Die unsichtbare Glocke: Warum wir die Aufregung unserer Hunde oft zu spät bemerken
In meiner Geschichte vom „Tal der Umwege“ gibt es die Glocke der Aufregung. Sie hängt in keinem Turm, man sieht sie nicht und genau das macht sie so gefährlich. Wer sie sucht, hat schon verloren. Man findet sie erst, wenn man sie längst hört.
In der echten Welt nennen wir das oft „plötzliches Ausrasten“, „Leinenpöbelei“ oder „völliges Überdrehen“. Wir stehen dann da, halten die Leine fest und fragen uns: „Was ist denn jetzt in ihn gefahren? Es war doch gar nichts!“
Doch die Wahrheit ist: Es war nicht „nichts“. Die Glocke hat nur schon lange vorher vibriert. Wir haben nur nicht hingehört. Ich habe früher wirklich geglaubt, man merkt Erregung daran, dass der Hund sichtbar eskaliert. Spoiler: Nein. Man merkt sie daran, dass man hinterher sehr viel über seine eigene Wahrnehmung nachdenkt. Und über seine Griffkraft an der Leine.
Meine Hundeschul-Glocke
„Als Gubacca 13 Monate alt war, besuchten wir zum ersten Mal eine Gruppenstunde in der Hundeschule. Weil die Hundeschule nicht weit weg war, bin ich ganz schlau zu Fuß hingelaufen. Wir mussten eine Hauptstraße entlang, viel Verkehr – am Anfang war er verunsichert, aber es klappte schon fast entspannt. Betonung auf fast.
Auf dem Platz dann die nächste Nummer: viele fremde Hunde, eine Gruppe, die sich längst kannte und ein Rüde, der fand, Gubacca müsse dringend „eingewiesen“ werden. Gubacca hat das vermeintlich gut weggesteckt. Ich war stolz wie Bolle und bin mit ihm nach der Stunde wieder los.
Und dann, auf dem Heimweg an der Hauptstraße, eskalierte er. Ohne Grund? Nein. Der Grund war nur nicht jetzt. Der Grund war: schon vorher. Die Glocke hatte die ganze Zeit vibriert – ich habe nur immer wieder gedacht: „Ach guck, geht doch.“
Heute würde ich es anders machen: Ich würde mit dem Auto fahren. Ich würde nicht sofort die ganze Stunde mitmachen, sondern erstmal am Rand sitzen, damit er die Situation sortieren kann. Vielleicht ein, zwei Übungen und dann wieder heim. Nicht weil er „zu sensibel“ ist, sondern weil sein System eben nicht unbegrenzt Speicher hat.
Das feine Vibrieren: Wenn die Aufregung leise beginnt
Hunde mit einer niedrigen Reizschwelle – wie mein Gos d’Atura Gubacca oder der junge Pedro aus der Geschichte – sind wie ein hochempfindliches Messgerät. Die Glocke beginnt bei ihnen nicht erst zu schwingen, wenn der Erzfeind am Zaun steht.
Sie vibriert schon, wenn …
- das Leberwurstschnittchen um 19 Uhr nicht pünktlich serviert wird und Gubacca mich anschaut, als hätte ich ihm soeben seinen Arbeitsvertrag gekündigt.
- irgendwo ein Auto mit klapperndem Anhänger vorbeifährt und er auf einmal so tut, als sei das der Startschuss für die Apokalypse.
- ich gestresst die Schuhe anziehe (was er als eindeutiges Zeichen interpretiert: Frauchen ist nervös. Also muss ich das jetzt übernehmen.)
Dieses erste Vibrieren ist leise. Der Hund fixiert vielleicht kurz, die Rute geht einen Millimeter höher, die Atmung wird für drei Sekunden flacher. Es sind die Momente, in denen wir noch sagen: „Ach, er guckt ja nur.“ Aber die Glocke ist bereits aktiviert.
Trigger-Stacking: Wenn sich die Töne summieren
Das Problem ist selten der eine große Knall. Es ist das sogenannte Trigger-Stacking (Reiz-Aufsummierung). Stell dir vor, jeder kleine Stressmoment ist ein Schlag gegen die Glocke. Und ich stehe daneben wie ein Mensch mit sehr guter Theorie und sehr mittelmäßiger Timing-Kompetenz.
Der erste Schlag: Ein fremder Hund bellt im Nachbargarten. Pling. Die Glocke vibriert leise.
Der zweite Schlag: Ein gelber Sack flattert im Wind. Dong. Die Vibration wird stärker.
Der dritte Schlag: Ein Kind rennt schreiend vorbei. DÄNG.
„Man findet sie erst, wenn man sie längst hört.“ Wenn der Hund in der Leine hängt, ist die Glocke im Vollanschlag. In diesem Moment ist das Gehirn im Überlebensmodus. Lernen? Denken? Unmöglich.
Wie wir lernen, das Vibrieren zu spüren
Miralda macht in der Geschichte etwas Entscheidendes: Sie kniet sich neben Pedro. Sie schaut nicht auf die Krähe Corva, sie schaut auf ihren Hund. Sie spürt die Vibration, bevor Corva überhaupt gelandet ist.
Die Null-Linie kennen: Wie sieht dein Hund aus, wenn er wirklich tiefenentspannt ist? Wie ist sein Blick? Wie weich sind seine Lefzen? Nur wer die Stille kennt, hört das erste Vibrieren. Bei Gubacca ist die Null-Linie dieses „weiche Gesicht“. So ein Blick, bei dem man denkt: Da drin ist nur Sofa. Wenn das verschwindet, weiß ich: Jetzt ist nicht mehr Trainingstag, jetzt ist Glockentag.
Den „Vorklang“ lesen: Achte auf das Einfrieren. Wenn dein Hund eine Sekunde lang wie eine Statue erstarrt, hat die Glocke gerade den ersten Schlag bekommen. Das ist der Moment, in dem du reagieren musst – nicht erst, wenn er bellt.
Noch entspannt auf dem Holzpodest, aber der Blick fixiert schon die Ferne – Gubacca im „Halb-acht-Modus“.
Stress-Inventur: Wenn du weißt, dass dein Hund heute schon zwei schlechte Begegnungen hatte, ist seine Glocke bereits „vorgeladen“. Erwarte an so einem Tag keine Wunder. Geh lieber einen Umweg. Schenk ihm Raum. Ich hab mir angewöhnt, Tage nicht nach Kilometern zu bewerten, sondern nach Begegnungen. Zwei doofe Situationen reichen bei uns manchmal schon, um den Rest des Spaziergangs in die Kategorie „wir tun heute so, als wäre Umweg eine Tugend“ zu packen.
Ich habe mir das früher immer in Löffelchen vorgestellt. Mit dem jungen Gubacca hatte ich fünf Löffelchen für einen Tag. Hauptstraße? Zack – eins weg. Die Gruppenstunde? Noch eins. Ein Rüde, der ihn maßregelt? Wieder eins. Und wenn der Besteckkasten leer ist, braucht niemand mehr über Gehorsam reden. Dann braucht es nur noch: Ruhe.
Und noch etwas: Positiv zählt auch. Gubacca kann sich riesig freuen, wenn ich nach Hause komme – und ja, auch das kann ein Löffelchen kosten. Es ist nicht nur der Stress, der auflädt. Auch die schöne Aufregung macht den Akku nicht voller.
Außerdem haben wir Menschen diesen Hang dazu, wenn etwas gut geklappt hat, immer noch einen drauf zu setzen. Beispiel: Gubacca ist ruhig an einem fremden Rüden vorbeigegangen. Ich neige dann dazu, mir noch mal die Bestätigung zu holen, wie toll das jetzt klappt. Und was passiert? Gubacca eskaliert, weil der nächste Hund nur einen Augenblick in seine Richtung schaut.
Besser wäre es gewesen, sich nach der ersten tollen Begegnung zu freuen und den Spaziergang ab da mit weniger Herausforderungen fortzusetzen. Wenn etwas gut klappt, will ich manchmal noch einen Beweis. Gubacca hingegen will dann meistens nur eines: Feierabend.
Stille ist der Ort, an dem du zurückfindest
Miralda schenkt Pedro den „Mantel aus Raum“. Sie zieht nicht am Halsband (was die Glocke nur noch lauter schwingen ließe), sondern sie gibt ihm eine Blickmünze – einen Anker zu ihr.
Wir können unsere Hunde nicht vor allen Glockenschlägen der Welt schützen. Die Welt ist laut, Corva ist überall und Reize lassen sich nicht abstellen. Aber wir können lernen, die Hand sanft an die Glocke zu legen, um die Schwingung zu dämpfen, bevor sie ohrenbetäubend wird.
Nicht jedes Signal ist ein Auftrag. Nicht jedes Vibrieren muss im Chaos enden. Manchmal ist das die größte Übung überhaupt: nicht zu reagieren, nicht zu reden, nicht zu korrigieren – sondern einfach dazubleiben, bis der Hund wieder bei sich ankommt.
Wenn du noch ein bisschen tiefer in unsere Reise eintauchen möchtest – hier sind einige Gedanken aus dem Archiv, die heute aktueller denn je sind:
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