Nachdem ganz Deutschland vor einigen Wochen über die große Grippewelle stöhnte, hatte ich dafür nur ein müdes „Augenzwinkern“ übrig. „Ich als Hundebesitzerin bin abgehärtet und doch nie erkältet!“ Naja, vielleicht hätte ich besser sagen sollen: Ich bin doch nicht krank, wenn alle krank sind. Bei mir schlug der Infekt erst zu, als ganz Deutschland sich über das tolle Frühsommerwetter freute. Na super!
Gubacca als Krankenpfleger. Theoretisch.
Ohne Stimme, mit Kopf- und Gliederschmerzen, Reizhusten, Fieber – die Liste könnte ich noch unendlich verlängern, Erkältungen sind einfach schrecklich – lag ich im Bett. Prompt sah ich die „Wick MediNait“-Werbung vor mir: „Ruf meine Mutti an!“ Nicht nur Männer mutieren in solchen „ernsten“ Lebenslagen zu Muttersöhnchen. Auch Töchter können das! ABER ich habe ja zum Glück Gubacca, dachte ich! Gibt es einen liebevolleren Krankenpfleger als den eigenen Hund? Liebevoll schmiegt sich der gute Freund in allen Lebenslagen an einen, teilt das Krankenlager mit mir und ist einfach da! Der zweite Irrglaube, wie ich schnell feststellen durfte.
Unser Lottchen ist so eine perfekte Krankenpflegerin. Zart wie eine Elfe fliegt sie förmlich zu einem ins Bett, um sich dort möglichst unsichtbar an einen zu kuscheln. Nicht so Gubacca! Mit einem kraftvollen Sprung landete Zwerg-Riese jedes Mal zielsicher auf meinem Oberbauch. Dabei schaffte er es noch regelmäßig, meinen Erkältungstee auf dem Nachttisch umzuschmeißen, und fand Kämpfen grundsätzlich viel spannender, als ruhig neben der kranken Bine zu liegen. Na toll, dachte ich, Zwerg-Riese muss doch merken, wie schlecht es mir geht?! Dieser hochgradig sensible und feinfühlige Gos kann doch wohl kaum übersehen, wie ich leide?! Oh doch, er kann!
Und nachdem er es nicht mehr interessant fand, warum die Bine bei herrlichem Sonnenschein im Bett liegt, glänzte er mit Abwesenheit. Von daher müsste das eigentlich einer der ersten Blogbeiträge fast ohne Bilder von Zwerg-Riese werden, weil – der war ja nicht da ... und lag lieber mit Herrchen im Garten in der Sonne.
Und plötzlich musste Detlef übernehmen
Für mich eine vollkommen neue Erfahrung. Wo ich mich doch immer für DIE wichtigste Bezugsperson für Gubacca gehalten hatte. Alles rund um die Erziehung und Ernährung wurde von mir schon direkt nach Zwerg-Rieses Einzug als „Chefin-Sache“ – also mein Bereich – deklariert. Ganz nach dem Motto „Viele Köche verderben den Brei“ stürzte ich mich mit Begeisterung in die Aufgabe und übernahm fast alle Spaziergänge, Hundeschultermine, Ernährung – das volle Programm. Ich denke, bei der Frauenquote, die in den Hundekursen immer vertreten ist, bin ich da kein Einzelfall. Okay, nicht immer mit 100 Prozent Erfolgsquote – aber mit großem Eifer.
Sehr zu meinem Leidwesen musste ich diese Chefsache jetzt komplett aus der Hand geben. Würde Detlef, mein Mann, überhaupt mit Gubacca draußen ohne mich klarkommen? Würde er darauf achten, dass Zwerg-Riese nicht zieht, dass er am Straßenrand sitzt und nur dann weitergeht, wenn er Okay sagt?! Bei unseren vorigen Hunden – wir hatten vor Gubacca schon vier gemeinsame Hunde – hatte ich diese Bedenken nie. Bei Zwerg-Riese mutiere ich zum Superfrauchen. Er ist schließlich der erste richtig große Hund und der sollte ja auch später gut erzogen sein!
Die erste große Erziehungssünde folgte prompt in Form der bösen „Flexileine“. Warum sich mit der fehlenden „Leinenführigkeit“ herumärgern, war Detlefs Meinung, wenn es doch die bequeme Fünf-Meter-Leine gibt. Das Sofa-Verbot gehörte schnell der Vergangenheit an und Zwerg-Riese verfolgt jetzt einträchtig mit Detlef auf dem Sofa sitzend die MotoGP-Rennen auf dem Bildschirm. Ich warte nur noch darauf, dass in Kürze neben der Chips-Schale auch Gubaccas Knabbergebäck steht.
Auch die Futtervorräte von Zwerg-Riese sind wie das Eis in der Sonne geschmolzen – mein Vorrat für die nächste Woche wurde locker in vier Tagen verfüttert. Katastrophale Zustände, über die jeder Martin Rütter oder Erziehungstrainer wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. Aber soll ich euch etwas verraten, was mich innerlich doch sehr wurmt? Detlef hat den liebsten Hund an seiner Seite. Kein In-die-Leine-Beißen oder Anhopsen – nichts!
Ich muss zugeben, ich überbrückte mittlerweile bestimmte Wegstrecken schon routiniert mit „Leckerlie-Werfen“, damit mir Kevin an der Leine erspart bleibt. Detlef hat noch nicht mal ein Leckerchen dabei – ich verfüttere unterwegs die halbe Tagesration ... Irgendetwas läuft da falsch und spontan fällt mir da ein Satz ein, den ich mir eigentlich von Anfang an bei Gubacca zu Herzen nehmen wollte:
Das Schlimmste: Ich bin ersetzbar!
Mein Fazit nach meiner „Zwangspause“ mit Gubacca: Weniger Erziehung ist vielleicht doch mehr und das für mich vielleicht Schlimmste: Ich bin ersetzbar! Zum Glück geht es mir langsam besser und ich werde dann mal versuchen, mich wieder auf die Pole-Position bei Gubacca zu bringen! Wie ich das erreichen werde? Garantiert nicht mehr mit Leinenführigkeit üben und Platz in drei verschiedenen Variationen!
2018 war die Sache für mich eigentlich klar: Ich ging mit Gubacca spazieren, ich kümmerte mich um Hundeschule und Erziehung, ich hatte unterwegs gefühlt einen halben Futterladen in der Tasche – also war ich selbstverständlich DIE Bezugsperson.
Und dann kam Detlef. Flexileine, Sofa, großzügige Futterausgabe und beim Spaziergang noch nicht einmal ein Leckerchen in der Tasche. Ausgerechnet bei ihm lief Zwerg-Riese plötzlich, als hätte er das Thema Leinenführigkeit längst verstanden.
Der Mensch mit dem besten Keks kann für einen Hund sehr schnell interessant werden. Futter beeinflusst Motivation, Aufmerksamkeit und auch kurzfristige Vorlieben. Mit Bindung ist das aber nicht dasselbe. Manche Hunde finden Futter besonders wichtig, andere reagieren mindestens genauso stark auf Lob, Nähe oder gemeinsame Aktivität.
Bindung zeigt sich an anderer Stelle: Gibt ein Mensch Sicherheit? Sucht der Hund ihn in schwierigen Situationen auf? Hilft seine Anwesenheit dabei, sich mit der Umwelt auseinanderzusetzen? Und ein Hund kann durchaus zu mehreren Menschen solche Beziehungen entwickeln – nur müssen sie nicht alle gleich aussehen.
Besonders spannend finde ich dabei Hunde, die für eher selbstständiges Arbeiten selektiert wurden. Untersuchungen zeigen, dass sie bei manchen Problemlöse-Aufgaben weniger häufig beim Menschen „nachfragen“ oder Rückversicherung suchen als besonders kooperativ arbeitende Hunde. Weniger Orientierung am Menschen bedeutet deshalb nicht automatisch weniger Bindung.
Was bei uns damals genau passierte, lässt sich natürlich nicht mehr messen. Aber möglicherweise hatte Detlef gar nicht meine Pole-Position geklaut. Gubacca hatte mit uns beiden einfach unterschiedliche Beziehungen – und bei Herrchen offenbar früh verstanden: Hier wird weniger diskutiert. Und das Sofa ist auch noch frei.
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