So chaotisch wie es vor einer Woche noch in meinem Arbeitszimmer aussah, sieht es momentan vermutlich in Zwerg-Rieses Kopf aus. Ich habe schon überlegt, über seinem Korb ein Schild anzubringen: „Wegen Umbauarbeiten momentan nicht erreichbar.“ Sein Gehirn scheint gerade eine einzige Großbaustelle zu sein.
Kirchenglocken, Igel und ziemlich dünne Nerven
Im vorletzten Blogbeitrag hatte ich mir noch die Frage gestellt: pubertärer Kevin oder Versagen in der Erziehung? Im Moment glaube ich: Keins von beiden. Zwerg-Riese kann gerade offenbar manches nicht so gut verarbeiten wie noch vor ein paar Wochen.
Umweltreize, mit denen er vorher locker umgegangen ist, stressen ihn plötzlich schneller. Heute Morgen auf dem Weg zum Bäcker war zum Beispiel das Läuten der Kirchenglocken ein großes Problem. Überhaupt bellt er draußen deutlich häufiger und reagiert ängstlicher. Gestern Abend auf der Spätrunde wurde sogar ein Igel zum Staatsfeind Nr. 1 erklärt – obwohl Gubacca Igel sonst eher neugierig begrüßt.
Und auch bei Hundebegegnungen reißt ihm momentan sehr schnell der Geduldsfaden. Besonders wenn ein Rüde ihn nur ein bisschen schief anschaut, reagiert Zwerg-Riese ausgesprochen „emotional“.
„Der testet dich jetzt aber ganz schön aus“
„Da musst du ihm jetzt klare Grenzen setzen“ oder „Der testet dich jetzt aber ganz stark aus“ bekomme ich häufiger zu hören. Aber ist das tatsächlich die ganze Erklärung?
Mit Pubertät verbindet man schnell vor allem aufmüpfiges Verhalten: Der Hund hört plötzlich nicht mehr, sein Freiheitsdrang wird größer, er wird selbstständiger. Dabei passiert während der Adoleszenz auch körperlich und im Gehirn eine ganze Menge.
Dazu habe ich bei Easy Dogs einen interessanten Artikel von Heike Benzing gelesen: „Adoleszenz – der faszinierende Weg der Jugendentwicklung und Pubertät des Hundes“ .
Benzing beschreibt dort verschiedene Umbauprozesse im jugendlichen Gehirn und erklärt, warum junge Hunde in dieser Entwicklungsphase zeitweise emotionaler, stressanfälliger oder empfindlicher auf Reize reagieren können. Auch bekannte Situationen können plötzlich wieder schwieriger werden.
Für mich passte das damals erstaunlich gut zu dem, was ich gerade bei Gubacca beobachtete: Kirchenglocken, Verkehrslärm auf dem Weg zum Bäcker oder die Dunkelheit waren eigentlich längst nichts Neues. Und trotzdem schienen genau solche Dinge ihn plötzlich wieder stärker zu beschäftigen.
Kein Wunder also, dass Zwerg-Riese momentan ein riesiges Schlafbedürfnis hat.
Kann er das im Moment überhaupt leisten?
Mit diesem Wissen erklären sich für mich einige seiner Verhaltensweisen plötzlich anders. Ich glaube nicht, dass Gubacca mich ärgern möchte oder morgens beschließt, mich heute einmal besonders gründlich auszutesten. Viel wichtiger ist für mich im Moment eine andere Frage:
Bei uns ist deshalb gerade Pause angesagt. Wir machen kleinere Spaziergänge in möglichst reizarmer Umgebung, es wird viel geschmust, ein bisschen gespielt – und ansonsten schläft Zwerg-Riese.
Und dabei kommt eine Eigenschaft von Gubacca zum Zug, die ich an ihm wirklich bemerkenswert finde: Egal, wie groß das Chaos draußen oder in seinem Kopf manchmal ist – zu Hause kann er für sich zur Ruhe kommen.
Ich bin ziemlich sicher, dass wir mit etwas Ruhe und Gelassenheit auch diese „Umbauarbeiten“ irgendwann geschafft haben. Und dann sieht Gubaccas Gehirn hoffentlich wieder ungefähr so aufgeräumt aus wie mein Arbeits- und Lesezimmer inzwischen.
Ich wünsche euch allen einen schönen Feiertag! Wir bekommen gleich Besuch. Lottchen ist heute bei uns und ich bin sicher, Zwerg-Riese und sie werden heute noch viel Spaß miteinander im Garten haben.
Die Adoleszenz war für mich damals eine wichtige Erklärung – aber heute würde ich nicht mehr jede plötzliche Unsicherheit oder heftige Reaktion automatisch darauf zurückführen. Stress, Angst, gesundheitliche Faktoren, Lernerfahrungen und die jeweilige Situation können ebenfalls eine Rolle spielen. Geblieben ist für mich allerdings genau die Frage, die ich mir damals schon gestellt habe: Kann mein Hund das, was ich gerade von ihm erwarte, in diesem Moment überhaupt leisten?
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