Längere Spaziergänge scheitern momentan nicht nur alleine daran, dass Zwerg-Riese noch keine Gewaltmärsche machen darf, nein, ich muss auch ständig stehen bleiben und Fragen zu Gubacca beantworten. „Der ist aber niedlich!“, bekomme ich oft gesagt. „Wie ein Steiffbärchen sieht er aus, der ist bestimmt super lieb!“
Ich muss gestehen, am Anfang bejahte ich die Frage höflich und dachte insgeheim: „Klar ist er lieb, wenn er nachts schläft ... Gubacca ist viel anstrengender, als ich es von Chiru in Erinnerung habe.“
Ein Leben im Zwei-Stunden-Takt hatte auch bei mir langsam Spuren hinterlassen. Nachts um 24 Uhr die letzte Runde und morgens direkt um 5 Uhr wieder raus. An eine Tiefschlafphase war überhaupt nicht zu denken und morgens fühlte ich mich wie gerädert.
Schneller als mir lieb war, zog Kevin als Zweithund bei uns ein und ein entspannter Fernsehabend rückte mit Kevin-Gubacca in weite Ferne. Hochmotiviert stieg ich in die Hundeerziehung ein und fühlte mich jeden Tag mit neuen Baustellen konfrontiert. Beim ersten Welpenspiel sofort ausgeschlossen und die Lieblingskleidungsstücke in Fetzen ... Okay, das ist jetzt ein wenig übertrieben – aber hört sich schön dramatisch an ;-).
„Vielleicht doch ein wenig überfordert, die liebe Bine mit einem Gos d’Atura?!“
Aber war Gubacca wirklich so anstrengend?
Noch immer bin ich total fasziniert davon, wie schnell und problemlos Zwerg-Riese sich bei uns eingelebt hat. Es gab kein Jammern und Weinen von ihm in der ersten Nacht und er fügte sich vollkommen problemlos in unseren gemeinsamen Alltag ein.
Ja, er hat länger als meine anderen Hunde gebraucht, um stubenrein zu werden. Er ist aber auch der erste Hund, der sich auf Kommando hinhockt und pieselt. Viele Welpen machen nichts in einer fremden Umgebung – kein Problem mit Gubacca.
Okay, im ersten Welpenspiel war Zwerg-Riese sehr aufgedreht und wild beim Spielen. Aber er hat ein tolles Sozialverhalten und lässt sich von erwachsenen Hunden einschränken und akzeptiert Zurechtweisungen sofort.
Und was klappt eigentlich schon alles?
Heute waren Gubacca und ich mit Claudi und ihrer Raja wieder spazieren. Im Anschluss an unsere Runde haben wir noch lange gemütlich in einem Hofcafé gesessen. Eine Sache, die ich mit Gubacca schon sehr früh machen konnte. Wir waren ja schon mehrmals in Biergärten oder Eisdielen mit ihm. Ich finde, für einen jungen Hund ist es eine tolle Leistung, längere Zeit ruhig neben einem Tisch zu liegen.
Claudia erzählte mir bei unserem Treffen von dem kleinen Welpen ihrer Freundin, der vor zwei Wochen eingezogen ist. Vieles erinnerte mich an meine ersten Tage mit Gubacca. Aber mir wurde da auch bewusst, wie viel Glück wir mit Gubacca haben.
Er hat in den sieben Wochen noch nichts kaputt gemacht. Vor dem kleinen Zwerg von Claudias Freundin muss alles in Sicherheit gebracht werden und es darf kein Schuh irgendwo liegen. Unser Haus ist alles andere als welpensicher. Oft schläft Gubacca direkt im Eingangsbereich neben dem Schuhregal und ich habe viele verlockende Teppiche mit langen Fransen. Er bleibt von Anfang an kurze Zeit problemlos alleine und ist auch bei Besuchern nie aufgedreht und wild.
„Du schaffst es nie länger als ein paar Tage, dass Gubacca die Treppen nicht läuft“, höre ich mich meinen Mann noch sagen. Und?! Zwerg-Riese lebt sieben Wochen bei uns und akzeptiert immer noch, dass die Stufen für ihn tabu sind. Er hat keine Angst, Treppen zu laufen, aber er weiß, er darf es nicht.
Für mich hat es einen sehr praktischen Aspekt, weil ich seine Bewegungsfreiheit damit eingrenzen kann. Ich kann in Ruhe wischen oder saugen und Gubacca liegt eine Wohnebene höher und schläft oder beobachtet mich bei meinen Putzaktionen.
„Lass ihn doch auf die Couch, du wirst es eh später nicht verhindern können ...“ Wann ist später? Bis jetzt gab es zwei Versuche und das „Nein“ wurde sofort akzeptiert.
Ihr merkt schon, meine Liste wird immer länger und ich könnte euch noch zahlreiche Vorzüge von Zwerg-Riese auflisten. Will ich aber gar nicht – das reicht erst einmal, um dann auch endlich zum eigentlichen Thema zu kommen: dem Top in der Hundeerziehung.
Wer würde nach meiner Auflistung der positiven Dinge noch, wie vielleicht am Anfang meines Beitrages, behaupten, Gubacca ist ein anstrengender oder sogar schwieriger Welpe?! Und ich möchte noch einmal betonen, ich könnte diese Liste noch um einige Punkte ergänzen!
Wir machen in unserem Alltag und auch bei unseren Hunden viel zu oft den Fehler, nur das wahrzunehmen, was noch nicht so optimal funktioniert. Hält man sich dann jedoch vor Augen, was schon alles gut klappt, sind die anderen Dinge auf einmal gar nicht mehr so problematisch.
Ja, Gubacca hat mich oft gebissen – aber mittlerweile hat er die Beißhemmung gelernt und meine Unterarme haben keine Kratzer mehr. Er springt uns nur noch ganz selten an und sogar das In-die-Leine-Beißen haben wir zu 90 Prozent in den Griff bekommen.
In dem Moment, wo man sich über die Dinge freut, die schon super klappen, ist man auch entspannter in der Hundeerziehung. Ich bin auf jeden Fall sehr, sehr stolz auf Gubacca! Und wenn ich gleich auf der Runde wieder gefragt werde, ob er lieb ist?! Ja, das ist er und das meine ich auch so!
Liebe Grüße eure Bine
Warum die Baustellen so laut sind und das, was klappt, so leise
Wer mit einem Welpen lebt, kann an einem Tag zwanzig Dinge erleben, die völlig problemlos funktionieren und abends trotzdem hauptsächlich an die eine zerkaute Leine denken. Ein Grund dafür kann die Negativitätsverzerrung (Negativity Bias) sein: Negative Informationen bekommen bei unserer Aufmerksamkeit, beim Lernen und bei Bewertungen häufig mehr Gewicht als positive. Das bedeutet nicht, dass wir grundsätzlich pessimistisch sind – aber Probleme haben gute Chancen, sich ziemlich weit nach vorne zu drängeln.
Dazu passt ein zweiter, weniger bekannter Effekt: der Vorteil des Vorhandenen (Feature-Positive Effect). Vereinfacht gesagt fällt es uns leichter, etwas als Information wahrzunehmen, das da ist und passiert, als etwas, das gerade nicht passiert.
Ein Beispiel: Ein Hund springt an einem Besucher hoch. Das sehen wir sofort, reagieren darauf und erinnern uns später daran. Begrüßt derselbe Hund zehn Besucher ruhig, gibt es dagegen kaum ein Ereignis. Niemand denkt hinterher begeistert: „Heute ist schon wieder nichts passiert!“
Und genau hier wird es für den Welpenalltag interessant. Wenn Gubacca in die Leine beißt, passiert etwas. Wenn er mich anspringt, passiert etwas. Wenn eine Leggings ihr Leben lässt, passiert sogar etwas ausgesprochen Sichtbares. ;-)
Aber was passiert, wenn Gubacca eine Stunde ruhig im Hofcafé liegt? Eigentlich: nichts.
Der Schuh bleibt stehen. Der Teppich behält seine Fransen. Der Besucher wird nicht angesprungen. Gubacca wartet an der Treppe und geht nicht hinunter. Es gibt keinen Zwischenfall, den man später erzählen müsste. Gerade diese vielen unspektakulären Nicht-Ereignisse können deshalb bei der täglichen Bilanz leicht untergehen.
Der Vorteil des Vorhandenen wurde natürlich nicht an Bine, Gubacca und einem Schuhregal untersucht. ;-) Die Übertragung auf unseren Hundealltag ist deshalb eine Analogie. Spannend ist aber: In Experimenten ließ sich der Effekt bereits abschwächen, wenn Menschen ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht wurden, dass auch das Fehlen eines Merkmals wichtige Information sein kann.
Und ziemlich genau das habe ich damals mit meiner Liste gemacht, ohne irgendeinen dieser Begriffe zu kennen. Ich habe angefangen, auch das mitzuzählen, was nicht passierte: nichts zerstört, kein Theater bei Besuch, kein Problem im Café, keine Diskussion an der Treppe.
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