Kapitel 9: Von nächtlichen Abenteuern und Treppentragenden Heldinne
Von nächtlichen Abenteuern und Treppentragenden Heldinnen
Tagsüber harmlos: Gubacca beim Aufladen der Batterien für die nächste nächtliche Gartenparty.
Irgendwann merkte ich, dass mein Alltag plötzlich nach einem neuen Takt funktionierte. Nicht in Tagen, nicht in Nächten, sondern in genau zwei Stunden. Zwei Stunden bis zum nächsten Pipi, zwei Stunden bis zur nächsten Futterrunde, zwei Stunden bis zu meinem nächsten Versuch, einen Kaffee zu trinken, bevor er kalt wird.
Und bevor jetzt jemand denkt: Alle zwei Stunden? Das ist übertrieben. War es auch. Alle drei bis vier hätten wahrscheinlich gereicht. Aber ich war in diesem Modus „hoher Einsatz, schneller am Ziel“.
Gubacca hatte dazu jedenfalls eine andere Meinung. Während ich im Halbschlaf im Garten stand und nur dachte: Pippi. Jetzt. Bitte., tobte er ausgelassen über die Wiese, als wäre es mitten am Tag und nicht zu einer Uhrzeit, in der mein Gehirn eigentlich nur noch auf Autopilot läuft. Er rannte, schnüffelte, machte Welpen-Dinge, die vermutlich sehr wichtig waren. Und ich stand daneben, fror ein bisschen, gähnte sehr viel uund liebäugelte kurz damit, mich einfach aufs Sofa zu legen und ihn im Garten toben zu lassen. Natürlich blieb ich stehen. Woche eins macht noch keine Experimente. Aber der Gedanke war da. Kurz. Und erstaunlich verlockend.
Eigentlich war es kein Wunder, dass Gubacca nachts so aktiv war. Tagsüber hatte er die ersten Tage fast komplett verschlafen. Dieses kleine, flauschige Wesen war offiziell bei uns eingezogen, aber den Großteil der Zeit lag es irgendwo herum und sah aus, als würde es sich von der Anreise, dem Umzug und der ganzen Existenz erholen. Wach wurde er dann gerne genau dann, wenn ich eigentlich schlafen wollte. Und genau in dieser absurden Mischung aus nächtlicher Gartenparty und tagsüber Welpen-Koma passierte etwas Unerwartetes: Ich atmete zum ersten Mal tief auf.
Und dachte: Ein Gos d’Atura ist auch nur ein ganz normaler Welpe.
Doch so sehr ich auch versuchte, den „ganz normalen Welpen“ zu sehen – es gab Momente, in denen die Vergangenheit mich einholte. Als meine Züchterin sagte, ich solle ihn am Anfang nicht zu viele Treppen laufen lassen, versetzte mich das sofort zurück in die schmerzhafte Zeit mit Chiru. Dieses ständige Aufpassen, das Begrenzen, das Wissen um kranke Gelenke – ich wollte mit Gubacca keinen Start, der sich von Tag eins an nach Verzicht und Sorge anfühlte.
Mein Plan stand fest: Gubacca sollte die Treppe als natürliche Begrenzung akzeptieren. Er sollte lernen zu warten, bis ich ihn hochhob. Punkt.
Mein Mann erklärte mich schlichtweg für verrückt. „Das schaffst du nie“, prophezeite er kopfschüttelnd. „Willst du das wirklich durchziehen? Er wiegt jetzt schon sieben Kilo – willst du das auch noch mit fünfzehn oder zwanzig Kilo machen?“
Meine Antwort war ein klares: Ja. Wenn ich damit einen wesentlichen Beitrag leisten konnte, dass Gubaccas Gelenke gesund blieben, hätte ich ihn auch mit dreißig Kilo noch die Stufen hochgehievt. Es war meine persönliche Mission gegen die Schatten der Vergangenheit.
Und es funktionierte tatsächlich. Gubacca fand es erstaunlich schnell sehr angenehm, von seinem persönlichen Sessellift von Etage zu Etage transportiert zu werden. Er wartete unten an der Stufe, blickte mich erwartungsvoll an und ließ sich mit einer stoischen Ruhe nach oben bugsieren, die fast schon majestätisch wirkte. Er akzeptierte den „Service“ nicht nur, er forderte ihn mit einer Sachlichkeit ein, die mich schmunzeln ließ. Als wäre ich ein bei Booking.com gebuchter Dienstleister, der nun bitte zuverlässig abzuliefern hatte.
Eines der nächsten großen Kapitel war die erste Begegnung mit Lottchen, dem Biewer-Yorkie meiner Eltern. Lottchen wog gerade einmal fünf Kilo – Gubacca hatte also schon als Welpe einen ordentlichen Gewichtsvorteil. Da Lottchen viel Zeit bei uns verbrachte und an Chiru gehangen hatte wie an einem großen Bruder, wünschte ich mir sehnlichst, dass die beiden ein Dreamteam würden.
Wir planten das Treffen strategisch im Garten: viel Platz, kein Zwang, maximale Fluchtmöglichkeiten. Während ich völlig tiefenentspannt war – was sollte schon passieren? – stand meine Mutter daneben, als würde sie gleich Zeuge einer hochexplosiven chemischen Reaktion werden. In ihrem Kopf lief vermutlich schon der Film „Der Wolf und das siebenjährige Yorkie-Mädchen“.
Lottchen war zunächst vollkommen perplex. Da saß ein fremder, plüschiger Riese auf ihrer geliebten Wiese. Sie griff sofort zu ihrer bewährten Strategie für Situationen, die sie nicht einordnen konnte: Geschwindigkeit. Wie ein aufgezogenes Duracell-Häschen raste sie in wilden Kreisen um Gubacca herum und entwickelte dabei ein beachtliches Tempo.
Und Gubacca? An diesem Nachmittag sah ich ihn zum ersten Mal sichtlich überfordert. Aber er rannte nicht mit. Er bellte nicht. Er tat das genaue Gegenteil: Er ließ sich mitten auf der Wiese in seinen typischen „Großvater-Sitz“ plumpsen – auf dem Po, die Hinterbeine lässig nach vorne gestreckt – und beobachtete das rotierende Fellknäuel mit einer Mischung aus Faszination und Ratlosigkeit. Wie ein alter Herr, der beim Nachmittagstee einem Formel-1-Rennen zusieht.
Plötzlich passierte es: Gubacca begann deutlich sichtbar und hörbar mit den Zähnen zu klappern. Klack-klack-klack. Erst leise. Dann immer deutlicher.
Meine Mutter wurde blass. Sie sah mich entsetzt an, und ich konnte förmlich sehen, wie sie vor ihrem geistigen Auge Lottchen bereits im Welpenmaul verschwinden sah. „Er wird Lottchen doch wohl nicht beißen wollen?!“, fragte sie mit zitternder Stimme.
Ich beruhigte sie sofort, auch wenn ich innerlich selbst ein wenig stutzig wurde. Zähneklappern? Das hatte ich bei einem Hund noch nie gesehen. Mir war klar, dass er keinen Yorkie-Snack plante, aber die Bedeutung erschloss sich mir in diesem Moment absolut nicht.
Heute weiß ich: Es war eine reine Übersprungshandlung. Ein typisches „Gos-Ding“. Wenn das System oben überlastet ist, weil der Reiz zu groß oder das Tempo zu hoch ist, fangen viele Gosis an zu klappern. Es ist ihr Ventil für Überforderung. Ein Signal für: „Ich weiß gerade absolut nicht, wie ich reagieren soll, also klappere ich erst mal eine Runde.“ In diesem Moment war es vor allem eins: der Beginn einer ganz eigenen Art von Kommunikation. Gubacca tickte anders. Er war kein Schattenhund, der sofort alles mitspielte. Er beobachtete. Er entschied. Er klapperte. Und ich begann langsam zu begreifen, dass dieses Wort „anspruchsvoll“ vielleicht gar nicht bedeutete, dass er schwierig war – sondern nur, dass ich lernen musste, seine ganz spezielle Sprache zu lesen.
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