Meteorologischer Herbstanfang hin oder her – der Sommer 2022 hat uns weiter fest im Griff. Kein Regen, Temperaturen über 30 Grad – da machen momentan nicht nur unsere Blumen im Garten schlapp. Auch bei mir sinkt die Lust auf Radtouren oder sonstige sportliche Aktivitäten rapide, und ich mache es mir lieber mit einem Buch auf der Gartenliege gemütlich.
Momentan lese ich „Raumdenken in der Erziehung – Erziehungshilfe über Raumvorgaben“ von Ursula Löckenhoff*. Darin stellt die Autorin ein „Raumkonzept“ vor, das ein Wechselspiel aus „Freiheit geben“ und „Grenzen setzen“ beschreibt. Die Kurzbeschreibung auf dem Buchrücken klang spannend, auch wenn ich ehrlich sagen muss: Ich bin kein großer Fan mehr von neuen Erziehungsmethoden. Gubacca und ich haben unseren Weg gefunden, und mein Bauchgefühl ist inzwischen mein bester Ratgeber. Und trotzdem – das Buch hat mich nach wenigen Seiten gepackt.
Das Thema Raumdenken ist vielseitiger, als ich dachte. Habt ihr euch schon mal gefragt, wie präsent ihr im Alltag auftretet? Nehmt ihr für euch Raum ein – oder haltet ihr euch lieber im Hintergrund? Es ist spannend, sich das bewusst zu machen. Die Tipps der Autorin, wie man selbst mehr Präsenz bekommt, sind übrigens nicht nur im Zusammenleben mit Hunden hilfreich.
Wie Hunde Raum lesen – und wir oft nicht
Das Konzept „Raumdenken“ beschäftigt sich auch stark mit dem Verhalten von Hunden untereinander. Die Autorin bringt viele Beispiele aus dem Alltag mit ihrem Rudel – und zieht immer wieder Parallelen zu unserem eigenen Verhalten. Wie so oft merkt man: Hunde reagieren gar nicht so anders als wir – sie nutzen nur andere Kommunikationswege. Und genau diese sind uns manchmal unangenehm.
Meine persönliche Lieblingsbaustelle sind ja Hundebegegnungen. Natürlich wünsche ich mir einen gechillten Gubacca, der es völlig akzeptiert, wenn ein anderer Rüde ihn fixiert oder dank seines „umsichtigen“ Herrchens fast in uns hineinläuft. Tut er natürlich nicht. Gubacca fordert seinen Raum lautstark ein. Die Bine bekommt prompt einen hochroten Kopf – und findet es mehr als peinlich.
Aber seien wir ehrlich: Sind wir Menschen wirklich anders? Seit Corona merke ich, wie unwohl ich mich fühle, wenn fremde Menschen keinen Abstand halten. Normalerweise bleibe ich höflich – aber wenn mir jemand an der Supermarktkasse fast in den Nacken pustet, kann ich auch zickig werden.
Vielleicht können wir seit dieser Zeit das Bedürfnis unserer Hunde nach Abstand besser nachvollziehen. Das Buch liefert dazu viele Beispiele, die mir geholfen haben, Gubaccas Verhalten anders zu sehen. Aber klar: Verstehen ist das eine – erlauben das andere.Es wäre ja zu einfach, ihn künftig einfach pöbeln zu lassen, damit er sich den Abstand selbst schafft. Auch hier ist wieder unser zweibeiniger Konfliktmanager gefragt – wir müssen den Raum für unseren Hund einfordern.
Körpersprache und Raum – wie viel wir unbewusst sagen
Besonders spannend fand ich den Abschnitt „Körperliche und stimmliche Ausdrucksmittel“. Klingt trocken – ist es aber gar nicht. Ich war erstaunt, wie viel wir allein mit Armen und Beinen ausdrücken können, ohne es zu merken. Und ehrlich: Ich bin da ein ziemlicher Bewegungslegastheniker. Zum Glück habe ich einen sehr aufmerksamen Gubacca, der meine Körpersprache perfekt lesen kann – leider auch meine kleinen Unsicherheiten.
Raumdenken ist kein neues Rad – aber ein gutes Werkzeug
Natürlich hat auch Ursula Löckenhoff mit ihrem Konzept das Rad nicht neu erfunden. Vieles kennt man aus anderen Ansätzen – etwa den Grundsatz „Wer bewegt wen?“ oder alte Erziehungsmythen, die man längst mit einem Augenzwinkern beiseitegelegt hat. Zum Beispiel der alte Satz: „Der Hund darf nicht im Weg liegen.“Ich hatte ihn längst vergessen – bis mir beim Lesen wieder einfiel, wie viel Raum auch Hunde beanspruchen.
Ein Beispiel: Wir waren mit meinem Tibet Terrier Chiru bei Freunden. Während wir gemütlich auf der Terrasse saßen, legte sich Chiru direkt vor die Tür. Und was passierte? Die Gastgeberhunde saßen jammernd im Wohnzimmer und trauten sich nicht raus. Aber wir können dieses Prinzip nutzen. Bei Gubacca habe ich festgestellt, dass es viel effektiver ist, mich einfach mit einem Fuß auf die Pinkelstelle zu stellen, anstatt ihn mit der Leine wegzuziehen, wenn er wieder kein Ende findet. Raum ist also tatsächlich auch ein Machtmittel für unsere Hunde.
Das Thema Raumdenken ist facettenreich – und findet sich in so vielen Bereichen wieder. Mir war das vorher gar nicht bewusst. Das Buch hat mir auf jeden Fall gefallen – und ich werde sicher noch öfter darin lesen.
Ein bisschen Feinschliff (bei Mensch und Hund)
Zum Schluss noch eine kleine Anekdote aus dem Alltag. Ursula Löckenhoff schreibt, dass viele Hunde aufgestellte Regeln regelmäßig hinterfragen. Ein Verhalten, das mir gar nicht liegt – ich bin eher der Typ, der Aufgaben abhakt. Gubaccas Rückruf ist dafür ein schönes Beispiel.
Mein kleiner Freigeist hatte es irgendwann tatsächlich verinnerlicht: Beim ersten „Gubacca, zu mir!“ kommt man besser gleich. Und was machte ich? Ich rief – und achtete gar nicht mehr darauf, ob er wirklich kam. Automatisches Verhalten nennt man das wohl.„Gubacca, zu mir“ wurde zu einem Allrounder – eine Bitte für jede Lebenslage. Oft bedeutete sie einfach: Hör auf, zehn Stunden an einem Grashalm zu schnüffeln. Ich lief dann weiter, in der sicheren Annahme, dass mein katalanischer Philosoph das schon regelt. Bis meine Freundin Claudi mich bei einem Spaziergang darauf hinwies, dass der Herr zwar gerufen wird, aber stoisch 50 Meter hinter uns am Busch hängt.
Ausnahme oder Regel? Ich musste der Sache auf den Grund gehen – und siehe da: Gubacca interpretiert mein „pronto“ gern als „Ich muss vorher noch kurz …“Keine Katastrophe, aber ein Zeichen. Gelerntes wird eben nicht automatisch abgespult – auch nicht bei uns. Ein bisschen Feinschliff schadet nie. Und so vertiefe ich mich wieder ins Buch – und wünsche euch einen schönen Abend.
* Das Buch „Raumdenken in der Hundeerziehung“ wurde mir vom Kosmos-Verlag kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt – danke!
Manche Erkenntnisse kommen nicht mit Pauken und Trompeten. Sondern leise. Und bleiben genau deshalb.
Raumdenken mit Hund – eine kleine Zusammenfassung
Im Zusammenleben mit dem Hund geht es um Raum, Nähe und Abgrenzung. Rückzug ist kein Fehlverhalten, sondern Teil von Beziehung. Verstehen statt erziehen bedeutet, Dynamiken wahrzunehmen, statt sie kontrollieren zu wollen.
.png)
0 comments