelhund ist, sondern eine Rasse, mit der man sich auseinandersetzen muss – gerade im Alltag.

All das war ein Anfang. Und längst nicht alles, was den Alltag mit einem Gos ausmacht.

Trotzdem haben mich diese Beschreibungen im Internet beschäftigt. Was heißt es eigentlich, wenn ein Hund als sehr ursprünglich in seinem Wesen beschrieben wird? Wie ernst muss man den Hinweis nehmen, dass der Gos kein typischer Anfängerhund ist und man sich mit seinem Charakter auseinandersetzen sollte?

Und wie passen Begriffe wie „selbstständiger Hütehund“ und „sensibel“ überhaupt zusammen? Für mich war ein sensibler Hund lange Zeit einer, den man mit Samthandschuhen anfasst. Eine Fehlinterpretation, wie ich mit Gubacca ziemlich schnell lernen durfte.


Ursprünglichkeit verstehen: Das Erbe der katalanischen Hirtenhunde

„Eine Rasse, die noch sehr ursprünglich in ihrem Wesen ist.“ Dieser kurze Satz taucht auf fast jeder Züchterseite auf und klingt zunächst harmlos. Tatsächlich steckt darin aber schon erstaunlich viel von dem, was den Gos ausmacht.

Gos d’Atura Català im Rudel – typische Merkmale und Erscheinungsbild der spanischen Hirtenhunderasse

Um den Gos und sein Wesen wirklich zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf seine Herkunft. Die Katalanen, die heute bei uns leben, tragen noch viele Merkmale klassischer Arbeitshunde in sich. Eigenschaften, die nicht zufällig entstanden sind, sondern sich über Generationen aus ganz konkreten Aufgaben entwickelt haben.

Ein Gos, der selbstständig eine große Schafherde bewacht, braucht andere Fähigkeiten als ein Hund, der täglich mit dem Bauern zur Weide geht und Kühe begleitet. Mal sind Ausdauer und Eigenständigkeit gefragt, mal Aufmerksamkeit, Beweglichkeit und ein hohes Maß an Energie. All das prägt den Charakter und erklärt, warum man beim Gos oft von einem „hohen Energielevel“ spricht.


„Ich habe keinen Ferrari, ich habe einen Gos!“

„Von null auf dreihundert in wenigen Zehntelsekunden – kein Problem!“ Fast jeder, der einen Gos hat, weiß: Damit ist kein Ferrari gemeint, sondern der schnittige Spanier an der Leine.

Ein Gos braucht kein Warmwerden, kein vorsichtiges Orientieren. Gubacca – und viele andere Gossis – sind sofort da. Vom Ruhemodus direkt auf dreihundert, um vermeintliche Gefahren oder Angriffe abzuwehren. Dumm nur, dass die katalanische Einschätzung von „Gefahr in Verzug“ nicht immer mit der von Frauchen oder Herrchen übereinstimmt.

Im Alltag zeigt sich das bei Gubacca vor allem durch blitzschnelle Reaktionen auf Außenreize. Während unser Lottchen noch überlegen würde, ob es sich lohnt, einen Radfahrer überhaupt näher anzuschauen, wäre Gubacca gedanklich längst bei ihm angekommen.

Gos d’Atura Gubacca im Renntempo – die enorme Schnelligkeit und Energie der Rasse

Auch bei Hundebegegnungen wird dieser hohe Erregungszustand deutlich. Es gibt bei ihm kein langsames Hochfahren, kein vorsichtiges Annähern. Wenn ein fremder Rüde ihn schief anschaut, ist Gubacca sofort „auf Sendung“.

Diese typische „von null auf dreihundert“-Eigenschaft zeigt sich schon bei Goswelpen und in der Pubertät. Beim Spielen schießen sie schnell über das Ziel hinaus, weil ihnen noch der innere Begrenzer fehlt. Übersprungshandlungen wie in die Leine beißen oder den Menschen anspringen sind dann keine Seltenheit.

Deshalb predigen viele Goszüchter frischgebackenen Welpeneltern immer wieder dasselbe: „Bringt eurem Welpen in den ersten Monaten bei, zur Ruhe zu kommen – Gas geben kann er schon.“ Auch vom ständigen Bällchenwerfen und von Hetzspielen wird eher abgeraten.

Leider wird das oft belächelt. Stattdessen freut man sich über den quirligen Nachwuchs. „Mein Perro ist unermüdlich! Gestern ist er über eine Stunde stramm mitgelaufen“, hört man besonders von den Mini-Rütters gerne stolz erzählen. Dabei wäre die eigentliche Königsdisziplin das genaue Gegenteil gewesen: ein Welpe, der viel geschlafen hat.

Ja, die berühmten „wilden fünf Minuten“ sind witzig anzusehen. Und auch ich muss bis heute lachen, wenn der Riese wie ein kleines Karnickel durch den Garten jagt und dabei die Hinterläufe die Vorderbeine überholen.

Wenn später allerdings „Kevin“ Stammgast wird und aus den niedlichen sechs Kilogramm plötzlich fünfzehn geworden sind, die einen beherzt anspringen und anpöbeln, wird es weniger lustig.

Zum Glück war das Thema „zur Ruhe kommen“ bei Gubacca nie ein großes Problem. Bis heute kann er sich im größten Chaos einfach einrollen und schlafen. Dafür gehört er, was die Geschwindigkeit von null auf dreihundert angeht, ganz klar zur Spitzenliga. Sehr passend eigentlich – mir wurde früher ja auch manchmal das Reaktionsvermögen einer Schlaftablette nachgesagt. Das hat sich mittlerweile geändert. Bei mir. Gubacca ist immer noch der Ferrari.

Um die mahnenden Worte vieler Züchter zu verstehen, muss man sich bewusst machen, wie es einem Körper überhaupt gelingt, in kürzester Zeit auf dreihundert zu sein. Dafür braucht es eine ordentliche Portion Hormone. Der Organismus geht in Alarmbereitschaft und setzt unter anderem viel Adrenalin frei.

Gerade junge Hunde haben hier noch keinen wirklichen Begrenzer. Sie überdrehen schnell – vor allem beim Spielen mit Artgenossen oder in der Hundeschule. Auch bei Gubacca zeigte sich dieses „Motor überhitzt“-Phänomen sehr deutlich. Ein klassischer Auslöser war Wasser. Das aufgestellte Planschbecken im Garten kostete mich mehr als einmal mein Lieblingsshirt. Vollkommen in Ekstase kannte das Pubertier keine Hemmungen mehr und zerrte begeistert an meiner Kleidung.

Später machte sich der schnell erreichte hohe Erregungszustand auch beim Laufen am Rad bemerkbar. Anfangs hatte ich das Problem, dass Gubacca nach einer gewissen Strecke überdrehte und anfing, in die Leine zu beißen. In solchen Momenten hilft eigentlich nur eins: raus aus der Situation mit dem Adrenalin-Junkie. Denn unser vermeintlicher Ferrari hat einen Haken – der Bremsweg ist deutlich länger als die Beschleunigung.

Es ist bis heute eine kleine Kunst, meinen Sportflitzer wieder auf ein normales Tempo zu bringen. In vielen Alltagssituationen gelingt mir das mittlerweile ganz gut. Es gibt aber auch Erlebnisse, an die ich nur sehr ungern zurückdenke.

Zu den Spitzenreitern gehört die Seebrücke am Schöneberger Strand.


Der lange Bremsweg: Warum Ruhe die Königsdisziplin ist

Zwischen diesem hübschen Foto und einem vollkommen überdrehten kleinen Monster lagen nur wenige Sekunden. Auslöser war ein kleines Mädchen, das mit ihrem Rad über die Holzbrücke polterte und Gubacca in höchste Alarmbereitschaft versetzte.

Gos d’Atura Gubacca auf der Seebrücke am Schönberger Strand – Außenreize und hohes Erregungslevel im Alltag.

Zum Glück hatte ich die Leine in diesem Moment fest in der Hand. Trotzdem war es kaum möglich, mit der tobenden Fellrakete wieder von der Brücke zu kommen. Solche Situationen haben mich früher viel Kraft gekostet – auch wenn sie heute zum Glück nur noch sehr selten vorkommen.

Der lange Bremsweg hat nämlich noch eine weitere Tücke: Man muss dem schnittigen Spanier ausreichend Zeit zum Abkühlen geben. Und damit sind wir wieder bei dem Punkt, den viele Züchter immer wieder betonen – jungen Gossis Ruhe beizubringen.

Ein Hundekörper braucht vergleichsweise lange, um seinen Erregungslevel wieder herunterzufahren. Schießt er immer wieder von hundert auf dreihundert, ohne zwischendurch wirklich zur Ruhe zu kommen, entsteht Dauerstress. Und der macht auf Dauer krank. Die Folge sind oft Hunde, die schnell ausflippen und zu Übersprungshandlungen neigen.

Dabei ist es kein Zauberwerk, einem jungen Gos Ruhe beizubringen. Bei uns hat es zum Beispiel sehr geholfen, dass Gubacca von Anfang an eine feste Faltbox als Rückzugsort hatte. Außerdem hat er sich schnell an meinen Arbeitsrhythmus gewöhnt und verschläft bis heute regelmäßig die Vormittage.

Die Mischung aus einem klaren Ruheort und festen Tagesabläufen, bei denen ich die Schlafzeiten vorgegeben habe, hat für uns gut funktioniert. Statt Bällchenwerfen gab es das „Hütchen-Spiel“ – und so war das Zur-Ruhe-Kommen eigentlich nie ein großes Thema.

Wobei man fairerweise sagen muss: Gubacca ist auch ein Gos, der vom Wesen her viel innere Ruhe mitbringt.


Augen auf bei der Züchterwahl: Prägung auf Entspannung

Mit diesem Wissen betrachtet man den Besuch bei einem Züchter plötzlich mit ganz anderen Augen. Für mich war früher ein Garant für eine gute Welpenaufzucht vor allem eines: möglichst viel Spielzeug und möglichst viel Abwechslung für die Zwerge.

Heute sehe ich das differenzierter. Genauso wichtig wie Reize und Beschäftigung sind Rückzugsorte, an denen Welpen zur Ruhe kommen können. Gubacca und seine Geschwister hatten bei ihrer Züchterin zum Beispiel eine große Hundehütte auf der Terrasse stehen, in die sie sich gerne zum Schlafen zurückzogen.

Nicht nur wir können in den ersten Monaten viel dazu beitragen, später einen entspannten Hund an unserer Seite zu haben. Auch die ersten Wochen beim Züchter spielen eine Rolle.

Wie trubelig ist das Umfeld der Welpen? Gibt es ausreichend Rückzugsorte? Wirken die Kleinen lebhaft – oder eher dauerhaft überdreht? All das sind Punkte, die bereits in der Frühprägung eine Rolle spielen und die ich heute bei der Wahl eines Züchters deutlich bewusster wahrnehme.

Und das gilt nicht nur für den Gos d’Atura Català, sondern letztlich für alle Welpen.

Gos d’Atura Welpe Gubacca bei der Züchterin – Bedeutung von Rückzugsorten und Ruhe in der Welpenzeit

Warum kaufen sich Menschen eigentlich gerne schnelle Sportflitzer? Weil die Beschleunigung von null auf dreihundert in kurzer Zeit ein besonderes Gefühl ist.

Mit einem Gos ist es im Grunde nicht anders. Gelingt es, dem feurigen Spanier einen Begrenzer mitzugeben und ihm ausreichend Zeit zum Abkühlen zu lassen, wird diese Energie zu etwas sehr Wertvollem. Nicht nur bei den Arbeitshunden in Spanien, sondern auch im ganz normalen Alltag.

Für mich ist es genau diese Mischung aus Kraft, Wachsamkeit und innerer Spannung, die den Gos so faszinierend macht. Eine Eigenschaft, die er sich durch seine Ursprünglichkeit bewahrt hat – und die ihn so unverwechselbar werden lässt.

P.S. Du möchtest noch tiefer in die Welt des Gos d’Atura eintauchen?

Dieser Beitrag ist nur ein kleiner Einblick in das Leben mit dieser faszinierenden Rasse. Auf meiner Übersichtseite habe ich mein gesammeltes Wissen und viele wertvolle Tipps für dich zusammengestellt:

Dort findest du auch meine ausführlichen Ratgeber zu den Themen: Herkunft & Geschichte, Charakter & Wesen sowie Verhalten im Alltag und unsere Tipps für ein echtes Mensch-Hund-Team.

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