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Den Hund den keiner wollte - Teil 5

März 28, 2026

„Moritz, ich bin wieder da!“, rief Edith, als sie die Haustür aufschloss und die schweren Einkaufstüten im Flur abstellte. „Und wehe, du hast wieder auf dem Sofa gelegen!“ Normalerweise wäre jetzt ein Tappen auf dem Parkett zu hören gewesen und Moritz wäre in seiner typischen, bedächtigen Art in der Tür erschienen. Aber diesmal folgte nur eine seltsame Stille. Edith brachte die Einkaufstaschen schnell in die Küche und ging dann ins Wohnzimmer. Dort blieb sie abrupt stehen.

Den Hund den keiner wollte

Teil 5: Ein Hund, der Herzen öffnet

Moritz, ich bin wieder da!, rief Edith, als sie die Haustür aufschloss und die schweren Einkaufstüten im Flur abstellte. „Und wehe, du hast wieder auf dem Sofa gelegen!“Normalerweise wäre jetzt ein Tappen auf dem Parkett zu hören gewesen und Moritz wäre in seiner typischen, bedächtigen Art in der Tür erschienen. Aber diesmal folgte nur eine seltsame Stille. Edith brachte die Einkaufstaschen schnell in die Küche und ging dann ins Wohnzimmer. Dort blieb sie abrupt stehen.

Moritz mit Mülleimer-Halskrause

Moritz stand mitten auf dem Teppich und bewegte sich nicht. Er sah sie nicht einmal direkt an, sondern irgendwo knapp an ihr vorbei, als wäre ihm die ganze Lage selbst nicht ganz geheuer. Um seinen Hals hing der weiße Schwingdeckel des kleinen Küchenmülleimers, eines dieser runden Modelle, die nachgeben, wenn man oben draufdrückt. Er trug das Ding wie eine viel zu große Halskrause. Zu seinen Pfoten lag der Inhalt des Eimers schön über den Teppich verteilt: zwei leere Joghurtbecher, die leere Milchtüte und, als klares Beweisstück, die zerfetzte Tüte der Pansen-Sticks, die Edith am Morgen arglos weggeworfen hatte.

Edith starrte ihn an. Ein kurzes Zucken um ihre Mundwinkel, dann brach es aus ihr heraus und sie lachte laut. Schimpfen brachte jetzt sowieso nichts mehr. Außerdem war Edith, wenn sie ehrlich war, fast ein bisschen erleichtert. Moritz war oft so ernst für sein Alter, dass sie sich manchmal schon fragte, ob er sich bei ihr überhaupt wohlfühlte. Ein bisschen Welpenwahnsinn, fand Edith, stand einem jungen Hund eigentlich ganz gut. Martha, die Züchterin, hatte sie in solchen Momenten allerdings immer beruhigt. „So ist Moritz einfach“, sagte sie dann am Telefon. „Der fühlt sich garantiert wohl bei dir.“

Noch immer lachend kniete sich Edith vor ihn. Moritz verharrte ungerührt. Er wedelte nicht, er duckte sich nicht, er zeigte nicht einmal einen Hauch von Reue. Er stand einfach nur da und wartete, als wäre die Sache nun eindeutig ihr Problem. „Komm her, du Spezialist“, murmelte Edith.

Es war gar nicht so einfach, den Deckel über den breiten Schädel zu manövrieren, ohne sein Ohr noch mehr zu verbiegen. Es machte Plopp, als der Kunststoff endlich nachgab. Moritz schüttelte sich einmal kräftig, dass seine Ohren laut klatschten, und sah sie dann erwartungsvoll an, als wäre nichts gewesen.

„Ja, ja, ich räum das schon weg“, brummelte sie. Eigentlich hatte Edith sich vorgenommen, die Wohnung einmal durchzuwischen. Aber draußen war es viel zu schön, um jetzt mit Eimer und Lappen durch die Zimmer zu ziehen. „Komm, Moritz“, sagte sie und griff nach Leine und Halsband. „Wir gehen lieber eine große Runde. Der Wischmop läuft uns nicht weg.“

Moritz war sofort da. Wenig später standen sie im Park. Edith wollte den Weg am Blumenbeet nehmen. Moritz nicht. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war er davon nur schwer wieder abzubringen. Moritz zog nicht. Er blieb einfach stehen. Mitten auf dem feuchten Kies, die Vorderpfoten fest auf dem Boden, und sah sie an. Edith kannte diesen Blick inzwischen. „Aha“, sagte sie. „Dann also wieder dein Weg.“

Sie folgte seinem Blick. Alte Trauerweide. Ententeich. Edith seufzte. „Na gut, du Sturkopf. Dann eben zur Weide.“

Dort saß Herr Wagner auf der Bank, ein Nachbar, den Edith vom Sehen kannte. Er trug die graue Jacke, die Edith inzwischen immer an ihm sah, und hatte den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen. Seit seine Frau im Frühjahr gestorben war, kam er ihr jedes Mal ein bisschen kleiner vor. „Moritz, komm“, flüsterte Edith. Sie wollte den Mann nicht stören. Das redete sie sich zumindest ein. Vielleicht war es aber auch einfach bequemer, weiterzugehen, als sich zu fragen, ob er wirklich allein sein wollte.

Moritz hörte nicht. Er ging los, langsam und zielstrebig. Direkt auf die Bank zu. Vor Herrn Wagner blieb er stehen und sah ihn einfach nur an. Edith hielt die Luft an. Doch bevor sie etwas sagen konnte, trat Moritz noch einen Schritt näher und legte ganz vorsichtig den Kopf auf das Knie des Mannes.

Herr Wagner zuckte leicht zusammen, als hätte ihn etwas aus weiter Ferne zurückgeholt. Dann sah er nach unten. Auf Moritz. Auf das schiefe Ohr. Auf sein schräges kleines Gesicht. Seine Lippen bebten kurz. Dann legte er seine raue Hand in Moritz’ Fell und streichelte ihn langsam. Edith blieb noch einen Moment stehen, dann setzte sie sich an das andere Ende der Bank.

Moritz bei Herrn Wagner auf der Bank

„Entschuldigen Sie“, sagte sie leise. „Wenn wir stören. Moritz nimmt es manchmal nicht so genau mit höflicher Zurückhaltung.“ Der Mann schüttelte den Kopf. Er sah noch immer auf Moritz hinunter und streichelte weiter, langsam, fast vorsichtig, als müsste er sich erst wieder daran gewöhnen, etwas zu berühren, das warm war und lebte.

„Er stört nicht“, sagte er. Seine Stimme war rau. „Ich habe heute nur noch nichts gesagt. Zu niemandem.“ Edith sagte erst einmal nichts. Herr Wagner streichelte Moritz weiter, ruhig, immer wieder dieselbe Bewegung.

„Man steht morgens auf“, sagte er nach einer Weile, mehr in Moritz’ Fell als zu Edith, „und dann ist da wieder dieser lange Tag. Früher war unten schon Licht oder wenigstens das Geräusch von der Kaffeemaschine. Jetzt ist da nichts. Manchmal bleibe ich auf der Bettkante sitzen und denke: Wofür eigentlich? Es wartet ja niemand auf mich.“

Edith hörte einfach zu. Sonst hätte sie wahrscheinlich längst irgendetwas gesagt. „Die Leute meinen es nicht böse“, sagte Herr Wagner. „Aber entweder sagen sie gar nichts oder nur so Sachen wie: Na, alles gut? Und dabei hört man ja schon, dass auf ein ehrliches Nein keiner vorbereitet ist.“ Er lächelte kurz. Eher mit dem Mund als mit dem Gesicht. „Schönes Wetter heute“, sagte er leise.

Edith musste trotz allem kurz durch die Nase lachen. „Ja“, sagte sie. „Das ist so ein Satz, mit dem man wunderbar an allem vorbeikommt.“ Jetzt hob Herr Wagner den Kopf ein wenig. Nicht viel. Aber genug. Moritz stand noch immer da und rührte sich nicht.

Edith strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und sah auf den Weg vor ihnen. „Wir gehen morgen wieder um die Zeit“, sagte sie dann. „Wenn Sie mögen, kommen Sie einfach mit.“ Herr Wagner sah sie jetzt richtig an. Überrascht. Fast so, als müsste er erst prüfen, ob sie das ernst meinte. Dann lächelte er tatsächlich ein bisschen. „Ja“, sagte er. „Das würde ich gern.“

۞

Am nächsten Tag sah Edith Herrn Wagner schon von Weitem auf der Bank warten. Dabei war sie selbst fast eine Viertelstunde früher losgegangen. Einfach, damit er nicht auf den Gedanken kam, sie hätte das gestern nur aus Höflichkeit gesagt. Moritz entdeckte ihn zuerst. Er lief geradewegs auf die Bank zu, blieb vor Herrn Wagner stehen und sah zu ihm hoch. Herr Wagner beugte sich ein Stück nach vorn und streichelte ihn. „Na, du“, sagte er leise. Und damit gingen sie los.

Die ersten Minuten lief Herr Wagner still neben Edith her. Edith überlegte schon, wie sie ein Gespräch anfangen sollte, ohne gleich bei irgendeinem Wetter-Satz zu landen. Dann kam Moritz aus dem Gebüsch marschiert. Im Maul einen Ast, der links und rechts so weit überstand, dass man sich fragen konnte, wie er damit überhaupt durch die Büsche gekommen war.

Edith musste lachen. Herr Wagner blieb stehen, sah Moritz an und lachte dann ebenfalls. „Wie mein Basko früher“, sagte er und schüttelte den Kopf. „Immer mit irgendwas im Maul, das eigentlich viel zu groß war.“ Moritz blieb vor ihnen stehen, den Ast noch immer im Maul, als wäre das ein völlig normales Teil, mit dem man so unterwegs war.

„Und jetzt?“, murmelte Edith. „Willst du ihn mit nach Hause nehmen?“ Moritz sah sie an, legte den Ast ab und trottete einfach weiter, als hätte er mit der ganzen Sache nichts zu tun. Herr Wagner lächelte noch immer. „Basko hat das auch gemacht“, sagte er. „Erst wichtig anschleppen und dann so tun, als wäre das alles nie seine Idee gewesen.“

Danach mussten sie nicht mehr nach Gespräch suchen. Herr Wagner erzählte von seinem Hund. Nicht am Stück und nicht als große Geschichte. Eher so, wie einem unterwegs etwas wieder einfällt. Hier eine Macke, da eine Erinnerung. Dass Basko Regen nur dann schlimm fand, wenn er von oben kam. Dass er im Alter kaum noch etwas hörte, aber das Rascheln einer Leckerchentüte nie verpasste. Und dass er genau wie Moritz einen eigenen Kopf hatte, wenn es um Wege, Pausen und den Sinn bestimmter Kommandos ging.

Edith hörte zu und dachte, dass sie sich das wirklich unnötig kompliziert vorgestellt hatte. Auf halber Strecke zog sie den Ball aus der Jackentasche und warf ihn ein paar Meter ins Gras. Moritz lief los, fand ihn sofort und kam zurück. Bei Edith ließ er den Ball meistens einfach vor die Füße fallen. Nach dem Motto: Da. Mehr kann ich jetzt auch nicht tun. Bei Herrn Wagner machte er das nicht.

Er ging direkt auf ihn zu, blieb dicht vor ihm stehen und hob den Kopf ein kleines Stück an, bis Herr Wagner ihm den Ball aus dem Maul nahm. „Na, schau mal einer an“, sagte Herr Wagner leise. Er warf den Ball nicht besonders weit. Moritz lief trotzdem los, als ginge es um etwas sehr Wichtiges. Als er zurückkam, machte er es wieder genauso. Vor Herrn Wagner stehen bleiben. Warten. Den Ball nicht einfach fallen lassen.

Edith sah ihm dabei zu und sagte nichts. Später, als Herr Wagner an der nächsten Bank kurz langsamer wurde, blieb Moritz von selbst stehen und drehte sich nach ihm um. „Ist ja gut“, murmelte Edith. „Wir hetzen hier keinen.“ Herr Wagner musste lachen. „Er meint es gut“, sagte er. „Ja“, sagte Edith. „Das tut er.“

Es blieb nicht bei diesem einen Spaziergang. Am nächsten Tag wartete Herr Wagner wieder auf der Bank. Danach immer öfter. Mal saß er schon da, wenn Edith und Moritz um die Ecke kamen. Mal kam er ihnen langsam ein Stück entgegen. Und irgendwann war es, als hätte er einfach dazugehört. Moritz schien das genauso zu sehen. Er passte sich Herrn Wagners Tempo an, blieb stehen, wenn dieser stehenblieb, und sah sich immer wieder nach ihm um.

Eine Frau, der Edith und Moritz auf ihren Runden öfter begegneten, kam ihnen am Teich entgegen. Als sie Moritz sah, lächelte sie sofort. „Da ist ja mein Gute-Laune-Hund wieder“, sagte sie. Edith musste lachen. „Es ist wirklich jedes Mal das Gleiche“, sagte die Frau. „Wenn ich ihn sehe, wird der Tag direkt ein bisschen freundlicher.“ Dann sah sie zu Edith. „Sie haben wirklich Glück mit ihm.“ Sie nickte ihnen zu und ging weiter.

Herr Wagner sah Moritz an, der den Ball im Maul trug und wirkte, als hätte er mit all dem selbstverständlich nichts zu tun. „Ja“, sagte er leise. „Das kann ich verstehen.“

۞

Ein paar Wochen später, während einer ihrer gewohnten Runden durch den Park, blieb Herr Wagner plötzlich stehen. Er wirkte ein wenig verlegen, als er Edith fragte, ob sie ihn und Moritz vielleicht einmal begleiten würden. Seine Schwester lebte am anderen Ende des Parks in einem Pflegeheim. In den letzten Wochen hatte er ihr bei seinen Besuchen so viel von Moritz erzählt, dass sie ihn nun unbedingt einmal selbst kennenlernen wollte. „Nur wenn es für euch passt“, sagte er schnell. „Für dich. Und für Moritz.“

Edith sagte ja. Am nächsten Nachmittag standen sie vor dem Eingang des Heims. Die automatische Tür glitt mit einem leisen Surren zur Seite, und sofort kam ihnen dieser typische Geruch entgegen, den Edith nie richtig einordnen konnte. Sauber, warm und trotzdem irgendwie schwer. Moritz blieb im Eingang einen Moment stehen. Der glatte Boden war ihm nicht geheuer. Seine Pfoten setzten vorsichtiger auf als sonst, und er hielt sich so dicht an Edith, dass sie seine Schulter immer wieder an ihrem Bein spürte. Er sah sich um, nahm alles auf einmal wahr und wirkte für einen Moment fast kleiner als draußen.

„Ist schon gut“, murmelte Edith und strich ihm kurz über den Hals. Auf dem Flur begegnete ihnen eine Pflegerin. Sie blieb stehen, sprach Moritz mit ruhiger Stimme an und hielt ihm erst einmal nur die Hand hin. Moritz blieb noch einen Moment dicht bei Edith, schnupperte kurz und ließ sich dann streicheln.

Die Schwester von Herrn Wagner saß am Fenster des Aufenthaltsraums. Eine schmale Frau mit einem Blick, der sofort an Moritz hängenblieb. „Das ist er also“, sagte sie. Moritz blieb erst dicht bei Edith stehen. Dann ging er langsam auf sie zu und blieb vor ihrem Stuhl stehen. „Darf ich mal?“, fragte die Frau. „Natürlich“, sagte Edith. Sie streckte vorsichtig die Hand aus. Moritz blieb still stehen und ließ sich streicheln.

Am Nebentisch rückte eine andere Bewohnerin ihre Brille zurecht und sah zu ihnen herüber. „Na, was bist du denn für einer?“, sagte sie. „Moritz“, sagte Edith. „Moritz“, wiederholte die Frau lächelnd. Ein Mann, der bisher still aus dem Fenster geschaut hatte, drehte sich jetzt ebenfalls um. „Ich hatte früher einen Schäferhund“, sagte er. „Der mochte keine Postboten. Aber jeden Bäcker.“ Edith musste lachen.

Danach ging es plötzlich ganz von selbst. Eine weitere Bewohnerin fragte, ob sie ihn auch einmal streicheln dürfe. Jemand wollte wissen, wie alt er sei. Und dann kamen sie, diese alten Hundegeschichten. Immer nur eine nach der anderen. Von einem Dackel, der nie hörte. Von einer Hündin, die jeden Morgen schon an der Haustür saß, lange bevor überhaupt jemand Schuhe anhatte. Von einem Mischling, der immer unter dem Küchentisch lag und genau wusste, wann irgendwo ein Stück Wurst herunterfallen könnte.

Moritz ging nicht von allein auf die Leute zu. Er lief nicht herum und machte auch kein großes Aufheben um sich. Aber wenn man ihn freundlich ansprach, blieb er stehen. Wenn sich jemand langsam zu ihm hinunterbeugte, wartete er. Und wenn eine Hand länger in seinem Fell blieb, hielt auch er still. Später, als sie wieder auf dem Flur standen, kam die Pflegerin noch einmal zu Edith. Sie lächelte in Richtung Aufenthaltsraum. „So viel wurde hier heute lange nicht erzählt“, sagte sie.

Edith sah noch einmal durch die offene Tür. „Würden Sie vielleicht noch einmal mit ihm kommen?“, fragte die Pflegerin. „Einfach wieder. Ganz unkompliziert.“ Herr Wagner sah Edith an. Nicht drängend. Eher hoffnungsvoll. Und Edith sagte wieder ja.

Danach kamen sie öfter. Nicht nach festem Plan. Aber regelmäßig genug, dass Moritz irgendwann schon im Eingang wusste, wo sie waren. Er blieb noch immer kurz stehen, wenn sich die Tür öffnete, und der Boden blieb ihm sichtbar suspekt. Aber er musste nicht mehr an Edith kleben, um hineinzugehen. Im Aufenthaltsraum warteten inzwischen schon viele auf ihn. Einige hoben gleich die Hand, wenn Moritz hereinkam. Andere lächelten einfach nur, sobald sie ihn sahen. Und kaum war er da, wurde mehr gesprochen. Es ging kreuz und quer durcheinander, jemand rief etwas vom Fenster herüber, am anderen Ende des Raumes wurde geantwortet, und immer wieder wurde gelacht.

Edith war jedes Mal ein bisschen gerührt, wie selbstverständlich Moritz inzwischen dazugehörte. Eines Tages stand sogar ein eigener Napf für ihn bereit. Und natürlich blieb es nicht dabei. Hier steckte ihm jemand ein Leckerchen zu. Dort wartete schon eine Hand auf ihn, weil sich herumgesprochen hatte, wie vorsichtig er nahm. Moritz ging nicht einfach auf die Leute zu, aber wenn man ihn ansprach, blieb er stehen. Und irgendwann wirkte es, als wüsste er längst, dass er hier erwartet wurde.

Bei Menschen, die sich langsam bewegten, wurde auch Moritz langsamer. Wenn jemand erst nach seiner Hand tastete, blieb er einfach stehen. Wenn eine Bewohnerin länger brauchte, um ihn zu streicheln, wich er nicht aus. Einmal sah Edith, wie er schon vor einer Bank im Flur stehenblieb und sich nach Herrn Wagner und seiner Schwester umsah, als wollte er warten, bis alle wieder beisammen waren. Es waren keine großen Dinge. Aber genau das fiel auf.

Nach einem dieser Besuche sprach die Heimleiterin Edith an. Sie hatte Moritz schon ein paarmal erlebt und bat Edith kurz in ihr Büro. „Ich hoffe, Sie fassen das nicht falsch auf“, sagte sie. „Aber haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, Moritz ausbilden zu lassen?“ Edith sah sie an. „Wofür genau?“ „Es gäbe die Möglichkeit einer begleiteten Ausbildung“, erklärte die Frau. „Für Besuche in Einrichtungen wie unserer. Mit Förderprogramm sogar. Die Kosten könnten übernommen werden.“

Edith sagte im ersten Moment gar nichts. Den Gedanken fand Edith durchaus verlockend. Nicht nur, weil es schmeichelhaft war. Sondern auch, weil sie ja selbst sah, was Moritz bei den Menschen auslöste. Wie Gesichter strahlten. Wie Leute ins Erzählen kamen. Wie stille Nachmittage auf einmal einen anderen Ton bekamen.

Auf dem Heimweg dachte sie trotzdem an den Anfang zurück. An den kleinen Hund, den niemand wollte, weil er nicht recht ins Bild passte. Und jetzt sollte es schon wieder darum gehen, was aus ihm werden konnte. Genau da lag für Edith der Haken. Es hatte einmal nicht gereicht, dass Moritz einfach Moritz war. Sie wollte nicht, dass das jetzt wieder passierte. Nur weil man diesmal etwas Gutes in ihm sah. Sie wollte nicht, dass er schon wieder daran gemessen wurde, was aus ihm werden konnte. Sie wollte, dass es diesmal einfach reichte.

Edith sah zu ihm hinüber. Er lief neben ihr her, den Ball im Maul, und wirkte wieder einmal so ernst, dass sie fast lachen musste. Manchmal kam er ihr vor, als hätte er für sein Alter schon viel zu viel verstanden. Und genau deshalb wollte Edith nicht noch mehr Gewicht auf genau diese Seite legen. Moritz spürte viel. Vielleicht zu viel.

Edith aber wollte etwas anderes aus ihm hervorlocken. Die leichtere Seite. Die alberne. Den jungen Hund, der auch in ihm steckte, selbst wenn man manchmal ein bisschen danach suchen musste.

Moritz springt übermütig mit Ball

Als sie zu Hause ankamen, warf Edith ihm im Garten den Ball. Moritz lief hinterher, erwischte ihn im Gras und kam zurück. Diesmal nicht ernst, nicht bedächtig, nicht so, als hätte er gerade etwas Wichtiges zu erledigen. Sondern mit diesem kurzen, fast übermütigen Hüpfer, den er manchmal machte, wenn für einen Moment der junge Hund in ihm durchkam. Edith lachte. „Ja“, sagte sie. „Genau so.“

Moritz blieb vor ihr stehen, den Ball im Maul und das schiefe Ohr wieder ein bisschen zu hoch, und sah aus, als wäre das schon immer der Plan gewesen.

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Zum Schluss
Der Hund, den keiner wollte, war genau der richtige.
Du möchtest Moritz von Anfang an kennenlernen?
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