Es gibt Probleme mit Hund, die werden nicht dadurch größer, dass der Hund etwas besonders Schlimmes tut. Sie werden größer, weil andere Menschen dabei sind. Das ist ein erheblicher Unterschied. Ein Hund kann zu Hause schließlich Dinge tun, bei denen man relativ entspannt denkt: Ja, ja. Ist gut jetzt. Macht derselbe Hund exakt dasselbe in Anwesenheit fremder Menschen, ertönt im eigenen Kopf plötzlich eine vollkommen andere Stimme: Mach was! Die gucken schon! Zeig wenigstens, dass du das nicht einfach durchgehen lässt!
Und wenn man ganz großes Glück hat, beginnt dieses Kopfkino sogar schon, bevor der eigene Hund überhaupt etwas getan hat. Ich kann das. So wie damals, als Gubacca knapp ein Jahr alt war und ich uns zu einem Mantrailing-Schnupperkurs angegemeldet hatte.
Schuld war eigentlich Susi
Bevor Gubacca und ich unseren Schnupperkurs besuchten, war meine Freundin Susi mit Lennox schon dort gewesen. Und Susi berichtete mir hinterher von einem Hund, der während des Kurses sehr ausdauernd gebellt hatte. Nicht zweimal. Nicht gelegentlich. Sondern offenbar so, dass irgendwann Teilnehmer und auch die Kursleiterin davon ziemlich genervt waren.
Eine interessante Information. Für einen normalen Menschen. Für mich war es der Startschuss.
Denn Gubacca befand sich damals in einer Lebensphase, in der er Wartezeiten gelegentlich als völlig überbewertete Erfindung des Menschen betrachtete. Und wenn Herr Gubacca etwas für überflüssig hielt, bestand durchaus die Möglichkeit, dass er seine Einschätzung mitteilte.
Kaum hatte Susi ausgesprochen, lief in meinem Kopf bereits der Film. Gubacca bellt. Alle drehen sich um. Die ersten Augenbrauen gehen hoch. Die Kursleiterin denkt: Nicht schon wieder so einer. Und irgendwo im Hintergrund sagt jemand: „Also meiner macht das ja nicht.“ Wahrscheinlich hätte niemand irgendetwas davon getan. Aber warum auf die Realität warten, wenn man sich schon vorher ausgezeichnet verrückt machen kann?
Bine Deluxe.
Die Mauer der Schande
Natürlich tat ich das, was jeder vollkommen entspannte Mensch in dieser Situation tun würde: Ich kontaktierte vorsorglich die Kursleiterin und erklärte ihr, dass Gubacca Wartezeiten manchmal kommentiert und dass ich auf gar keinen Fall wollte, dass wir dort den nächsten Dauerkläffer stellten.
Die Trainerin reagierte ausgesprochen nett und pragmatisch. Wir würden einen Sichtschutz bekommen. Dann hätte Gubacca weniger zu beobachten und könnte hoffentlich leichter zur Ruhe kommen. Problem gelöst. Eigentlich.
Denn aus einem vollkommen normalen Sichtschutz machte mein Kopf schon vor Kursbeginn: die Mauer der Schande. Andere Teilnehmer hatten Hunde. Ich hatte einen Hund mit eigener baulicher Maßnahme.
Es lief hervorragend.
Und dann bellte er
Der Kurs begann zunächst mit einem gemeinsamen Theorieblock. Die Hunde lagen mit uns im Seminarraum, es wurde erklärt, besprochen, zugehört. Alles gut. Dann begann der praktische Teil. Und irgendwann wurde Gubacca unruhig. Er bellte.
Keine zwanzig Minuten Dauerkonzert. Kein Abbruch der Veranstaltung. Keine Beschwerde eines Teilnehmers. Mein Körper reagierte trotzdem ungefähr so, als hätte Gubacca gerade das komplette Seminar gesprengt. Ich sah vermutlich innerhalb von Sekunden aus wie eine überreife Tomate, griff meinen Hund und brachte ihn ins Auto. Dort legte er sich hin. Ruhe. Problem gelöst.
Nur eine Person saß gedanklich noch hinter der Mauer der Schande: ich. Denn natürlich waren die anderen Hundehalter mit ihren Hunden dort. Und meiner? Im Auto. Loser des Tages. Herzlichen Glückwunsch.
Und dann brauchte die Trainerin einen Hund
Der Kurs ging weiter. Die Trainerin wollte den Ablauf erklären und suchte jemanden für ein kleines Rollenspiel. Jemand musste den Hund darstellen. Schweigen. Niemand wollte. Ich schon.
Keine Ahnung, warum, aber damit hatte ich überhaupt kein Problem. Also ging ich vor einer Gruppe fremder Menschen auf alle viere und spielte Hund. Die anderen lachten. Ich auch.
Rückblickend ist das schon bemerkenswert. Vor denselben Menschen, vor denen mir zwei Belllaute meines Hundes hochpeinlich waren, kroch ich wenige Minuten später freiwillig auf allen vieren herum. Der Unterschied? Beim Rollenspiel hatte ich entschieden, welches Bild ich abgebe. Bei Gubacca hatte plötzlich er das Drehbuch übernommen.
„ICH KÜMMERE MICH!“
Seitdem fällt mir etwas auf, das vermutlich ziemlich viele Hundehalter kennen. Der eigene Hund tut in der Öffentlichkeit etwas, das er bitte möglichst nicht tun sollte und sofort werden wir ein bisschen lauter: „NEIN!“ „JETZT IST GUT!“ „LASS DAS!“ „RUNTER!“
Nicht immer, weil unsere pädagogische Expertise in genau diesem Moment zu dem Ergebnis gekommen ist, dass Lautstärke nun das Mittel der Wahl wäre. Manchmal steckt dahinter eine ganz andere Botschaft. Und die richtet sich gar nicht an den Hund: Ich habe es gesehen. Ich finde das auch nicht gut. Ich tue etwas! Bitte liebe umstehende Öffentlichkeit, nehmen Sie zur Kenntnis: Diese Hundehalterin duldet derartige Zustände keineswegs.
Ich habe mich dabei selbst oft genug erwischt. Eigentlich wüsste ich ziemlich genau, was ich tun möchte. Ruhig bleiben, den Hund aus der Situation nehmen, Abstand schaffen – was eben gerade passt.
Dann steht da jemand. Und plötzlich soll meine Reaktion nicht nur funktionieren. Sie soll auch noch so aussehen, als hätte ich alles im Griff. Das ist erstaunlicherweise selten hilfreich.
Die Jury tagt
Das besonders Absurde daran: Meistens weiß ich überhaupt nicht, ob die anderen sich auch nur ansatzweise so intensiv mit meinem Hund beschäftigen wie ich. In meinem Kopf tun sie es natürlich. Dort sitzt eine komplette Jury. Punktetafeln inklusive.
Hund bellt: 3,5. Halterin läuft rot an: 2,8. Hund wird hektisch ins Auto verfrachtet: technisch unsauber. Und wenige Minuten später kriecht dieselbe Teilnehmerin freiwillig auf allen vieren über den Boden. Künstlerische Note: 9,7. Man muss Prioritäten setzen.
Heute würde ich Gubacca übrigens wahrscheinlich wieder ins Auto bringen. Nicht besonders spektakulär, aber dort konnte er entspannen.
Nur die Sache mit der Mauer würde ich anders sehen. Die war nämlich nie Gubaccas Mauer der Schande. Es war meine.
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