Teil 2: Die Frau, die eigentlich einen anderen wollte
An dem Samstag, an dem Edith zum ersten Mal zu Martha und Paul hinausfuhr, war das Wetter so grau, dass man schon beim Losfahren schlechte Laune bekam. Edith mochte solche Tage nicht. Sie mochte Sonne. Oder Regen. Am besten irgendetwas, das sich wenigstens entschied. Aber dieses matte Dazwischen passte zu ihrer Stimmung, und das gefiel ihr noch weniger.
Neben ihr auf dem Beifahrersitz lag ein Umschlag mit Fotos, die Martha ihr per Post geschickt hatte. Sie hätte sie nicht noch einmal anschauen müssen, kannte jedes Bild inzwischen beinahe auswendig, tat es aber trotzdem. Auf dem obersten Foto war der kleine Rüde mit dem dunklen Gesicht zu sehen. Schöne Fellzeichnung, wacher Blick, gerade Haltung. Genau so hatte Edith sich ihren Hund vorgestellt. Nicht dieses niedliche, dass einen sofort an einen Hundekalender erinnert, aber doch… ansehnlich. Harmonisch. Einer, bei dem man sofort spürte: Ja, das passt.
„Ich schaue ihn mir nur an“, sagte sie halblaut zu sich selbst, als könne man eine Entscheidung dadurch kleiner machen, dass man sie vorerst in harmlose Worte wickelte. Dabei wusste sie längst, dass sie nicht nur schauen würde. Seit fast zwei Jahren lebte sie allein in dem kleinen Haus am Ortsrand. Nicht ganz allein, wenn man die Spinnweben in der Garage, den störrischen Rosenstock am Zaun und den Nachbarn gegenüber mitzählte, der jeden Montag seine Mülltonnen in militärischer Präzision an die Straße rollte. Aber eben ohne Hund.
Früher hatte es Fritzi gegeben. Einen kleinen Mischling mit weichen Schlappohren und dem Charakter einer schlecht gelaunten Tante, die nur zwei Menschen auf der Welt mochte und alle anderen für eine Zumutung hielt. Fritzi war dreizehn geworden. Ein gutes Hundealter, sagten die Leute. Als würde es dadurch leichter.
Nach seinem Tod hatten viele gesagt: „Genieß doch erst mal deine Freiheit.“
Als könne Freiheit eine Leine ersetzen, die abends nicht mehr am Haken hing.
Als könne ein stiller Flur etwas Schönes sein.
Als könne man das leere Atmen eines Hauses genießen.
Edith hatte genickt, höflich wie immer, und niemandem erklärt, dass Freiheit sich manchmal verdächtig nach Einsamkeit anhörte, nur mit besserem Marketing.
Im Herbst hatte sie begonnen, wieder nach Hunden zu schauen. Erst nur aus der Ferne. Anzeigen. Züchterseiten. Bilder von Würfen. Dann ernsthafter. Sie hatte Listen gemacht, sich Notizen auf kleine gelbe Zettel geschrieben und sie am Kühlschrank befestigt.
Nicht zu groß.
Nicht zu nervös.
Klug.
Menschenbezogen.
Möglichst wenig Jagdtrieb.
Kein Hund, der nur gut aussieht, aber innen einen Vollzeitjob braucht.
Und, wenn sie ganz ehrlich war, stand in ihrem Kopf noch ein letzter, etwas peinlicher Punkt, den sie nie aufschrieb: Ein bisschen hübsch sollte er schon sein. Nicht weil sie eitel gewesen wäre. Das hätte sie entschieden bestritten. Aber sie stellte sich nun einmal vor, wie er später neben ihr durch den Ort laufen würde. Wie Leute lächelten. Wie sie selbst lächelte. Wie alles zusammenpasste. Menschen machen das gern, noch bevor etwas überhaupt begonnen hat. Sie entwerfen Gefühle in schönen Bildern. Leider hält sich das Leben selten an den Entwurf.
Als Edith bei Martha und Paul auf den Hof bog, standen zwei Fahrräder an der Scheune, ein Sack Hundefutter vor der Tür und ein umgekippter Gummistiefel im Kies. Es sah nicht geschniegelt aus. Eher nach echtem Leben. Das beruhigte sie.
Martha öffnete die Tür, noch bevor Edith geklingelt hatte. „Sie müssen Edith sein.“ „Ja. Guten Morgen.“ „Kommen Sie rein. Die Welpen sind hinten, aber passen Sie auf, der Boden ist noch ein bisschen feucht. Paul meinte vorhin, er müsse mit den Kleinen unbedingt noch kurz raus. Jetzt waren die Herrschaften natürlich bis zum Bauch eingesaut, und ich durfte hinterher wischen.“ Edith lächelte zum ersten Mal an diesem Morgen wirklich. „Ich ahne, wie das ausgesehen hat.“ „Schlimmer,“ erwiederte Martha mit einem Augenzwinkern.
Im Flur roch es nach Kaffee, nassem Fell und diesem schwer zu beschreibenden Duft, den nur Häuser haben, in denen Tiere und Menschen schon lange zusammenleben. Nichts war hier wie aus dem Ei gepell. Und gerade deshalb fühlte es sich gut an. Martha führte sie durch die Küche in ein helles Zimmer nach hinten. Dort stand ein abgesperrter Bereich mit Decken, Körbchen, Spielzeug und einer kleinen offenen Tür zum Garten. Drei Welpen schliefen tief und fest auf einem Haufen, einer kaute hingebungsvoll auf einer Stoffente herum, zwei prüften, ob Tischbeine womöglich essbar waren, und einer lag halb unter einem Korb, als hätte er sich im Eifer des Gefechts verschätzt.
„Und wer ist wer?“ fragte Edith. Martha nannte Namen, zeigte auf Fellzeichnungen, erklärte Wesen, Vorlieben, erste Eigenheiten. Edith hörte aufmerksam zu, doch ihr Blick suchte längst den dunklen Rüden von den Fotos. „Der da müsste doch…“ „Kuno“, sagte Martha. „Ja. Das ist der auf dem Bild.“
Kuno stand stolz mitten im Raum, als wüsste er ganz genau, dass man ihretwegen hier war. Er hatte einen schönen Kopf, klare Linien, ein weiches, dichtes Fell und wirkte wie ein Hund, bei dem später einmal alle sagen würden: Das ist aber ein schöner Rüde.
Edith ging in die Hocke. „Na hallo.“ Kuno kam heran, beschnupperte ihre Finger, wedelte höflich, ließ sich kurz am Hals kraulen und wandte sich dann mit der Gelassenheit einesjenigen ab, der seinen Marktwert kannte. Im nächsten Moment trabte er zu einem Ball, schob ihn mit der Nase durch den Raum und sah dabei tadellos aus. „Ein schöner Kerl“, sagte Edith. Martha nickte. „Ja.“ Es war nur ein kleines Wort. Ein ganz neutrales Ja. Aber irgendwie lag darin nichts von Zustimmung. Eher die Art Ja, hinter der oft noch ein zweiter Satz steht, den man erst später versteht.
Edith blieb noch eine Weile bei Kuno, beobachtete ihn, sprach mit Martha über Futter, Wesen, Auslastung. Alles war vernünftig. Alles stimmte. Und trotzdem blieb irgendwo ein kleiner Haken hängen, an dem ihr Gefühl nicht sauber mitkam. Sie merkte es selbst und ärgerte sich darüber. Vielleicht war sie einfach nervös. Vielleicht zu verkopft. Vielleicht musste man sich nicht bei der ersten Berührung wie in einem schlechten Liebesfilm vom Schicksal durchrütteln lassen. Vielleicht reichte es, wenn alles passte.
Während Martha etwas über Stubenreinheit sagte und Edith nickte, obwohl sie die Hälfte nicht mehr aufnahm, kam plötzlich Bewegung aus der Ecke beim Fenster. Ein kleiner Welpe schob sich unter der Bank hervor. Langsam. Etwas ungelenk. Mit schlaksigen Vorderbeinen, die aussahen, als hätten sie einen eigenen Kalender. Sein Fell stand in wirren Richtungen ab. Über der Schulter lag dieser helle schiefe Fleck. Ein Ohr hing. Das andere stand wie eine unbeirrbare Behauptung in die Luft.
Edith sah ihn.
Und dachte, ehe sie sich bremsen konnte:
Oje.
Es war kein grausamer Gedanke. Eher ein ehrlicher.
So ehrlich, dass sie sich im selben Moment dafür schämte.
Der kleine Hund blieb stehen und schaute zu ihr herüber. Nicht fröhlich. Nicht unterwürfig. Nicht in der verzweifelten Hoffnung, jetzt endlich einmal gewählt zu werden. Er sah sie nur an. Ruhig. Wach. Als würde er kurz abwägen, ob sie der Mühe wert war. „Das ist Moritz“, sagte Martha. Edith nickte zu schnell. „Ach so.“ Mehr fiel ihr nicht ein. Ach so. Ein wunderbarer Satz, wenn man in Wahrheit überhaupt nicht weiß, was man sagen soll.
Moritz setzte sich hin.
Ein Gummiball rollte direkt an ihm vorbei. Er achtete nicht darauf. Einer seiner Brüder sprang über seinen Rücken. Moritz blinzelte einmal und blieb sitzen. Dann sah er wieder Edith an.
Es war ein Blick, der in diesem kleinen Hundegesicht viel zu ernst wirkte.
Edith räusperte sich. „Der ist…“
Martha wartete. Offenbar hatte sie Übung in solchen Momenten.
„…speziell“, beendete Edith den Satz und hasste sich augenblicklich für genau dieses Wort.
Speziell.
Das Wort, mit dem Menschen alles weichzeichnen wollen, was sie im ersten Moment nicht schön finden. Martha sagte nichts. Sie musste auch nichts sagen. Ihr Schweigen hatte eine verblüffende Begabung, Dinge ungeschminkt im Raum stehen zu lassen. Edith spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. „Das klang jetzt gemeiner, als es sollte.“ „Es klang ehrlich“, sagte Martha. Und weil Ehrlichkeit manchmal peinlicher ist als Unhöflichkeit, setzte Edith sich nun vollständig in die Patsche. „Ich wollte das nicht… also, ich meine… auf den Fotos hatte ich ja vor allem Kuno im Blick.“ „Das haben die meisten.“
Da war er. Der zweite Satz hinter dem Ja. Edith wusste nicht recht, wohin mit ihren Händen. Also strich sie die Hosenbeine glatt, obwohl daran gar nichts zu glätten war. „Er tut mir leid“, sagte sie leise. Martha sah kurz zu Moritz hinüber, dann wieder zu Edith. „Das möchte ich nicht.“ „Was?“ „Dass er Ihnen leidtut.“ Edith hob den Kopf. Martha stand mit verschränkten Armen am Türrahmen. Nicht unfreundlich. Aber klar. „Er ist kein armes Ding“, sagte sie. „Er ist nur keiner, den man auf den ersten Blick nimmt.“
Der Satz traf Edith an einer Stelle, an die sie an diesem Morgen nicht gedacht hatte. Vielleicht, weil er nicht nur über Moritz etwas sagte. Sie sah wieder zu dem kleinen Hund. Moritz war inzwischen aufgestanden. Langsam ging er ein paar Schritte auf sie zu. Nicht tapsig wie ein Clown. Nicht stolz wie einer, der gefallen wollte. Sondern mit dieser eigentümlichen Ruhe, als hätte er bereits begriffen, dass hektische Selbstdarstellung eine schlechte Strategie ist, wenn man nicht dem Schönheitsideal entspricht. Kurz vor ihr blieb er stehen. Edith ging in die Hocke und hielt unwillkürlich die Luft an. Moritz schnupperte nicht an ihrer Hand, wie es die anderen taten. Er schnupperte auch nicht am Schuh oder am Hosenbein. Stattdessen hob er die Nase leicht an, als lausche er mit ihr, trat noch einen halben Schritt näher und roch an ihrem linken Handgelenk. Ganz konzentriert. Einmal. Dann noch einmal.
Edith wollte gerade lachen und etwas sagen wie „Na, du prüfst mich aber gründlich“, als Moritz plötzlich ganz still wurde. Er setzte sich direkt vor sie. Nicht aufdringlich. Nicht ängstlich. Einfach da. Sein Blick lag auf ihr, schwer und ruhig. Und dann, ganz langsam, legte er seine Pfote auf ihren Schuh. Es war beinahe dieselbe Bewegung, mit der er Tage zuvor Marthas Hausschuh gewählt hatte. Dieselbe Stille. Dieselbe unaufgeregte Selbstverständlichkeit.
Edith spürte, wie ihr etwas im Hals stecken blieb. „Na, so was“, murmelte sie. Martha sagte nichts. Auch das war klug. Es gibt Augenblicke, die gehen kaputt, sobald jemand sie erklärt. Moritz blieb sitzen. Edith spürte seine kleine warme Pfote durch das Leder ihres Schuhs. Sie sah hinunter auf diesen sonderbaren Hund mit den viel zu großen Vorderbeinen, dem unentschiedenen Ohr und dem Fell, das aussah, als habe es nach jedem Schlaf eine neue Meinung. Er war immer noch nicht hübsch. Jedenfalls nicht auf die einfache Weise. Aber plötzlich war da etwas anderes. Etwas, das mit hübsch nichts zu tun hatte.
„Darf ich?“ fragte Edith leise. Martha nickte. Edith streckte vorsichtig die Hand aus und strich Moritz über den Kopf. Sein Fell war weicher, als es aussah. Ein bisschen drahtig, ein bisschen flusig, warm von innen. Moritz schloss die Augen nicht. Er schmiegte sich auch nicht an. Er blieb einfach ruhig unter ihrer Hand, als wäre er nicht überrascht darüber, dass sie ihn berührte, sondern nur abwartend. Als gäbe es noch etwas herauszufinden.
„Sieht aus, als hätte er Sie ausgesucht“, sagte Paul, der plötzlich in der Tür stand und mit einem Kaffeebecher in der Hand hereinschaute, als wäre er schon die ganze Zeit Teil dieser Szene gewesen. Edith zog die Hand zurück. „Ach, das glaube ich nicht.“ „Moritz glaubt wenig und merkt viel“, sagte Paul. „Das ist jetzt aber ein sehr großer Satz für so einen kleinen Hund“, erwiderte Edith, ein wenig zu schnell, weil ihr das Herz gerade in einem Takt schlug, den sie nicht mochte. Paul grinste. „Warten Sie ab.“
Edith versuchte, sich wieder zu sammeln. Sie stand auf, ging noch einmal zu Kuno, beobachtete die anderen Welpen, stellte Fragen, hörte Antworten. Alles war vernünftig. Alles war geordnet. Und trotzdem zog es ihren Blick immer wieder zu Moritz. Nicht, weil er sich in den Vordergrund spielte. Sondern weil er es nicht tat. Einmal lag er einfach nur am Rand der Decke und schaute. Ein anderes Mal stand er am Wassernapf, trank bedächtig und sah danach lange aus der geöffneten Tür in den Garten hinaus, als hätte er dort draußen bereits eine Ahnung davon, dass die Welt noch etwas anderes von ihm wollen würde als niedlich zu sein.
Als Edith nach einer Stunde wieder in der Küche saß und Martha ihr Kaffee einschenkte, wusste sie, dass etwas nicht mehr so war wie beim Herfahren. Das Problem war nur: Sie wusste noch nicht, ob das gut oder schlecht war. „Und?“ fragte Martha schließlich. Edith hielt die Tasse mit beiden Händen fest. „Kuno ist wunderschön.“ „Ja.“ „Er ist freundlich, ausgeglichen, offen. Eigentlich genau der Hund, wegen dem ich gekommen bin.“ „Mhm.“ Edith starrte einen Moment in den Kaffee. „Und trotzdem denke ich dauernd an den anderen.“ Martha lächelte nicht triumphierend. Auch das machte sie sympathisch. „Das passiert.“ „Er ist wirklich sehr…“ „Sagen Sie nicht wieder speziell.“ Edith musste gegen ihren Willen lachen. „Gut. Dann eben sehr… eigen.“ „Damit kann ich leben.“
Draußen klapperte irgendwo ein Eimer. Paul pfiff schief vor sich hin. Im Nebenzimmer fiepte kurz ein Welpe, dann wurde es wieder still. Edith hob den Blick. „Ist mit Moritz alles in Ordnung? Also gesundheitlich?“ „Ja. Tierärztlich ist er unauffällig.“ „Nur optisch nicht.“ Martha nahm einen Schluck Kaffee. „Schönheit ist Glückssache.“ „Und Charakter?“ „Charakter zeigt sich später.“ Edith nickte langsam. „Er hat mich so angesehen.“ „Ja“, sagte Martha. „Als wüsste er etwas.“ Martha stellte ihre Tasse ab. „Vielleicht weiß er auch etwas. Nur noch nicht, was.“ Edith hätte über so einen Satz normalerweise die Augen verdreht. Er war gefährlich nah an Esoterik, und dafür hatte sie weder Geduld noch Gardinen. Aber aus Marthas Mund klang er nicht nach Kerzenladen, sondern nach Beobachtung.
Als Edith eine halbe Stunde später wieder im Auto saß, lag der Umschlag mit den Fotos noch immer auf dem Beifahrersitz. Nur hatten sich die Bilder in ihrem Kopf verschoben. Kuno war noch immer schön. Moritz sah noch immer seltsam aus. Und doch war es sein Blick, der mitfuhr. Zu Hause stellte Edith die Tasche im Flur ab, zog die Schuhe aus und ging wie automatisch in die Küche. Der Kühlschrank summte, die Uhr tickte, irgendwo draußen fuhr ein Auto vorbei. Alles war wie immer. Und doch nicht.
Sie setzte sich an den Tisch, zog einen Notizzettel heran und schrieb zwei Namen untereinander.
Kuno
Moritz
Dann begann sie, Gründe aufzuschreiben.
Bei Kuno standen vernünftige Dinge.
schön
offen
ausgeglichen
so vorgestellt
Bei Moritz dauerte es länger.
Dann schrieb sie:
schaut anders
hat meine Hand gerochen
Pfote auf den Schuh
ich kann nicht aufhören, an ihn zu denken
Edith legte den Stift weg und starrte auf die Liste.
Das war unvernünftig. Das war genau die Art Entscheidung, von der man später entweder sagte: Die beste meines Lebens. Oder: Was um alles in der Welt hatte ich mir dabei gedacht? Im Flur war es still. Zu still. Edith stand auf, ging langsam hinüber und blieb vor dem leeren Haken stehen, an dem früher Fritzis Leine gehangen hatte. Sie legte die Fingerspitzen an das Holzbrett daneben. „Na toll“, murmelte sie. „Jetzt denke ich an den schiefen Hund.“ Und zum ersten Mal seit langer Zeit musste sie über sich selbst lachen. Nicht laut. Aber echt.
Am Abend, kurz nach acht, klingelte bei Martha das Telefon. Paul hob zuerst ab, hörte einen Moment zu, grinste dann und hielt den Hörer halb zu. „Für dich“, sagte er. „Die Dame mit dem hübschen Hund.“ Martha nahm ihm den Hörer aus der Hand. „Ja?“ Am anderen Ende war kurz nur Atmen zu hören. Dann Ediths Stimme: „Ich glaube, ich muss etwas sehr Dummes tun.“ Martha lehnte sich an die Anrichte. „Das klingt vielversprechend.“ „Ich wollte eigentlich Kuno.“ „Ja.“ „Und jetzt denke ich die ganze Zeit an Moritz.“ Martha schwieg. „Ist das ein Fehler?“ fragte Edith.
Martha sah durch die offene Küchentür ins Welpenzimmer. Dort lag Moritz auf einer Decke, nicht mitten im Gewusel, aber auch nicht abseits. Wach, ruhig, mit diesem Blick, als sei er innerlich immer schon einen kleinen Schritt weiter als die anderen. „Das weiß ich nicht“, sagte sie ehrlich. „Aber ich glaube nicht, dass er zufällig an Ihrem Schuh hängen geblieben ist.“
Am anderen Ende wurde leise ausgeatmet. „Dann reservieren Sie mir bitte nicht den schönen“, sagte Edith. „Reservieren Sie mir den Richtigen.“ Martha lächelte diesmal doch. „Gut“, sagte sie. „Dann ist Moritz jetzt Ihrer.“ Im Welpenzimmer hob Moritz den Kopf. Nur kurz. Als hätte er etwas gehört, das gar keiner ausgesprochen hatte.
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