Bindungsaufbau mit Nebenwirkungen – Gubacca entdeckt das Belohnungssystem
Morgen wird Zwerg-Riese schon 16 Wochen alt und langsam geht die Welpenzeit zu Ende. So ganz sicher sind sich die Fachleute zwar nicht, ob man ab der 16. oder 18. Woche von einem Junghund spricht, aber egal. Wir nutzen trotzdem den Zeitpunkt in den kommenden Tagen, um einmal Bilanz zu ziehen. Was hat super funktioniert und was würde ich wieder so machen?! Was hat Gubacca schon alles gelernt und wo sind noch unsere kleinen Baustellen?
In den letzten Wochen habe ich unzählige Berichte mit Tipps und Ratschlägen zur Welpenerziehung und -prägung im Internet gelesen. Was ist Top oder Flop?! Gerade bei diesem Thema ist mir wieder sehr bewusst geworden, dass zwar viele Wege nach Rom führen, aber nicht alle Methoden bei jedem Welpen wirken.
Flop: Bindungsaufbau mit Nebenwirkungen
Heute beginnen wir mal mit einem Flop, bei dem der Schuss so richtig nach hinten losging, wie man sprichwörtlich sagt. Ich suchte im Internet nach Tipps, um die Bindung von Gubacca zu mir zu stärken. Auf einer Hundeschuleseite fand ich folgenden Rat:
Wie baut mein Welpe eine Bindung zu seinem Menschen auf – über das Futter! Was liegt in diesem Fall näher, als dem Welpen sein Futter mit der Hand zu geben?! Nichts! Der Tipp der Hundetrainerin leuchtete mir daher auch ein, dass Gubacca in der ersten Zeit sein komplettes Fressen von mir per Hand bekommen sollte.
Künftig wollte ich – so der Plan – jede Kontaktaufnahme von Gubacca mit etwas Futter belohnen. Ein Glück, dass Zwerg-Riese nicht wie Lennox gebarft wird, war mein erster Gedanke! Gubacca bekam von Anfang an Trockenfutter und ein Drittel davon hatte ich künftig ständig in einer kleinen Bauchtasche bei mir.
Morgens und abends bekam Zwerg-Riese wie gewohnt seine Mahlzeit in der Box „serviert“ und die Mittagsration diente zum Bindungsaufbau. Die komplette Menge per Hand zu füttern, fand ich nicht sinnvoll. Ich befürchtete, dass sich bei Gubacca dann überhaupt kein Sättigungsgefühl einstellen würde.
So weit der Plan ... Gubacca fand den neuen Deal klasse und gewöhnte sich schnell daran, für jede Kontaktaufnahme belohnt zu werden. Nach zwei Tagen hatte ich dann zwar einen sehr „anhänglichen“ Welpen, aber auch einen ständig an mir rumspringenden Gubacca, weil er zwei Nuggets als viel zu wenig empfand.
Ein normales Neben-mir-Herlaufen war auf einmal nicht mehr möglich, sondern er sprang mich bei jeder Gelegenheit an, um an sein Futter zu gelangen. Mit dem „Bindungsaufbau“ hatte ich mir auf einmal ein ganz neues Problemfeld geschaffen – einen sehr springfreudigen Hund, der probierte, seine Belohnung einzufordern.
Für viele Hunde bestimmt eine tolle Maßnahme zum Bindungsaufbau – bei Gubacca ein Flop! Ich habe das Ganze dann sehr schnell wieder sein lassen und Gubacca bekommt für die „Kontaktaufnahme“ kein Futter mehr. Wenn er zu mir kommt, freue ich mich und zeige ihm das auch mit meiner Gesichtsmimik. Ich streichle ihn dann und spreche ihn meistens mit einem „Hi Gubacca“ an. Ihm reicht das vollkommen aus und er bleibt ruhig.
Top: Ruhe lohnt sich
Zum Abschluss gibt es dann auch noch einen ganz einfachen Top-Tipp, der mir bei Zwerg-Riese viel gebracht hat. Gubacca ist ein sehr lebendiger Hund, der aber auch dazu neigt, ungeduldig zu werden. Mit der Übung hat er schnell gelernt, dass ruhiges Verhalten und Blickkontakt belohnt werden.
Der Übungsaufbau ist ganz einfach. Ich setze mich vor Gubacca und habe in der geschlossenen Faust etwas Futter oder ein Stück Fleischwurst. Die Hand öffne ich erst dann, wenn Gubacca still vor mir sitzt und mich anschaut. Sobald er sich das Futter aus der Hand nehmen darf, schnalze ich mit der Zunge. Ich hoffe, dass er später das Schnalzen mit Belohnung verbindet und ich dann in schwierigen Situationen seine Aufmerksamkeit bekomme.
Je öfter wir die Übung machten, umso länger musste er mich anschauen, damit sich die Faust dann öffnete. Gubacca hat die Übung wahnsinnig schnell verinnerlicht und wir konnten dann mit Tipps von Svea das Ganze ausbauen – Fortsetzung folgt!
Wenn der Hund seinen Menschen gleich mittrainiert
Beim Hundetraining schauen wir meistens nur auf eine Seite: Der Hund zeigt ein Verhalten, der Mensch reagiert darauf – und der Hund lernt aus der Konsequenz. Dabei kann dieselbe Situation gleichzeitig auch das Verhalten des Menschen verändern.
Ein schönes Beispiel liefert Gubacca mir inzwischen selbst. Beim Überqueren einer bestimmten Straße erwartet er ein Leckerchen. Bleibt es aus, kann er seiner Erwartung durchaus lautstark Nachdruck verleihen. Und weil ich morgens um sechs Uhr ausgesprochen wenig Interesse daran habe, dass er die Nachbarschaft über diesen Missstand informiert, denke ich inzwischen sehr zuverlässig selbst an das Leckerchen.
Damit laufen zwei Lernprozesse nebeneinander. Für Gubacca lohnt sich das Verhalten, auf das die gewünschte Belohnung folgt. Gleichzeitig lohnt sich aber auch mein Verhalten: Gebe ich das Leckerchen rechtzeitig, bleibt das empörte Gebell aus.
Genau hier wird es interessant. Wenn ich künftig gerade deshalb immer zuverlässiger zum Leckerchen greife, weil dadurch etwas für mich Unangenehmes verhindert wird, lässt sich auch mein Verhalten durch Lernen erklären. In der Lerntheorie spricht man dabei von negativer Verstärkung: Ein Verhalten wird wahrscheinlicher, weil dadurch etwas Unangenehmes beendet oder vermieden wird.
„Negativ“ bedeutet dabei übrigens nicht schlecht, falsch oder streng. Gemeint ist lediglich, dass etwas aus der Situation verschwindet oder gar nicht erst auftritt. In meinem Fall: das morgendliche Protestgebell. In Gubaccas Fall dagegen kommt etwas Angenehmes hinzu – sein Leckerchen.
Und plötzlich wird aus einer einfachen Trainingssituation eine kleine Lernkette, in der Hund und Mensch sich gegenseitig beeinflussen. Deshalb kann es sich durchaus lohnen, beim Training nicht nur zu fragen: „Was lernt mein Hund gerade?“ Sondern auch einmal: „Welches Verhalten hat mein Hund eigentlich mir beigebracht?“
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