Die Pubertät verändert den Hund. Klar. Was ich vorher nicht auf dem Zettel hatte: Sie kann auch den Menschen am anderen Ende der Leine ziemlich durcheinanderbringen.
Man liest Bücher, schaut Trainingsvideos, geht in die Hundeschule. Man arbeitet am Hund – an Leinenführigkeit, Rückruf, Impulskontrolle. Und während man sehr genau beobachtet, was der Hund gerade alles nicht kann, merkt man manchmal gar nicht, was im eigenen Kopf längst los ist.
Eine große Hilfe waren dabei selbstverständlich unsere lieben Mitmenschen, die mit ihren gut gemeinten Ratschlägen nicht sparten: „Der testet dich gerade!“, „Der muss wissen, wo sein Platz ist!“ oder mein persönlicher Favorit: „Wenn du das jetzt nicht in den Griff bekommst, wie willst du später einen ausgewachsenen Gos-Rüden bändigen?“
Danke auch. Genau das brauchte ich: einen mentalen Countdown zur Katastrophe.
Bloß nichts verpassen
Ich hatte Hundeerfahrung. Ich hatte mir Ziele gesetzt. Ich hatte sogar eine ziemlich klare Vorstellung davon, was ich diesmal alles besser machen wollte.
Und dann stand ich mitten auf einem Feldweg mit einem völlig aufgedrehten Gubacca am anderen Ende der Leine und dachte: Schaffe ich das überhaupt?
Ich hatte damals ständig das Gefühl, in jeder Entwicklungsphase gäbe es nur ein winziges Zeitfenster, in dem ich alles richtig machen müsste. Als würde irgendwo eine geheime Pubertätsuhr herunterzählen. Verpasst man den richtigen Moment, bleibt der Hund eben für immer so.
Rückblickend war genau dieses Denken ein Teil meines Problems. Es machte aus jedem schlechten Spaziergang eine Entscheidung über unsere Zukunft.
Natürlich gibt es sensible Entwicklungsphasen und Dinge, die früh leichter zu lernen sind. Aber mein damaliges Gefühl, ich könne durch einen verpassten Moment unseren gesamten weiteren Weg ruinieren, hat mir vor allem eines beschert: Druck. Gubacca hat auch später noch gelernt. Und ich übrigens ebenfalls.
Ich nahm Gubaccas Verhalten persönlich
Gubacca zeigte mir in dieser Zeit ziemlich zuverlässig, wo meine eigenen wunden Punkte lagen. Meine Ungeduld. Meinen Wunsch, gemocht zu werden. Meine Angst, zu scheitern.
Jeder Ausraster fühlte sich irgendwann wie eine persönliche Bewertung an. Nicht Gubacca hatte einen schlechten Moment – ich hatte es nicht hinbekommen. Jedes Ziehen an der Leine, jede misslungene Hundebegegnung, jeder Rückschritt wurde in meinem Kopf zum Beweisstück.
Und natürlich verglich ich mich.
Mit der Nachbarin, deren Hund scheinbar immer brav bei Fuß lief. Mit Menschen aus der Hundeschule, die nie die Geduld zu verlieren schienen. Mit irgendwelchen perfekten Freilaufbildern im Internet.
Besonders hartnäckig waren Sätze wie: Ich bin zu weich. Zu wenig klar. Zu emotional. Irgendwo schien es eine geheime Gebrauchsanweisung dafür zu geben, wie man als Halterin eines Gos d’Atura gefälligst zu funktionieren hatte – und ich hatte offenbar schon die Einleitung falsch verstanden.
Irgendwann geriet auch Bine ins Blickfeld
Der Perspektivwechsel kam nicht an einem einzigen Tag. Ich fing irgendwann an, mir selbst dieselben Fragen zu stellen, die ich bei Gubacca längst stellte: Was bringt mich eigentlich hoch? Wann werde ich hektisch? Was denke ich in dem Moment über ihn – und vor allem über mich?
Ich stellte fest: Ich war nicht nur enttäuscht von Gubacca. Ich war oft enttäuscht von mir.
Ich hatte geglaubt, geduldig zu sein. Die Nerven zu behalten. Das hinzubekommen. Und ich hatte mir eingebildet, dass Gefühl und Bindung schon ziemlich viel regeln würden.
Gubacca hatte dazu offenbar noch ein paar Ergänzungen.
Viel später bekam dieser Gedanke durch Gabi noch einmal eine ganz andere Richtung. Bis dahin hatte ich Hundetraining oft als etwas verstanden, das vor allem am Hund stattfindet. Gabi schaute mindestens genauso genau auf mich: auf meine Sprache, meine Mehrfachkommandos, meine Allroundwörter und darauf, wie klar ich überhaupt sagte, was ich eigentlich wollte.
Gabi war nicht die Hundetrainerin, die Gubacca „reparieren“ sollte. Für mich fühlte sie sich eher wie ein Personal Trainer für Bine an. Viele Dinge, die ich vorher vor allem an Gubacca festgemacht hatte, bekamen dadurch eine zweite Seite.
Aber ein Hund, an dem ich viel gelernt habe
Es gibt diesen Satz: „Jeder bekommt den Hund, den er braucht.“
Früher hielt ich ihn für einen Kalenderspruch. Heute bin ich immer noch nicht sicher, ob ich ihn unterschreiben würde. Gubacca wurde mir schließlich nicht vom Universum als pädagogische Maßnahme zugeteilt.
Aber er hat mir Seiten an mir gezeigt, an denen ich mit einem unkomplizierteren Hund vermutlich viel länger vorbeigekommen wäre. Meine Ungeduld. Mein Kopfkino. Mein Bedürfnis, Situationen möglichst schnell wieder „in Ordnung“ zu bringen. Und meinen Hang, schon heute sämtliche Probleme von übermorgen lösen zu wollen.
Das hat etwas verändert. Nicht schlagartig und schon gar nicht dauerhaft. Ich kann mich bis heute wunderbar in Dinge hineinsteigern. Aber ich erkenne es inzwischen etwas früher.
Was mir heute hilft
Auch dafür gibt es keine perfekte Methode. Eher ein paar Dinge, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben:
Kopfkino kann ausnahmsweise auch helfen
Mein Kopfkino arbeitet nämlich nicht ausschließlich gegen mich.
In schwierigen Momenten stelle ich mir manchmal einen alten, souveränen Schäfer vor. Wettergegerbt, ruhiger Blick, vollkommen unbeeindruckt von dem Drama vor ihm. Einer, der innerlich ungefähr denkt: Das ist nicht mein erster Rodeo.
Nein, das macht mich nicht plötzlich zur Schäferin. Aber das Bild verändert meine Haltung. Ich werde langsamer. Meine Stimme wird ruhiger. Und ich höre auf, in Gedanken schon drei Katastrophen weiter zu sein.
Ein anderes Bild ist der Luftballon, aus dem langsam Luft entweicht. Nicht mit einem Knall. Einfach nach und nach. Das hilft mir bis heute, wenn Gubacca hochfährt.
Und falls sich jetzt jemand fragt, ob ich all das heute zuverlässig beherrsche: Nö.
Manchmal schon. Manchmal stehe ich immer noch da, atme tief durch, setze innerlich meinen imaginären Schäferhut auf und denke Dinge, die mit Gelassenheit nur entfernt verwandt sind.
Der Unterschied ist: Ich mache daraus nicht mehr sofort ein Urteil über mich, Gubacca oder unsere gesamte gemeinsame Zukunft.
Im letzten Kapitel schauen wir mit Abstand auf diese wilde Zeit zurück. Was ist geblieben? Was wurde tatsächlich leichter? Und war die Pubertät rückblickend wirklich so schlimm, wie sie sich mittendrin angefühlt hat?
Sechs Kapitel durchs Chaos
Von den ersten Fragezeichen bis zum Rückblick mit Abstand.
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