Kapitel 4: Der erste Besuch – Von Schockmomenten und falschen Welpen
Der erste Besuch
Gubacca & ich: Der Beginn einer besonderen Freundschft
Das Osterwochenende war in unserem Kalender dick markiert. Wir hatten mit der Züchterin vereinbart, die Welpen zu besuchen, wenn sie fünf Wochen alt waren. Für mich der perfekte Zeitpunkt, um nicht nur in einen Korb voller „Meerschweinchen“ zu schauen, sondern auch richtige kleine Hunde zu erleben. Obwohl meine bisherigen Erfahrungen da eher bescheiden waren.
Bei meinem Tibet Terrier Chiru war es fast schon ein Running Gag gewesen: Jedes Mal, wenn wir zur Züchterin kamen, öffnete sie die Tür, lächelte und sagte: „Wenn ihr Chiru sucht – er liegt hinter dem Sofa und schläft.“ Er hatte konsequent jeden unserer Besuche verschlafen. Dieses Mal durfte das bitte nicht passieren. Zwischen uns und den Welpen lagen viele Kilometer, und es würde nur diese eine Gelegenheit geben, sie vor dem Einzug zu sehen. Wenn Gubacca also genau dieses eine Osterwochenende ausgewählt hätte, um die Tradition von Chiru fortzusetzen und hinter irgendeinem Sofa zu verschwinden – es wäre… schwierig geworden.
Um die Zeit bis Ostern zu überbrücken, blieb mir nichts anderes übrig als zu warten. Und zu schauen. Der Link zum Foto-Ordner der Züchterin war mein täglicher Begleiter. Ich klickte mich durch alles, was neu hochgeladen wurde – mal nur für einen kurzen Kontrollblick, mal für eine halbe Ewigkeit. Und wenn ich schon mal dabei war, konnte ich auch gleich noch ein drittes Mal schauen. Der Unterschied zu den Wochen davor: Ich schaute nicht mehr nur zum Vergnügen. Ich ging in den Vergleichs-Modus über.
Das Internet war in dieser Phase kein guter Ort. Ich stolperte über Videos anderer Züchter, deren Gos-Welpen scheinbar schon im Alter von vier Wochen große Karrieren starteten. Sie rollten nicht wirklich auf Skateboards durch den Garten, aber sie standen zumindest mit den Vorderpfoten darauf. Das reichte meinem Kopf völlig, um Vergleichstabellen zu eröffnen, die niemand bestellt hatte.
In unserer Cloud hingegen passierte meist: nichts. Die vier Welpen lagen bevorzugt dort, wo das Angebot am größten war – an Mamas Milchbuffet. Da es nur vier Geschwister waren, herrschte ein solcher Überfluss, dass aus den kleinen Zwergen sehr schnell sehr stattliche Welpen wurden. Während ich mir eigentlich hätte denken können, dass ein gut versorgter Welpe etwas Positives ist, begann mein Kopf zu arbeiten. Ich sah uns schon beim ersten Tierarztbesuch zur Impfung. Der Tierarzt würde mich über den Brillenrand hinweg mustern und sagen: „Sie wissen aber schon, dass dieser Welpe etwas… kräftig ist?“
Die Vorstellung brachte mich jedes Mal zum Lachen. Und trotzdem erwischte ich mich dabei, wie ich recherchierte, wie schwer andere Gos-Welpen in diesem Alter waren. Rein aus Interesse natürlich. Ich wollte lediglich ausschließen, dass wir versehentlich einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde vorbereiteten. Meine Gedanken über mögliche Wuchtbrummen behielt ich allerdings für mich. Es wäre mir schlicht zu peinlich gewesen, meinen Mann oder Freunden zu erklären, dass ich nachts wach lag und über den Body-Mass-Index von Gos-Welpen nachdachte, die ich noch nie live gesehen hatte.
Doch dann kam der Tag des erlösenden Cloud-Updates. Ich hielt die Luft an, drückte auf „Play“ und da war es: Ein Video von den ersten Gehversuchen im Garten. Ich hatte ein breites Grinsen im Gesicht, das wahrscheinlich bis zu den Ohren reichte.
Es war wie bei einem Formel-1-Start, nur in Zeitlupe. Gubaccas Bruder Gustav hatte den Dreh natürlich als Erster raus. Während er schon fast den Gartenweg entlangflitzte, sah man meinen Gubacca. Er war... nun ja, bemüht. Er torkelte, er wankte, und die Schwerkraft schien bei ihm etwas stärker zu ziehen als bei seinen Geschwistern, aber: Er lief! Die Theorie, dass er eventuell nur noch rollen könnte, war damit offiziell vom Tisch.
Je näher Ostern rückte, desto seltsamer wurde das Gefühl. Wir hatten ein Hotelzimmer im Wohnort der Züchterin gebucht, alles war organisiert. Und doch fühlte es sich unwirklich an. Wochenlang war dieser Hund nur eine Idee gewesen – ein Pixelhaufen auf meinem Bildschirm und ein Punkt auf einer Gewichtstabelle. Jetzt sollte aus dieser grauen Theorie plötzlich lebendige Praxis werden.
Um die 530 Kilometer nicht am Stück fahren zu müssen, legten wir einen Zwischenstopp bei meiner Schwester ein. So blieben uns am Ostersonntag nur noch gut drei Stunden Fahrt bis zum Ziel. Eigentlich ein entspannter Endspurt. Im Auto war es ruhig. Ich hing meinen Gedanken nach und hoffte, dass die Praxis auch nur annähernd so aussehen würde wie meine Cloud-Theorie.
Dann bogen wir in die Straße der Züchterin ein. Motor aus. Aussteigen. Bevor ich überhaupt „Hallo“ sagen konnte, stürmten vier erwachsene Gos d’Aturas an das Gartentor. Sie bellten laut, sie waren schnell und sie waren vor allem eines: groß. Sehr groß. In meiner Erinnerung war die Rasse irgendwie kompakter gewesen. Kniehoch vielleicht. Diese Hunde hier wirkten eher wie Wachhunde.
Ich merkte, wie mir schlagartig die Farbe aus dem Gesicht wich. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf: Wie kommst du aus dieser Nummer eigentlich wieder raus? Ich traute mich kaum, zu meinem Mann hinüberzusehen. Als ich es schließlich doch tat, stand er einfach nur da. Ruhig. Mit diesem Blick, der so viel bedeutete wie: Na, da hast du dir ja ordentlich was vorgenommen!
Bevor der Impuls, unsichtbar zu werden oder sofort umzudrehen, die Oberhand gewinnen konnte, öffnete sich die Tür. Die Welpen kamen angewackelt. Eigentlich hätte ich jetzt einen Trommelwirbel erwartet. Fanfaren. Dieses überwältigende Gefühl, dass plötzlich alles passt. Stattdessen passierte … erst mal nichts. Gustav war leicht zu erkennen. Kleiner, schlanker und dunkler als der Rest. Aber die anderen drei? In meinen Augen sahen sie völlig identisch aus.
Ich wollte mir natürlich keine Blöße geben. Also begann ich ein hektisches, fast schon detektivisches Suchen nach dieser einen winzigen weißen Pfotenspitze, während ich so tat, als würde ich einfach nur das Gewusel genießen.
Während ich mit zusammengekniffenen Augen das Welpengerangel fixierte, arbeitete mein Kopf auf Hochtouren. Alle vier Welpen waren bereits fest versprochen. Ein spontanes Umschwenken, wie damals bei meinem Tibet Terrier Chiru, als ich ewig zwischen ihm und seinem Bruder hin- und hergeschwankt war, gab es diesmal nicht. Hier hieß es: Entweder ich hatte mich richtig entschieden. Oder eben nicht..
Was, wenn der freche, schlanke Gustav plötzlich mein Herz erobern würde? Was, wenn mein Bauchgefühl mich am Bildschirm komplett im Stich gelassen hatte? Das innere Zittern hielt an, bis die Züchterin mein Zögern bemerkte. Sie bückte sich, angelte einen der wuseligen Zwerge aus der Menge und hob ihn hoch. „Das ist er.“ In diesem Moment folgte auf das hektische Suchen ein tiefes inneres Aufatmen. Da war sie. Die Pfotenspitze. Da war er endlich. Es war kein Blitzschlag. Eher ein leises Gefühl von: Gut. Das passt.
Wir hatten das große Glück, dass auch Gubaccas Vater Roca bei der Züchterin lebte – eine Seltenheit, die ich als echtes Privileg empfand. Während die Hündinnen uns eher mit katalanischer Zurückhaltung musterten, war Roca sofort präsent. Er hielt sich ständig in unserer Nähe auf, pendelte zwischen uns und den Welpen und suchte immer wieder den Kontakt. Es war beruhigend zu sehen, wie selbstverständlich menschenbezogen dieser Hund war.
Und scheinbar hatte Roca einen Plan: Ab dem Moment, als wir uns auf die Terrasse setzten, ernannte er meinen Mann kurzerhand zu seinem neuen besten Freund. Er wich ihm nicht mehr von der Seite. Die anfängliche Skepsis meines Mannes geriet ins Wanken. Nicht auf die überschwängliche Art – dafür ist er nicht gemacht –, sondern leise. Widerwillig fast. Irgendwann musste er zugeben, dass dieser Hund durchaus Charme hatte
Nach einer Weile lud uns die Züchterin ins Haus ein, um bei einer Tasse Kaffee ein wenig zur Ruhe zu kommen. „Nehmt doch Gubacca direkt mit rein“, schlug sie vor. Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Ich schnappte mir meinen vermeintlichen Herzenshund, trug ihn wie eine Trophäe ins Wohnzimmer und ließ mich auf die Couch sinken.
Der kleine Welpe kuschelte sich eng an mich, seufzte einmal tief und schlief innerhalb von Sekunden auf meinem Schoß ein. Ich war begeistert. Nicht laut, nicht überschwänglich – aber mit der tiefen inneren Gewissheit, dass sich hier gerade alles bestätigte, was ich mir vorgestellt hatte.
Als der Zwerg tief und fest schlief, meinte die Züchterin beiläufig: „Das ist doch ein guter Moment, um ihm kurz die Krallen zu schneiden.“ Sie holte eine kleine Schere, drehte den schlafenden Welpen vorsichtig auf den Rücken und hielt inne. Ein Blick. Ein kurzes Zögern. Dann sah sie mich an. „Oh, Bine … das ist ja gar nicht Gubacca.“
Für einen Moment wusste ich nicht, ob ich lachen oder im Boden versinken sollte. Da saß ich nun, völlig überzeugt davon, gerade eine besondere Verbindung zu meinem Hund aufgebaut zu haben – und hatte stattdessen Gubaccas Schwester Goo Goo auf dem Schoß.
Und wo war der echte Gubacca? Er hatte die ganze Aufregung schlichtweg verpasst. Er war draußen in seinem kleinen Spielhäuschen im Garten eingeschlafen und dachte gar nicht daran, für meine Kuschel-Fantasien sein Nickerchen zu unterbrechen. Als er schließlich doch noch „hereingereicht“ wurde, war seine Begeisterung über die Störung... nun ja, überschaubar. Er schaute uns an, als wollte er sagen „Muss das jetzt wirklich sein?“
Während ich noch damit beschäftigt war, mein Ego nach der Goo-Goo-Verwechslung wieder einzusammeln, hatte sich Roca längst endgültig in der Nähe meines Mannes eingerichtet. Er wich ihm nicht von der Seite, lehnte sich zwischendurch an sein Bein und beobachtete mit wachem Interesse, was um ihn herum passierte.
Hellhörig wurde er allerdings erst, als der Kuchen in sein Blickfeld rückte. Roca beschloss, sich dort noch ein wenig näher einzubringen. Ganz beiläufig, ohne jede Hektik, stellte er die Vorderpfoten auf die Küchenarbeitsplatte. Es war kein Sprung. Kein Versuch. Eher eine ergonomische Entscheidung. Sein Kopf ragte mühelos über die Kante, und er musterte den Kuchen mit ruhiger Konzentration.
Mein Mann erstarrte. Ich konnte förmlich sehen, wie in seinem Kopf eine schnelle Rechnung ablief: Roca ist der Vater. Gubacca wird so groß wie Roca. Gubacca wird also auch Pfoten auf Arbeitsplatten legen können. „Aber das wird unser Gubacca ja hoffentlich nicht machen?“, fragte er schließlich – mit einer Mischung aus echter Sorge und vorsichtigem Entsetzen. „Nein“, sagte ich sofort. „Natürlich nicht.“ Innerlich setzte ich mir eine Notiz. Punkt eins auf der Trainingsliste: Küchentabu. Ein sehr konsequentes Küchentabu. Mir war klar: Sollte Gubacca jemals mit der Nase auf der Küchenarbeitsplatte landen, wäre er in diesem Moment ganz schnell nicht mehr unser Hund – sondern allein Bines..
Als wir am nächsten Tag wieder im Auto saßen und Richtung Heimat fuhren, waren meine Unsicherheiten verflogen. Gubacca hatte mein Herz erobert. Und Roca hatte mir gezeigt, dass groß und selbstbewusst nicht automatisch kompliziert bedeutete. Ich lehnte mich zurück und dachte: Ja. Genau so.
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