Kapitel 25: Zwischen Mauer der Schande und Spürnase
Zwischen Mauer der Schande und Super-Spürnase
Die Ausrüstung lag bereit, der Plan stand – jetzt fehlte nur noch die passende Gelassenheit am anderen Ende der Leine.
In den Wochen nach unserer Rückkehr aus Hooksiel drehte sich mein Gedankenkarussell unaufhörlich. Warum war Gubacca an der Nordsee so pflegeleicht gewesen? Warum war es dort plötzlich so einfach gewesen zwischen uns, während zu Hause die Ausraster an der Leine wieder zum Alltag gehörten?
Für meine Trainerin Marion war die Lösung schnell gefunden: „Die Ruhe bekam ihm dort einfach gut, Bine! Du machst hier zu viel mit ihm!“ In ihrer Welt war Gubacca das Opfer eines zu vollen Terminkalenders und ich diejenige, die ihn permanent überforderte. Und ja – natürlich hatte sie nicht komplett unrecht. Nur war das Problem: Dieser Satz war inzwischen wie so ein Lied, das man nicht leiden kann, das aber trotzdem ständig im Radio läuft. Ich konnte ihn nicht mehr hören.
In meiner Wahrnehmung hatte ich das Programm längst runtergefahren. Keine großen Abenteuer, keine Dauerbespaßung, eher kleine Runden, viel Management, viel „bitte heute einfach nur normal“. Aber die Schublade klemmte. Einmal einsortiert, kam ich bei Marion da nicht mehr raus.
Da ich wusste, dass ich mit meinem ständigen „Ja, aber!“ furchtbar nervig sein kann, verkniff ich es mir. Ich nickte, nahm es mit, schrieb es in meinem Kopf auf eine Liste und schob gleichzeitig eine zweite Liste hinterher, die ich niemandem zeigte. Denn bei mir drängte sich ein ganz anderer Verdacht auf: Sicher, zu viel Action war ein Problem. Aber vielleicht war das andere Problem, dass ihm im Alltag einfach etwas fehlte. Etwas für den Kopf. Vielleicht war Gubaccas Kopf einfach unterfordert und suchte sich deshalb im Alltag seine ganz eigenen, unschönen Projekte.
Die Hoffnung auf eine Lösung kam in Gestalt von Biggi. Sie erzählte mir begeistert von einem Mantrailing-Schnupperkurs. „Gubacca liebt doch Suchspiele. Das wäre doch auch etwas für euch!“, sagte sie mit dieser Überzeugung, die sich anhört wie ein Rettungsring. Und ich… griff zu. In meinem Kopf ging sofort das Kino an. Gubacca als konzentrierter Spürhund. Ich als souveräne Hundeführerin. Wir als unschlagbares Team. Ich meldete uns für einen Schnupperkurs an, schneller als mein Hirn hinterherkam.
Zwei Wochen vor dem Termin kam Biggi völlig beseelt von ihrem eigenen Kurs zurück. „Es war herrlich!“, schwärmte sie. „Nur eine Frau war dabei… also wirklich. Deren Hund hat den ganzen Vormittag nur Theater gemacht. Permanentes Gekläffe, alle standen unter Strom. Die Trainerin war echt gefordert.“
In diesem Moment passierte es. Mein Gehirn begann, Brücken zu bauen. Nicht über Flüsse, sondern über Wiesen. Über Wiesen, auf denen noch nicht mal ein Grashalm stand. Ich sah Gubacca als den neuen Seminar-Störenfried vor mir. Ich sah die genervten Gesichter der Teilnehmer und spürte schon den Schweiß auf meiner Stirn. Dass Gubacca im Café stundenlang unter dem Tisch schlafen konnte? In diesem Moment komplett gelöscht.
Ich griff zum Hörer und rief die Kursleiterin an. „Hören Sie“, sprudelte ich los, „mein Hund ist ein Gos d’Atura. Er ist toll, aber… er kommentiert gern. Ich habe Sorge, dass er das Seminar sprengt.“
Eigene Schublade auf. Gubacca rein. Die Trainerin blieb gelassen. „Kein Problem. Wir bauen ihm eine Sichtschutzwand auf.“
Als ich am Seminartag den Raum betrat, war ich in Alarmbereitschaft. Ich war nicht einfach nur nervös. Ich war schon in dem Modus, in dem man jeden Blick auf sich als Bewertung empfindet. Und dann stand sie da. Meine Wand. In meinem Kopf hatte sie sofort einen Namen: die Mauer der Schande. Eine kleine Trennwand, hinter der ich Gubacca sofort parkte. Bloß nicht auffallen, war die Devise.
Ich lugte einmal über meine „Lösung“ hinweg – und sah das Gegenteil von meinem inneren Horrorfilm: Zwei Ehepaare mit ihren jungen Labradoren. Die Hunde lagen in Stoffboxen, als hätten sie gerade eine Runde Yoga hinter sich. Und während meine Sichtschutzwand Gubacca erst recht nervös machte, weil er alles hörte, aber nichts sah, dämmerten die Labis vor sich hin.
Es kam, wie es kommen musste. Gubacca bellte. In dieser Seminarraum-Stille klang es viel zu laut. Mein Gesicht glühte wie eine überreife Tomate. Beim zweiten Bellstoß zog ich die Notleine. Nicht, weil ich lange darüber nachgedacht hätte. Sondern weil ich Panik bekam. Ich schoss mit ihm zum Auto, murmelte eine Entschuldigung und packte ihn in den Kofferraum meines Minis. Gubacca rollte sich ein, als wäre das der normalste Ort der Welt – und schlief ein.
Ich ging allein zurück in den Raum. Hundelos. Mit dem Gefühl, dass ich gerade die einzige bin, die das nicht hinbekommt. In der Pause sprach mich einer der Labrador-Besitzer an. „Hast du keine Sorge, ihn im Auto zu lassen?“ Ich holte schon Luft für meine Verteidigungsrede, da sagte er: „Ich bin gerade so neidisch. Wenn ich Max im Auto lasse, zerlegt er mir den Kofferraum. Und hier im Raum sieht er zwar ruhig aus, aber er ist total gestresst. Dieses permanente Hecheln macht mich wahnsinnig.“
Ich starrte ihn an. Da war ich also gerade in meinem Kopf „Versagerin des Tages“ – und der Mann mit dem Vorzeige-Labrador beneidete mich. Das war der erste Riss in der von mir selbst geöffneten Schublade
Die Trainerin nutzte meine „hundelose“ Freiheit für eine Demonstration. „Bine, du spielst jetzt mal den Hund.“ Und so kam es, dass ich wenig später auf allen vieren durch den Seminarraum robbte. Die Trainerin demonstrierte an mir, wie man einem Hund den „Geruchsartikel“ richtig vor die Nase hält. Ich schnüffelte also pflichtbewusst an einem getragenen Socken und wirbelte mit dem Kopf hin und her. Wir lachten alle Tränen, und mein ganzer innerer Druck löste sich in diesem herrlich absurden Moment einfach auf.
Dann kam die Praxis. Labi Max und sein Herrchen machten den Anfang. Ein klassisches Männer-Drama. Max hatte keine Lust. Das Herrchen wurde nach drei Minuten ungeduldig, dann wütend. „Der Hund ist einfach zu doof dazu!“, schimpfte er, drückte seiner Frau die Leine in die Hand und stapfte davon. Wir Frauen tauschten Blicke. Die Geduld war offenbar bei ihm nicht im Lieferumfang enthalten gewesen.
Und dann kam Gubacca. Ich holte ihn aus dem Auto. Er schüttelte sich kurz und schaltete um. Nase runter. Fokus an. Er verstand das Prinzip innerhalb von Sekunden. Er arbeitete so präzise, dass die anderen Teilnehmer staunend am Rand standen. In der Abschlussrunde hieß es: „Wahnsinn, wie schnell Gubacca das kapiert hat. Das ist ein echter Ansporn für uns!“
Ich hätte vor Stolz platzen können. Auf der Heimfahrt betrachtete ich meinen schlafenden Helden im Rückspiegel. Er war vielleicht kein Hund für spanische Wände, aber er war ein Arbeitstier mit einer Nase aus Gold. Und ich? Ich war eine erstklassige Brückenbauerin über Wiesen, die gar nicht existierten. Aber zumindest konnte ich jetzt von mir behaupten, eine verdammt überzeugende Spürnase auf allen vieren abzugeben.
Gelernt habe ich an diesem Tag: Die Schubladen sind nicht nur bei anderen gefährlich. Man baut sie auch selbst. Und manchmal braucht es einen Socken, einen Seminarraum und den eigenen Stolz auf allen vieren, um sie wieder aufzuschieben.
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