-->

Von Rüden-Bedenken und falschen Mädchen: Warum die Farbe der Leine alles verändern kann

Januar 22, 2026

Mit meinen hellblonden Haaren war mein modisches Schicksal schon früh besiegelt: Ich trug Rosa oder Rot. Meine dunkelhaarige Schwester hingegen durfte Blau tragen. Ich habe sie glühend darum beneidet. In meiner Welt war Blau die Farbe der Freiheit, während Rosa sich nach modischer Gefangenschaft anfühlte. Aber meine Mutter fand es nun mal so unheimlich schön – und damit war das Thema erledigt. Punkt. Keine Diskussion.

Manchmal – und das ist vermutlich ein sicheres Zeichen dafür, dass man älter wird – wünsche ich mir diese schlichte Farblogik zurück. Nicht für meinen Kleiderschrank, sondern für die Hundewelt. Abgesehen davon, dass mich schon die Auswahl einer Hundeleinenfarbe regelmäßig an die Grenzen meiner Entscheidungsfreudigkeit bringt, wäre es doch herrlich: Ein verbindliches Farbleitsystem auf jeder Hundewiese. Rot für die Mädels, Blau für die Jungs. Gerne in allen Nuancen von Babyblau bis Marine, aber das Grundkonzept stünde fest. Man wüsste schon auf 500 Meter Distanz genau, wer da am Horizont auftaucht.

Ich gebe es ungern zu, aber dieses System hätte mir in manchen Situationen das Leben – und meine Nerven – deutlich leichter gemacht. Denn so ehrlich muss ich sein: Ich habe mir das Leben oft genug selbst unnötig schwer gemacht. Nicht, weil Gubacca ein Problem hatte, sondern weil mein Kopfkino bei der falschen Farbe sofort auf Hochtouren lief. Nennen wir es: Die Rüden-Paranoia. Diese Paranoia habe ich gelegentlich sehr erfolgreich auf Gubacca übertragen – wie zum Beispiel bei Lisa.

Lisa ist eine riesige Hündin mit kurzem, zotteligem Fell und einem leicht stechenden Blick, bei dem wirklich kein Gos mithalten kann. Ich hätte schwören können, dass Lisa ein Rüde ist. Und genau so habe ich mich auch verhalten. Jedes Mal, wenn wir uns begegneten, schlug ich einen möglichst großen Bogen um Lisa und ihr Herrchen. Sehr bewusst. Sehr kontrolliert. Und natürlich vollkommen unauffällig – zumindest bildete ich mir das ein. Für den anderen muss es eher ausgesehen haben wie eine panische Flucht mit Ansage. In meinem Kopf war Lisa eine Testosteron-Bombe auf vier Pfoten, auf deren nähere Bekanntschaft ich keinerlei Lust hatte.

Doch es gibt Situationen, in denen man nicht kneifen kann. Da hilft kein Straßenseitenwechsel und kein plötzlich extrem interessantes Handy. Augen zu und durch also. Pädagogisch wertvoll ist das nicht, ich weiß. Mein offizielles Mantra müsste vermutlich lauten: „Ich freue mich über jede Herausforderung! Jede Rüdenbegegnung ist eine tolle Chance zum Üben!“ (Hüstel)

Irgendwann standen wir uns also gegenüber. Ohne Fluchtweg, ohne Plan B. Gubacca gab in diesem Moment alles, um dem vermeintlichen Riesen-Rüden zu zeigen, dass wahre Stärke nichts mit Körpergröße, sondern mit dem lautesten Organ zu tun hat. Es war mir furchtbar peinlich – vor allem, weil der andere Hund die Ruhe selbst war und das Theater nicht einmal eines Blickes würdigte.

Mein Rettungsanker war schließlich das nette Herrchen, das Gubacca freundlich ansprach: „Was hast du denn gegen Lisa? Das ist doch eine ganz Liebe!“

Es ist erstaunlich, wie viel Entspannung innerhalb weniger Sekunden entsteht, wenn ein Hund plötzlich einen Mädchennamen bekommt. Nach einem vorsichtigen Beschnüffeln schien auch Gubacca nicht mehr so genau zu wissen, was er eigentlich gegen Lisa gehabt hatte. Über das Herrchen muss ich heute noch schmunzeln: Jedes Mal, wenn er uns nun begegnet, winkt er schon auf große Distanz gut sichtbar. Ein lebendes Signalfeuer: „Keine Sorge, wir sind es – immer noch ein Mädchen!“

Zu meiner Ehrenrettung: Es passiert mir auch andersherum. Vor kurzem war ich vollkommen überzeugt, die sanfte Schäferhündin, mit der Gubacca schon mal gespielt hatte, käme uns entgegen. Ein Irrglaube, wie ich mit einer tobenden Furie an der Leine sehr schnell bemerkte. Gubacca hatte natürlich längst gemerkt, dass da ein potenter Konkurrent und keine alte Freundin im Anmarsch war. Ich hingegen war mal wieder optisch auf dem völlig falschen Dampfer.

Es ist schon erstaunlich, wie schnell man als Hundemensch einen speziellen Blick dafür entwickelt, das Geschlecht des Gegenübers zu bestimmen, um solche Eskalationen zu vermeiden. Mir entgeht jedenfalls auf 500 Meter Distanz nicht mehr, ob der entgegenkommende Hund beim Schnüffeln sein Bein hebt. Aber mal ehrlich: Muss dieser Detektiv-Stress wirklich sein?

Eine festgelegte Halsbandfarbe könnte so viel Druck aus der Begegnung nehmen – und zwar für beide Seiten. Denn ich bin nicht die Einzige, die Farben mit Erwartungen verknüpft. Als Junghund trug Gubacca ein knallrotes Geschirr. Und eine Haarspange. Das änderte ich ziemlich schnell, nachdem mir regelmäßig Rüdenbesitzer mit einem freudigen „Ach, eine junge Briardhündin – da freut sich mein Bruno aber!“ entgegenkamen.

Spoiler: Bruno freute sich nicht. Gubacca auch nicht.

Heute trägt Gubacca ein oranges Geschirr. Weder Rot noch Blau. Weder Mädchen-Versprechen noch Rüden-Warnung. Und da liegt sie, meine ganz persönliche Inkonsequenz: Während ich lautstark nach einer verbindlichen Farbzuordnung für die ganze Welt rufe, damit ich es leichter habe, entscheide ich mich bei meinem eigenen Hund für neutrales Orange. Nicht aus Prinzip. Einfach, weil Orange meine Lieblingsfarbe ist – und weil es unfassbar gut zu Gubaccas Fell passt. Meine Mutter wird’s verstehen.

Ein Buch entsteht

Mein Gubacca: Das Buchprojekt

Ich schreibe gerade an unserer Geschichte! Hier auf dem Blog kannst du die Entstehung dieses Herzensprojekts live mitverfolgen und schon jetzt in die bereits fertigen Kapitel eintauchen.

Zur Kapitelübersicht →

  • Share:

You Might Also Like

0 comments