Kapitel 3: Liebe auf den ersten Blick
Liebe auf den ersten Blick
Gubacca – Nummer zwei von links mit der weißen Pfotenspitze.
Nachdem ich mich auf die Welpenliste hatte setzen lassen, begann das Warten. Eine Tätigkeit, für die ich nachweislich nicht gemacht bin. Und wie erwartet meldeten sich auch die Zweifel. Zwischen Marl und der Züchterin lagen über 500 Kilometer – eine Distanz, die mir schwer im Magen lag.
Während ich Chiru damals fast beim Wachsen zuschauen konnte, weil seine Züchterin nur zwanzig Kilometer entfernt wohnte, war mir diesmal klar: Ich würde den Welpen nicht regelmäßig besuchen können. Am Ende müsste ich mich fast „blind“ für ein Lebewesen entscheiden, das ich nur ein einziges Mal live sehen würde, bevor ich es mit nach Hause nehme.
Zeitgleich erwartete eine Freundin von mir einen Wurf Tibet Terrier. Mein Verstand schrie förmlich: „Geh auf Nummer sicher!“ Da war alles eine bekannte Größe: die Rasse, die Züchterin, die Nähe. Nimm die gemütlichen Plüschpantoffeln, die du kennst. Mein Mann sah das genauso. Wenn überhaupt ein Hund, dann bitte wieder ein Tibi. Alles daran war vernünftig. Und sicher.
Aber die Faszination für diesen „XXL-Chiru“ saß tief. Und so blieb ich auf der Warteliste für den Gos – auch wenn sich die Frage „Ist das wirklich die richtige Entscheidung?“ wie ein roter Faden durch die Wochen zog.
Eines Abends sagte mein Mann mit einem Seufzer: „Wenn ich schon bei der Rasse nachgeben musste, dann will ich wenigstens beim Namen mitreden. “Ein unerwarteter Wunsch. Und einer, bei dem bei mir sofort die Alarmsignale angingen. Bisher hatten wir sehr unterschiedliche Vorstellungen von Hundenamen.
„Na gut“, sagte ich. „Schieß los.“ Er holte tief Luft. „Alfred.“ Ich starrte ihn an. „Alfred? Im Ernst? Das klingt nach einem Onkel, der in weißen Tennissocken Sandalen trägt.“ Er grinste. „Ach, dir kann man es aber auch nie recht machen. Dann eben … Chewbacca!“ Ich blinzelte ihn fassungslos an. „Wie bitte?“ Ich war mir ziemlich sicher, dass er mich mit diesen Vorschlägen nur foppen wollte.
Tausend Fragezeichen tanzten durch meinen Kopf. Mein Mann erklärte stolz, das sei eine Figur aus Star Wars. Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete, also googelte ich. Und tatsächlich: Der pelzige Wookiee hatte irgendwie etwas von einem Gos d’Atura. Witzig war der Name ja. Aber ein kurzer Blick ins Netz zeigte: Langhaarhunde namens Chewbacca gibt es wie Sand am Meer.
Zuerst dachte ich pragmatisch, wir nennen ihn offiziell so und ich rufe ihn einfach Bacca. Aber dann packte mich der Ehrgeiz. Ich wollte keinen Allerwelts-Namen. Außerdem brauchten wir für die Ahnentafel einen Namen mit G. So wurde aus dem Star-Wars-Monster mein ganz persönlicher Gubacca. Natürlich konnte ich es mir nicht verkneifen, meinem Mann unter die Nase zu reiben, dass er sich einen Allerweltsnamen ausgesucht hatte, während ich etwas Einmaliges erschaffen hatte. Bis heute ist der Name einmalig. Googelst du nach Gubacca, findest du nur ihn.
Der Name war da. Der Hund noch nicht.
Dann ging alles schneller als gedacht. Wie immer schaute ich vor dem Schlafengehen noch einmal auf Facebook vorbei. Mein Mann schlief bereits tief und fest neben mir. Da ploppte die Nachricht auf: „Die Welpen sind da!“ Ich war sofort hellwach. In diesem Moment war ich mit dieser Freude allein. Ich hätte es am liebsten in die Welt hinausgeschrien – aber es war mitten in der Nacht. Also saß ich da, das Handy als einzige Lichtquelle, und starrte auf das erste Foto. Vier kleine Wesen in der Wurfkiste. Ich zog das Bild mit zwei Fingern groß.
In diesem Moment passierte etwas. Ich, die Frau, die beim Bäcker vor der Kuchentheke regelmäßig an ihre Entscheidungsgrenzen stößt, wusste es sofort. Ohne Zweifel. Ohne langes Hin und Her. Auf dem Foto lagen alle vier Welpen nebeneinander. Gleich groß. Gleiche Farbe. Eigentlich kaum voneinander zu unterscheiden. Und trotzdem blieb mein Blick an einem hängen.
Der zweite von links. Mit dieser kleinen weißen Fellspitze an der Pfote. Ich starrte auf das Bild und dachte: Das ist er. Bei Chiru hatte ich damals die gesamte Familie wochenlang in den Wahnsinn getrieben, weil ich mich zwischen ihm und seinem Bruder nicht entscheiden konnte. Hier war es anders. Ich wusste nicht nur, dass mein Hund in diesem Wurf lag. Ich wusste auch, welcher es war. Der nächste Gedanke kam sofort hinterher: Hoffentlich ist es auch ein Rüde.
Der nächste Morgen zog sich endlos. Ich tigerte mit der Kaffeetasse in der Hand durch die Küche und starrte auf die Uhr an der Wand.
07:15 Uhr. Zu früh.
08:22 Uhr. Immer noch zu früh.
Als die Zeiger endlich auf Punkt neun sprangen, tippte ich mit zittrigen Fingern die Nummer der Züchterin ein. Mein Atem stockte, als sie abhob.
„Es sind zwei Rüden und zwei Mädchen“, sagte sie nach der ersten Begrüßung.
Ich traute mich kaum zu fragen. „Und der zweite von links? Der mit der hellen Pfotenspitze?“
„Das ist ein Rüde.“ Mehr brauchte es nicht. Gubacca war geboren.
Die nächsten Wochen fühlten sich trotzdem seltsam unwirklich an. Mein Handy wurde zu meiner wichtigsten Informationsquelle. Ich öffnete das Online-Album mehrmals täglich und suchte auf jedem neuen Foto nach der weißen Pfotenspitze. Da die Welpen anfangs keine bunten Bänder trugen, entwickelte ich einen erstaunlichen Ehrgeiz in Sachen Wiedererkennung. Ich zoomte, verglich, zweifelte und begann erneut. Mal war ich mir sicher, mal weniger.
Realistisch betrachtet kannte ich diesen Hund noch gar nicht. Ich hatte ihn nie im Arm gehalten, nie seine Wärme gespürt, ihn nie wirklich erlebt. Und trotzdem wusste ich inzwischen erstaunlich viel über ein Wesen, das irgendwo in Sachsen lag und schlief. Gubacca war noch kein Hund in meinem Alltag. Aber er war da.
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