Manchmal ist weniger wirklich mehr. Zum Beispiel Zeit.
Während überall von me time die Rede ist, haben Gubacca und ich unsere eigene Variante: we time. Gemeinsame Zeit, bewusst und ohne Stoppuhr.
Früher dachte ich, ein guter Spaziergang müsse vor allem eines sein: lang. Zwei Stunden durch den Wald, ordentlich Bewegung, Hund müde, Mensch zufrieden.
In Wirklichkeit konnte das auch heißen: Ich hing meinen Gedanken hinterher, Gubacca seinen Gerüchen – und am Ende waren wir lange unterwegs gewesen, aber nicht unbedingt besonders viel miteinander.
Der Strandkorb beim Windrad
Heute machen wir es anders. Unsere Mittagsrunde ist heilig. Nicht wegen der Strecke, sondern wegen des Ziels: dem alten Strandkorb beim Windrad.
Irgendjemand hat ihn dort aufgestellt – schief, wettergegerbt, perfekt. Für uns ist er längst mehr als ein Sitzplatz. Er gehört zu unserem Ritual.
Ich setze mich, Gubacca legt sich dazu und bekommt seine längere Streicheleinheit. Danach verstecke ich den Futterbeutel irgendwo auf der Wiese – und er sucht mit einer Ernsthaftigkeit, als hinge das Weltgleichgewicht davon ab.
Danach sitzen wir noch einen Moment dort. Kein Trainingsziel, keine Kilometer, keine Uhr. Einfach wir.
Nicht jede gute Minute braucht ein Ziel
Natürlich passiert auf unserer Mittagsrunde etwas. Gubacca schnüffelt, sucht seinen Futterbeutel, lässt sich kraulen und beobachtet die Umgebung. Aber ich muss daraus keine Trainingseinheit machen und anschließend überprüfen, ob wir unsere Zeit auch sinnvoll genutzt haben.
Genau das ist vermutlich einer der Unterschiede zu früher. Ich war lange ziemlich gut darin, gemeinsame Zeit sofort mit einem Zweck zu versehen: Bewegung, Beschäftigung, Auslastung, Training. Irgendetwas sollte am Ende möglichst herauskommen.
Unser Strandkorb muss nichts können. Wir sitzen dort einfach.
Ein langer Spaziergang kann trotzdem wunderbar sein
Das heißt natürlich nicht, dass unsere langen Runden plötzlich überflüssig wären. Gubacca liebt es, draußen unterwegs zu sein, zu schnüffeln und seine Wege zu laufen. Und ich mag lange Spaziergänge ebenfalls.
Nur ist Länge für mich heute kein Gütesiegel mehr. Zwei Stunden nebeneinander unterwegs zu sein können großartig sein. Zwanzig Minuten mit einem festen kleinen Ritual aber genauso.
Qualität entsteht nicht automatisch dadurch, dass ich möglichst viel Zeit auf die Uhr bekomme.
Gubacca kennt allerdings keine Schlechtwetterregel
Wie fest unser Strandkorb inzwischen zum Ablauf gehört, merke ich besonders bei Regen. Ich bin dann durchaus bereit, Qualität etwas großzügiger zu definieren: zügig nach Hause, trockene Hose, fertig.
Gubacca sieht das anders. Laufe ich einfach am Strandkorb vorbei, bleibt er stehen und sieht mich an, als hätte ich gerade eigenmächtig einen Feiertag aus dem Kalender gestrichen.
Also seufze ich: „Na gut. Nur kurz.“ Zehn Minuten später sitzen wir trotzdem dort. Still, zufrieden und leicht nass.
We time.
Qualität hat bei uns einen ziemlich schiefen Strandkorb
Wer zufällig an unserem Windrad vorbeikommt, würde in diesen zehn Minuten vermutlich nichts Besonderes sehen. Ein Mensch sitzt herum, ein Hund liegt daneben und irgendwann wird irgendwo ein Futterbeutel versteckt.
Für uns gehört genau dieser kleine Ablauf inzwischen zu den Momenten, bei denen ich nicht überlegen muss, ob wir heute genug gemacht haben.
Wir waren zusammen dort. Das reicht.
Unsere Runde.
2017 wollte ich mit dem jungen Gubacca am liebsten alles gleichzeitig machen. Ein Hundebuch erinnerte mich ziemlich deutlich daran, dass ein voller Terminkalender nicht automatisch ein besseres Hundeleben bedeutet.
Weniger ist mehr – und warum mich dieses Hundebuch ertappt hat →.png)
0 comments