„Hunde lieben ehrlich.
Menschen lieben Geschichten.“
Vor kurzem musste ich bei uns zu Hause den Notstand ausrufen. Ich hatte nicht nur „Rücken“, nein, es musste mich auch noch eine richtig dicke Erkältung erwischen. Ich fühlte mich wie der Hauptdarsteller in einer Wick-Werbung – inklusive der vollen Ladung Männergrippe, auch wenn ich eine Frau bin. Mein Spruch zum Ehepartner war allerdings nicht „Ruf Mama an!“, sondern: „Kannst du bitte mit Gubacca rausgehen? Für mich.“
Für ihn war das auch überhaupt kein Problem. Auf meinen Mann ist Verlass in jeder Lebenslage. Wer damit allerdings ein Problem hatte, war ich. Denn ich bin ziemlich überzeugt davon, dass niemand so gut mit Gubacca klarkommt wie ich. Gubacca und ich sind ein eingespieltes Team. Ich sehe an seinem Rücken, ob heute „Wir sind entspannt“ oder „Ich habe gleich eine Meinung“ auf dem Programm steht. Und er sieht an mir, ob ich konsequent bin oder nur so tue.
Bei uns zu Hause sind die Rollen deshalb ziemlich klar verteilt: Gubacca ist mein Hund, und ich gehe fast immer die Gassi-Runden. Eigentlich wäre es dann doch auch naheliegend, dass ich seine Bezugsperson bin. Sein Fixstern. Der Mensch, ohne den der Spaziergang zwar stattfindet, aber eben keinen Spaß macht. Ich dachte wirklich, er würde mich bei jedem Schritt schmerzlich vermissen. Spoiler: Die Betonung liegt auf „ICH dachte“.
Mein Mann kennt meine „Niemand kann es so gut wie ich“-Allüren längst und griff mit einem breiten Grinsen nach der Leine. Ich stellte mich ans Fenster, eingepackt in Decken und in dieses Gefühl, dass man jetzt eigentlich ein bisschen bemitleidet werden dürfte, und hatte wirklich kurz dieses romantische Bild im Kopf: Gubacca merkt, dass Frauchen krank ist. Bleibt in meiner Nähe. Löst sich schwer. Schaut mindestens einmal zurück. So ein stilles „Ich komm gleich wieder, halt durch.“ Und falls du jetzt denkst: „Ach guck, Bine hat wieder romantische Vorstellungen von Hundebeziehung“ … ja. Habe ich. Leider zuverlässig.
Die Tür ging auf. Gubacca ging. Und zwar nicht zögerlich. Nicht „na ja“. Sondern mit einem Drive, als hätte er seit Wochen heimlich auf einen Personalwechsel hingearbeitet. Rute wippte, Schritte federnd, Blick nach vorn. Neben meinem Mann, wie selbstverständlich, als wäre das schon immer so gewesen. Kein Zögern. Kein Zwischenstopp. Kein „Frauchen?“. Nicht mal ein halbes Ohr in meine Richtung. Nichts. Ich stand da am Fenster, hustete in mein Taschentuch und dachte: Aha. So sieht also Treue aus, wenn sie frische Luft riecht.
Am ersten Tag konnte ich das noch sportlich nehmen. Hunde sind Hunde. Am zweiten Tag merkte ich, dass ich jedes Mal automatisch am Fenster landete, wenn die Leine klirrte. Nicht, weil ich kontrollieren wollte. Eher, weil ich offenbar noch irgendwo den Anspruch hatte, dass man als Bezugsperson wenigstens symbolisch verabschiedet wird.
Am dritten Tag war mein inneres Drama dann so groß, dass es fast wieder albern war. Und ich sagte zu Gubacca – natürlich im Scherz, natürlich mit einem Lächeln, natürlich in dem Wissen, dass Hunde keine kompletten Sätze verstehen:
Er guckte mich an, wie Hunde einen angucken, wenn sie denken: Interessant. Da ist wieder dieses Menschending. Abgehakt. Machen wir weiter im Programm.
Doch dann, am nächsten Tag, passierte es. Mein Mann nahm die Leine. Ich stand am Fenster, inzwischen schon routiniert. Tür auf. Raus. Gubacca neben ihm. Wippende Rute. Alles wie immer. Dann, nach ein paar Metern, drehte Gubacca sich um. Nicht hektisch. Nicht verunsichert. Ganz ruhig. Ein Blick. Direkt zu mir. Es war kein dramatischer Blick. Kein „Ich vermisse dich“. Kein „Frauchen, ohne dich ist alles grau“. Eher so, als hätte er kurz etwas abgerufen: Ach ja. Da war was. Rückblick. Genau. Und dann drehte er sich wieder nach vorn und lief weiter. Begeistert. Neben Herrchen. Rute wippte. Programm: Spaziergang.
Ich musste lachen. So ein krankes, etwas piepsiges Lachen, bei dem der Körper sofort mitdiskutiert. Und ich dachte nur: Entweder hat er’s verstanden … oder ich habe endgültig angefangen, Hundeblicke zu übersetzen wie Untertitel. Natürlich weiß ich: Es gibt hundert Erklärungen. Vielleicht hat er einfach gemerkt, dass ich da stehe. Vielleicht war es Zufall. Vielleicht hatte er was gehört. Vielleicht hat mein Mann unbewusst langsamer gemacht.
Aber in meinem Kopf war das kein Zufall. In meinem Kopf hat er mir genau das gegeben, was ich verlangt hatte: einen Blick zurück. Einen einzigen. Sauber platziert. Kurz. Effizient. Und ja: Seitdem bin ich überzeugt, dass Gubacca sehr sensibel ist. Nur nicht für meine romantischen Vorstellungen von Treue. Sondern eher für die Frage, ob ich vom Fenster aus gerade eine Bewertung abgebe.
Und ganz ehrlich: Ich war nicht gerührt. Ich war minimal beleidigt. Weil dieser Blick nicht nach „Oh Gott, Frauchen!“ aussah, sondern nach „Alles gut, ich habe das registriert“. Wie eine kleine Service-Geste, damit das Thema vom Tisch ist.
Zwei Sekunden später war er wieder ganz Hund, ganz Spaziergang, ganz pragmatisch. Und ich stand am Fenster, in Decken eingewickelt, und musste grinsen. Weil ich ihn genau dafür liebe. Für diese unschuldige, völlig unromantische Klarheit: Wenn jemand die Leine nimmt, geht’s los. Und wenn Frauchen am Fenster steht, kann man kurz zurückschauen. Damit sie sich nicht komplett was zusammenfantasiert.
Und ich merke immer wieder: Ich bin fürs Drehbuch zuständig. Er fürs echte Leben.
Unkompliziert war der Plan...
Mein Hund hatte andere Ideen! Geschichten haben eine Eigenart: Wenn sie erzählt werden wollen, lassen sie einen nicht mehr los. Begleite uns vom Welpenwahnsinn zum Seelenhund – so ehrlich und unromantisch, wie unser Alltag eben ist. Kapitel für Kapitel nehme ich dich mit auf unseren Weg.
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