Corvas Zuckerfaden und die Tür der Geduld
Im Tal der Umwege ist Zeit ein dehnbarer Begriff.
Am Morgen nach dem Teich ohne Spiegel war das Tal der Umwege ungewöhnlich still. Nicht diese gemütliche Stille, die nach warmem Brot und langsamen Schritten riecht, sondern eine, die wach macht. Als hätte sich die Welt kurz innegehalten, um zu beobachten, was als Nächstes passiert.
Pedro spürte es sofort. Nicht nur mit den Ohren. Mit dem ganzen Körper. Die Luft war zu glatt. Die Vögel zu leise. Und der Bach, der sonst immer etwas zu erzählen schien, floss, als würde er heute besonders vorsichtig sein, nichts Falsches zu sagen.
Neben ihm ging die alte Schäferin Miralda, den Mantel der Dämmerung dicht um sich wie ein Stück Wetter. Und auch Pedro war anders als gestern. Nicht schlaff, nicht müde – nur weniger gespannt, als hätte der Kreisstein in ihm einen Platz markiert, zu dem man zurückkehren kann.
Doch irgendwo im Dunkelwald war jemand wach, der Stille selten mochte. Die Krähenkönigin erinnerte sich sehr genau daran, dass sie gestern nicht gewonnen hatte. Und sie war nicht die Sorte, die Niederlagen sammelt wie hübsche Muscheln. Sie sammelte sie wie Gründe. Gründe, es beim nächsten Mal besser zu machen.
Auf ihrer Lieblingswurzel saß sie wie auf einem Thron – wenn man genug Fantasie hat, versteht sich. Mit einer Kralle kratzte sie Muster in die Erde. Nicht, weil sie nervös war. Nervös passte nicht zu ihr. Eher so, wie andere ihre Gedanken ordnen, bevor sie sie in die Welt setzen.
„Der Hund lernt“, murmelte sie rau. Ein Windstoß strich durch die Zweige, als hätte er gelacht. Sie ignorierte ihn. Wind war Wind. Er machte, was er wollte. Sie dagegen wollte etwas Bestimmtes. Sie wusste genau, womit man Miralda nicht bekam: mit Angst. Die andere war zu alt dafür. Sie hatte wahrscheinlich schon Angst aus Versehen in die Tasche gesteckt und später wieder herausgeholt, weil sie im Weg war.
Aber es gab etwas, das selbst ruhige Wesen nicht einfach wegatmen. Verlockung. Der Hunger nach „nur einmal kurz“. Das Ziehen von „jetzt sofort“. Dieser süße Gedanke: Das wird schon gehen. Sie liebte solche Gedanken. Sie waren leichter zu lenken als Schattenwölfe.
Und so erfand sie an diesem Morgen den Zuckerfaden. Es war keine echte Schnur. Kein Band, das man greifen konnte. Es war eher eine Spur – fein, glitzernd, gerade so sichtbar, dass Hundeaugen sie bemerken, bevor der Kopf überhaupt nachkommt. Ein goldener Staub, der im Licht funkelte. Er roch nicht nach Gefahr. Er roch nach Versprechen.
Ein goldener Glanz, der sich wie Sternenstaub durch das Tal zieht.
Die Krähenkönigin zog diese Spur durchs Tal wie eine Einladung, die man nicht ausschlagen konnte. Sie begann am Bach, wo der Boden weich war, führte am Rand der Wiese entlang, schlängelte sich Richtung Hügel und endete, natürlich, dort, wo es am ungünstigsten war. Am Spiegel-Tor. Oben auf dem Torbogen setzte sie sich hin und betrachtete ihr Werk. Ein glitzernder Pfad, der sagte: Komm. Nur einmal gucken. Nur einmal anfassen. Nur einmal hin. „Und jetzt“, schnarrte sie zufrieden, „sehen wir mal, wer hier wirklich führt.“
Als Miralda und Pedro den Bach erreichten, sah Pedro zuerst nicht die Krone auf dem Torbogen. Er sah das Funkeln. Nicht aufdringlich, nicht wie ein Feuerwerk. Eher wie eine Spur aus winzigen Sternen, die jemand absichtlich auf den Weg gestreut hatte. Er blieb stehen. Sein Körper wurde nicht hart wie bei der Glocke. Es war etwas anderes. Ein Zug. Ein Drang. Wie ein magnetisches „da lang“. Ein Schritt. Noch einer.
Die alte Schäferin blieb einfach stehen. Keine Spannung, kein „Nein“. Nur Stillstand wie ein ruhiger Pfosten. Pedro merkte es erst, als die Leere neben ihm zu groß wurde, um sie zu ignorieren. Er drehte den Kopf. Ihr Blick war nicht streng. Nicht alarmiert. Nur klar. „Zucker“, sagte Miralda leise. Pedro schnupperte. Der Geruch war seltsam. Süß, aber nicht essbar. Wie ein Versprechen ohne Inhalt.„Und nicht zufällig“, ergänzte sie.
Vom Torbogen schnarrte es, als wäre das ein Stichwort: „Ach, ihr seid ja auch da.“ Corva saß oben geschniegelt wie immer. Die Federn glänzten, die Krone saß, die Augen funkelten vor Freude. „Was ist das?“, fragte sie unschuldig und deutete mit dem Schnabel auf die Spur. „Ich glaube, das hat jemand verloren.“
Pedro machte wieder einen Schritt. Das Glitzern zog ihn. Es war, als würde der Weg sagen: Du willst das. Du brauchst das. Du solltest das. Miralda kniete sich hin, legte den Kreisstein auf den Boden und stellte die Laterne daneben. Die Laterne blieb dunkel. Nicht weil Pedro eskalierte. Sondern weil er innerlich schon unterwegs war.
„Leise Pfoten“, sagte Miralda. Der Satz legte sich wie eine Hand auf seine Bewegung. Oben spottete Corva: „Er will doch nur gucken. Warum so streng?“ Miralda antwortete nicht nach oben. Sie blieb bei Pedro. „Das ist kein Test gegen die Welt“, sagte sie ruhig. „Das ist ein Test dagegen, ob du dich von dem Glitzern ziehen lässt.“
Pedro blinzelte. Der Schimmer hing in ihm wie eine Hand, die an seiner Brust zog. Miralda nahm die Blickmünze heraus und legte sie zwischen seine Pfoten. „Ein Blick“, sagte sie. Pedro schaute kurz zu ihr. Warm.
Das Funkeln verlor einen Hauch an Macht. Nicht viel. Aber genug, dass er spürte: Ich kann auch hier sein. Corva merkte es sofort. Sie war hervorragend darin, winzige Fortschritte persönlich zu nehmen. „Okay“, bemerkte sie trocken und breitete die Flügel aus. „Dann machen wir es spannender.“
Der Zuckerfaden glitzerte heller. Winzige Funken liefen darüber wie kleine, freche Fische. Und am Ende der Spur tauchte etwas auf, das dort vorher nicht gewesen war: Ein kleiner, runder Gegenstand. Er sah aus wie ein Ball. Und er roch nach allem, was Hunde lieben: nach Bewegung, nach Spiel, nach „meins“. Pedro zog die Luft ein. Das war nicht mehr nur neugierig. Das war: Sofort.
Miralda blieb ruhig. Aber ihre Aufmerksamkeit wurde schärfer. Die alte Schäferin stellte sich nicht zwischen Pedro und den Ball. Sie stellte sich neben ihn. Wieder dieses „Ich halte das mit dir“, statt „Ich stoppe dich“. „Pedro“, sagte sie. Nur sein Name. Der Ball am Ende der Spur war wie ein kleiner Sonnenaufgang im Kopf. Von oben kam die Stimme, fast zärtlich: „Nur ein Sprint. Nur kurz. Was soll schon passieren?“ Und genau das war der Satz, der die Hälfte aller Schwierigkeiten im Tal ausgelöst hatte: Was soll schon passieren?
Miralda ging einen Schritt zurück. Pedro machte einen Schritt vor. Die Laterne blieb dunkel. „Setz dich“, sagte sie. Pedro setzte sich nicht. Nicht weil er nicht wollte. Sondern weil Sitzen sich in diesem Moment anfühlte wie Stillstand im Sturm. Miralda nickte langsam, als hätte sie genau damit gerechnet. „Dann gehen wir“, sagte sie ruhig. Pedro blinzelte. Gehen? Sie drehte sich um und ging weg vom Zuckerfaden. Nicht schnell. Nicht beleidigt. Einfach konsequent. Kreisstein in der einen Hand, Laterne in der anderen. Das Glitzern blieb zurück, als wäre es nur Staub auf dem Weg.
Pedro blieb einen Moment stehen. Der Ball funkelte am Ende der Spur, Corva wartete oben auf dem Torbogen, geschniegelt wie eine schlechte Idee mit Krone. Dann drehte er sich um. Nicht, weil er plötzlich ein anderer Hund war. Sondern weil er zum ersten Mal spürte, dass „nicht hingehen“ auch eine Entscheidung sein kann. Er trabte Miralda nach.
Corva kniff die Augen zusammen. „Langweiler.“ Miralda sagte, ohne sich umzudrehen: „Führbare Hunde sind nicht langweilig. Sie sind frei.“
Und dann, als hätte das Tal selbst die Kulisse gewechselt, standen sie vor einer kleinen Hütte, die vom Efeu umarmt wurde. Sie sah aus, als hätte sie schon hier gestanden, bevor irgendwer beschlossen hatte, aus Wegen Umwege zu machen.
An der Hütte gab es nur einen Eingang: eine schwere Holztür, so unscheinbar, dass man sie fast übersehen hätte.
Geduld ist keine Pause vom Leben, sondern Führung.
Auf dem Holz waren drei Zeichen eingeritzt: ein Kreis, ein Auge und eine kleine Laterne. Miralda blieb stehen. „Hier ist die Tür der Geduld.“ Corva, die ihnen gefolgt war, landete auf dem Dachfirst und stieß hervor: „Oh nein. Jetzt wird’s wirklich unerquicklich.“ Miralda ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie legte den Kreisstein vor die Tür. Dann die Blickmünze. Dann stellte sie die Laterne daneben. Die Laterne blieb dunkel.
„Die Tür geht nur auf, wenn du wartest“, sagte Miralda. Pedro schaute die Tür an. Er verstand sofort, was das bedeutete und hasste es ein bisschen. Nicht, weil er nicht warten konnte. Sondern weil Warten sich für ihn immer angefühlt hatte wie: nichts tun, während etwas passieren könnte. Miralda setzte sich. Pedro setzte sich neben sie.
Oben scharrte Corva unruhig mit den Krallen, als würde sie versuchen, die Stille vom Dach zu kratzen. „Das ist doch keine Prüfung. Das ist Sitzen!“ „Ja“, sagte Miralda. „Das ist die Prüfung.“ Minuten vergingen. Pedro spürte, wie sein Körper immer wieder kurz aufspringen wollte. Nicht aus Angst, eher aus diesem inneren „nur kurz gucken“-Druck. Der Zuckerfaden war weit weg, aber sein Echo war noch da.
Miralda sagte nichts. Sie machte den Raum nicht kleiner, indem sie ihn vollredete. Sie hielt ihn einfach. Irgendwann merkte Pedro, dass seine Ohren nicht mehr suchten. Dass sein Atem tiefer ging. Dass die Welt nicht schlimmer wurde, nur weil er still war.
Und dann knackte die Tür. Leise. Unspektakulär. Wie ein Holzstück, das entscheidet: Jetzt ist Platz genug. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Pedro hob den Kopf. Die Laterne flackerte – erst zaghaft, dann klarer. Corva verstummte, als hätte ihr jemand das Krächzen aus der Kehle gezogen. Pedro stand auf und ging zur Tür. Langsam. Ohne Zug. Ohne Glitzer im Blick.
Drinnen war es dunkel, aber nicht bedrohlich. Es roch nach Kräutern, altem Papier und Dingen, die man nicht sofort begreifen muss. Auf einem Tisch stand ein kleiner Teller. Darauf lag ein Stück Brot. Ganz schlicht. Pedro schaute es an und begriff: Das Brot war nicht die Belohnung. Die Belohnung war, dass er gewartet hatte, bis sein Kopf wieder ihm gehörte.
Miralda nahm die Laterne hoch. Sie leuchtete jetzt ruhig, als wäre das die selbstverständlichste Art von Licht. „Siehst du“, sagte sie leise, „Geduld ist kein Verzicht. Geduld ist Führung.“ Corva sprang vom Dach und stieß heiser hervor: „Ihr gewinnt nur, weil ihr so langsam seid.“ Miralda sah zu ihr hoch. „Wir gewinnen nicht. Wir gehen.“
Pedro setzte sich in den Türrahmen. Sein Blick wanderte kurz zurück – nicht zum Zuckerfaden, nicht zum Ball. Zu Miralda. Warm. Corva schüttelte die Federn, als müsste sie sich selbst wieder zusammensetzen. „Ich finde euch unerträglich.“ „Dann flieg“, sagte Miralda.
Corva flog. Nicht weit. Krähen fliegen nie ganz weg. Aber weit genug, dass sie sich einreden konnte, sie hätte die Bühne freiwillig verlassen. Pedro atmete. Er hatte nichts verpasst. Und das war das Neue daran. Der Impuls war laut gewesen. Aber er bestimmte nicht den Weg.
Und das war die Erkenntnis dieses Kapitels, klar genug, dass sie nicht im Nebel verschwinden konnte: Nicht alles, was dich ruft, gehört dir. Und Geduld ist keine Pause vom Leben, sondern die Entscheidung, es nicht vom Impuls steuern zu lassen.
„Pedro hat gelernt, dass nicht alles, was glänzt, ein Ziel ist – und dass Warten eine Form von Stärke sein kann. Doch die nächste Prüfung ist laut. Am Dienstag muss er beweisen, ob er seine Ruhe behält, wenn die Welt um ihn herum den Verstand verliert.“
Wie geht die Reise weiter?
Am kommenden Dienstag folgt Kapitel 3:
Der Chor der Krähen und die Masken der Fremden
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