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Das kleine Gos-ABC: R wie Resonanz

Januar 04, 2026

Gubacca und Kimba nebeneinander unterwegs, ein gemeinsamer Moment in Bewegung

Es gibt diese Momente, in denen ich denke: Jetzt haben wir’s. Der Katalane läuft entspannt, reagiert souverän, bleibt bei sich. Und ich bin innerlich schon dabei, mir selbst auf die Schulter zu klopfen. Unauffällig natürlich. Erfahrungsgemäß ist genau das der Zeitpunkt, an dem der Vorführeffekt leise hustet und fragt, ob wir nicht noch einen Spaziergang mit Publikum einbauen wollen.

Kaum hatte ich also erzählt, wie tiefenentspannt Gubacca inzwischen auf Stressfaktoren reagiert, gingen wir eine Runde um den Halterner Stausee. Gemeinsam. Mit einer Freundin und ihrem Hund.

Und Gubacca?

Der war plötzlich alles andere als gechillt. Meilenweit entfernt von allem, was man guten Gewissens als souverän bezeichnen könnte. Mein erster Gedanke: Klar. Das muss ja schiefgehen, wenn du vorher so strunzt. Ganz nach dem Motto: Eigenlob stinkt. Spoiler: Tut es nicht.

Denn je länger ich solche Situationen beobachte, desto klarer wird mir: Das, was wir gern als Vorführeffekt abtun, hat oft weniger mit Pech, Tagesform oder irgendeiner kosmischen Retourkutsche zu tun. Und deutlich mehr mit dem sozialen Kontext, in dem unser Hund gerade unterwegs ist.

  • Mit dem Hund, der neben ihm läuft.
  • Mit der Stimmung, die im Raum liegt.
  • Mit der Dynamik, die sich zwischen zwei oder mehreren Hunden aufspannt – manchmal schneller, als wir überhaupt begreifen können, was gerade passiert

Verhalten entsteht nicht im luftleeren Raum. Es entsteht im Zusammenspiel. Oder anders gesagt: im Bereich der Resonanz.

Was bedeutet Resonanz?

Der Begriff Resonanz stammt ursprünglich aus der Physik. Dort beschreibt er ein ziemlich simples Prinzip: Ein System gerät in Schwingung, weil ein anderes schwingt. Nicht, weil es muss. Nicht, weil es gesteuert wird. Sondern weil es darauf reagiert.

Übertragen auf soziale Wesen heißt das: Emotionen, Spannungszustände und Verhalten entstehen nicht isoliert. Sie beeinflussen sich gegenseitig. Ständig.

Auch Hunde reagieren nicht für sich allein. Nicht nur auf Umweltreize. Nicht nur auf ihren Menschen. Sondern ebenso auf das emotionale Feld, das durch andere Hunde entsteht. Dieses Feld wirkt oft schneller, als wir es bewusst wahrnehmen können. Und es verändert, wie Situationen eingeschätzt werden. Wie sie sich anfühlen. Und wie ein Hund darauf reagiert.

In der Verhaltensforschung taucht dieses Phänomen unter verschiedenen Begriffen auf, etwa als emotionale Ansteckung, soziale Modulation oder Co-Regulation.
Im Alltag lässt es sich gut unter einem zusammenfassen: Resonanz.

  • Nicht bewusst.
  • Nicht geplant.
  • Sondern sozial.

Resonanz wirkt leise. Sie kündigt sich nicht an und erklärt sich nicht von selbst. Meist fällt sie uns erst dann auf, wenn ein Hund plötzlich anders reagiert, als wir es erwarten würden. Wenn vertraute Begegnungen kippen. Oder wenn ein Verhalten auftaucht, das scheinbar nicht zum Hund passt.

Emma, wenn Resonanz Beziehung schlägt

Bei uns im Viertel wohnt Emma. Eine kleine, hübsche Hündin, die mich jedes Mal an einen Labradorwelpen erinnert und mit ihrer Art zuverlässig mein Herz abholt. Gubacca findet Emma übrigens genauso großartig. An seiner Schrittgeschwindigkeit erkenne ich schon von Weitem, ob Emma gerade unterwegs ist. Wird er schneller, weiß ich: Sie ist da.

Die Freude beruht auf Gegenseitigkeit. Emma bleibt regelmäßig stehen, sobald sie merkt, dass wir von hinten kommen. Zwei Hunde, die sich sehen, erkennen, freuen. Unkompliziert. Schön.

Vor ein paar Tagen war Emma allerdings nicht allein. Mogli war bei ihr. Ein kleiner Malteser mit sehr kurzer Zündschnur. Während die beiden Frauchen vertieft ins Gespräch waren, reichte es Mogli vollkommen, dass Gubacca überhaupt in sein Sichtfeld trat. Lautes Gekläffe, große Aufregung, viel Theater.

Und Emma? Die stand dem kleinen Giftzwerg in nichts nach. Der freundliche Wiedersehensmoment war verschwunden. Gubacca wurde angekeift, als hätten sie sich noch nie gesehen.

Ich schmunzelte, wechselte mit einem sehr irritierten Gubacca die Straßenseite und wusste in diesem Moment schon: Heute Abend wird Emma uns wieder freundlich begrüßen. Allein. Und genauso kam es.

Emma hatte sich nicht gegen Gubacca entschieden. Sie hatte sich an das emotionale Feld angepasst, in dem sie gerade stand. Die Resonanz mit Mogli war in diesem Moment stärker als die gewachsene Beziehung zu Gubacca.

Resonanz schlägt Beziehung.
Zumindest situativ.

Kimba, wenn Resonanz verstärkt

Zum Glück reagiert Gubacca normalerweise nur auf unkastrierte Rüden. Das reduziert das Pöbel-Potential erheblich.

Seine Freundin Kimba hingegen reagiert auf alle. Wirklich alle. Rüde, Hündin, kastriert, unkastriert, egal. Die spannende Frage lautet also: Welches Verhalten setzt sich durch? Gibt Gubacca seine Souveränität an Kimba weiter? Oder mutiert er zum Alles-Ankläffer?

Leider Letzteres. Und der Erregungslevel liegt deutlich höher als bei unseren Spaziergängen allein. Nicht, weil Gubacca plötzlich „so ist“. Sondern weil Resonanz hier verstärkend wirkt.

In dyadischen Beziehungen, also zwischen zwei Hunden, potenzieren sich Emotionen besonders leicht. Nicht der ruhigere Hund setzt sich durch, sondern der emotional lautere.

Resonanz kann beruhigen.
Sie kann aber auch hochschaukeln.

Gruppe, wenn Resonanz sich verteilt

Und dann sind da noch die großen Gruppen. Mehrere Rüden. Herr Mini-Rütter war skeptisch. Willst du dir das wirklich antun? Ich wollte. Mit leicht wackeligen Knien, die ich allerdings für mich behielt.

Und siehe da: Es funktioniert.

Abgesehen davon, dass Gubacca nur sehr ungern am Ende einer Gruppe läuft, bleibt er erstaunlich unbeeindruckt. Trotz geballter Ladung Testosteron zählt er zu den ruhigen Mitläufern. Einer, der zwar mitbellt, wenn alle „Gefahr!“ rufen, aber eher reagiert als agiert.

In größeren Gruppen verteilt sich Resonanz. Emotionale Spitzen flachen ab. Verantwortung liegt nicht auf zwei Schultern. Verhalten wird funktionaler, weniger persönlich. Gubacca muss nichts aushandeln, nichts klären, nichts beweisen.

Manchmal bedeutet mehr Hunde eben nicht mehr Chaos, sondern weniger emotionale Verdichtung.

Was all das verbindet

Was all das verbindet, ist eigentlich ziemlich simpel: Verhalten entsteht nicht im Hund allein. Sondern im Zusammenspiel.

Resonanz erklärt, warum ein Hund allein souverän wirkt, zu zweit schneller eskaliert und in der Gruppe plötzlich ruhig bleibt. Nicht, weil er inkonsequent ist. Nicht, weil Erziehung versagt. Sondern weil soziale Systeme unterschiedlich wirken. Wer Verhalten verstehen will, sollte deshalb nicht nur fragen: Was macht mein Hund? Sondern auch: In welchem sozialen Raum passiert das gerade?

Resonanz bleibt. Was sich verändern lässt, ist unser Umgang damit. Und manchmal reicht genau dieses Verständnis, um milder zu werden. Mit dem Hund. Und mit sich selbst.

Man darf sich ruhig auf die Schulter klopfen. Man sollte nur nicht erwarten, dass es sich in jeder Situation genauso gut anfühlt.

Wer Lust hat, noch tiefer in das Verhalten unserer Hunde einzutauchen – jenseits von schnellen Erklärungen und einfachen Antworten – findet in der Serie „Das kleine Gos-ABC“ weitere Gedanken, Beobachtungen und Einordnungen.

→ Zum Gos-ABC

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