Ich hatte es schon im ersten Kapitel beschrieben: Gubacca, entspannt auf der Seebrücke, ließ sich fotografieren – und auf dem Rückweg kippte die Situation plötzlich. Anspringen, Ärmelbeißen, völliges Hochfahren. Für mich fühlte es sich an, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Was auf der Seebrücke passierte, war kein Einzelfall. Es gab in dieser Zeit immer wieder Momente, in denen Gubacca scheinbar innerhalb weniger Sekunden von ansprechbar zu völlig aufgedreht wechselte.
Damals war ich überzeugt: Es gibt keine Vorwarnung. Keinen Hinweis. Keine Chance, mich oder ihn vorzubereiten. Heute würde ich diesen Satz anders formulieren: Ich sah keine Vorwarnung.
Vielleicht war manches tatsächlich sehr schnell. Vielleicht waren die Zeichen so klein, dass ich sie übersah. Vor allem aber hatte ich damals noch nicht den Blick auf Gubacca, den ich später entwickelte. Für mich kam der Kipppunkt deshalb aus dem Nichts.
Von 0 auf 300
„Von 0 auf 300“ wurde irgendwann meine Beschreibung für Gubacca. Nicht, weil er tatsächlich nur zwei Zustände kannte. Sondern weil es sich für mich genau so anfühlte: Eben war er noch bei mir – und plötzlich war er so hochgefahren, dass ich kaum noch zu ihm durchdrang.
Das habe ich lange für etwas sehr Typisches beim Gos gehalten. Heute bin ich mit solchen Sätzen vorsichtiger. Sicher ist: Gubacca ist ein wacher, schnell reagierender Hund mit eigenen Ideen. Und in seiner Pubertät traf das auf eine Phase, in der er mit Erregung und Frust noch deutlich schlechter umgehen konnte als später.
Was davon „typisch Gos“ war und was schlicht typisch Gubacca? Diese Frage lässt sich rückblickend längst nicht so sauber trennen, wie ich es damals gern getan hätte.
Vom glücklichen Wildschwein zum überdrehten Gubacca
Ein Sonntag wie aus dem Bilderbuch: Menschen, Sonne, Hunde. Gubacca war bei mir, alles lief gut.
Und dann kam das Modderloch.
Er sprang hinein wie ein glückliches Wildschwein und kam gefühlt als völlig anderer Hund wieder heraus. Von da an war an Ruhe kaum noch zu denken. Anspringen, Ärmelbeißen, immer weiter hochfahren. Und das Erstaunliche war: Es wurde nicht nach ein paar Minuten wieder gut. Nicht auf dem Heimweg. Nicht sofort zuhause.
Damals dachte ich vor allem: Was ist denn jetzt schon wieder passiert? Heute sehe ich eher, wie viel Erregung sich in solchen Situationen aufbauen konnte. Das Modderloch war vielleicht gar nicht „die Ursache“. Es konnte schlicht der Moment gewesen sein, an dem das Fass für Gubacca voll war.
Wenn Gubacca plötzlich hochfuhr, suchte ich früher nach genau dem einen Ding, das unmittelbar davor passiert war. Mit der Zeit wurde mir klar: Viel interessanter war oft die ganze Situation davor. Wie aufregend war der Tag? Was war schon passiert? Wie ansprechbar war er überhaupt noch? Das nahm dem einzelnen „Schalter-Moment“ ein bisschen von seinem Geheimnis.
Das Auf und Ab machte mich mürbe
Genau wie in Kapitel 2 war auch hier das Unberechenbare das Anstrengende. Es gab gute Tage. Sehr gute sogar. Tage, an denen Gubacca souverän, ansprechbar und konzentriert war.
Und dann gab es diese anderen Tage.
Diese Fragen liefen bei mir in Dauerschleife. Und ich machte dabei einen Fehler, den ich heute gut kenne: Ich bewertete jede einzelne Situation sofort als Zeugnis unserer gesamten Erziehung. Lief es gut, waren wir auf dem richtigen Weg. Kippte Gubacca, hatte ich offenbar irgendwo versagt.
So einfach war es natürlich nicht. Aber mitten in dieser Phase fühlte es sich ziemlich oft genau so an.
Weniger machen wurde manchmal mehr
Mein erster Impuls war lange, in solchen Situationen noch etwas erreichen zu wollen. Ein Kommando. Ein Abbruch. Irgendeine sichtbare Reaktion, die zeigte: Ich habe das hier im Griff.
Besonders unangenehm wurde dieser Druck, wenn andere Menschen zusahen. Dann wollte ich nicht einfach nur mit meinem völlig aufgedrehten Hund herumstehen. Ich wollte etwas tun.
Dabei merkte ich mit der Zeit, dass mehr Aktion Gubacca häufig nicht half. Ein hektisches „Anleinen! Da kommt was!“, ein schwungvolles „Und loooos!“ – gerne noch mit passender Armbewegung – konnte einen Hund, der sowieso schon oben war, eher noch weiter anschieben.
Ruhiger werden, aus der Situation gehen, stehenbleiben, Zeit geben: Das sah von außen oft nach erstaunlich wenig Hundeerziehung aus. Für uns war es manchmal genau das Richtige.
Ich würde heute nicht mehr behaupten, dass bei einem „gekippten Schalter“ grundsätzlich kein Locken, kein Schimpfen und kein Durchsetzen mehr funktionieren kann. Hunde und Situationen sind zu unterschiedlich. Bei Gubacca war aber deutlich: Wenn er sehr hochgefahren war, half mir der Versuch, noch mehr Druck oder Tempo hineinzubringen, selten weiter. Erst wenn wieder etwas Ruhe in ihn kam, konnten wir überhaupt sinnvoll miteinander arbeiten.
Das klingt rückblickend fast banal. Damals war es das für mich überhaupt nicht.
Denn Geduld fühlt sich ziemlich wenig nach einer Strategie an, wenn man mitten auf dem Weg steht, der Hund am Ärmel hängt und drei Menschen interessiert zuschauen.
Wie wir aus genau diesen Situationen nach und nach wieder herausfanden – und was uns im Alltag wirklich half –, darum geht es im nächsten Kapitel.
Sechs Kapitel durchs Chaos
Von den ersten Fragezeichen bis zum Rückblick mit Abstand.
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