Es hat mich riesig gefreut, dass der Erfahrungsbericht von Nicole Scholl so gut bei euch angekommen ist. Vielen Dank auch für die netten Mails, die ich dazu bekommen habe. Heute erzählt Conny Mayerbacher von ihrem Leben mit Gos-Rüde Pedro. Ihre Geschichte zeigt, wie wichtig es sein kann, für den eigenen Hund die passende Hundeschule oder Trainerin zu finden und nicht jedem gut gemeinten Ratschlag blind zu vertrauen.
Vor allem zeigt sie aber auch, wie schnell der Gedanke, ein junges Energiebündel müsse ordentlich ausgelastet werden, genau in die falsche Richtung führen kann. Dass ein junger Gos Ruhe braucht, hören viele Menschen bereits vom Züchter. Im Alltag gerät dieser Rat trotzdem erstaunlich leicht in Vergessenheit, weil der kleine Wirbelwind schließlich beschäftigt werden muss. Ein Irrtum, wie sich manchmal erst später herausstellt. Viel Freude beim Lesen!
Ein Bild, ein Hund und eine spontane Entscheidung
Ich bin 2009 eher zufällig auf den Gos gestoßen. Die Rasse kannte ich überhaupt nicht, und ich hatte auch nicht gezielt nach einer bestimmten Rasse gesucht. Ich hatte nur ein paar Eckdaten im Kopf, die mein neuer Hund möglichst erfüllen sollte: zottelig, sportlich und intelligent. Ein Hund, der seine Lebensfreude sichtbar auslebt. Nachdem ich meine Hündin, einen Bobtail-Riesenschnauzer-Mix, über die Regenbogenbrücke gehen lassen musste, durchforstete ich das Internet nach Hundebildern. Eigentlich wollte ich nur ein wenig schauen, denn es war schließlich klar, dass wir zunächst eine Weile ohne Hund bleiben wollten.
Aber das Leben spielt bekanntlich manchmal anders. Ich stolperte über Pedro, der damals noch Portos hieß, und seine Brüder. In der Beschreibung stand „Pastor Catalan“, eine Bezeichnung, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Trotzdem bekam ich spontan Gänsehaut. Tagelang schlich ich um die Bilder herum, bis ich mich schließlich durchrang, nach einer Rassebeschreibung zu suchen. Was soll ich sagen? Alles, was ich mir von meinem nächsten Hund gewünscht hatte, schien er in sich zu vereinen. Also begann ich, mein Umfeld davon zu überzeugen, dass genau dieser Hund bei uns einziehen sollte. Und so nahm die kleine Katastrophe ihren Lauf.
Ein kleiner Plüschbär mit schwierigem Start
Nach drei endlos langen Wochen, in denen ich zu dem Entschluss kam, dass Pedro bei uns leben sollte, zog der kleine Plüschbär ein. Er war etwa sechzehn Wochen alt, 38 Zentimeter hoch, wog gerade einmal 5,5 Kilogramm und war ziemlich krank. Mangel- und unterernährt kam er von Mallorca, und ich gab mein Bestes, ihn aufzupäppeln. Die Würmer, denen man in Spanien nicht Herr geworden war, fühlten sich in seinem Darm allerdings noch immer ausgesprochen wohl und machten uns das Leben schwer. Nachdem er die spanischen Wurmtabletten nicht vertragen hatte, mussten es die deutschen Präparate richten. Danach ging es endlich aufwärts.
Ich hatte vorher versucht, möglichst viele Informationen zu sammeln, um von Anfang an alles richtig zu machen. Aber bekanntlich ist gut gedacht noch lange nicht gut gemacht. Anfang November eine Hundeschule zu finden, die mir bei der Erziehung helfen konnte, war nicht einfach. So waren wir in den ersten Wochen weitgehend auf uns allein gestellt.
Ich tat brav, was mir geraten wurde, und überforderte den Kleinen so katastrophal, dass mir noch immer ganz schlecht wird, wenn ich daran denke. Aber ich wusste es einfach nicht besser.
Pedro, der Weihnachtsbaum und die brennende Lichterkette
Kurz nach seinem Einzug musste Pedro bei unserem Hundesitter bleiben. Ich konnte es nicht anders organisieren, und so brachte er den Haushalt dort über Weihnachten gründlich durcheinander. Der vorsorglich verwendete älteste Christbaumschmuck überlebte zwar unbeschadet, allerdings schredderte Pedro innerhalb von zwei Tagen den Baum, sodass dieser schließlich entsorgt werden musste.
Täglich apportierte er Lichterketten im Garten und saß anschließend vorbildlich mit der noch leuchtenden Kette vor seinem Urlaubsherrchen. Damit war zumindest geklärt, warum am Baum jeden Tag weniger Lichter brannten. Aber dem kleinen „Schnucki“ konnte man damals noch nicht böse sein. Erst zwei Jahre später verweigerte der Hundesitter die erneute Aufnahme mit dem Hinweis, dass er nach zwei Wochen mit Pedro selbst erst einmal Urlaub brauche.
Drinnen ein Schatz, draußen überall und nirgends
Zu Hause war Pedro ein wahrer Schatz. Er war lieb und brav, konnte problemlos allein bleiben, machte nichts kaputt und schaute mich bei meinen Spielaufforderungen an, als hätte ich einen an der Klatsche. Dabei wollte ich ihn in unserem bayerischen Winter doch nur drinnen ein wenig bespaßen. Mit seinem dünnen Mallorca-Fell war es draußen schließlich ziemlich kalt. Für Pedro war jedoch von Anfang an klar, dass im Haus Ruhe gehalten wurde.
Dafür war er draußen umso mehr überall und nirgends. Er hüpfte begeistert hinter Blättern her, ging ohne Scheu auf andere Hunde zu, um an ihnen zu schnüffeln, und war bei uns im Park schnell „Everybody’s Darling“. Die ersten Übungen wie Rückruf, Sitz oder Platz waren eigentlich kein Problem. Jedenfalls solange nichts Spannenderes in der Nähe war.
Die Mädels gehörten seiner Meinung nach schließlich alle ihm. Mit mehr Mut, als ihm guttat, machte er dies zunehmend auch gegenüber großen Hunden deutlich. Ich war überfordert. Mein kleiner Plüschbär, mein Liebling, mein Schatzi – warum benahm er sich plötzlich so? Ich war vollkommen ratlos.
Viele Hundeschulen und noch mehr schlechte Ratschläge
Im ersten Jahr verschliss ich mehrere Hundeschulen. Dort wurde mir unter anderem geraten, mich hinter Büschen zu verstecken, damit Pedro zurückkam, weil er mich nicht verlieren wollte. Ich sollte regelmäßig an der Leine rucken, damit er ordentlich bei Fuß lief, ihm einen klappernden Schlüsselbund vor die Nase werfen oder immer wieder auf die Schleppleine treten, damit er in meinem Radius blieb.
Pedro beeindruckte das alles wenig. Er wusste genau, hinter welchem Busch ich auf ihn wartete, ertrug geduldig die Ruckelei, lief höflich einen kleinen Bogen um den Schlüsselbund und machte ansonsten sein Ding weiter. All das hatte keinerlei Lerneffekt. Sobald sich ein interessanter Reiz bot, war er weg und nach erfolgreicher Mission freudig wieder zur Stelle.
Das machte den Herrn Hundetrainer schließlich ratlos. Er empfahl mir, Pedro so lange zu verunsichern, bis dieser nicht mehr wusste, was er durfte und was nicht. Dann würde er schon bei mir bleiben. Diesen Rat setzte ich nicht um. Ich wollte mit meinem kleinen Prinzen respektvoll umgehen und ihn nicht unterdrücken oder absichtlich verunsichern. Also suchte ich weiter, bis ich schließlich die richtige Trainerin fand. Sie konnte mir bereits nach wenigen Stunden ziemlich genau erklären, wo unser Problem lag.
Als plötzlich fast alles aus dem Programm verschwand
Pedro zappelte an der Leine, rannte an der Schleppleine von vorn nach hinten und immer wieder um mich herum. Ich verstand nicht, warum er nicht begriff, dass auch eine Leine irgendwann zu Ende war. Nach spätestens 25 Minuten draußen oder nach drei Hunde- beziehungsweise Katzenbegegnungen war seine Geduld erschöpft. Dann rannte er schreiend um mich herum und ließ sich kaum noch bändigen.
In langen Wochen, insgesamt waren es gut fünf Monate, bauten wir seinen Stress mit einem absoluten Minimalprogramm ab. Dreimal täglich fünfzehn Minuten im Schneckentempo auf den langweiligsten und reizärmsten Strecken waren für einige Zeit unsere einzigen Erlebnisse draußen. Die einzige Erwartung an Pedro bestand darin, halbwegs zappelfrei mitzugehen. Ansonsten gab es zunächst nichts. Alles, was vermeintlich Spaß machte, verschwand vorübergehend aus unserem Programm.
Zu Hause gab es gemütliches Kuscheln, langsames Streicheln und vor allem Schlafen, Schlafen, Schlafen. Die ersten Versuche, nach einigen Wochen wenigstens ein wenig Spaß mit Leckerchensuche oder ein bis zwei kleinen Tricks zu haben, endeten sofort wieder im Zappel-Fiasko. Also blieben wir weiter bei unserem Minimalprogramm.
Langsam zurück in einen normalen Alltag
Pedro wurde nach und nach entspannter. Nach endlosen Wochen kehrten wir langsam in einen normalen Alltag zurück. Nun ging es an die eigentliche Erziehung. Sitz, Platz und Bleib waren nie ein Problem. Beim Rückruf auf dem Hundeplatz oder auf reizarmen Flächen flog er geradezu zu mir. Dort war er schon immer der Streber.
Allerdings hatte er Jagdtrieb, oder vielleicht besser gesagt Hütetrieb. Das stellte er bereits mit knapp sechs Monaten unter Beweis, als er die bei uns im Wald lebenden Wildpferde zu hüten versuchte. Wenige Wochen später hütete er ausgesprochen erfolgreich zwei Rehe. Nach endlosen fünfzehn Minuten liefen sie langsam an mir vorbei, Pedro etwa zehn Meter hinterher. Er war so hoch konzentriert und in seinem Tunnel, dass er mich erst wahrnahm, als ich direkt neben ihm stand und ihn anleinte.
Hasen, Katzen und auch die Hochlandrinder, die er auf einer Weide entdeckte, hielten sich leider weniger zuverlässig an seine Spielregeln. Von unserem Weg aus waren die Rinder nicht einmal zu sehen. Pedro hatte sie trotzdem gefunden. Von da an wurde die Schleppleine unser bester Freund. Die Trainerin half uns nach besten Kräften, sein Jagd- beziehungsweise Hütetrieb beschäftigte uns allerdings weiterhin.
In unserer direkten Wohnumgebung waren die Fortschritte allerdings nicht groß genug, um Pedro frei laufen zu lassen. Sobald er eine Spur in die Nase bekam, ging – und geht – er ab wie eine Rakete. Siebzehn dynamische Kilogramm warfen sich wuffend und knurrend in die Leine und waren nur schwer zu managen.
Keiner unserer Bekannten im Park verstand, warum Pedro so selten von der Leine durfte. Sie lächelten über meine Prophezeiung, dass er beim „richtigen Rüden“ augenblicklich zum kleinen Werwolf mutierte. Niemand konnte sich vorstellen, dass der charmante kleine Wuschelhund unter seinem Zottelfell auch diese Seite verbarg. Die Demonstration seiner Verwandlung ließ natürlich nicht lange auf sich warten.
Pedro wurde mein Lehrmeister
Mein Ehrgeiz war geweckt. Ich wollte Pedro verstehen und wissen, warum er so war, wie er war. Ich las reihenweise Bücher und Blogartikel, stöberte durch Foren und tauschte mich intensiv mit meiner Trainerin aus. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt: 2013 begann ich meine eigene Trainerausbildung.
Seit Herbst 2014 bin ich fertig. Während dieser Zeit entstand langsam das Gefühl, endlich zu verstehen, was in Pedro vorging. Leichter zu handhaben machte ihn das allerdings noch immer nicht. Trotzdem half mir dieses Wissen dabei, nicht mit ihm oder an ihm zu verzweifeln, sondern meinen kleinen Lehrmeister einfach zu lieben.
Fortschritte, Abstand und eine weiterhin kurze Zündschnur
Auch in den folgenden Jahren hat sich noch viel getan. Fremde Rüden findet Pedro weiterhin vollkommen überflüssig. Er lässt sich inzwischen aber gut umlenken und findet schneller zu mir und in die Realität zurück. Stößt er im Wald oder auf einer Wiese auf einen spannenden Geruch, ist er noch immer zunächst völlig von Sinnen. Nach dem ersten Impuls, etwas Ruhe und ein wenig Zeit wird er aber deutlich schneller wieder ansprechbar.
Mit der Schleppleine helfe ich meinem kleinen Workaholic beim „Bravbleiben“. Je nach Tagesform ist seine Zündschnur meistens eher kürzer als länger. Ist niemand in der Nähe, dem er dringend seine Meinung ins Ohr flüstern möchte, ist Pedro ein verschmuster und lieber Kerl. Er liebt Menschen, staubt begeistert Streicheleinheiten ab und zaubert einsamen Senioren mit seinem dunkelbraunen Augenaufschlag ein wenig Sonnenschein ins Herz.
Er hat außerdem gelernt, dass es nicht nur den Weg nach vorn gibt. Ein größerer Abstand kann für ein besseres Gefühl sorgen, und Pedro kann diese Distanz inzwischen zum Teil selbstständig vergrößern. Dieses Training, BAT, wurde für uns zum entscheidenden Schlüssel. Außerhalb unserer direkten Wohnumgebung konnte Pedro dadurch auch bei Hundesichtungen entspannter unterwegs sein. Selbst nahe unseres Zuhauses entwickelte er sich zunehmend positiv, und ich wagte zu hoffen, dass dieser Weg noch eine Weile weitergehen würde.
Nach meiner ersten Lernphase vermied ich sämtliche Schreck- und Strafreize. Ich wollte unser Vertrauen nicht weiter aufs Spiel setzen. Ich wurde immer besser darin, Pedros Körpersprache zu lesen und möglichst früh zu erkennen, wann ich noch erwünschtes Verhalten belohnen konnte.
Respekt, Vertrauen und ein kleiner Kaspar
Seit etwas mehr als einem Jahr lebt neben Pedro auch Cara bei mir. Ich versuche, mit beiden so zusammenzuleben, dass ich jederzeit bereit wäre, die Rollen von Mensch und Hund miteinander zu tauschen. Ich behandle meine beiden Schätze respektvoll und freundlich. Egal, was bereits alles war, und egal, was noch kommen wird: Ich liebe diesen kleinen Kaspar, der offenbar jeden Morgen einen Clown frühstückt und mich mit seinem Charme vollkommen gefangen hat.
Und weil ich davon überzeugt bin, dass wir immer den Hund bekommen, den wir für unsere eigene Entwicklung brauchen, danke ich meiner alten Hündin Sissy. Ich glaube, dass sie mir diesen wunderbaren Schatz geschickt hat.
Bine: Vielen Dank, Conny, für diesen offenen und persönlichen Erfahrungsbericht und die vielen schönen Fotos!
Im nächsten Teil erzählt Conny ausführlicher, wie sie Pedros Stresslevel erkannte und warum für ihn zunächst ein konsequentes Ruheprogramm notwendig wurde: „Wie bekomme ich einen entspannten Hund?“
Im dritten Beitrag geht es um Stresssignale, schwierige Hundebegegnungen und den Trainingsweg, der Pedro half, mehr Abstand und Sicherheit zu finden: „Stress erkennen und Hundebegegnungen begleiten“
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