Kapitel 8: Gourmet-Tempel und Garten-Philosophen
Gourmet-Tempel und Garten-Philosophen
Vom Protest-Heuler zum Stammgast: Wenn die Box plötzlich zum begehrtesten Ort im Haus wird.
Die ersten Tage mit Gubacca waren ruhiger, als man es vielleicht erwarten würde. Und das war kein Zufall, sondern ein Plan. Ich hatte mich bewusst dafür entschieden, seine Welt zunächst ganz klein zu halten: Haus, Garten, Ende der Durchsage. Mir ging es nicht darum, es mir leicht zu machen, sondern ihm Zeit zu geben hier wirklich anzukommen. Gubacca fand das Konzept „Urlaub auf Balkonien“ absolut stimmig. Einwände gab es allerdings von der Seitenlinie.
„Du weißt aber schon, dass wir ihm damit gerade beibringen, ausschließlich im Garten stubenrein zu werden?“, gab mein Mann zu bedenken. In seinem Blick flackerte bereits das Horrorszenario eines ausgewachsenen 25-Kilo-Rüden auf, der sich standhaft weigert, sein Geschäft jemals irgendwo anders als exakt zwischen den Hortensien und seinem Lieblings-Gartenstuhl zu verrichten. Dass die Garten-Strategie für mich eigentlich eine Maßnahme gegen Reizüberflutung war, ging im botanischen Sorgenkatalog meines Mannes unter.
Ich winkte ab. Mein Bauchgefühl sagte: Die Welt da draußen kann warten. Aber mein Mann hatte sich in diesen Tagen ohnehin leicht verwandelt. Wo sonst stoische Gelassenheit herrschte, meldete sich plötzlich ein kleiner „Herr Mini-Rütter“ zu Wort, der die strategische Ausrichtung unserer Erziehung hinterfragte. Szenen einer Ehe, frischgebackene Welpeneltern-Edition: Beide wollen alles richtig machen, aber leider beide völlig anders.
Für mich war der Garten trotzdem eine enorme Erleichterung – ein schöner Nebeneffekt meiner Entschleunigungs-Taktik. Statt nach jedem Schläfchen von Gubacca hektisch nach Schuhen zu fahnden und die Leine zu entwirren, hieß es einfach: Tür auf, Zack, draußen. Zumindest in der Theorie. In der Praxis war Gubacca oft schneller. Die kleinen Pfützen im Haus erinnerten mich zuverlässig daran, dass Timing eine Kunst ist, die man nicht in Büchern liest, sondern durch Aufwischen lernt.
So gerne ich über die Befürchtungen meines Mannes die Augen rollte – ganz frei von Neurosen war ich auch nicht. Einen halben Abend verbrachte ich damit, im Internet zu recherchieren, wie viel ein Welpe eigentlich schlafen sollte. Gubacca hatte sich nämlich sofort als Bürohund unentbehrlich gemacht. Nicht durch konstruktive Mitarbeit, sondern durch ein beeindruckendes Repertoire an Schlafpositionen, die mein Homeoffice radikal entschleunigten. In den Wachphasen testete er kurz ein Spielzeug auf Kautauglichkeit und kippte Sekunden später wieder in den Tiefschlaf. Ich machte mir ernsthafte Sorgen: War so viel Schlaf noch normal? Oder war mein Hund krank?
Das Internet war sich ausnahmsweise einig: Ja. Das ist normal. Ein Welpe in diesem Alter verbringt den Großteil des Tages im Land der Träume, um all die neuen Eindrücke zu verarbeiten. Während ich also noch überlegte, ob ich mir Sorgen machen müsste, demonstrierte Gubacca bereits die nächste Schlafposition und wuchs im Zeitlupentempo einfach weiter.
Weniger erfolgreich war ich bei den Nächten. Mein Plan war klar: Die Box sollte Gubaccas sicherer Rückzugsort werden. Die Realität sah anders aus. Auch in der zweiten und dritten Nacht endete ich wieder auf dem Sofa, während Gubacca sich auf den kühlen Fliesen ausstreckte und zufrieden schnarchte. Langsam begann mein Rücken leise, aber bestimmt zu protestieren. Ich sehnte mich nach meinem Bett. Nach einer Matratze. Nach etwas, das nicht bei jeder Bewegung verdächtig knirschte.
In der Theorie hatte sich das Boxentraining so einfach angehört. Fast elegant. Und jetzt sollte ich ausgerechnet hier schon scheitern? Ich zerbrach mir das Gehirn. Überlegte. Verwarf. Überlegte neu. Wie konnte ich Gubacca davon überzeugen, dass die Schlafbox eine brillante Idee war? Und zwar seine. Es gibt eine Sache, mit der man Gubacca immer bekommt. Sein Futter. Vorsichtig formuliert ist er sehr futtermotiviert. Weniger vorsichtig: ein kleiner Fresssack. Mein inzwischen liebevoll so genannter Zwerg-Riese wusste sehr genau, wann Essenszeit war. Also beschloss ich, die Schlafbox kurzerhand in einen Gourmet-Tempel umzubauen.
Von da an wurde ausschließlich in der Box gefüttert. Mehrmals am Tag. Pünktlich. Sehr pünktlich. Der Napf wurde mit ausreichend Tam-Tam hineingestellt, die Tür danach wieder geschlossen. Und jedes Mal, wenn sie zuging, stieg der Wert dieses Ortes ganz erheblich. Die Box wurde interessant. Begehrt. Fast schon heilig. Irgendwann erklärte Gubacca sie endgültig zum persönlichen Heiligtum.
Und dann passierte das, womit ich selbst nicht gerechnet hatte. Eines Abends war ich vermeintlich schusselig. Ich schloss die Box nicht sofort, sondern ließ die Tür noch einen Moment offen. Vielleicht eine Viertelstunde vor seiner eigentlichen Zeit. Der kleine Zwerg-Riese marschierte hinein. Ganz selbstverständlich. Legte sich hin. Und schlief ein – so tief, wie nur Welpen schlafen können. Ich stand daneben und grinste. Na bitte. Geht doch. Die Box war sein Platz geworden. Nicht, weil ich es befohlen hatte, sondern weil er es für eine lohnenswerte Investition hielt. In diesem Moment hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Wir haben uns geeinigt.
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