Es gibt ja einige Rassen, da muss ich gestehen, sehen für mich alle Hunde gleich aus. Die hellen Labradore zum Beispiel kann ich bei uns im Ort oft nur anhand ihrer Frauchen beziehungsweise Herrchen unterscheiden. Beim Gos hat man es da erheblich leichter und ich bin immer wieder fasziniert davon, wie vielfältig die Rasse in ihrem Aussehen ist.
Trotzdem gibt es immer wieder auch „Gossis“, bei denen ich auf Fotos denke: „Das ist doch Gubacca!“ So ging es mir auch bei dem Foto von Christine mit ihrer Hündin Alegra. Das helle Fell und die dunkle Maske, der Gesichtsausdruck – das könnte auch Zwerg-Riese sein!
Umso erstaunter war ich dann, als ich hörte beziehungsweise las, dass Alegra überhaupt kein Gos d’Atura Català, sondern ein Cão da Serra de Aires ist. Ob der Cão da Serra de Aires dem Gos auch im Wesen so ähnlich ist? Ich habe nachgefragt!
Christine & Alegra
Die Herkunft der Rasse ist nicht ganz geklärt. Man vermutet eine Verwandtschaft zum Briard; vom Wesen her wird der Cão da Serra de Aires auch mit anderen Hütehunden verglichen. Er wird als lebensfroh, agil, verspielt, treu, intelligent und wachsam beschrieben und arbeitet in Portugal bis heute eng und sehr selbstständig mit Schäfern zusammen.
Sein Fell ist mittellang bis lang, glatt bis leicht gewellt und erinnert eher an Ziegenhaar. Im Gegensatz zum Gos besitzt der Serra nur wenig beziehungsweise kaum Unterwolle.
„Man könnte sagen, die Rasse hat mich gefunden“
Man könnte sagen, die Rasse hat mich gefunden. Zuvor hatte ich knapp 18 Jahre eine Mischlingshündin, Sheila. Ich hatte Sheila im Oktober 1996 als zwölf Wochen alten Mischling von privat gekauft. Laut Besitzer war sie eine Mischung aus Boxer und französischem Pyrenäenhund.
Nachdem wir sie im August 2014 erlösen lassen mussten, wollte ich keinen Hund mehr. Aber nach etwa drei Monaten suchte ich im Netz nach Rassen, die meiner Hündin am ähnlichsten sahen. Wenn ich wieder einen Hund wollte, dann sollte er auf jeden Fall wieder viel Fell haben.
Bei meiner Suche stieß ich zunächst auf den Gos d’Atura. Also schaute ich auf verschiedene Züchterseiten und informierte mich über die Rasse im Internet. Im Frühjahr 2015 hatte ich dann auch eine Züchterin gefunden, die noch Welpen frei hatte, und wir vereinbarten einen Termin zur Besichtigung.
Doch dann kam alles ganz anders. Zwei Tage vor dem Besichtigungstermin brach ich mir den Fuß. Also wurde aus diesem Termin zunächst einmal nichts. Da ich im Anschluss sechs Wochen auf einen Gipsschuh angewiesen war, war es leider zu früh für einen Welpen.
Nun hatte ich wieder Zeit, surfte im Netz und suchte nach späteren Würfen des Gos d’Atura. Dabei stieß ich auf eine Züchterin, die Cão da Serra de Aires züchtet. Die Homepage sprach mich an, nur unter der Rasse konnte ich mir nichts vorstellen.
Auf der Züchterseite wurde auch der Charakter dieser Rasse beschrieben und ich nahm Kontakt zu der Züchterin auf und informierte mich ausführlicher. Mein Interesse war geweckt und ich bat sie, mich als Interessentin zu notieren.
Zwei Tage später erblickten die kleinen Serras das Licht der Welt. Gleich auf dem ersten Foto wusste ich, welche Hündin zu mir kommen sollte. Und so ist es dann auch gekommen.
Und irgendwann wurde die Hundeschule zu viel
Nach 8,5 Wochen durften wir die kleine Maus zu uns nach Hause holen. Es war so eine Freude, weil sie so witzig war und uns auf Schritt und Tritt verfolgte. Alles, was sich bewegte, wurde sofort begutachtet und damit gespielt. Da es zu diesem Zeitpunkt sehr heiß war, gingen wir mit ihr die ersten zwei Wochen nur in den Garten, damit sie sich die Füßchen auf der heißen Teerstraße nicht verbrannte.
Mit zehn Wochen gingen wir das erste Mal in die Hundeschule, wo sie sich noch etwas schüchtern verhielt. Aber beim zweiten und dritten Mal taute sie immer mehr auf und ich hatte auf einmal einen Gummiball zu Hause und auf dem Platz. Sie lernte sehr schnell und führte ihre Aufgaben zielstrebig aus. Doch das Beste für sie war das Spiel auf dem Platz.
Nach etwa vier Wochen war sie jedes Mal schon so aufgepuscht, wenn wir nur in die Nähe der Hundeschule kamen, dass ich das Training zunächst abgebrochen habe. Mit sechs Monaten ging ich dann wieder zum Junghundetraining, das in einer Halle stattfand.
Da merkte ich schnell, dass sie sich keine Stunde konzentrieren konnte und nach etwa 30 Minuten den Clown spielte. Alle um uns herum lachten und amüsierten sich. Sie kommunizierte auf einmal mit mir, legte sich ins Platz, rollte sich auf den Rücken und wollte nur spielen. Dann biss sie wieder in die Leine, hüpfte hoch wie ein Flummi und somit war für sie das Training beendet.
Leider muss ich aus heutiger Sicht sagen, dass die Trainer – es waren immer zwei anwesend – nicht erkannt hatten, dass Alegra überfordert war. Da kamen Anweisungen, ich solle dem Hund zeigen, wer der Herr ist. Ich sollte das Leinebeißen unterbinden und dem Hund eine richtige Ansage machen.
Je mehr ich bei Alegra mit Druck arbeitete, desto mehr bekam ich Gegendruck von ihr und es ging gar nichts mehr. Daraufhin verließ ich die Hundeschule und machte erst einmal gar nichts mehr.
Mit Druck wurde alles nur schwieriger
Nach einer Weile suchte ich mir eine Trainerin für eine Einzelstunde, da Alegra ständig in der Leine hing und uns hinter sich herzog. Alle Trainingsmethoden zur Leinenführigkeit, die ich bis dahin gelernt hatte, führten leider nicht ans Ziel.
Ich wandte mich an eine Trainerin, die nach dem Leitwolftraining vorging. Nach zwei Stunden Einzeltraining war Alegra so verändert und eingeschüchtert, dass ich sie nicht wiedererkannte. Laut dieser Trainerin hatte unser Hund überhaupt keinen Respekt vor uns und wir sollten sie zu Hause an einem Platz anbinden und so lange dort lassen, bis sie von selbst liegen blieb.
Das konnte ich nicht über mich bringen und sagte die weiteren Stunden ab.
Ein halbes Jahr später lernte ich meine heutige Trainerin beim Mantrailing kennen und mit ihr wurde alles besser. Sie öffnete uns die Augen dafür, dass Alegra noch viel mehr Ruhe brauchte, als sie bisher hatte.
Wir mussten darauf achten, dass sie mehr Ruhephasen bekam. Ab sofort waren weniger beziehungsweise kleinere Gassirunden angesagt, da die Umwelt ihr schon genug Stress machte. Hin und wieder mussten wir dafür sorgen, dass sie nicht ständig hinter uns herlief, sondern wirklich liegen blieb und zur Ruhe kam.
Es gibt viele Dinge, die an manchen Tagen problemlos funktionieren und an anderen Tagen wieder hinterfragt werden.
Eigenständig, neugierig und ein ziemlicher Dickkopf
Inzwischen ist Alegra drei Jahre alt und wird so langsam erwachsen. Was bei der Rasse normal ist. Die Leinenführigkeit wird von Woche zu Woche besser und ohne Leine gibt es gar keine Probleme.
Sie ist in ihrem Handeln sehr selbstständig, sehr neugierig und ein absoluter Dickkopf. Wenn sie sich in den Kopf gesetzt hat, dass dort hinten etwas Interessantes ist und sie zuschauen möchte, dann bleibt sie stehen oder setzt sich hin und rührt sich nicht mehr vom Fleck, bis sie die Situation komplett aufgesaugt hat.
Mit meiner Stimme kann ich sie sehr gut führen. Bin ich aufgeregt, puscht sie sich sofort hoch. Rede ich leise und langsam, funktioniert alles bestens. Bin ich aggressiv oder ärgert mich etwas an ihr, schaltet sie sofort auf stur, macht sich teilweise sogar steif und ich erreiche bei ihr gar nichts mehr.
Mehr Gemeinsamkeiten als nur die Optik
Die Population des Cão da Serra de Aires ist in Deutschland sehr gering. Für mich ist es deshalb nicht leicht, geeignete Zuchttiere zu finden, die gesundheitlich gute Voraussetzungen mitbringen.
Aber ich möchte unsere Alegra nicht mehr missen. Sie hat einen leicht federnden Gang und ist eine absolut verschmuste Hündin. Sie kommuniziert richtig mit uns und gibt dabei die unterschiedlichsten Laute von sich. Oft steht sie vor uns und hält dabei den Kopf schief.
Alegra ist ein absoluter Clown, verspielt und kinderfreundlich. Selbst Fremden gegenüber hält sich ihr Misstrauen in Grenzen. Wenn sie freundlich angesprochen wird, ist das Eis meist schnell gebrochen und sie holt sich ihre Streicheleinheiten ab.
Außerdem ist Alegra ein echter Biber-Chaot. Wasser ist ihr Element.
Sie hält uns aber genauso den Spiegel vor, wie ich es bei Gubacca gelesen habe. Da sind sie sich sehr ähnlich. Optisch gibt es zwischen den beiden Rassen kleine Unterschiede. Der Serra ist im Gegensatz zum Gos im Körperbau etwas länger und hat einen schmaleren Kopf. Ihm fehlt auch die für den Gos typische pigmentierte Zunge.
Beim nächsten Welpen wäre weniger erst einmal mehr
Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich am Anfang auch zu ehrgeizig mit Alegra gewesen bin. Mit zehn Monaten habe ich mit ihr Tricktraining angefangen. Sie hat es wirklich toll gemacht. Aber ich habe sie dadurch auch überfordert, weil ich sie eben noch nicht richtig lesen konnte.
Wir überlegen gerade, ob wir uns einen zweiten Serra anschaffen oder vielleicht auch einen Gos. Eventuell könnte es auch ein Gos-Mischling aus dem Tierheim beziehungsweise Tierschutz sein. Wir werden sehen, was die Zeit mit sich bringt.
Auf jeden Fall würde ich aus heutiger Sicht einem Welpen zunächst beibringen, zu schlafen und die Umwelt nur ganz langsam kennenzulernen.
Was für mich außerdem wichtig geworden ist: Wenn ich mir noch einmal einen Welpen anschaffe, würde ich mir wünschen, dass er etwas länger bei seiner Mutter bleibt. Alegra kam mit 8,5 Wochen im Juli zu uns und ich hatte im Nachhinein das Gefühl, dass sie noch nicht so weit war. Beim ersten Welpentreffen im September ist sie ihrer Mutter nur hinterhergelaufen. Wir waren da Nebensache.
Ja, ich würde mir sofort wieder einen Serra anschaffen. Er ist witzig, verspielt, hütet unsere Hennen ausgezeichnet – und Alegra möchte ich sowieso nicht mehr missen.
Vielen Dank, Christine, für das wunderbare Porträt über den Cão da Serra de Aires und deine Alegra.
Mein persönliches Fazit ist, dass Gubacca und Alegra sich nicht nur optisch ähneln. Teilweise hatte ich beim Lesen wirklich das Gefühl, ich würde hier selbst über Gubacca schreiben. Auch ich kam ja zum Gos, weil ich mir eine Rasse wünschte, die meinem Tibet Terrier Chiru ähnelt, aber etwas größer ist. Auch bei mir war es Liebe auf den ersten Blick und ich wusste beim ersten Foto: Das ist dein Hund.
Die beiden Rassen scheinen wirklich erstaunlich viele Gemeinsamkeiten zu haben und ich habe viele Parallelen zu deinen Erfahrungen entdeckt. Ich bin gespannt, wann der zweite Hund bei euch einzieht – und denke, egal ob Gos oder Serra: Beides sind ganz besondere Hunde.
Bine mit Gubacca
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