Ist der Gos d’Atura schwierig? Eine Hundetrainerin antwortet

Oktober 08, 2023

Ist der Gos d’Atura schwierig? Diese Frage taucht erstaunlich schnell auf, sobald man sich ein wenig näher mit der Rasse beschäftigt. Von außen sieht der Katalane schließlich erst einmal aus wie ein großer Wuschelbär, der vermutlich am liebsten den ganzen Tag Küsschen verteilt und mit dekorativ flatterndem Fell durch das Familienleben schwebt. Auslöser für diesen Beitrag war eine hitzige Diskussion über den Vermittlungstext eines Hütehund-Mixes. Das Tierheim beschrieb ihn vor allem als verschmusten Wuschelhund. Einige Leser vermuteten auf dem Foto einen Gos-Mix und hätten sich deutlich mehr Hinweise auf die möglichen Eigenschaften eines Hütehundes gewünscht.

Ist der Gos d’Atura schwierig? Diese Frage taucht erstaunlich schnell auf, sobald man sich ein wenig näher mit der Rasse beschäftigt. Von außen sieht der Katalane schließlich erst einmal aus wie ein großer Wuschelbär, der vermutlich am liebsten den ganzen Tag Küsschen verteilt und mit dekorativ flatterndem Fell durch das Familienleben schwebt.

Auslöser für diesen Beitrag war eine hitzige Diskussion über den Vermittlungstext eines Hütehund-Mixes. Das Tierheim beschrieb ihn vor allem als verschmusten Wuschelhund. Einige Leser vermuteten auf dem Foto einen Gos-Mix und hätten sich deutlich mehr Hinweise auf die möglichen Eigenschaften eines Hütehundes gewünscht.

Ich konnte diesen Einwand gut verstehen. Auch mich stört es, wenn der Gos auf sein zotteliges Äußeres reduziert und dabei so lange verniedlicht wird, bis von seinem wachen Kopf, seiner Sensibilität und seiner großen Eigenständigkeit kaum noch etwas übrig bleibt. Für mich ist er keine Hunderasse, die einfach nebenherläuft. Gubacca war in vielen Bereichen eine echte Herausforderung, obwohl vor ihm bereits vier Hunde zu meinem Leben gehört hatten.

Aber macht ihn das automatisch zu einer schwierigen Hunderasse? Darüber habe ich mit Hundetrainerin Ingeborg Freund gesprochen.

Das Gespräch mit Ingeborg stammt ursprünglich aus dem Jahr 2023 und wurde für diese Fassung sprachlich und redaktionell überarbeitet.

Anspruchsvoll ist nicht dasselbe wie schwierig

Bine: Wie siehst du den Gos d’Atura als Hundetrainerin? Ist er eine schwierige Hunderasse?

Ingeborg: Für mich ist der Gos d’Atura keine schwierige Hunderasse. Ich bin mit einer Dackeldame groß geworden und hatte auch als junge Frau immer Dackel. Danach zog eine Schäferhündin bei uns ein, die ich tatsächlich als schwierig empfand. Mein Riesenschnauzer war als Rettungshund einfach nur toll, im Alltag aber sehr anstrengend. Und meine kleine Pyrie-Hündin ist eine richtige Zicke – mit allem, was dazugehört.

Im Vergleich dazu sind meine Gossis wirklich problemlos. Aus diesem Erfahrungsschatz und meiner täglichen Arbeit mit Hunden kann ich deshalb nur sagen: Für mich ist diese wunderbare Rasse anspruchsvoll, aber nicht schwierig.

Der Gos d’Atura ist anspruchsvoll, aber nicht schwierig.

Bine: Und wenn ich in den vergangenen Jahren etwas gelernt habe, dann vermutlich dies: Der Anspruch richtet sich vor allem an uns Menschen. Wir müssen dem Hund gerecht werden und gewisse Eigenschaften mitbringen.

Keine Härte, aber klare Orientierung

Ingeborg: Richtig. Der Gos braucht keine Härte. Er braucht aber einen Menschen, der klar, verlässlich und nicht wankelmütig ist. Dazu gehört auch, Konflikte auszuhalten und Grenzen ruhig zu vertreten.

Bei mir gibt es beispielsweise einige absolute No-Gos. Ich teile mein Essen nicht mit meinen Hunden, und das vermittle ich ihnen auch eindeutig. Darüber führe ich keine langen Wortdebatten. Dafür gibt es ein klares „Lass das“. Dieses Signal besitzt bei mir eine andere Wertigkeit als ein beiläufiges „Nö“.

Entscheidend ist nicht, möglichst streng aufzutreten. Der Hund sollte nur verstehen können, welche Regeln tatsächlich gelten und dass sie nicht täglich neu verhandelt werden. Gerade ein Hund, der selbstständig denkt, merkt sehr schnell, wenn sein Mensch heute etwas erlaubt, das morgen plötzlich verboten sein soll.

Hütehund bleibt Hütehund

Bine: Gibt es für dich Besonderheiten bei dieser Rasse? Eigenschaften, durch die sie sich stark von anderen Hunden unterscheidet?

Ingeborg: Für mich unterscheidet sich der Gos nicht grundlegend von anderen Hütehundrassen. Man sollte sich bei einem Hütehund aber seiner Genetik bewusst sein und verstehen, dass sich bestimmte Anlagen nicht einfach abtrainieren lassen.

Viele Hütehunde reagieren auf Situationen sehr körperlich. Wenn man sich einen durchschnittlichen Gos-Rüden vorstellt, der in der Lage sein musste, einen ausgewachsenen Hammel zu bewegen, wird verständlicher, woher dieses Verhalten kommt.

Im Unterricht höre ich beispielsweise immer wieder, dass ein Gos seinem Menschen von hinten in die Wade zwickt. Das muss nicht automatisch aggressiv gemeint sein. Es kann ein Teil seines ursprünglichen Hüteverhaltens sein. Trotzdem ist es natürlich unsere Aufgabe, ihm zu erklären, dass Menschen weder Schafe sind noch durch die Wohnung getrieben werden müssen.

Die Ausprägung solcher Eigenschaften hängt außerdem von Zucht, Persönlichkeit und Umfeld ab. Auch Hütehundrassen verändern sich über die Generationen, wenn Züchter bestimmte Wesensmerkmale stärker oder schwächer gewichten.

Wichtig finde ich bei Hütehunden außerdem eine Beschäftigung, die nicht nur ihre Beine, sondern auch ihren Kopf anspricht. Das muss kein tägliches Hochleistungsprogramm sein. Ob Agility, Hoopers, Mantrailing, Suchspiele oder eine ganz andere Aufgabe besser passt, hängt vom jeweiligen Mensch-Hund-Team ab.

Mein Leitsatz lautet:

Wenn der Mensch dem Hund keine Aufgabe gibt, sucht er sich möglicherweise selbst eine.

Reize, Stadtleben und Entspannung

Bine: Bei Gubacca hatte ich oft den Eindruck, dass ich viele Situationen gezielter mit ihm üben musste als mit meinem vorigen Hund. Dazu gehörten beispielsweise eine belebte Innenstadt oder ein gut gefülltes Strandcafé. Ist das typisch für den Gos oder war Gubacca einfach stressanfälliger als andere Hunde?

Ingeborg: Vermutlich spielte beides eine Rolle. Hütehunde reagieren häufig sehr schnell auf Außenreize. Sie wurden schließlich dafür gebraucht, Veränderungen wahrzunehmen und innerhalb kürzester Zeit einzuschätzen, ob eine Gefahr droht oder nicht.

Unsere Aufgabe besteht deshalb darin, unseren Hunden möglichst früh die Situationen zu vermitteln, die sie später in ihrem Leben bewältigen müssen. Nicht jeder Hund muss regelmäßig durch eine überfüllte Fußgängerzone laufen. Im Urlaub kann es aber durchaus passieren, dass wir ihn in eine Stadt, ein Café, einen Bus oder eine Bahn mitnehmen müssen. Dann ist es hilfreich, solche Situationen vorher kleinschrittig und ohne unnötigen Druck kennengelernt zu haben.

Reagiert ein Hund stark auf Außenreize, setzt das im Körper eine ganze Stressreaktion in Gang. Deshalb sind für viele Hütehunde nicht nur Aktivität und Training wichtig, sondern genauso das Erlernen von Ruhe und Entspannung.

Bine: Das Thema habe ich auch im Gos-ABC „Entspannung, Erregung und Emotionen“ aufgegriffen.

Ingeborg: Auch territoriales Verhalten sollte man beim Gos nicht unterschätzen. Manchmal verstärken wir bestimmte Abläufe unbewusst durch unsere Routinen. Wenn wir beispielsweise jeden Abend dieselbe kurze Runde um den Häuserblock drehen, ist das für uns nur der letzte Spaziergang des Tages. Ein wachsamer Hund kann darin aber möglicherweise auch eine regelmäßige Kontrolle seines vertrauten Umfelds sehen.

Das bedeutet nicht, dass man diese Runde nicht mehr gehen darf. Es lohnt sich nur, das Verhalten des eigenen Hundes aufmerksam zu beobachten und Routinen nicht automatisch für vollkommen bedeutungslos zu halten.

Wird ein Gos mit drei Jahren pflegeleichter?

Bine: Bei Gubacca hatte ich das Gefühl, dass er mit drei Jahren deutlich pflegeleichter wurde. Auch von anderen Gos-Haltern habe ich dieses Alter schon als beinahe magischen Wendepunkt beschrieben bekommen. Teilst du diese Erfahrung?

Ingeborg: Natürlich gibt es individuelle Unterschiede. Der eine Gos ist vielleicht schon mit zwei Jahren deutlich gereifter, ein anderer braucht länger. Grundsätzlich würde ich deine Erfahrung aber bestätigen.

Mit solchen Aussagen sollte man trotzdem vorsichtig sein. Ein Hund wird nicht plötzlich pflegeleicht, nur weil er seinen dritten Geburtstag feiert. Im besten Fall darf man nun langsam ernten, was man in den Jahren davor gesät hat. Man muss dem jungen Hund vorher etwas vermittelt haben, damit später ein souveräner und entspannter erwachsener Hund an der eigenen Seite stehen kann.

Das gilt nicht nur für den Gos. Entwicklung und Reifung helfen, aber sie ersetzen keine Erfahrungen, keine verlässliche Beziehung und keine Orientierung.

Bine: Wie sich dieses vermeintlich magische Alter bei uns tatsächlich bemerkbar machte, erzähle ich inzwischen ausführlicher in „Wann wird ein Hund ruhiger? Das magische dritte Lebensjahr“.

Woran erkennt man eine ungünstige Entwicklung?

Bine: Gibt es Alarmsignale, an denen man erkennt, dass die Entwicklung aus dem Ruder läuft und Unterstützung sinnvoll wäre?

Ingeborg: Bei vielen Hunden verläuft die Welpenzeit zunächst relativ unproblematisch. Mit der Pubertät werden Eigenschaften und Konflikte oft deutlicher. Ich vergleiche diese Phase gern mit einer Straße, die sich gabelt. Unsere Aufgabe besteht darin, dem jungen Hund die Dinge zu vermitteln, die er für sein späteres Leben braucht, ihn anzuleiten und ihm verständliche Grenzen zu setzen.

Aufmerksam sollte man werden, wenn Konflikte im Alltag stetig zunehmen, der Hund immer schlechter zur Ruhe findet oder bestimmte Ressourcen wie Futter und Gegenstände zunehmend verteidigt. Dabei ist wichtig: Ein Knurren ist nicht automatisch etwas Schlimmes. Es gehört zur normalen Kommunikation des Hundes und zeigt, dass er sich in einer Situation unwohl fühlt. Das Warnsignal einfach zu bestrafen, löst nicht die Ursache.

Entscheidend ist der gesamte Zusammenhang. Was bringt den Hund in diese Lage? Welche frühen Signale haben wir vielleicht übersehen? Wie können wir die Situation so gestalten, dass sie nicht weiter eskaliert? Bei ernsthafter Ressourcenverteidigung oder anderen zunehmenden Konflikten sollte man sich frühzeitig fachliche Unterstützung holen, statt die Auseinandersetzung immer wieder zu provozieren.

Auch ein Hund, der draußen kaum noch ansprechbar ist, sich nach Erregung nicht mehr regulieren kann oder mit seinem Menschen immer häufiger in heftige Auseinandersetzungen gerät, zeigt, dass etwas verändert werden sollte.

Viele Hunde erleben im Alter von ungefähr achtzehn Monaten noch einmal eine deutliche Test- oder Reifephase. Das ist nicht automatisch eine Fehlentwicklung und auch nicht böse gemeint. Ich sage immer: Sie müssen ausprobieren, wie das Leben funktioniert.

Bine: Ich habe es befürchtet. Letztlich tragen wir einen großen Teil der Verantwortung für die Entwicklung unseres Hundes. Nur wenn wir für unseren Gos ein verlässlicher Partner sind, kann er uns die Verantwortung auch entspannt überlassen. Wobei ich gern zugebe, dass mir das ebenfalls nicht in jeder Lebenslage gelingt.

Hundeerziehung fängt im Kopf an

Ingeborg: Auch hier kann ich dir nur meinen Lieblingssatz ans Herz legen:

Hundeerziehung fängt im Kopf an – und damit meine ich unsere Köpfe.

Wir Menschen neigen dazu, uns schon im Vorfeld sämtliche Horrorszenarien auszumalen. Hilfreicher ist es, sich vorzustellen, wie man eine schwierige Situation ruhig und souverän bewältigt. Das verändert nicht auf magische Weise den Hund, aber häufig unsere eigene Körpersprache und unsere Reaktion.

Und selbst wenn sich ein Verhalten bereits ungünstig entwickelt hat, ist das keine Sackgasse. Entscheidend ist, die Muster möglichst früh zu erkennen. Hunde und Menschen lernen ständig. Kleine Abläufe wiederholen sich und können sich mit der Zeit festigen – in die gewünschte wie in die unerwünschte Richtung.

Beim Training höre ich oft: „Zu Hause macht er das aber“ oder „Da ist er vollkommen problemlos.“ Wenn zu Hause kaum etwas vom Hund verlangt wird, kann er dort natürlich sehr entspannt wirken. Sobald draußen Reize dazukommen und Orientierung gefragt ist, sieht die Situation möglicherweise anders aus. Deshalb lohnt es sich, nicht nur die großen Probleme anzuschauen, sondern den gesamten Alltag des Mensch-Hund-Teams.

Wichtig ist trotzdem, die Nerven zu bewahren. Verhalten kann verändert werden. Meine Empfehlung bei der Hundeerziehung lautet häufig: lieber ein bisschen und dafür passend dosiert. Der richtige Zeitpunkt zum Aufhören ist oft dann, wenn es gerade richtig gut läuft.

Und bei aller Beschäftigung darf man die Ruhephasen nicht vergessen. Manche Hunde stehen beinahe ständig unter Input und sind einer regelrechten Reizüberflutung ausgesetzt. Ein Hund muss nicht jeden Tag ein neues Erlebnis sammeln, um gut ausgelastet zu sein.

Ist der Gos d’Atura nun schwierig?

Ingeborg: Unsere Gos d’Aturas sind für mich nicht schwierig. Sie fordern uns nur als Menschen. Sie möchten passend beschäftigt werden und brauchen einen verlässlichen Partner an ihrer Seite.

Bine: Nach meinen Erfahrungen mit Gubacca würde ich es sehr ähnlich formulieren. Der Gos ist kein Hund, den man auf sein hübsches Fell und seine verschmuste Seite reduzieren sollte. Er bringt einen wachen Kopf, schnelle Reaktionen, Sensibilität und eine erstaunlich ausdauernde eigene Meinung mit.

Schwierig wird das vor allem dann, wenn ein Mensch einen unkomplizierten Mitläufer erwartet, der Entscheidungen grundsätzlich für eine reine Formsache hält. Wer dagegen bereit ist, genau hinzuschauen, selbst dazuzulernen und auch einmal eine Diskussion auszuhalten, bekommt keinen einfachen Hund von der Stange.

Aber einen ziemlich besonderen.

Bine: Vielen Dank, Ingeborg, für deine ehrlichen Antworten.

Lesetipps

Ob sich der Gos auch als erster Hund eignet, erzählt Simone anhand ihrer eigenen Erfahrungen mit Moya in „Ist ein Gos d’Atura für Anfänger geeignet?“

Mehr über Sensibilität, Eigenständigkeit, Wachsamkeit und die vielen scheinbaren Widersprüche der Rasse findest du auf unserer Seite Charakter & Wesen des Gos d’Atura Català.

Und welche Eigenschaften nicht nur der Hund, sondern auch sein Mensch mitbringen sollte, darum geht es in „Der Mensch, den ein Gos braucht“.

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