Wie ist Gubacca eigentlich? – Ein Hund voller Widersprüche
Wie kann ich Gubacca als Hund beschreiben? Was macht ihn aus, was ist typisch für ihn? Obwohl Gubacca inzwischen seit mehr als einem Jahr bei uns lebt, fällt mir diese Frage erstaunlich schwer. Das liegt sicher auch an seinem Alter. Mit knapp anderthalb Jahren formt sich sein Charakter erst langsam zu dem, was später einmal der erwachsene Gubacca sein wird. Vieles war vor einigen Monaten einfach Welpen- oder Junghundverhalten. Anderes hat sich inzwischen deutlich verfestigt. Und manche seiner Eigenschaften scheinen sich sogar zu widersprechen – genau das macht es so schwer, ihn mit ein paar Sätzen zu beschreiben.
Aber fangen wir einfach mal an: Gubacca ist ein liebenswerter Schatz. Damit wäre im Grunde alles gesagt, oder? Gut, vermutlich empfindet fast jeder Mensch seinen eigenen Hund so. Also versuche ich es doch noch einmal etwas genauer.
Und wie viel davon steckt in Gubacca?
Wenn man über den Charakter des Gos d’Atura Català liest oder mit Züchtern spricht, tauchen bestimmte Beschreibungen immer wieder auf. Eine davon stammt von Agusti Tonjetti:
In diesem einen Satz finde ich manches von Gubacca wieder – und manches überhaupt nicht. Zwerg-Riese ist auf jeden Fall bewegungsfreudig und gerne bei Wind und Wetter unterwegs. Wasser liebt er inzwischen über alles, warme Temperaturen dagegen eher weniger. Wenn er wählen dürfte, würde er den Winter vermutlich jederzeit dem Sommer vorziehen.
Draußen braucht er kein großes Unterhaltungsprogramm. Zum Spielen lässt er sich unterwegs oft nur schwer motivieren. Viel spannender findet er es, zu schnüffeln, Vögel über dem Acker zu beobachten oder einer interessanten Spur durch den Wald zu folgen. Auch Jagdinteresse ist bei ihm deutlich vorhanden. Und wenn Gubacca sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt oder irgendwo Wasser entdeckt hat, wird aus dem viel zitierten „will to please“ erstaunlich schnell ein „Ich bin dann mal weg“.
Gubacca bemerkt Veränderungen sofort
Ein weiterer auffälliger Zug ist seine Aufmerksamkeit für alles, was nicht in das gewohnte Muster passt. Steht plötzlich ein Fahrrad am Straßenrand, wo sonst keines steht, oder taucht auf dem Acker ein Wassersprenger auf, wird das zuverlässig gemeldet. Autos, Traktoren, Kinder auf Rollern oder lärmende Teenager gehören inzwischen dagegen so selbstverständlich zu seinem Alltag, dass sie ihn kaum noch interessieren. Auf Schüsse reagiert er allerdings weiterhin sehr stark und beinahe panisch.
Fremden Menschen gegenüber ist er grundsätzlich offen, wobei er eher reagiert als selbst aktiv Kontakt einfordert. Gestreichelt zu werden findet er durchaus großartig – besonders von Frauen. Wirklich von sich aus Nähe sucht er aber vor allem bei Menschen, die er kennt und mag. Hat jemand einmal einen festen Platz in seinem Herzen, kann aus dem sonst ziemlich eigenständigen Herrn allerdings auch ein ausgesprochen anhänglicher Schoßhund werden. Mit 24 Kilo und langen Beinen ist das dann vor allem eine Frage der Sitzordnung.
Er beginnt selten – aber er kann schlecht darüberstehen
Auch anderen unkastrierten Rüden gegenüber erlebe ich ihn häufig eher reagierend als agierend. Lässt der andere Hund ihn in Ruhe, kann Gubacca ebenfalls kommentarlos vorbeigehen. Wird er allerdings angeknurrt oder angebellt, schafft er es leider noch nicht zuverlässig, einfach darüberzustehen. Bei Hündinnen sieht die Sache völlig anders aus. Dort bin ich immer wieder baff, wie schnell und selbstverständlich er Grenzen akzeptiert. Ein wenig von dieser Wirkung hätte ich manchmal ebenfalls gern.
Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um bei ihm den richtigen Zugang zu finden, und auch heute gelingt mir das längst nicht immer. Was inzwischen ziemlich eindeutig ist: Auf Druck reagiert Gubacca mit Gegendruck. Eine strenge Ansage beeindruckt ihn nicht besonders, und wenn er etwas unbedingt möchte, kann er ausgesprochen beharrlich werden. Gleichzeitig fährt er bei manchen Reizen sehr schnell hoch. Dieses „von 0 auf 100“ wird beim Gos häufig beschrieben – bei Gubacca kann ich es jedenfalls deutlich beobachten. Schwieriger wird es, wenn er aus dieser Erregung nicht von selbst wieder herausfindet und beginnt, mit Übersprungshandlungen zu reagieren. Unterwegs gelingt es mir noch nicht immer, ihn rechtzeitig wieder herunterzufahren. Zu Hause funktioniert das inzwischen sehr viel besser.
Drinnen lebt ein ganz anderer Gubacca
Im Haus ist Gubacca einfach ein „easy going Hund“. Er reagiert kaum auf die Türklingel, kann sich selbst mitten im größten Chaos zusammenrollen und schlafen und hat sich perfekt meinem Arbeitsrhythmus angepasst. Zwischendurch kommt er gern vorbei und holt sich eine Streicheleinheit ab. Verschmust ist er durchaus – trotzdem ist er kein Hund, der stundenlang eng neben uns auf dem Sofa liegen möchte.
Er hat seine Lieblingsplätze im Haus und folgt mir nicht auf Schritt und Tritt. Anfangs war das für mich ungewohnt, weil ich von Chiru kannte, dass er sehr stark meine Nähe suchte. Gubacca ist anders. Er hängt nicht nur an mir, sondern liebt meinen Mann genauso. Bei der Begrüßung achtet er sogar sehr gewissenhaft darauf, niemanden zu bevorzugen. Naja … sage ich nur. ;-)
Auch mit anderen Hunden hat er kein Problem damit, Nähe auszuhalten. Und er ist der erste meiner Hunde, der seine Spielsachen nicht nur benutzt, sondern geradezu hegt. Fast alles sieht noch erstaunlich gut aus, obwohl er gern damit spielt. Wenn er nicht gerade seinen großen Knut durch das Haus trägt, sucht er seinen Futterbeutel oder ist sofort zu haben, wenn irgendwo Kunststückchen geübt werden.
Die spannende Phase beginnt danach
Gubacca lernt wahnsinnig schnell und setzt neue Dinge oft sofort um. In solchen Momenten zeigt er durchaus seine Portion „will to please“. Gleichzeitig hat er ein ganz eigenes Lernverhalten, über das ich inzwischen sogar schmunzeln kann.
Vom Tibet Terrier war ich gewohnt, dass man zunächst gute Überzeugungsarbeit leisten musste. Der Weg konnte durchaus steinig sein, aber wenn die Argumente irgendwann überzeugt hatten, funktionierte etwas meistens dauerhaft. Gubacca ist genau andersherum. Etwas Neues findet er spannend, macht sofort begeistert mit und versteht erstaunlich schnell, worum es geht. Sobald er allerdings der Meinung ist, er habe die Sache ausreichend bewiesen, beginnt Phase zwei: Es muss doch irgendeine Alternative geben. Oder: Das gilt doch bestimmt nicht immer.
Bleibe ich dann genauso beharrlich wie er und bestehe darauf, dass eine Regel weiterhin gilt, beginnt die eigentliche Diskussion. Genau das macht seine Erziehung – oder besser gesagt seine Anleitung – manchmal anstrengend. Es erklärt aber auch, warum andere Menschen Gubacca völlig unterschiedlich erleben. Manche kennen nur die erste Stufe und sagen anschließend: „Der ist doch total einfach.“ Und dann sind sie überrascht, wenn Herr Gubacca irgendwann feststellt, dass er inzwischen lange genug kooperiert hat und jetzt gern über die Vertragsbedingungen sprechen würde.
Dazu kommt, dass er ein sehr autarker Rüde ist und Dinge erstaunlich lange aussitzen kann. Ich empfinde ihn deshalb nicht als ganz einfachen Gosrüden. Gleichzeitig lässt er sich mit Einfühlungsvermögen, Ruhe und einer gehörigen Portion Gelassenheit sehr gut begleiten.
Impulsiv – und trotzdem ein erstaunlich guter Reisebegleiter
So impulsiv Gubacca manchmal auf Außenreize reagiert und so schnell er auch einmal überdrehen kann, so souverän erlebt man ihn bei Ortswechseln. Er fährt gern Auto, passt sich im Urlaub problemlos einer fremden Umgebung an und kann dort ebenso gut allein bleiben wie zu Hause. Auch zu meiner Familie, zu Freunden oder Bekannten kann ich ihn ohne große Gedanken mitnehmen.
Noch beeindruckender finde ich allerdings eine andere Seite an ihm. In wirklich schwierigen Situationen kann man sich auf Gubacca verlassen. Er hat ein feines Gespür dafür, wenn es Menschen, die er mag, nicht gut geht. Beim Edersee-Wochenende habe ich das gerade erst wieder erlebt. Als ich krank wurde, nahm er sich sofort zurück und blieb bei mir. Der Hund, der an anderen Tagen seine Umwelt mit voller Lautstärke und Begeisterung erleben kann, wird dann plötzlich zum einfachsten und anspruchslosesten Hund der Welt.
Gerade bei einem so jungen Hund ist das für mich eine wunderbare Eigenschaft – und eine, die ich sehr an ihm liebe.
Also: Wie ist Gubacca?
Er ist ein Hund mit vielen Facetten und einigen Widersprüchen. Eigenständig und trotzdem eng verbunden. Draußen impulsiv, drinnen gelassen. Schnell im Lernen und genauso schnell darin, eine Regel noch einmal auf ihre tatsächliche Verbindlichkeit zu überprüfen. Er kann mich wahnsinnig machen, bringt mich zum Lachen und immer wieder zum Nachdenken.
Vielleicht ist genau das die beste Beschreibung, die ich im Moment geben kann: Gubacca passt nicht in einen einzigen Satz. Und wahrscheinlich würde ihm das selbst auch ziemlich gut gefallen.
Papier ist geduldig. Deshalb wollte ich wissen, ob andere Gubacca eigentlich genauso sehen wie ich. Den Anfang macht ausgerechnet die Frau, die ihn schon kannte, bevor ich ihn überhaupt kannte: seine Züchterin Svea.
Ist er wirklich so schlimm? – Gubacca durch die Augen seiner Züchterin →
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