Was ist typisch für den Gos d’Atura? Für mich ist es der oft krasse Unterschied zwischen seinem Verhalten im Haus bzw. in der Wohnung und unterwegs auf den Spaziergängen. Ich musste echt schmunzeln, als eine Gosbesitzerin vor einiger Zeit bei Facebook über ihren Rüden schrieb: „Meine Familie und viele Freunde glauben uns nie, dass er auch ganz anders kann. Sie erleben ihn drinnen immer als extrem entspannten Hund.“ Mich erinnerte das sofort an unsere wilden „Kevin-Zeiten“. Meine Mutter konnte sich auch nie vorstellen, dass dieser ausgesprochen liebe Schmusebär auch zu einem „kleinen“ Monster mutieren kann. Bis sie ihn im Urlaub live erlebte…
„Im Haus werden Sie diesen Hund kaum bemerken…“
Aber es ist ja nicht so, als ob uns das vorher nie jemand gesagt hätte, oder? Fast in jeder Rassebeschreibung über den Gos d’Atura Català findet man einen ähnlichen Satz wie: „Im Haus werden Sie diesen Hund kaum bemerken…“ Dass das draußen genauso ist, hat nie jemand behauptet… Natürlich ist das bei ganz vielen Hunderassen ähnlich. Zuhause sind wir Menschen oft „hartnäckiger“ und ohne Ablenkung nimmt der Hund vieles auch leichter an.
Der erste Rat vieler Hundetrainer, die den Gos nicht kennen, ist daher auch sehr oft, Zuhause konsequenter zu sein. Wie habe ich diesen Satz immer gehasst! Was soll ich Zuhause ändern, wenn Gubacca dort einfach nur lieb ist? Mein „Ja, aber…“ hat bestimmt so manchen Hundetrainer wahnsinnig gemacht. „Dann musst du dein Verhalten draußen ändern“, war dann die Antwort. Aber bei aller Liebe zur Selbstreflexion: War ich wirklich der Auslöser der „Dark-Side“ von Gubacca? Der Auslöser wahrscheinlich nicht, aber ich würde heute mit einigen Situationen anders umgehen.
Schubladen im Kopf und Turbo in den Pfoten
Gubacca beobachtete besonders als Junghund ständig seine Umgebung. Auf jeden Außenreiz wurde reagiert und in seine „Schubladen“ einsortiert: „Kenn ich schon, keine Gefahr“, „Sollte man im Auge behalten – sieht anders aus“ oder „Gefahr, mein Einsatz gefragt“. Das ist grundsätzlich erst einmal ein ganz normales Hundeverhalten. Auch unser Biewer-Yorki Lottchen reagiert so auf Außenreize und meldet bei einem vorbeifahrenden Mopped gerne „Gefahr in Verzug“.
Bei Gubacca ist das jedoch deutlich ausgeprägter und erinnert mich an die Herdenschutzhunde. Außerdem kommt noch die Gos-Fähigkeit dazu, blitzschnell zu reagieren. Während Lottchen noch überlegen würde, ob es sich lohnt, hinzulaufen, wäre Gubacca bereits vor Ort und hätte die Situation seiner Meinung nach geregelt… Diese Kombination aus Wachsamkeit und sehr schneller Reaktionsfähigkeit machte den Jungspund Gubacca draußen… nennen wir es mal anstrengend.
Für diesen Turboblitz benötigte er natürlich auch viel Adrenalin – und das baut sich leider deutlich langsamer wieder ab. Zu diesem bereits erhöhten „Gefühls-Cocktail“ kamen auf unseren Spaziergängen noch andere Dinge dazu: das gemeinsame Jagdspiel mit Kumpel Lennox zum Beispiel. Oder der Frust, weil er mit Freundin Lotte an der Straße nicht toben durfte. Summierten sich viele dieser Situationen, schwappte das berühmte Fass irgendwann über und es kam zu Übersprungshandlungen.
Teilweise sprang Gubacca mich dann an, fing an, in die Leine zu beißen, oder verfiel in ein Dauergebell. Und welchen Fehler machte ich zu Beginn, weil ich sehr zielorientiert bin?! Ich versuchte genau dieses eine Verhalten, wie zum Beispiel das Anspringen, abzustellen, ohne den Auslöser zu beseitigen.
Beispiel: Der Ausraster nach dem Hundeplatz
Beispiel: Susi und ich hatten das Glück, dass Gubacca und Lennox regelmäßig auf dem eingezäunten Grundstück unserer Hundetrainerin toben durften. Im Anschluss machten wir immer noch eine gemeinsame Runde mit den beiden. So richtig ausgepowert klappte das doch besser, dachten wir.
Vom Hundeplatz aus mussten wir ein Stück die Hauptstraße entlang laufen, bis wir den Feldweg erreichten. Häufig war es schon dämmrig. Mit Gubacca endeten die Spaziergänge dann oft mit einem seiner typischen Ausraster. Ohne ersichtlichen Grund fing er an, mich anzuspringen und in den Ärmel zu beißen.
Gab es wirklich keinen Grund? Gubacca und Lennox liebten ihre wilden Rennspiele, bei denen sie auch sehr schnell begannen, ihre Kräfte zu messen. Voller Adrenalin kamen die beiden von dem Hundeplatz. Das kurze Stück an der Hauptstraße war für Gubacca auch eine kleine Mutprobe. Die schnell vorbeifahrenden Autos verunsicherten ihn noch oft. Endlich war das Feld dann erreicht. Aber anstatt mit Lennox weiter toben zu dürfen, sollte er jetzt ruhig an der Leine laufen. Das reichte, um das Fass eines so jungen Hundes überlaufen zu lassen.
Die Zauberformel: Zutaten erkennen, Dosierung anpassen
Würdet ihr euch zutrauen, ohne Training einen Marathon zu laufen? Wahrscheinlich nicht. Aber ihr könntet es erreichen, indem ihr Stück für Stück die Distanz verlängert und euch genau so viel zumutet, dass ihr euch noch wohl fühlt. Genau das war auch die Zauberformel bei Gubacca. Wenn ich schon einen Hund habe, der auf Außenreize extrem schnell reagiert, benötigt es nur wenige weitere Zutaten und der Adrenalin-Cocktail ist perfekt.
Von daher muss ich jede Zutat genau dosieren und notfalls auch einfach mal weglassen. Ein wichtiger Schritt hierfür ist, sich bewusst zu machen, auf welche „Zutaten“ der eigene Hund reagiert. Das können zum Beispiel Außenreize sein, bei denen er eine Gefahr vermutet (laute Fahrzeuge, kreischende Kinder), aber auch wildes Rennen mit dem Hundekumpel oder positive Dinge, wie das Planschen im Wasser.
Viele von euch kennen bestimmt diesen Energie-Schub, wenn der Hund nass aus dem Wasser kommt. Da wird geflitzt und gerannt, was das Zeug hält. Kennt man die Zutaten, geht es an die Dosierung. Dass man mit einem Hund, der gerade aus dem Wasser geflitzt kommt, nicht direkt „Fuß laufen“ üben kann, ist offensichtlich. Viele andere Kombinationen sind individuell und müssen ausprobiert werden. Im Zweifelsfall gibt es anstatt des gemischten Cocktails nur „Orangensaft“.
So wäre es bei unserem Beispiel mit Lennox das Beste gewesen, im Anschluss direkt nach Hause zu fahren und Gubacca Ruhe zu gönnen.
Und das Beste: Mit der Zeit wird’s leichter
Das Schöne ist: Mit der Zeit werden die Auslöser immer schwächer und fallen oft sogar ganz weg. Die Schublade „Kenn ich, keine Gefahr“ wird immer voller. Mit einem niedrigen Erregungslevel kann Hund auch mal gnädig darüber hinwegsehen, dass Nachbars Max ihn doof angeblafft hat – und ein Knall ist laut, aber kein Drama.
Heute reagiert Gubacca nur noch ganz selten auf Außenreize. Und jetzt kommt Faktor Mensch ins Spiel: Gubacca hat auch gelernt, sich auf mich zu verlassen. Sobald wir die Cocktailzutaten verringern und eine Vertrauensbasis aufgebaut haben, bekommen wir auch das, was wir wünschen – einen entspannten und souveränen Begleiter an unserer Seite.
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