KAPITEL 5: Die schwere Seite der Vorfreude
Die schwere Seite der Vorfreude
Das letzte gemeinsame Foto
Der große Tag war gekommen – am nächsten Tag würden wir zu Gubacca fahren und ihn abholen. Die Tasche stand schon gepackt im Flur, der Wecker war auf 5 Uhr gestellt und eigentlich hätte ich doch vor lauter Vorfreude Luftsprünge machen müssen.
Acht Wochen lang hatte ich jedem Foto und jedem Video von Gubacca und seinen Geschwistern entgegengefiebert. Die Welpen-Cloud war für mich der schönste Schatz; ich kannte jedes Bild in- und auswendig und hatte jedes Video genau analysiert. Ich hatte mich riesig gefreut, dass sich aus dem kleinen Wonneproppen so ein niedliches Bärchen entwickelt hatte. Er war komplett anders als sein quirliges Brüderchen Gustav. Immer einen Schritt zurückhaltender und nicht ganz so wagemutig. Ich fand das toll! Wenn seine Geschwister ihm zu wild wurden, drehte er sich einfach um, suchte sich eine ruhige Ecke und schlief. „Gubacca ruht in sich selbst!“, hatte seine Züchterin einmal zu mir gesagt. Und genau diese Charaktereigenschaft hatte ich mir bei meinem neuen Hund so sehr gewünscht.
Mein Mann hätte wahrscheinlich eher zu Gustav tendiert, er mochte das Wagemutige. Ich hatte aber nur mit dem Kopf geschüttelt: „Nein, lass mal! Die Rasse ist auch so schon anspruchsvoll genug, da muss ich mir nicht noch den Alpha-Rüden aussuchen. Ich bleibe bei dem sanften Bärchen.“
Aber warum breitete sich jetzt immer mehr so ein flaues Bauchgefühl aus? Während ich die neue Leine in die Tasche steckte, musste ich mir ehrlich eingestehen: Ich hatte verdammt große Angst, dass ich die falsche Entscheidung getroffen hatte.
Ich sah zu Detlef hinüber. Er hatte dem Einzug zugestimmt, aber ich wusste, dass er die Zeit ohne Hund eigentlich genossen hatte. Er schätzte die Unabhängigkeit, mal nicht nach dem festen Stunden-Rhythmus eines Hundes leben zu müssen. Detlef wollte einfach mal durchatmen. Vor allem aber wollte er mich schützen. Er wusste, wie sehr es mich jedes Mal zerriss, wenn einer unserer Hunde krank wurde. Er kannte die schlaflosen Nächte und diese schreckliche Hilflosigkeit beim Tierarzt, die Chiru bei uns hinterlassen hatte.
Und ich? Ich packte weiter die Tasche und fragte mich plötzlich ganz nüchtern: Will ich wirklich einen neuen Hund – oder will ich einfach nur mein Leben mit Chiru zurück? Jagte ich einem Phantom nach, einem „Chiru-XXL“?
Ich hatte auch lange überlegt, ob ich Chirus alte Sachen für Gubacca nehmen sollte. Am Ende wurde es ein Kompromiss. Chirus altes Körbchen an seinem angestammten Platz durfte bleiben – darauf blickte ich jetzt. Doch sein Lieblingsspielzeug hatte ich weggeräumt; es lag jetzt sicher in meiner Erinnerungsbox. Der Gedanke, dass ein anderer Hund mit seinem Lieblings-Äffchen spielt - unvorstellbar!
Trotz aller Ernsthaftigkeit hatte ich aber auch Dinge getan, die fast schon komisch waren. Mein ganzer Stolz thronte im Körbchen: Ein großer Plüschhund vom Schwedenhaus. „Der ist viel zu groß!“, hatte mein Mann gespottet. Aber für mich musste es dieser „Knut“ sein – ein Kuschelfreund auf Augenhöhe. (Dass Gubacca am nächsten Tag den „Riesen-Plüschhund“ wie einen Zwerg aussehen lassen würde, ahnte ich da noch nicht.)
In dieser Nacht schlief ich kaum. Die Gedanken verhedderten sich in meinem Kopf. Die eigentliche Frage war nicht, ob ich den Alltag schaffen würde. Die Frage war: Würde ich diesen neuen Hund jemals so lieben können wie Chiru? Hatte ich überhaupt noch genug Liebe übrig? Ich hatte solche Angst vor den Sorgen, die unweigerlich kommen würden. Angst davor, wenn er krank würde. Und die größte Angst von allen: Dass ich irgendwann noch einmal diesen tiefen Schmerz einer Trauer bewältigen muss, der mich schon einmal fast zerrissen hatte. War ich wirklich bereit, mich noch einmal auf dieses ganze Glück einzulassen, wenn ich doch genau wusste, wie weh das Ende tut?
Aber es gab jetzt kein Zurück mehr. Ich atmete tief durch, zog die Decke bis zum Kinn und hoffte einfach nur, dass meine Entscheidung richtig gewesen war.
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