Teil 4: Der Hund, der nicht hübsch genug war
Moritz schlief gerade zu Ediths Füßen, als das Handy auf dem Tisch vibrierte. Es war eine Nachricht von seiner Züchterin Martha in der WhatsApp-Gruppe der Welpeneltern. Sie schrieb, dass sie es schön fände, wenn ein paar der jungen Hunde später einmal gemeinsam auf Ausstellungen gehen würden. Ganz locker erst mal, wie sie betonte, einfach nur zum Reinschnuppern in diese ganz eigene Welt. Man könne sich zusammen austauschen, gemeinsam üben und die jungen Hunde so ganz langsam an den Trubel und alles Neue gewöhnen.
Edith las die Nachricht auf ihrem Display einmal, dann noch einmal und schließlich ein drittes Mal. Ihr war sofort bewusst, dass sie mit Moritz wohl nie einen glänzenden Pokal gewinnen würde. Aber darum ging es ihr auch gar nicht. Was ihr an dem Gedanken spontan so gut gefiel, war etwas völlig anderes: Es war dieses Gefühl der Gemeinschaft.
Einfach mal mit den anderen irgendwo hinfahren, vorher ein kleines bisschen aufgeregt sein und sich hinterher bei einer Tasse Kaffee erzählen, wie es eigentlich gewesen war. Zusammen üben, zusammen über die kleinen Missgeschicke lachen und über all die Dinge reden, die sonst kaum ein Mensch auf der Welt interessant findet. Edith stellte sich das richtig schön vor.
Sie sah zu Moritz hinüber, der mitten im Wohnzimmer lag, mit seinen zu großen Pfoten, dem schiefen Fleck über der Schulter und dem rechten Ohr, das immer noch machte, was es wollte. „Na“, sagte Edith leise. „Wir zwei auf einer Ausstellung. Das wäre doch mal was.“ Moritz hob nur kurz den Kopf, als hätte er gehört, dass es um ihn ging, und schlief dann unbeeindruckt weiter.
In den nächsten Tagen wurde in der Gruppe unglaublich viel geschrieben. Erst waren es nur ganz allgemeine Gedanken, doch dann wurde es von Stunde zu Stunde konkreter. Wer grundsätzlich Lust hätte, wer vielleicht schon einmal von einem Ringtraining gehört hatte und welche kleine Ausstellung für den Anfang ganz nett wäre. Martha antwortete viel, erklärte geduldig die ersten Schritte und machte den anderen immer wieder Mut. Bei dem einen Welpen schrieb sie, wie wunderbar er sich doch gemacht habe. Bei einer anderen Hündin bemerkte sie, dass ihre gesamte Entwicklung ausgesprochen harmonisch verlaufe. Durch ihre Worte verlor das ganze Thema das Einschüchternde; auf einmal hörte sich alles so leicht und unkompliziert an.
Edith las still mit und spürte, wie sehr sie sich auf dieses Erlebnis freute. Es war genau das, was sie sich erhofft hatte: durch Moritz neue Menschen kennenzulernen, gemeinsam mit den Hunden etwas zu unternehmen und von Anfang an einfach zu einer Gemeinschaft dazuzugehören. Mit Morizt an der Seite dieses Abenteuer zu wagen, fühlte sich in diesem Moment richtig gut an. Schließlich fasste sie sich ein Herz und schrieb in die Gruppe, dass sie die Idee richtig schön fände. Martha reagierte gewohnt freundlich darauf, und auch ein paar andere schrieben eine kurze Antwort. Und trotzdem beschlich Edith auf einmal ein merkwürdiges Gefühl. Es war nicht so, dass jemand unfreundlich gewesen wäre, ganz und gar nicht. Aber während Martha bei den anderen Welpen immer konkreter wurde, fiel der Name Moritz kein einziges Mal.
Edith redete sich ein, dass sie vielleicht einfach zu viel in die Stille hineinlas. Wahrscheinlich war es einfach noch zu früh für eine Einschätzung, oder man musste eben nicht jeden Hund einzeln erwähnen. Vielleicht kam das ja alles noch, dachte sie bei sich. Doch je länger sie mitlas, desto weniger glaubte sie selbst daran. Irgendwann verfasste Martha noch einmal eine Nachricht über die Hunde, die sie sich für das Vorhaben besonders gut vorstellen könne. Wieder fielen Namen, wieder war von schönen Anlagen die Rede, von besonderem Ausdruck und tollen Möglichkeiten. Nur Moritz kam wieder gar nicht vor.
Edith spürte, wie ihre Freude über den gemeinsamen Plan langsam einen schmerzhaften Riss bekam. Ganz allmählich begriff sie, dass dieses „Wir probieren das einfach mal“ offenbar gar nicht für alle Welpen galt. Für die anderen vielleicht, aber für ihren Moritz nicht. Sie hielt das Handy fest in der Hand und las den gesamten Verlauf noch einmal von ganz oben durch.
Dann schrieb sie, fast ein wenig zu schnell, als wollte sie es hinter sich bringen: „Und was ist mit Moritz? Einfach nur zum Mitlaufen und um ein paar Erfahrungen zu sammeln?“ Diesmal dauerte die Antwort nicht lange. Martha schrieb, so freundlich wie eh und je, dass Moritz für so etwas eher nicht der richtige Hund sei. Es war nur dieser eine, kurze Satz. Er war nicht böse gemeint und auch nicht hart formuliert, und gerade deshalb traf er Edith mitten ins Herz. Sie starrte auf das helle Display. Neben ihr lag Moritz entspannt auf dem Boden, die Pfoten von sich gestreckt und das rechte Ohr irgendwo zwischen oben und unten. Er schlief tief und friedlich, als ginge ihn der ganze Trubel in der digitalen Welt überhaupt nichts an.
„Na bravo“, murmelte Edith bitter. Moritz öffnete nur ganz kurz ein Auge, sah sie prüfend an und schlief dann einfach weiter. Was Edith an der Nachricht so getroffen hatte, war gar nicht die Tatsache, dass Martha ehrlich gewesen war. Wenn sie einfach geschrieben hätte: Fahr ruhig mit, hab einfach Spaß, aber rechne nicht mit einem großen Erfolg. Das wäre für Edith völlig in Ordnung gewesen. Was sich aber so falsch anfühlte, war etwas anderes. Es war die Tatsache, dass Moritz in Marthas Vorschlag gar nicht erst vorkam. Dass sie ihn nicht einmal einfach nur mitlaufen lassen wollte. Edith begriff langsam, dass es wohl genau darum ging: Moritz war kein stolzes Aushängeschild für Marthas Zucht.
Trotzdem blieb es nicht nur bei diesem einen Stich. Draußen im Alltag merkte Edith schon länger, dass die Menschen auf Moritz ganz anders reagierten als auf die meisten anderen jungen Hunde. Es war zwar nicht so, dass jemand etwas Gemeines gesagt hätte, die meisten Erwachsenen waren höflich und blieben kurz stehen. Aber dieser eine Satz, den man bei einem Welpen sonst an jeder Ecke hörte, fiel bei Moritz fast nie: „Ach Gott, ist der hübsch!“ Stattdessen erntete er oft einen kurzen, prüfenden Blick, und dann kam meistens so etwas wie: „Na, das ist ja mal ein ganz Interessanter.“ Manchmal war es ihr egal, doch manchmal traf es sie eben doch – still und erst auf dem Nachhauseweg.
Kinder waren da zum Glück ganz anders. Ein Kind sagte niemals: „Was für ein interessanter Hund.“ Ein Kind fragte direkt heraus: „Warum hängt sein Ohr denn so schief?“ oder staunte: „Boah, hat der aber riesige Füße!“ Und meistens folgte direkt danach die wichtigste aller Fragen: „Darf ich den mal streicheln?“ Kinder störte es erstaunlich wenig, dass Moritz nicht perfekt aussah; für sie war er einfach ein Hund zum Liebhaben.
Eines Nachmittags stand Edith mit Moritz an einem Eisstand in einer langen Schlange. Vor ihnen wartete eine ganze Kindergartengruppe, und einige der Kinder drehten sich sofort nach ihnen um. Erst wurde getuschelt, dann neugierig gefragt, und schon stand das erste Kind neben ihm und streichelte vorsichtig über seinen Rücken. Moritz blieb dabei bewundernswert ruhig. Er stand einfach nur da und genoss die Aufmerksamkeit. Ein kleines Mädchen hielt sich jedoch etwas abseits. Sie beobachtete Moritz die ganze Zeit mit großen Augen, traute sich aber nicht näher heran. Edith bemerkte sie erst, als Moritz sich ganz von allein aus dem Pulk der Kinder löste.
Mit einer unglaublichen Ruhe ging er zu dem schüchternen Mädchen hinüber und blieb direkt neben ihr stehen. Er war dabei überhaupt nicht aufdringlich, er stand einfach nur ganz still da. Das Mädchen sah an ihm herunter und blickte dann unsicher zu Edith auf. „Ich trau mich nicht so richtig“, sagte sie ganz leise. „Das musst du auch gar nicht“, antwortete Edith sanft. „Du kannst ihn auch einfach nur ganz in Ruhe angucken.“ Das Mädchen nickte dankbar, und Moritz setzte sich ruhig neben sie, als wüsste er genau, was in diesem Moment von ihm verlangt wurde.
Nach einer Weile streckte das kleine Mädchen ganz langsam ihre Hand aus und berührte erst nur ganz kurz sein Fell. Dann streichelte sie ihn noch einmal, diesmal schon etwas mutiger. „Ich hab’s geschafft!“, sagte sie plötzlich und grinste so breit über das ganze Gesicht, dass Edith unwillkürlich mitlachen musste. „Ja“, sagte sie und spürte eine große Wärme in sich aufsteigen. „Das hast du wirklich toll gemacht.“ Moritz schaute kurz zu dem Mädchen hoch, wedelte einmal sacht mit der Rute und blieb einfach bei ihr.
Auf dem Rückweg dachte Edith noch lange an diesen Moment. Sie dachte an die Erwachsenen mit ihren höflichen Blicken und an die Nachrichten in der WhatsApp-Gruppe. Sie dachte an all die Augenblicke, in denen Moritz scheinbar nicht in das perfekte Bild passte, das andere im Kopf hatten. Und dann dachte sie wieder an dieses eine Kind, das ausgerechnet bei ihrem Moritz so mutig geworden war. Vielleicht, dachte Edith bei sich und lächelte, war Moritz wirklich nicht der Hund, den man sich auf den ersten flüchtigen Blick aussuchen würde. Aber vielleicht war er genau der Hund, den manche Menschen brauchten, um ihre eigene Stärke zu finden.
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