2084. Tag | Welche Eigenschaften brauche ich für einen souveränen Hund an meiner Seite?

Januar 20, 2023

Wer wünscht sich nicht einen gelassenen und souveränen Hund an seiner Seite? Einen Hund, den man überwiegend ohne Leine laufen lassen kann, der keine Radfahrer und Jogger jagt und ein angenehmer Begleiter ist, der niemanden belästigt. Natürlich soll unser Hund auch eine enge Bindung zu uns haben und glücklich sein. Viele Wünsche - aber wie erreichen wir das? Welche Eigenschaften und Fähigkeiten müssen wir dafür mitbringen?
 

  
In einem Onlineseminar vom PPC e.V. schilderte  Ingeborg Freund (Hundetrainerin Hundezentrum Siegerland) welche Eigenschaften wir als Mensch in die Waagschale „Mensch-Hund-Beziehungen“ werfen müssen, um später auch einen ruhigen und souveränen Hund an unserer Seite zu haben. Ich fand die „Liste“, die ich für mich liebevoll „Engelchen und Teufelchen“ nenne, sehr spannend und habe Ingeborg gebeten, ihre „10 Gebote“ noch einmal für uns zu erklären. Beginnen wir mit der für unseren schwierigeren Seite, die Eigenschaften der Kopfseite:
 

Die Kopfseite (das Teufelchen)

Gradlinig

Ingeborg: Beginnen wir mit der Gradlinigkeit. Je gradliniger ich in meinem Verhalten bei meinem Hund bin, umso leichter kann er mich auch verstehen. Definiere dir ein Ziel, was du mit deinem Hund erreichen möchtest und arbeite kleinschrittig daran, dass du es erreichst. Du musst ein festes Bild davon im Kopf haben und dir genau vorstellen, wie das aussehen wird. Ein Ziel kann zum Beispiel sein, dass dein Hund an der lockeren Leine auf deiner Höhe läuft. 
 
Bine: Oder ruhig an den Rüden vorbeigeht… Das ist nach wie vor ein Problem für uns. 
 
Ingeborg: Das ist ja ein sehr häufiges Problem. Ich sage immer zu meinen Schülern, dass sie sich über jede Hundebegegnung freuen sollen. Oft ist der erste Gedanke ja negativ: „Oje, da kommt uns ein Hund entgegen“, und der Mensch wird unsicher, manchmal sogar ärgerlich. Aber nein! Wir freuen uns über den Trainingspartner und denken: „Da laufen wir jetzt ruhig dran vorbei“. Zumindestens sollte man ein paar Schritte (wenn möglich) darauf zugehen. Dann kann man immer noch umdrehen und lächelnd weggehen und den Hund loben, wenn er das ausgehalten hat. Aber zurück zur Gradlinigkeit. Es spiegelt dein Verhalten. Du weißt, was du möchtest und verfolgst dein Ziel. Gubacca bekommt dabei einen verlässlichen Rahmen gesetzt, in dem er sich frei bewegen kann. Was heute gilt, gilt auch morgen und übermorgen. 

 

Konsequent 

Ingeborg: Und da wären wir dann auch bei der Konsequentheit. Ich bin konsequent in meinem Denken und Handeln. Man sollte Regeln haben und diese möglichst konsequent umsetzen. Dafür habe ich einen schönen Merksatz für euch: Ich sage, was ich denke und meine, was ich sage. Hört sich erst wie ein Zungenbrecher an - ist aber ganz einfach und bedeutet einfach das Durchsetzen des eigenen Handeln. Aber auch wir haben Tage, wie unsere Hunde auch, an denen es nicht funktioniert. Das wird uns nicht wirklich zurückwerfen. NEUER TAG, NEUES SPIEL! Wichtig ist hierbei auch, dass ich auch tatsächlich hinter dem stehe, was ich möchte - nur dann wird mein Hund das auch verlässlich machen können. 
 
Bine: Das kann ich nur bestätigen! Mir fällt da spontan Gubaccas Welpenzeit ein. Da hat jeder zur mir gesagt, du kannst in eurem Haus mit den vielen Treppen nicht vermeiden, dass Gubacca hoch und runter läuft. Mir war das aber enorm wichtig und siehe da - es hat geklappt. Gubacca akzeptierte die magische rote Linie 
 

 

Kompromisslosigkeit 

Ingeborg: Hierbei gehst du als Mensch keine faulen Kompromisse ein. Ein schönes Beispiel ist der Mensch, der seinen Hund zu sich ruft. Der Hund kommt auch zu seinem Menschen, bleibt aber drei Meter vor ihm stehen. Was machen viele? Sie überwinden die fehlende Distanz zu ihrem Hund, um ihn zum Beispiel anzuleinen. Richtig wäre es in dieser Situation gewesen, sich selbst ein paar Schritte zurückzubewegen. Dadurch habe ich wieder die Aufmerksamkeit des Hundes. Dann kann ich problemlos aus dem Stand heraus die Leine anlegen. 
 
Bine: Und was mache ich, wenn mein Hund es einfach nicht macht? Gerade der Rückruf ist bei jungen Hunden ja ein heikles Thema. 
 
Ingeborg: Du musst dir vorher auch überlegen, ob ich es tatsächlich durchsetzen kann. Habe ich zum Beispiel einen Jungspund, von dem ich weiß, dass meine Erfolgsquote eher schlecht ist, dass er auf meinen Rückruf kommt - dann bleibt er an der Schleppleine! (Außer im freien Spiel mit anderen Hunden!) Dann habe ich auch jederzeit die Möglichkeit, auf meinen Hund einzuwirken. Ich als Mensch muss die Situationen so gestalten, dass ich sie auch tatsächlich im Griff habe. Macht mein Hund nicht das, was ich von ihm möchte, hat das auch Folgen. Ohne Folgen wird der Hund sein Verhalten nicht ändern. Ein schönes Beispiel aus der Kindererziehung ist der Schulschwänzer. Klein Hänschen schwänzt die Schule und nichts passiert. Was ist die Folge? Die Chance, dass aus dem einmaligen Fehltritt ein chronischer Schulschwänzer wird, ist hoch, oder?
 

 

Dominanz 

Bine: Ich denke, mit diesem Punkt tut man sich schwer, wenn man ihn zum ersten Mal hört. Dominanz ist ja oft negativ behaftet. Meine erste Intuition zu diesem Wort ist zum Beispiel, meinen Willen durchsetzen, egal wie. Das ist aber sicherlich nicht damit gemeint?! 
 
Ingeborg: In gewissem Sinne liegst du damit sogar richtig. Unter Dominanz im Zusammenleben mit meinen Hunden verstehe ich die Fähigkeit, jederzeit meine Wünsche auch durchzusetzen, und das ist überhaupt nichts Negatives. Meine Hunde dürfen zum Beispiel alle bei mir auf dem Sofa liegen. Die ganzen Thesen, dass man damit die Dominanz beim Hund fördert, halte ich für Quatsch. WIR müssen nur die Dominanz besitzen, jederzeit verlangen zu können, dass der oder die Hunde sofort vom Sofa runtergehen, wenn ich das möchte. Bei mir dürfen mich meine Hunde auch beim Spielen mal anrempeln - aber wenn es mir zu wild wird, kann ich es auch jederzeit abbrechen, nicht mit Härte, sondern mit Ausstrahlung. 
 

 

Autorität

Ingeborg: Ich setze das durch, was ich möchte, auch wenn es schwierig wird. Beispiel: Mein Hund hat sich an der Pfote verletzt und möchte mich nicht nachschauen lassen. Und wenn er es dann noch so doof findet - ich setze mich durch und kontrolliere die Pfote. Auch hier angemessen agieren, nicht mit Härte und nur zum Wohle des Hundes. 
 
Bine: Mir fallen in dem Zusammenhang spontan die Begriffe „Selbstbewusstsein und Stärke“ ein. 

Ingeborg: Richtig Bine. Aber auch Konfliktfähigkeit ist in dem Zusammenhang wichtig. Ingeborg: Die folgenden Punkte fallen uns Menschen leichter, und wir verbinden automatisch etwas Positives damit. Sie sprechen sozusagen unsere emotionale Seite an. Aber noch einmal: Zu jeder guten Mensch-Hund-Beziehung gehören beide Seiten, und wir müssen auch konfliktfähig sein.






Die emotionale Seite (das Engelchen)

Partnerschaftlich

Ingeborg: Hierzu zählt für mich, mit meinem Hund auf Augenhöhe zu kommunizieren. Ihn als eigenständiges Wesen wahrzunehmen mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Ich finde es enorm wichtig, gegenseitig auf die Wünsche einzugehen. Die Mensch-Hund-Beziehung ist keine Einbahnstraße, wo nur wir als Mensch im Fokus stehen. Aber es ist genauso falsch, nur die Bedürfnisse des Hundes zu berücksichtigen. Wie in jeder guten Freundschaft muss sich das die Waage halten.

Bine: Das stimmt, Ingeborg! Man kann sofort hier noch ganz viele Punkte zum partnerschaftlichen Miteinander ergänzen, wenn man darüber nachdenkt, was man sich selbst von seiner besten Freundin oder dem besten Freund wünscht. Die Bedürfnisse sind da bei Hund und Mensch gleich.
 


Liebe und Zuneigung

Bine: Ich bin sicher, dieser Punkt fällt uns Menschen am leichtesten - Liebe und Zuneigung zu schenken.

Ingeborg: Stimmt! Aber ähnlich wie in einer guten Partnerschaft, sollte man es seinem Hund aber auch zeigen, dass man ihn liebt. Das kann ein zärtlicher Blick sein oder ein Streicheln. Unsere Hunde sind keine Sportgeräte, sondern Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten. Ein Wesen zu lieben, bedeutet auch zu akzeptieren, dass es Stärken UND Schwächen hat. Es wird auch Dinge geben, die einen an die eigenen Grenzen bringen. Nicht jeder Hund ist zum Agility-Sieger geboren und nicht jeder wird zum leidenschaftlichen Schwimmer, nur weil wir das toll finden. Liebe ist, den anderen so zu nehmen wie er ist, seine Stärken zu förden und entsprechend auch seine eigenen Ansprüche anzupassen. 


Geborgenheit

Ingeborg: Ich bin der Fels in der Brandung und hier bist du sicher - das ist für mich Geborgenheit. Mein Toni ist zum Beispiel ein Hund, der sofort bei mir Schutz sucht, wenn ihn etwas verunsichert. Ich bezeichne mich immer als seinen Bodyguard. Wir schützen unseren Hund und regeln die Situation. Haben unsere Hunde gelernt, dass sie sich auf uns verlassen können, werden sie sich in einer Konfliktsituation auch an uns orientieren.

Bine: Wie steht du zu dem Thema Hund im Schlafzimmer? Auch das gehört für mich zu dem Thema Geborgenheit. Bei einigen ist das eigene Schlafzimmer ja eine Tabuzone.

Ingeborg: Richtig, das sehe ich auch so. Bei mir schlafen alle Hunde auf ihrem Platz mit mir im Schlafzimmer. Wir kommen gemeinsam zur Ruhe, und es schenkt den Hunden auch Sicherheit. Ein Ort, an den sie sich zurückziehen können - mit ihrem Rudel - wo ihnen nichts passieren kann. Aber es gibt auch gute Gründe, dass der Hund nicht mit ins Schlafzimmer kann, z.B. die Gesundheit.

 

Geselligkeit

Ingeborg: Hunde sind Rudeltiere und möchten ihr Leben mit uns gemeinsam verbringen. Ich finde es toll, dass immer mehr Hunde ihren Menschen ins Büro begleiten dürfen. Natürlich müssen meine Hunde auch alleine bleiben können, und ich gehe auch gerne ohne sie ins Restaurant. Aber grundsätzlich begleiten sie mich durch mein Leben und nehmen an meinem Alltag teil. Der Begriff „sozial integriert“ passt für mich gut. Ganz wichtig ist, die nötigen Ruhezeiten zu beachten. Bine: Das stimmt! Wobei ich auch noch ergänzen würde, dass man für sich dabei aber abwägen muss, ob sein Hund überall dabei sein muss. Ich sehe oft Hunde in überfüllten Fußgängerzonen und denke dann immer, dass es zuhause für sie stressfreier gewesen wäre.

 

Vertrauen & Aufmerksamkeit 

Ingeborg: Mein Leitsatz ist: Ich vertraue meinem Hund und glaube an ihn. Die Gedanken des Menschen steuern meiner Meinung nach auch das Verhalten seines Hundes. Was ich denke und fühle, wird mein Hund auch meistens ausleben.

Bine: Da kann ich dir nur zustimmen! Ich merke immer wieder, dass sich meine negativen Gedanken auch sofort auf Gubacca übertragen. Aber auch das Thema „Vertrauen“ finde ich sehr wichtig. Damit hatte ich anfangs echt Probleme und habe Gubacca viel zu wenig zugetraut oder bin in ein „Schubladen-Denken” verfallen.

Ingeborg: Beim Begriff Vertrauen müssen wir aber nicht nur unseren Hunden etwas zutrauen, sondern auch uns selbst. Ich habe hier ein tolles Beispiel aus meiner Arbeit bei der Rettungshundestaffel. Bei einer wichtigen Prüfung starteten vor mir zwei Teams, die sehr schlecht vorbereitet waren. Dementsprechend wurden von diesen Teams die Übungen auch nur schlecht ausgeführt und erleichtert dachte ich: „das können wir besser“. Waren wir dann auch, weil ich mit dem Gefühl, es besser zu können, gestartet bin und wir außerdem gut vorbereitet waren.


 

Bine: Was gehört für dich zu dem Begriff „Aufmerksamkeit“?

Ingeborg: Dazu gehört zum Beispiel, die Anwesenheit des Hundes auch wahrzunehmen. Es ist einfach schrecklich, wie viele Menschen mit Handy am Ohr mit ihrem Hund spazieren gehen. Unsere Hunde fragen in so vielen Situationen bei uns nach, ob ihr Verhalten richtig ist. Wenn wir aber nur mit dem Ohr am Handy kleben, dürfen wir uns nicht wundern, dass sie irgendwann nur noch ihr Ding machen. Bei mir ist es zum Beispiel so, dass die Zeiten zwischen 12-13 und 18-19 Uhr nur meinen Hunden gehören. Da mache ich nichts anderes, als meinen Hunden meine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Wir spielen und toben. Das ist der Ausgleich für die Zeiten, die sie mitarbeiten in der Hundeschule. 

 

Lob & Streicheln

Ingeborg: Die Begriffe sind ja schon selbsterklärend. Ich finde es wichtig, dass Hunde auch Anerkennung in Form von Lob bekommen, aber auch die körperliche Zuwendung. 

Bine:
Hierzu fällt mir noch das Stichwort „richtiges“ Loben ein. Ich glaube, das fällt vielen Menschen schwer und man beschränkt sich oft nur auf den Griff in den Futterbeutel. Lehnst du Leckerchen in der Erziehung ab, Ingeborg, oder ist es für dich in Ordnung? 

Ingeborg:
Ich finde es grundsätzlich in Ordnung, seinen Hund auch mit einem Leckerchen zu belohnen. Aber wie du auch schon gesagt hast, es gibt auch noch weitere Optionen. Mein Toni zum Beispiel würde jedes Leckerchen sofort im hohen Bogen ausspucken, wenn er die Wahl zwischen Futterbelohnung und meiner körperlichen Nähe hätte. Er liebt es, wenn er zwischen meinen Beinen einparken darf - das ist für ihn die größte Belohnung. Das tollste Lob ist nichts wert, wenn es bei meinem Hund nicht als solches ankommt. Von daher ist es wichtig, etwas zu finden, was mein Hund auch sehr mag. 

Bine:
Wichtig finde ich auch, dass wir beim Loben wirklich unsere Freude über das richtige Verhalten zeigen. Ich muss zugeben, auch bei mir schleicht sich manchmal ein automatisch gesagtes „fein“ ein, weil ich mit den Gedanken woanders bin. 

Ingeborg:
Dann sag lieber gar nichts, Bine. Ich sage zu meinen Schülern immer: „Dein Hund kommt, wenn du ihn rufst, sofort zu dir? Dann freu dich wie über einen 6er im Lotto!” Das meinte ich auch vorhin, dein Gubacca muss sehen und fühlen, wie stolz du auf ihn bist und wie toll er das gemacht hat. 
 
Bine: Danke Ingeborg, das waren jetzt ganz viele Informationen, die ich sehr hilfreich fand. Mir wurde auch hier wieder bewusst, dass wir sehr viel an uns arbeiten müssen und gar nicht mal so viel an unseren Hunden. Deine Punkte zeigen aber auch, dass wir auf der Suche nach Harmonie auch konfliktfähig sein müssen. Ich denke, das ist gerade bei einer so intelligenten und feinfühligen Rasse wie dem Gos wichtig! Vielen lieben Dank, dass du dir so viel Zeit für den Bericht genommen hast! Ich bin sicher, er wird viele Menschen wieder ein Stück weiterbringen.
 


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