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Das Tal der Umwege - Kapitel 3

Januar 27, 2026

An manchen Tagen war das Tal der Umwege wie ein gut erzogenes Tier. Es lag still da, ließ sich betrachten, tat niemandem weh und atmete in einem Tempo, das selbst nervöse Herzen irgendwann übernahmen. Und an anderen Tagen war es wie ein aufgescheuchter Schwarm. Nicht wegen Wetter. Nicht wegen Gefahr. Sondern wegen etwas, das im Tal schneller ansteckte als jedes Feuer: Stimmung. Pedro hatte das immer schon gespürt. Früher hatte er es nur falsch verstanden. Früher hatte er gedacht: Wenn alle aufgeregt sind, muss ich handeln. Heute war er zumindest an dem Punkt, an dem er wusste: Wenn alle aufgeregt sind, muss ich erst mal wissen, wo ich bin.
Das Tal der Umwege Kapitel 3

Der Chor der Krähen und die Masken der Fremden


Tal der Stille Wenn die Welt unlesbar wird: Die Masken der Stimmung verzerren jedes wahre Gesicht.

An manchen Tagen war das Tal der Umwege wie ein gut erzogenes Tier. Es lag still da, ließ sich betrachten, tat niemandem weh und atmete in einem Tempo, das selbst nervöse Herzen irgendwann übernahmen.Und an anderen Tagen war es wie ein aufgescheuchter Schwarm. Nicht wegen Wetter. Nicht wegen Gefahr. Sondern wegen etwas, das im Tal schneller ansteckte als jedes Feuer: Stimmung.

Pedro hatte das immer schon gespürt. Früher hatte er es nur falsch verstanden. Früher hatte er gedacht: Wenn alle aufgeregt sind, muss ich handeln. Heute war er zumindest an dem Punkt, an dem er wusste: Wenn alle aufgeregt sind, muss ich erst mal wissen, wo ich bin.

Corva wusste das inzwischen auch. Sie hatte Pedro beobachtet, wie man im Dunkelwald beobachtet: geduldig, präzise, ohne Sentimentalität. Sie hatte gesehen, wie der Kreisstein ihm eine Grenze gab. Wie die Blickmünze ihn zurückholte. Wie die Laterne zu flackern begann, wenn in ihm wieder Platz war.

Und Platz mochte Corva nicht. Platz war der Moment, in dem jemand entscheiden konnte. Und Entscheidung war das Ende ihres Geschäfts. Also saß Corva, die Krähenkönigin, an diesem Morgen auf dem Dachfirst der Hütte und krächzte nicht. Sie tat das selten, wenn sie etwas Größeres plante. Sie war dann still. Und Stille bei Corva war nie Frieden. Stille war Vorbereitung.

Unter ihr wachten die anderen Krähen auf. Es waren viele. Nicht alle waren klug. Nicht alle waren gemein. Manche waren einfach nur gern da, wo Geräusche sind. Aber Corva brauchte sie nicht als Denker. Sie brauchte sie als… Chor. Sie breitete die Flügel aus, als würde sie ein unsichtbares Orchester begrüßen. „Heute“, sagte sie leise, „machen wir Wellen.“

Sie flog los. Der Chor folgte. Zuerst war es nur ein Geräusch am Rand des Himmels. Ein fernes, unruhiges Schnarren, das man noch ignorieren konnte. Dann wurde es näher, dichter, rhythmischer. Es war kein Chaos. Es war organisiert. Wie Regen, der genau weiß, wohin er fällt. Als Miralda, die alte Schäferin, mit Pedro den Pfad entlangging, hörte er es sofort. Nicht als „Krähen“. Sondern als Spannung, die sich über die Landschaft legte.

Pedro hob den Kopf. Seine Ohren stellten sich leicht auf. Ein Teil in ihm wollte schon aufspringen, weil das früher seine Rolle gewesen war: Wenn es laut wird, werde ich lauter. Miralda ging weiter, als hätte sie die Krähen schon gestern gehört.„Sie kommt nicht mehr mit Glitzer“, sagte sie ruhig. Pedro schaute zu ihr. „Sie kommt mit uns“, ergänzte die alte Schäferin. „Oder genauer: mit den anderen.“

Der goldene Weg Ein fernes Schnarren, das sich wie eine dunkle Decke über die Wiese legt.

Und da sah Pedro sie. Auf der Wiese standen Tiere. Nicht ungewöhnlich. Im Tal standen oft Tiere. Ungewöhnlich war, dass sie alle denselben Ausdruck hatten: dieses leicht gespannte „gleich passiert was“, das sich im Bauch ausbreitet, bevor der Kopf überhaupt eine Geschichte dazu erfunden hat. Ein junger Hund stand da, die Pfoten fest im Boden, der Blick starr. Ein alter Hund ging unruhig im Kreis, als würde er versuchen, einen Ausgang in der Luft zu finden. Ein paar Schafe drängten sich zusammen, ohne zu wissen warum – weil Schafe sehr gut darin sind, Angst zu teilen, ohne sie zu verstehen.

Über ihnen kreiste der Schwarm, und das Krächzen rollte wie eine Druckwelle über die Wiese. Pedro spürte, wie sein Körper automatisch mit wollte. Wie eine Saite, die mitschwingt, wenn irgendwo eine andere Saite angeschlagen wird. Das war das Gemeine an Stimmung: Man denkt, es sei die eigene.

Corva landete auf einem Stein, als wäre sie zufällig die Königin einer Bühne, die sich gerade ganz von allein aufgebaut hatte. „Ach“, meinte sie freundlich, „wie schön, dass alle da sind.“ Miralda blieb am Rand der Wiese stehen. Sie setzte sich nicht. Sie ging auch nicht hinein. Sie blieb – genau dort, wo der Kreisstein in Pedros Kopf noch funktionieren konnte.

Pedro trat näher. Nicht weit. Aber näher. Die Laterne in Miraldas Hand blieb dunkel. Corva bemerkte es und lächelte in sich hinein. „Alle hören es“, sagte sie. „Alle fühlen es. Das ist die Welt, Pedro. Man kann sich nicht entziehen.“ Miralda sah sie an. „Man kann sich entziehen, indem man nicht mitmacht.“ „Oh, natürlich“, spottete Corva. „Dann erklärt das mal den anderen.“

Sie breitete die Flügel aus, und der Chor wurde lauter. Nicht ohrenbetäubend. Genau so, dass er in den Körper kroch. Ein junger Hund bellte. Dann bellte ein zweiter. Dann ein dritter. Wie Dominosteine. Pedro zuckte. Sein Inneres wollte aufspringen, mitmachen, regeln, kontrollieren. Miralda legte den Kreisstein vor ihn, direkt auf den Boden am Wiesenrand. „Hier“, sagte sie leise. Pedro schnupperte. Das half. Ein bisschen.

Corva sah es und wechselte die Taktik. Sie war nicht umsonst Königin. Wenn Stimmung nicht reicht, macht man aus Stimmung ein Bild. Sie ließ etwas geschehen, das die Wiese verändern ließ. Nicht die Wiese selbst – sondern das, was darauf gesehen wurde. Ein Schaf hob den Kopf. Und plötzlich wirkte sein Gesicht… falsch. Als hätte jemand ihm eine Maske aufgesetzt. Es sah nicht mehr nach Schaf aus. Es sah nach Wolf aus. Nicht echt. Aber echt genug, um einen Hütehund zu irritieren.

Pedro erstarrte. Sein Körper ging in Alarm. „Siehst du“, flüsterte Corva. „Man weiß nie, was die anderen wirklich sind.“ Ein Hund am Rand der Wiese bekam ebenfalls eine Maske. Er sah plötzlich freundlich aus, zu freundlich – wie ein Lächeln, das nicht passt. Und genau dadurch wirkte es bedrohlich. Eine Ziege sah plötzlich aus wie ein großer Hund. Ein großer Hund sah plötzlich aus wie eine Ziege. Die Welt wurde unlesbar. Und unlesbare Welt ist für einen Hütehund das Schlimmste, weil Hütehunde von Sinn leben.

Der goldene Weg Man weiß nie, was die anderen wirklich sind

Pedro machte einen Schritt. Die Laterne blieb dunkel. „Jetzt musst du entscheiden, Pedro“, sagte Corva. „Das ist deine Aufgabe. Wer gefährlich aussieht, ist gefährlich.“ Miralda sagte ruhig: „Nein.“ Corva blinzelte. „Nein?“ „Gefährlich ist nicht, was so aussieht“, sagte die alte Schäferin. „Gefährlich ist, was dich blind macht.“ Pedro schluckte. Das Krächzen wurde dichter. Die Tiere rückten zusammen. Die Masken flimmerten, als würde die Luft selbst lügen.

Miralda nahm die Blickmünze und legte sie zwischen Pedros Pfoten. „Ein Blick“, sagte sie. Pedro wollte. Aber seine Augen klebten an den Masken. „Pedro“, sagte sie. Nur seinen Namen. Er drehte den Kopf einen Hauch. Warm. Und in diesem warmen Moment passierte etwas, das in Märchen gern unterschätzt wird: Der Körper bekommt eine Sekunde Zeit. Eine Sekunde ist nicht viel. Aber es ist genug, um nicht automatisch zu springen.

„Du musst nicht wissen, wer sie sind“, sagte Miralda. „Du musst nur wissen, wo du bist.“ Pedro blinzelte. Wo er war? Er war am Rand. Der Kreisstein war da. Miralda war da. Das Geräusch war da. Und die Masken… waren da. Aber er musste sie nicht lösen. Er musste nicht „richtig“ entscheiden. Er musste nur verhindern, dass sein Kopf den Halt verliert.

Miralda hob die Hand. „Leise Pfoten“, sagte sie. Pedro stand still. Ein anderer Hund bellte neben ihm. Pedro zuckte. Die Welle wollte ihn mitziehen. Miralda sagte nichts. Sie wartete. Und Pedro tat etwas, das neu war. Er schaute nicht nur zu Miralda zurück. Er schaute kurz auf den Kreisstein. Als würde er prüfen: Bin ich noch in meinem Kreis? Warm. Die Laterne flackerte.

Corva erstarrte. Weil sie wusste, was das bedeutete: Wenn ein Hund anfängt, sich selbst zu prüfen, bevor er reagiert, wird er schwer lenkbar. „Ihr seid lächerlich“, fauchte Corva. „Ihr steht da rum, während alles passiert.“ Miralda sah ruhig über die Wiese. „Alles passiert auch, wenn wir ruhig bleiben.“

Corva schnalzte. „Dann mache ich es deutlicher.“ Sie gab dem Chor ein Zeichen. Die Krähen senkten sich tiefer, kreisten schneller, ihr Krächzen wurde dichter. Es drückte auf die Tiere wie eine Decke aus Lärm.Ein Hund sprang nach vorn. Ein Schaf rannte. Die Masken flimmerten stärker. Pedro spürte, wie sein Körper jetzt wirklich kämpfen wollte. Nicht gegen ein Tier. Gegen dieses Gefühl, dass er sonst untergeht.

Und genau da tat Miralda etwas, das Corva nicht erwartete. Sie ging nicht weg. Sie ging nicht näher. Sie ging… seitlich. Einen halben Schritt. Nur so weit, dass Pedro neu ausrichten musste. Und in diesem Neu-Ausrichten verlor die Welle einen Hauch an Macht.

„Wenn alle beben“, sagte Miralda leise, „geh nicht dagegen an. Setz eine Kante.“ Pedro verstand das Bild sofort. Hütehunde verstehen Kanten. Kanten sind Führung. Er setzte sich. Nicht brav. Nicht perfekt. Aber bewusst. Die Laterne flackerte stärker. Und in dem Moment, in dem Pedro saß, passierte etwas mit den Masken.Sie wurden schwächer. Nicht weil sie weggezaubert wurden. Sondern weil sie ohne Pedros Alarm keine Nahrung hatten.

Ein Schaf sah wieder aus wie ein Schaf. Ein Hund sah wieder aus wie ein Hund. Die Welt bekam ihre Gesichter zurück. Corva starrte. Der Chor kreiste weiter, aber er klang plötzlich… hohl. Wie Geräusch ohne Wirkung. „Das ist nicht fair“, sagte Corva. Miralda hob eine Augenbraue. „Seit wann ist das dein Maßstab?“

Pedro atmete. Er spürte, wie die Welle abebbte. Und er spürte auch: Er hatte nichts „gelöst“. Er hatte nur verhindert, dass er sich verliert.Und das war genug. Corva schüttelte die Federn, als müsste sie die Stille von sich abschütteln. „Ihr habt nur Glück. Einmal.“ Miralda sah sie an. „Nein. Das war kein Glück. Das war Richtung.“

Pedro schaute zu Miralda. Warm. Corva hob die Flügel. Sie flog davon. Nicht in Wut. Eher in dieser Art von beleidigter Eleganz, die sagt: Ich komme wieder, aber ich tue so, als wäre es meine Entscheidung Der Chor folgte ihr. Die Wiese wurde leiser, als hätte jemand einen Vorhang zugezogen. Die Tiere blieben zurück. Einige atmeten aus, ohne zu wissen warum. Andere taten so, als wäre nichts gewesen, weil das einfacher ist.

Für einen Moment stand Pedro noch da. Dann ging er. Nicht schnell. Nicht als Sieger. Als Hund, der etwas verstanden hatte: Dass Ruhe nicht immer innen entsteht. Manchmal muss man sie außen halten, damit sie innen überhaupt eine Chance hat. Und das war die Erkenntnis dieses Kapitels – klar genug, dass sie nicht wieder in den Krähenfedern verschwand: Wenn alle beben, musst du nicht mitbeben. Und nicht alles, was dir als Gefahr erscheint, ist echt. Manchmal ist es nur eine Maske, gefüttert von Stimmung.

„Ein Rückschritt ist kein Ende. Er ist ein Hinweis, wo du früher sein musst. Doch im Tal der Umwege trägt der Wind Namen – und Pedro muss im Dornengang entscheiden, ob Mut immer Bewegung bedeutet oder die Wahl, rechtzeitig stehen zu bleiben.“

Wie geht die Reise weiter?

Am kommenden Mittwoch folgt Kapitel 4:
Der Wind, der Namen trägt und der Dornengang

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