-->

Kapitel 7: Ein neues Zuhause

Kapitel 7

Ein neues Zuhause

Gos d’Atura Gubacca liegt entspannt in Chirus alten Körbchen

Ein Platz, zwei Geschichten: Gubacca nimmt Chirus Körbchen in Besitz und hinterlässt dabei ganz eigene Pfotenabdrücke in meinem Herzen.

Jetzt lag Gubacca in Chirus Körbchen. Einfach so. Als wäre das jetzt ganz normal. Und ich stand da und hatte für einen Moment dieses seltsame Gefühl, als hätte jemand die Besetzung ausgetauscht, ohne mich zu fragen. Chiru war nicht mehr da. Das war die Wahrheit. Und trotzdem traf es mich, diesen neuen, noch fremden Hund genau dort liegen zu sehen. Mein Kopf dachte: Das ist komisch. Mein Herz dachte: Aua. Und Gubacca dachte: passt.

Vielleicht war genau das das Verstörende daran. Nicht, dass er dort lag. Sondern wie selbstverständlich er es tat. Keine feierliche Übergabe. Kein symbolischer Moment. Kein zartes „Darf ich?“. Er war einfach da, warm und lebendig, und der Platz war belegt. Nicht ersetzt, nicht ausgetauscht. Belegt. Und mein Gehirn musste erst einmal hinterherkommen. Ich hätte gerne behauptet, dass ich in diesem Moment besonders vernünftig war. Dass ich tief durchatmete, innerlich weise nickte und dachte: So ist das Leben. In Wahrheit stand ich da und hatte kurz dieses Gefühl, als müsste ich mich bei Chiru entschuldigen, obwohl er gar nicht mehr da war.

Und dann war da diese zweite, sehr praktische Erkenntnis, die sich in den romantischen Anflug hineinmischte: Mit einem Welpen im Haus bekommt man nicht viel Zeit für bedeutungsschwere Gedanken. Nicht, weil Welpen rücksichtslos wären. Sondern weil sie ein Talent dafür haben, genau dann aktiv zu werden, wenn man gerade kurz die Illusion hat, man könnte mal einen Moment sitzen. Ich merkte ziemlich schnell: Mit einem Welpen verändert sich nicht nur der Tagesablauf, sondern auch der Blick auf alles. Dinge sind nicht mehr einfach „da“. Schuhe sind plötzlich Optionen. Teppiche sind Risiken. Und jeder Raum hat eine eigene kleine Fehlerquote. Man bewegt sich durch die Wohnung wie durch eine Mischung aus Kinderzimmer und Minenfeld und nennt das dann „Alltag“.

Und ich dachte ernsthaft: Wie hatte ich das damals eigentlich hinbekommen?

Dabei wusste ich es natürlich. Man macht es einfach. Man wächst da rein, Schritt für Schritt. Nur vergisst man das komplett, wenn man lange mit einem erwachsenen Hund zusammenlebt. Dann wird so viel selbstverständlich. Stubenreinheit. Ruhe. Dass Dinge einfach liegenbleiben können, ohne dass jemand sie innerhalb von drei Sekunden in ein Experiment verwandelt. Und plötzlich ist da wieder ein Welpe, und alles, was eben noch normal war, fühlt sich an wie ein Zustand, den man sich mühsam zurückerobern muss.

Gubacca war mein fünfter Hund. Viermal hatte ich es hinbekommen. Und trotzdem fühlte ich mich plötzlich wieder wie beim ersten Mal. Vielleicht sogar ein bisschen unsicherer. Nicht, weil ich es nicht wusste. Sondern weil ich es diesmal unbedingt richtig machen wollte.

Dazu kam dieses Wort, das mir in den letzten Monaten immer wieder begegnet war. Anspruchsvolle Rasse. Es war wie ein Etikett, das bei jedem Gespräch ein bisschen größer wurde. Anfangs klang es nur nach Respekt. Dann nach Warnschild. Und irgendwann nach: Du wirst das wahrscheinlich nicht schaffen, aber viel Glück. Kaum jemand reagierte unbefangen, wenn ich erzählte, dass wir einen Gos-Welpen bekommen würden. „Was, ein Gos d’Atura? Wisst ihr, worauf ihr euch da einlasst?“ Skepsis hier, hochgezogene Augenbrauen dort. Dazu diese gut gemeinten Sätze, die immer mit einem Lächeln kamen und trotzdem ein kleines Gewicht hatten. „Die sind speziell.“ „Die brauchen Führung.“ „Die testen.“ Als hätte ich mir nicht einfach einen Hund ausgesucht, sondern ein anspruchsvolles Hobby.

Ich nickte dann meistens sehr professionell und tat so, als würde mich das nicht beeindrucken. Innerlich hörte ich es aber mit. Und es machte etwas mit mir. Es schob meinen Wunsch, alles richtig zu machen, noch ein Stück weiter nach oben. Und zwar genau in den Bereich, in dem man anfängt, sich selbst im Weg zu stehen.

Die erste Nacht begann mit sehr guten Vorsätzen. Wirklich sehr guten. Ich richtete Gubaccas Schlafplatz her: eine kuschelige Box direkt neben meinem Bett, frisch ausgestattet mit Decke und Plüschhund. Ich hatte das gelesen. Mehrfach. In mehreren Versionen. Und weil ich ein Mensch bin, der in Stresssituationen gerne auf Struktur setzt, sah das Ganze für mich schon aus wie ein Plan, der funktionieren musste.

Gubacca schaute sich die Box an. Schaute mich an. Und entschied dann, dass das Thema aus seiner Sicht jetzt geklärt sei. Als das Licht aus war, begann es leise. Ein Winseln. Dann ein Wimmern. Und schließlich heulte er los. Nicht zaghaft. Nicht unsicher. Sondern mit einer Überzeugung, die mich kurz an meiner Entscheidung zweifeln ließ.

Ich lag im Bett und redete mir gut zu. Das ist normal. Das muss er lernen. Konsequenz. Nähe durch Ruhe. Du schaffst das. Nach zehn Minuten dachte ich: Okay, ich schaffe das. Nach zwanzig Minuten dachte ich: Ich schaffe das immer noch. Nach vierzig Minuten dachte ich: Wenn mich jetzt jemand fragt, ob ich mir sicher bin, dass das eine gute Idee war, könnte ich nicht mehr für meine Antwort garantieren.

Irgendwann war es nicht mehr nur dieses Geräusch. Es war die Tatsache, dass mein Körper müde war und mein Kopf gleichzeitig im Hochbetrieb lief. Was, wenn ich jetzt nachgebe? Was, wenn ich nicht nachgebe? Was, wenn das jetzt schon der Anfang davon ist, dass ich „zu weich“ bin? Anspruchsvolle Rasse, hallo. Da sind wir ja wieder.

Zwei Stunden später stand ich im Garten. Barfuß. Im Nachthemd. Mit halb geschlossenen Augen und einer Taschenlampe, die eher symbolisch war. „Gubacca, mach Pippi“, flüsterte ich, fast schon flehend. Gubacca sah mich an, als hätte ich ihm gerade vorgeschlagen, wir könnten doch einfach ein bisschen Steuererklärung machen. Pippi fand er mäßig interessant. Spielen dagegen fand er deutlich attraktiver. Er hüpfte über die Wiese, während ich versuchte, ihm zu folgen und gleichzeitig nicht komplett zu erfrieren.

Zurück im Haus beschloss ich, einen neuen Plan zu machen. Schlaf war dringend notwendig. Teppich eindeutig zu riskant. Die Box hatte sich fürs Erste erledigt. Also zogen wir ins Wohnzimmer um. Fliesen statt Textilien, Risiko minimiert. Gubacca rollte sich in Chirus Körbchen zusammen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, dass wir hier landeten. Ich schlief schließlich auf der Couch ein. Der Kopf auf einem Kissen, das eindeutig nicht für Menschen gedacht war.

Jede Stunde ging es wieder raus. Ich im Halbschlaf, Gubacca in Bestform. Ich wollte Routine, er wollte Abenteuer. Es war ein ziemlich ungleiches Duell.

Der erste Morgen fühlte sich an, als hätte ich gar nicht geschlafen. Mein Körper war müde, mein Kopf leer. Nur Gubacca war hellwach. Sehr hellwach. Er begegnete dem neuen Tag mit einer Begeisterung, die ich ihm nicht ganz so uneingeschränkt erwidern konnte. Während ich versuchte, mir einen Kaffee zu machen, war er ständig in meiner Nähe. Nicht anhänglich – eher neugierig. Nicht „Wo bist du?“, sondern „Was geht hier so?“. Als würde er prüfen, wie dieses Haus funktioniert. Aha, schien er zu denken, das ist also mein neues Reich. Kein Zögern, kein Innehalten. Er hatte keine Fragen. Keine Zweifel. Während ich innerlich noch irgendwo zwischen gestern und heute hing, war er längst angekommen.

Natürlich versuchte ich trotzdem, so etwas wie Struktur einzuführen. Rausgehen. Rein. Füttern. Wieder raus. Ich redete viel. Wahrscheinlich zu viel. Er hörte zu. Oder auch nicht. Schwer zu sagen. Sicher war nur: Gubacca machte sein eigenes Tempo. Und das war deutlich entspannter als meins. Zwischendurch setzte er sich einfach hin. Beobachtete. Ruhte. Dieses berühmte „in sich ruhen“, von dem seine Züchterin gesprochen hatte, war plötzlich sehr greifbar. Es war kein Welpenzauber und auch kein süßes „Ich brauche dich“. Es war eher eine Selbstverständlichkeit. Als hätte er beschlossen, dass Panik keine Option ist.

Ich dagegen sah ihn an, kontrollierte, überlegte. Ob er zufrieden war. Ob ich alles richtig machte. Ob ich ihm gerecht wurde. Ob ich überhaupt wusste, was ich da tue. Und genau da lag der Unterschied zwischen uns beiden an diesem Morgen: Ich suchte Sicherheit. Er hatte sie längst. Er war nicht unsicher. Nicht verloren. Nicht verzweifelt. Er war einfach da. Als hätte er beschlossen, dass das hier jetzt sein Leben ist und damit war die Sache für ihn erledigt. Und ich merkte, wie sehr mich das gleichzeitig beruhigte und traf. Bei Chiru hatte ich vom ersten Tag an dieses Gefühl gehabt: Wir zwei. Bei Gubacca war da erst mal vor allem er. Und ich stand daneben und musste kurz schlucken, weil es sich anders anfühlte, als ich erwartet hatte.

Vielleicht war das der eigentliche Anfang. Nicht die Fahrt. Nicht die Übergabe. Nicht einmal diese chaotische erste Nacht. Sondern dieser Moment, in dem mir klar wurde: Dieser Hund wird nicht automatisch „mein“ Hund, nur weil er jetzt hier ist. Ich werde mir meinen Platz bei ihm verdienen müssen. Und irgendwie fand ich das beängstigend. Und gleichzeitig genau richtig.

  • Share: