Es gibt diese Momente, in denen ich denke: Jetzt haben wir’s. Gubacca läuft entspannt, reagiert souverän, bleibt bei sich – und ich bin innerlich schon dabei, mir selbst auf die Schulter zu klopfen. Unauffällig natürlich.
Erfahrungsgemäß ist genau das der Moment, in dem das Leben fragt: „Willst du das vielleicht noch einmal mit einem zweiten Hund daneben ausprobieren?“
Denn Gubacca allein ist eine Sache. Gubacca mit Gesellschaft kann eine ganz andere sein.
Der Vorführeffekt hat wieder Dienst
Kaum hatte ich also erzählt, wie entspannt Gubacca inzwischen mit vielen Situationen umgeht, waren wir gemeinsam mit einer Freundin und ihrem Hund am Halterner Stausee unterwegs.
Und Gubacca war plötzlich weit entfernt von dem Hund, über den ich kurz vorher noch so überzeugend gesprochen hatte. Mein erster Gedanke war natürlich ausgesprochen wissenschaftlich: Selbst schuld, Bine. Wer vorher so strunzt, bekommt anschließend die Quittung.
Nur war dieser Spaziergang keine Quittung für mein Eigenlob. Er zeigte mir ziemlich deutlich etwas, das ich mit Gubacca immer wieder erlebe: Wer mit uns unterwegs ist, macht einen Unterschied.
Wer mitläuft, läuft nicht einfach nur mit
Genau das meine ich mit Resonanz. Hunde reagieren nicht nur auf ihre Umgebung und ihre Menschen, sondern auch aufeinander. Aufregung kann sich übertragen, Verhalten kann sich gegenseitig verstärken – und ein anderer Hund kann eine Situation spürbar verändern.
Bei Gubacca sehe ich das besonders deutlich. Allein läuft eine Begegnung völlig unspektakulär, mit einem bestimmten Hund an seiner Seite sieht die Sache plötzlich anders aus. Und ausgerechnet in einer großen Gruppe kann er wieder erstaunlich entspannt sein.
Derselbe Gubacca. Andere Gesellschaft. Andere Dynamik.
Eine Freundin – und plötzlich eine andere Begegnung
Bei uns im Viertel wohnt Emma. Eine kleine hübsche Hündin, die mich jedes Mal ein bisschen an einen Labradorwelpen erinnert und zuverlässig mein Herz abholt. Gubacca findet Emma übrigens genauso großartig. Ich erkenne schon an seiner Schrittgeschwindigkeit, ob sie irgendwo vor uns läuft: Wird er plötzlich schneller, hat der Herr offensichtlich einen Termin.
Emma wartet regelmäßig, sobald sie merkt, dass wir von hinten kommen. Zwei Hunde sehen sich, erkennen sich, freuen sich. Unkompliziert – bis zu dem Tag, an dem Emma Begleitung hatte: Mogli, ein kleiner Malteser mit ausgesprochen kurzer Zündschnur.
Gubacca musste nur in seinem Sichtfeld auftauchen und schon ging das Programm los – Gebell, Aufregung, großes Theater. Und Emma, unsere sonst so freundliche Emma, machte kurzerhand mit. Gubacca wurde von seiner Bekannten angekeift, als hätten die beiden sich noch nie gesehen. Ich wechselte mit einem ziemlich irritierten Gubacca die Straßenseite. So hatte er sich das Wiedersehen offensichtlich auch nicht vorgestellt.
Am Abend trafen wir Emma noch einmal. Diesmal ohne Mogli. Sie wartete auf Gubacca, freute sich über ihn – Emma war wieder Emma.
Für mich ist genau das Resonanz. Die Beziehung zwischen Emma und Gubacca war nicht plötzlich verschwunden. Aber Moglis Aufregung veränderte in diesem Moment die Dynamik der Begegnung – und Emma stieg ein. Am Abend war Mogli nicht dabei, die Situation war eine andere und auch Emma verhielt sich wieder anders.
Das finde ich daran so spannend: Verhalten gehört nicht nur zum Hund. Es gehört auch zur Situation, in der der Hund gerade steckt.
Gubaccas Zuständigkeitsbereich wächst plötzlich
Gubacca reagiert vor allem auf bestimmte Rüden. Damit ist sein persönlicher Zuständigkeitsbereich immerhin einigermaßen überschaubar.
Seine Freundin Kimba verfolgt ein deutlich demokratischeres Konzept: Rüde, Hündin, kastriert, unkastriert – Kimba ist bei der Auswahl erstaunlich unvoreingenommen.
Die interessante Frage bei gemeinsamen Spaziergängen lautet also: Färbt Gubaccas Gelassenheit auf Kimba ab? Oder erweitert Kimba Gubaccas Vorstellung davon, für welche Hunde man sich zuständig fühlen könnte?
Sagen wir so: Meine pädagogisch wertvollere Variante hat sich bisher nicht zuverlässig durchgesetzt. Läuft Kimba neben ihm und fährt bei einer Begegnung hoch, steigt Gubacca leichter mit ein und sein Erregungslevel kann deutlich höher liegen als auf unseren Spaziergängen allein.
Wenn Gubacca neben Kimba plötzlich für Hunde zuständig ist, die ihm allein ziemlich egal wären, suche ich die Erklärung deshalb nicht mehr nur bei ihm. Ich schaue auch darauf, wer neben ihm läuft.
Mehr Hunde bedeuten nicht automatisch mehr Chaos
Vollständig unbrauchbar werden einfache Regeln spätestens bei größeren Hundegruppen. Mehrere Rüden, reichlich Hund um uns herum – Herr Mini-Rütter war bei solchen Unternehmungen durchaus skeptisch: „Willst du dir das wirklich antun?“
Wollte ich. Die leicht wackeligen Knie behielt ich selbstverständlich für mich.
Und ausgerechnet dort kann Gubacca erstaunlich entspannt mitlaufen. Er möchte zwar bis heute nur sehr ungern das Schlusslicht einer Gruppe bilden und wenn rundherum plötzlich „Gefahr!“ gebellt wird, kann er durchaus seinen Beitrag leisten. Grundsätzlich kommt er in solchen Gruppen aber häufig gut zurecht.
Genau das macht Resonanz für mich so interessant. „Mit einem anderen Hund wird Gubacca aufgeregter“ stimmt als allgemeine Regel genauso wenig wie „Viele Hunde stressen ihn“. Es kommt darauf an, wer dabei ist, wie die Situation aussieht und was zwischen den Hunden entsteht.
Wer läuft eigentlich neben ihm?
Früher hätte ich bei einem plötzlich aufgeregten Gubacca vermutlich schneller gefragt, warum etwas, das doch inzwischen „funktioniert“, auf einmal wieder nicht funktioniert.
Heute gehört für mich die Gesellschaft zur Situation dazu. Wer ist dabei? Was passiert zwischen den Hunden? Ist einer besonders aufgeregt? Wird Gubacca im Laufe des Spaziergangs ruhiger oder fährt er immer weiter hoch?
Das heißt nicht, dass jeder Aussetzer bequem dem Hund nebenan in die Schuhe geschoben werden kann. Aber wenn Gubacca in Gesellschaft plötzlich anders reagiert, muss ich auch nicht sofort überlegen, wo unsere Erziehung über Nacht verloren gegangen ist.
Manchmal liegt ein wichtiger Teil der Antwort direkt neben ihm.
Aber neben anderen ist er manchmal anders.
Wenn Verhalten nicht nur zum Hund gehört, sondern auch zur Situation, verändert das den Blick auf das, was gerade „nicht funktioniert“. Die spannendere Frage ist dann manchmal nicht: Wie bekomme ich das weg? Sondern: Was passiert hier eigentlich gerade – zwischen Hund, Mensch und Umfeld?
Genau daraus ist mit der Zeit mein heutiger Blick entstanden: weniger vorschnell bewerten, mehr beobachten – und genauer hinschauen, was ein Hund in einer Situation überhaupt leisten kann.
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