Es gibt Tage, an denen man ziemlich sicher ist: Gestern konnte der Hund das noch. Das Sitz. Das Warten. Das kurze Zuhören. Und heute? Gubacca hatte offenbar andere Prioritäten.
Genau dieses Auf und Ab machte seine Pubertät für mich so schwer greifbar. Es war nicht so, dass plötzlich alles weg war. Viel verwirrender war, dass manches morgens wunderbar funktionierte und nachmittags aussah, als hätten wir es nie geübt.
Wenn Bekanntes plötzlich weniger verlässlich wirkt
Dieses Gefühl, dass ein Junghund Bekanntes plötzlich weniger zuverlässig abrufen kann, bilde ich mir übrigens nicht völlig ein. Auch Untersuchungen zur Hunde-Adoleszenz beschreiben Phasen, in denen bekannte Signale zeitweise weniger verlässlich beantwortet werden. Für mich ist daran vor allem eines beruhigend: Gelerntes ist deshalb nicht einfach verschwunden.
Genau so fühlte es sich mit Gubacca an. Es gab Tage, an denen ich ernsthaft dachte, wir hätten wieder bei null angefangen. Rückblickend war das viel zu schwarz-weiß gedacht. Ein schlechter Tag machte das Gelernte nicht ungeschehen – genauso wenig wie ein guter Tag bedeutete, dass die Pubertät jetzt bitte offiziell beendet war.
Pubertät ist mehr als ein Hormonschub
Vereinfacht gesagt ist Pubertät dabei nur ein Teil einer längeren Entwicklung zum erwachsenen Hund. Hormone, Motivation und Verhalten verändern sich – und auch im Gehirn laufen Reifungsprozesse ab.
Das Bild vom „Gehirn-Umbau“ hilft mir bis heute, diese Zeit zu verstehen. Nur sollte man es nicht wörtlich nehmen: Gubacca hatte sein gelerntes Wissen nicht plötzlich verloren. Es war nur längst nicht in jeder Situation gleich gut erreichbar.
Bei Gubacca fühlte es sich trotzdem manchmal genau so an. Was gestern selbstverständlich war, musste heute neu ausgehandelt werden. Nicht dauerhaft. Nicht in jeder Situation. Aber oft genug, um mich ernsthaft daran zweifeln zu lassen, ob ich mit demselben Hund unterwegs war wie am Vortag.
Was seine Eigenschaften mit der Sache zu tun haben können
Eine eigene „Gos-Pubertät“ gibt es wissenschaftlich nicht. Aber bestimmte Eigenschaften, die der Gos mitbringt, verschwinden natürlich nicht während der Adoleszenz. Im Gegenteil: Bei einem jungen Hund können sie plötzlich deutlicher sichtbar werden.
Der FCI-Rassestandard beschreibt den Gos d’Atura als lebhaft, intelligent, wachsam und gegenüber Fremden zurückhaltend. Bei der Herdenarbeit soll er nicht nur Anweisungen des Schäfers folgen, sondern in vielen Situationen auch selbstständig Entscheidungen treffen können.
Selbstständigkeit bedeutete bei Gubacca nicht, dass „Gehorsam unter seiner Würde“ lag. Aber er hatte schon früh eigene Lösungen im Angebot. In der Pubertät wurden diese Lösungen nicht gerade weniger.
Gubacca reagierte stark auf Stimmungen, Veränderungen und Situationen, die ihm zu viel wurden. Das ist meine Erfahrung mit ihm – keine pauschale Aussage darüber, dass jeder Gos Reize stärker wahrnimmt als andere Hunde.
Zurückhaltung gegenüber Fremden und Wachsamkeit gehören tatsächlich zur Rassebeschreibung. Bei einem jungen Hund kann sich aber erst mit der Zeit zeigen, wie diese Anlagen im Alltag aussehen. Bei Gubacca bedeutete das: Neues wurde gerne erst einmal gründlich bewertet.
Der Rassestandard beschreibt ausdrücklich, dass der Gos bei der Herdenarbeit eigene Entscheidungen treffen kann. Gleichzeitig wird er als seinem Schäfer und der Herde sehr ergeben beschrieben. Die alte Formulierung, der Gos sei ein unabhängiger Hütehund „ohne direkten Menschenfokus“, war deshalb zu pauschal.
Gute Tage, wilde Tage – und alles dazwischen
Das Zermürbende an dieser Zeit war für mich nicht nur, dass Gubacca schwierige Momente hatte. Es war die Unberechenbarkeit. Es gab Tage, da war er souverän, ansprechbar und konzentriert – und am nächsten schien dieselbe Situation plötzlich eine völlig andere Wirkung auf ihn zu haben.
Mit Abstand sehe ich darin keinen Beweis dafür, dass unser Training an den schlechten Tagen „weg“ war. Entwicklung verläuft nicht in einer sauberen Linie. Fortschritte können da sein, auch wenn sie sich nicht in jeder Situation zeigen. Genau deshalb halfen uns Wiederholungen, vertraute Abläufe und vor allem ein genauerer Blick darauf, wann Gubacca noch ansprechbar war – und wann nicht mehr.
Ein schlechter Tag bedeutete nicht automatisch, dass wir wieder bei null waren. Und ein guter Tag bedeutete leider genauso wenig, dass wir mit der Pubertät schon fertig waren.
Ich bin keine Hundetrainerin und keine Verhaltensforscherin. Ich kann deshalb nicht erklären, was in jedem einzelnen Moment exakt in Gubaccas Kopf passiert ist. Aber ich kenne das Gefühl sehr gut, vor dem eigenen Hund zu stehen und sein Verhalten plötzlich nicht mehr einordnen zu können.
Bei uns gab es dabei Situationen, in denen das Ganze innerhalb weniger Sekunden kippte. Eben war Gubacca noch erreichbar – und plötzlich war er es nicht mehr. Genau dort beginnt das nächste Kapitel.
Sechs Kapitel durchs Chaos
Von den ersten Fragezeichen bis zum Rückblick mit Abstand.
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