Die Glocke der Aufregung und der Teich ohne Spiegel
Im Tal der Umwege ist Zeit ein dehnbarer Begriff.
Im Tal der Umwege gab es viele Dinge, die man nicht erklären konnte. Wege, die sich weigerten, geradeaus zu laufen. Nebel, der pünktlich kam wie ein höflicher Besucher. Und ein Bach, der alles hörte und nie etwas weitererzählte.
Aber das Seltsamste war eine Glocke. Sie hing nicht in einem Turm. Sie baumelte nicht an einer Kette. Sie war nirgends zu sehen, und genau deshalb war sie so gefährlich. Denn wer sie sehen will, hat schon verloren. Man findet sie erst, wenn man sie längst hört.
Man nannte sie die Glocke der Aufregung. Menschen behaupteten, sie existiere nicht. Menschen behaupten viele Dinge, besonders dann, wenn sie etwas nicht hören, nicht riechen oder nicht spüren können. Hunde im Tal widersprachen nicht. Sie wussten es besser. Hunde diskutieren selten über die Realität. Sie reagieren einfach.
Und dann gab es noch Krähen. Krähen diskutieren auch nicht. Krähen beobachten. Krähen sammeln. Krähen merken sich, wo Schwächen liegen. Und wenn eine Krähe eine Schwäche findet, dann trägt sie sie nicht wie eine Last, sondern wie einen Schlüssel.
Die Krähe, die das am besten konnte, war Corva. Corva war nicht die größte Krähe, nicht die lauteste, nicht die mit den stärksten Flügeln. Sie war die mit der besten Geduld, was ironisch war, weil sie Geduld bei anderen absolut nicht ausstehen konnte. Sie nannte sich Krähenkönigin, weil es in ihrem Kopf so stand. Und weil im Tal niemand Lust hatte, über die innere Ordnung einer Krähe zu diskutieren.
Corva trug eine Krone aus Federn. Sie war so schwarz, dass sie manchmal aussah wie ein Schatten, der sich entschieden hatte, edel zu sein. Corva mochte das. Gold war plump. Schwarz war stilvoll. Und Stil war Macht, wenn man ihn richtig einsetzte.
Corva lebte am Rand des Dunkelwaldes. Sie liebte ihn, weil er Menschen und Hunde nervös machte. Nervosität war ihr Element. Denn nervöse Wesen denken nicht mehr sauber. Und sie reagieren zuverlässig. „Ein bellender Hund ist ein lenkbarer Hund“, krächzte Corva gern. Wie ein Koch, der weiß, dass sein Rezept funktioniert.
An diesem Morgen saß Corva auf einem Ast über dem Pfad. Sie wartete auf genau den Richtigen: Pedro. Pedro war ein junger Hütehund, geboren mit einem Blick, der Dinge sah, bevor sie passierten. Manche hätten gesagt: sensibel. Im Tal sagte man eher: wach. Und dieses „wach“ war wie ein ständig gespannter Draht.
Miralda lehrt Pedro die Kunst der inneren Stille.
Pedro war nicht böse. Er war nur überzeugt, dass Verantwortung etwas ist, das man tragen muss. Das Problem war nur: Die Welt hatte nie zugesagt, ordentlich zu bleiben. Pedro kam den Pfad entlang. Corva beobachtete ihn und ließ eine einzige Feder fallen.
Pedro blieb stehen. In ihm vibrierte die Glocke. Corva neigte den Kopf: „Da ist was.“ Pedro bellte. Und dann trat Miralda auf den Pfad. Miralda war eine alte Schäferin. Sie wirkte nicht müde. Sie wirkte… geformt. Als hätte sie jahrelang Wetter, Wege und Wesen geführt, ohne dabei aus der Haut zu fahren. Miralda blieb neben Pedro stehen. Nicht vor ihm. Nicht über ihm. Neben ihm. Als würde sie sagen: Ich bin hier. Das reicht.
Miralda kniete sich hin. Sie griff nicht nach Pedros Halsband. Sie holte nur etwas aus ihrer Manteltasche und legte es auf den Boden. Ein Stein. „Das ist der Kreisstein“, sagte Miralda. „Er erinnert dich daran, wo du noch denken kannst.“ Als Zweites legte sie eine kleine Münze zwischen Pedros Pfoten. „Und das ist die Blickmünze. Sie wird warm, wenn du zu mir zurückkommst.“
Pedro zögerte. Seine Augen trafen Miraldas Blick. Die Münze wurde warm. Nicht sichtbar warm. Aber Pedro spürte es. Wie ein kleines, inneres „Da bist du ja“. Corva erstarrte. „Das zählt nicht“, krächzte sie. Miralda stand auf. „Führung.“
Sie gingen zum Teich ohne Spiegel. „Dieser Teich zeigt dir nichts, wenn du drängst. Er wird trüb, wenn du ihn kontrollieren willst“, sagte Miralda. Pedro beugte sich vor, die Glocke vibrierte. Corva flüsterte: „Spring rein! Klär das!“ Miralda sagte leise: „Setz dich.“ Pedro setzte sich. Er atmete. Einmal. Zweimal.
Und während Pedro saß, wurde der Teich klarer. Er sah einen kleinen Fisch. Nicht gefährlich. Nicht wichtig. Einfach ein Fisch. „Das hier“, sagte Miralda leise, „ist der Anfang von deinem Mantel. Nicht aus Stoff. Aus Raum.“ Sie gingen zurück Richtung Tal. Pedro ging anders. Nicht wie jemand, der jederzeit springen muss. Wie jemand, der weiß, dass er zuerst atmen darf.
Nicht jedes Signal ist ein Auftrag. Und Stille ist nicht leer. Stille ist der Ort, an dem du wieder zu dir zurückkannst.
„Die erste Lektion ist gelernt: Stille ist kein Stillstand, sondern der Beginn von Klarheit. Doch Corva schläft nicht – und am Montag wird sie Pedro mit einer Versuchung prüfen, die süßer ist als Honig.“
Wie geht die Reise weiter?
Am kommenden Montag folgt Kapitel 2:
Corvas Zuckerfaden und die Tür der Geduld
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