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Kapitel 6: Wenn das Warten ein Ende hat

Kapitel 6

Wenn das Warten ein Ende hat

Gos d’Atura Gubacca mit seinen Geschwistern

Startklar im roten Geschirr: Der Moment, in dem aus dem Welpen ein Lebensbegleiter wurde.

Wenn es eine olympische Disziplin im Sich-Sorgen-Machen über ungelegte Eier gäbe, hätte ich gute Chancen auf Edelmetall. Schon Wochen vor Gubaccas Einzug lief mein inneres Gedankenkarussell auf Hochtouren. Was, wenn er das Autofahren nicht vertragen würde? Wenn ihm übel würde und wir stundenlang mit einer vollgekötzelten Box unterwegs wären, ohne auch nur kurz anhalten zu können? Was, wenn er bei einer Pipi-Pause plötzlich vor irgendetwas erschrak, sich aus dem Geschirr wand und direkt auf die Straße lief? Oder wenn er unterwegs partout kein Pippi machen wollte, man aber genau wusste: Er müsste dringend. Entspannte Vorfreude sah anders aus. Es war eher ein permanenter Zustand: „Hurra, endlich!“ gepaart mit „Oh Gott, was habe ich mir dabei gedacht?“

Außerdem schwebte über allem die große Frage: Wie transportiert man eigentlich einen so jungen Hund über so eine lange Strecke? Schoß klang nach Nähe, aber auch nach Chaos, falls ihm übel würde, und nach einem sehr wackligen Sicherheitskonzept. Die Transportbox war nicht romantisch, aber vernünftig. Also gewann die Vernunft. Die Box wurde auf dem Rücksitz festgezurrt, ich würde daneben sitzen, und mein Mann würde fahren. Decken waren eingepackt, Wasser griffbereit, die Route minutiös geplant, inklusive wohlüberlegter Pipi-Pausen. In der Nacht vor der Abfahrt lag ich trotzdem wach. Statt Schafe zählte ich mögliche Katastrophen. In allen Varianten mit mir in der Hauptrolle.

Wir fuhren sehr früh am Morgen los. Der Plan war klar: Ich würde die Strecke hinfahren, auf dem Rückweg dann hinten bei Gubacca sitzen. Die Autobahn war um diese Uhrzeit noch herrlich leer. Mein Mann döste auf dem Beifahrersitz, und ich saß mit einem breiten Grinsen am Steuer. Es fühlte sich leicht an. Richtig leicht. Endlich wieder ein Stück von meinem normalen Leben zurück. Immer wieder wanderten meine Gedanken zu Gubacca. Wie groß er wohl inzwischen war? Kurz zuvor hatte mir die Züchterin geschrieben, dass er jetzt 6,3 Kilo wog. Zwei Kilo mehr als der Biewer Yorki meiner Eltern jemals erreicht hatte. Ein kleiner Riese also. Ich dachte an unseren letzten Besuch, an diesen liebenswerten kleinen Kerl. Und ich ertappte mich bei dem Gedanken: Wenn er nur halb so lieb wie sein Vater würde, dann wäre das hier ein echtes Geschenk..

Sechs Stunden später bogen wir in die Einfahrt der Züchterin ein. Mein Herz pochte plötzlich bis zum Hals. Bis hierhin hatte es sich, rein theoretisch, immer noch so angefühlt, als gäbe es einen Notausgang. Man hätte noch „nein“ sagen können. Es wäre peinlich gewesen, klar. Aber es gab eine Warteliste, und es hätte sich sofort jemand gefunden, der diesen Welpen genommen hätte. Nur: Wir waren diesmal nicht nur zum Schauen da. Das hier war jetzt wirklich. Wir würden gleich mit einem Hund wieder nach Hause fahren. Und damit würde sich mein Leben, zack, wieder komplett neu sortieren.

Die Begrüßung war herzlich, aber mein Blick suchte sofort die Welpen. Sie hatten sich verändert. Aus den tapsigen Fellknäueln, die ich noch von unserem letzten Besuch kannte, waren deutlich gewachsene Welpen geworden. Mein Versuch, Gubacca auf den ersten Blick zu erkennen, scheiterte auch diesmal kläglich. Kein rotes Halsband mehr, keine weiße Pfotenspitze als Orientierung. Stattdessen ein wuscheliges Gewusel kleiner Hütehunde, die mich neugierig musterten. Zum Glück kannte die Züchterin dieses Spiel. Sie deutete auf einen besonders kräftigen Welpen mit grünem Halsband: „Da ist er.“ Natürlich. Der Größte. Er stand mitten im Gewusel, ruhig, präsent, als hätte er beschlossen, dass jetzt sein Auftritt sei. Ich musste lachen. Hier bin ich, schien er zu sagen. Du kannst mich jetzt mitnehmen. Er kam mir riesig vor. Ich hatte einen Welpen erwartet, aber gefühlt stand da schon ein kleiner Junghund vor mir.

Ich schielte zu meinem Mann rüber. Wochenlang hatte ich mit ihm über Zentimeter verhandelt. Wirklich verhandelt. Argumentiert, relativiert, beschwichtigt. „So groß werden die gar nicht.“ „Das wirkt nur auf Fotos so.“ „Im Alltag merkt man das kaum.“ Und jetzt stand da dieser Welpe. Sechs Kilo Selbstverständlichkeit. Ich war mir in diesem Moment ziemlich sicher: Ich bekomme den größten Gos-Rüden ever, ever, ever. Und mein Mann? Der Mann, der anfangs gar keine große Rasse wollte, grinste plötzlich übers ganze Gesicht. „Wenn schon ein Gos“, sagte er zufrieden, „dann darf es auch der Größte sein.“ Mein Gesichtsausdruck muss in diesem Moment wirklich sehenswert gewesen sein.

Gubacca war der erste aus dem Wurf, der auszog. Das fühlte sich komisch an. Alle anderen blieben noch und wir waren jetzt die, die ihn als Erste aus seiner kleinen Welt herausnahmen. Seine Züchterin erzählte, dass sie am Tag davor schon ein bisschen mit ihm an der Leine geübt hatte, damit wir es auf der Rückfahrt leichter haben würden. Das hatte mich wirklich gerührt. Nicht, weil ich dachte, damit würde alles automatisch perfekt laufen – sondern weil man merkte, wie viel Mühe sie sich gab, es uns allen so einfach wie möglich zu machen.

Wir ließen die Welpen dann noch eine Weile im Garten spielen. Der Plan war simpel: müder Welpe, entspanntere Autofahrt. Ich stand eher am Rand und schaute zu. Es war schön, ihm beim Spielen zuzusehen, wie selbstverständlich er zwischen seinen Geschwistern herumwuselte, mal vorneweg, mal mittendrin. Und genau deshalb hielt ich mich bewusst zurück. Das war jetzt seine letzte Stunde mit ihnen. Seine letzte Stunde mit seiner Züchterin, die er, wie man sah, wirklich mochte. Ich wollte nicht die sein, die dazwischenfunkt, nur weil ich es kaum erwarten konnte.

Zum Abschied sollte es noch ein Foto geben. Alle Welpen wurden auf einem Tisch nebeneinander platziert, als hätte irgendjemand geglaubt, man könne eine Handvoll junger Hütehunde einfach kurz arrangieren wie Deko. Es wurde sofort wuschelig. Pfoten überall, Nasen überall, ein Welpe wollte runter, der nächste wollte unbedingt genau in die Kamera, der dritte fand den Nachbarn spannender als die gesamte Situation. Stillhalten wollte keiner. Mit einer Ausnahme. Gubacca setzte sich einfach hin. Nicht wie ein kleiner Streber, nicht übertrieben brav, eher so: Okay, ihr macht euer Ding, ich sitze hier jetzt. Er schaute kurz, blieb sitzen und wartete ab, während um ihn herum alles in Bewegung war. Das Foto war schnell gemacht. Und im Rückblick denke ich: Eigentlich hätte ich es da schon ahnen können. Dieses „Ich sitz das aus“ war nicht nur ein Welpenmoment, das war schon ziemlich viel Gubacca in Reinform.

Dann bekam er sein rotes Geschirr. An seiner dünnen Welpenleine marschierte er mit mir Richtung Auto. Ein letzter Blick zurück? Fehlanzeige. Als wäre das hier einfach der nächste logische Programmpunkt. Während er so neben mir herlief, schlich sich ein merkwürdiges Gefühl ein. Auf der einen Seite war da diese Erleichterung, auf der anderen diese nüchterne Erkenntnis: Das hier ist noch ein „fremder Hund“. Die große Liebe war noch nicht mit einem Donnerschlag über mich hereingebrochen, es war eher ein vorsichtiges Beschnuppern zwischen zwei Wesen, die ab jetzt zusammen ihren Weg gehen würden. Am Gartentor fragte mich die Züchterin augenzwinkernd: „Hast du auch den richtigen Hund erwischt?“ Ich nickte. Und wusste: Ja. Die Entscheidung war richtig. Alles andere würde sich entwickeln.

Die Rückfahrt verlief genauso unspektakulär wie die Hinfahrt. Kaum saß Gubacca in seiner Box, kuschelte er sich in die Decken und schlief fast die ganze Strecke. Ich hatte mir das Ganze deutlich lebhafter vorgestellt. Stattdessen war es eher so, als hätte er innerlich kurz abgehakt: Auto. Neue Menschen. Alles klar. Und dann: schlafen.

Als wir am frühen Abend zu Hause ankamen, war ich hundemüde. 1300 Kilometer und eine schlaflose Nacht davor hatten bei mir Spuren hinterlassen. Normalerweise wäre jetzt dieser eine Moment gekommen: Tasche in die Ecke, Schuhe von den Füßen kicken und ab aufs Sofa. Einmal tief ausatmen und den Rest der Welt vergessen.

Bei meinem Mann funktionierte dieser Autopilot offensichtlich noch blendend. Ich hatte noch nicht mal meine Jacke ausgezogen, da saß er schon mit der Fernbedienung auf dem Sofa. Früher, mit Chiru, hätte ich mich jetzt einfach daneben gesetzt. Chiru hätte sich an mich gekuschelt, und wir hätten den Abend gemütlich ausklingen lassen. Früher.

Aber mit einem Welpen im Schlepptau gibt es kein „Normalerweise“ mehr. Kaum waren Gubaccas Pfoten im Wohnzimmer, kniete ich schon mit der Küchenrolle auf dem Boden. Die erste Pfütze. Während ich wischte, dachte ich nur: Hallo Realität, Bine. Ich ging nicht mehr durchs Haus, ich patrouillierte. Ein Auge auf dem Boden, eins auf dem Welpen. Und in meinem Kopf im Sekundentakt dieselben drei Fragen: Wo ist er? Was macht er? Warum ist es gerade so still? Willkommen zurück im Welpenleben.

Der wohlverdiente Feierabend war innerhalb von Sekunden durch eine Mischung aus Detektivarbeit und Putzdienst ersetzt worden. Anstatt die Beine hochzulegen, scannte ich nun im Sekundentakt den Boden. Das Gefühl der Erschöpfung war immer noch da, aber es wurde von einer völlig neuen Art der Wachsamkeit überlagert, die man bei einem erwachsenen Hund irgendwann komplett vergisst: Wo ist er? Was macht er? Warum ist es gerade so still? Willkommen zurück im Welpenleben.

Gubacca inspizierte erst den Garten, dann das Haus. Chirus Körbchen nahm er kommentarlos in Besitz – allerdings erst, nachdem er seinen Napf bis auf den letzten Krümel geleert hatte. Ich hatte fest damit gerechnet, dass er jammern würde. Seine Geschwister vermissen, das vertraute Umfeld, irgendetwas. Aber Gubacca? Kein Drama. Kein Heimwehkonzert. Ich war darüber sehr erleichtert. Und ziemlich beeindruckt von diesem kleinen Kerl, der offensichtlich nicht vorhatte, die ersten Stunden mit Heimweh zu verbringen.

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