Kapitel 29: Als aus Welpen Rüden wurde
Das Ende einer Freundschaft
Zwei Monate sind eigentlich keine besonders lange Zeit. Wenn man sich vorher mehrmals in der Woche gesehen hat, können sie sich trotzdem wie eine kleine Ewigkeit anfühlen. Bei Dexter und Gubacca war in diesem Sommer einfach der Wurm drin gewesen. Erst war ich im Urlaub, dann Biggi. Auch unser gemeinsamer Einzelunterricht pausierte. Normalerweise gehörten die Treffen fest zu unserem Alltag: Gemeinsame Spaziergänge, Spielen auf der Wiese und einmal in der Woche das Training mit Marion. Plötzlich passte es über Wochen nicht. Als wir endlich wieder einen gemeinsamen Termin fanden, freute ich mich deshalb umso mehr. Nicht nur auf Biggi. Ich war mir sicher, dass auch die beiden Hunde begeistert sein würden, sich wiederzusehen. Schließlich waren Dexter und Gubacca zusammen aufgewachsen. Sie hatten sich als Welpen im strömenden Regen kennengelernt, gemeinsam Wiesen in Schlammflächen verwandelt und uns danach regelmäßig zwei vollkommen erschöpfte Hunde beschert. Dexter war damals das fehlende Puzzleteil gewesen. Der Spielkamerad, bei dem Gubacca nicht ständig zu wild, zu körperlich oder einfach zu viel war. Zwei Hunde, die sich gefunden hatten. Was sollte nach zwei Monaten schon anders sein?
Biggi holte mich wie immer mit dem Auto ab. Dexter saß im Kofferraum, Gubacca bekam seinen gewohnten Platz vorne bei mir im Fußraum. Diese Sitzordnung hatte sich irgendwann ganz selbstverständlich ergeben. Jeder wusste, wohin er gehörte, und wir machten uns auf den Weg zu unserer Trainingsstunde. Vorher wollten wir die beiden auf ihrer vertraute Spielwiese noch eine Runde gemeinsam laufen lassen. Ein bisschen Wiedersehensfreude, etwas Bewegung und danach zwei zufriedene Hunde im Training. So jedenfalls der Plan.
Wir hielten an der Wiese. Gubacca stieg zuerst mit mir aus. Biggi ging nach hinten und öffnete den Kofferraum, um Dexter herauszulassen. Dann ging alles so schnell, dass zwischen Erkennen und Reagieren praktisch keine Zeit blieb: Kaum war Dexter aus dem Auto, stürzten sich die beiden aufeinander. Kein kurzes Zögern. Kein vorsichtiges Beschnuppern. Kein Moment, in dem man hätte denken können: Die sortieren sich gerade nur neu.
Die Geräusche klangen nicht freundlich. Ich hatte die beiden oft miteinander raufen gehört. Ihr Spiel war nie leise oder besonders zimperlich gewesen. Da wurde geknurrt, gerempelt und mit vollem Körpereinsatz gearbeitet. Aber das hier klang anders. Es gibt Geräusche, bei denen der Körper schneller versteht als der Kopf. Noch bevor ich richtig begreifen konnte, was dort gerade passierte, wusste ich: Das ist kein Spiel.
Biggi und ich schrien ihre Namen. Wir riefen, versuchten sie zu erreichen und standen gleichzeitig vollkommen hilflos daneben. Nichts davon kam bei ihnen an. Sie waren so ineinander verkeilt, dass wir nicht einfach dazwischenfassen konnten. Also blieb uns nur, auf diesen einen kurzen Moment zu warten, in dem sich die Spannung für eine Sekunde löste. Als diese Pause endlich kam, griffen wir zu. Ob das der richtige Weg war, weiß ich nicht. In diesem Augenblick fiel uns kein anderer ein. Wir trennten die beiden so schnell wie möglich und brachten Abstand zwischen sie.
Danach kontrollierten wir jeden Zentimeter Hund. Ohren. Hals. Beine. Gesicht. Nichts. Beide waren unverletzt. Das hätte mich beruhigen müssen. Tat es aber nicht. Das Ausbleiben einer Verletzung machte die vorangegangenen Minuten nicht automatisch zu einem harmlosen Kräftemessen. Es fühlte sich nicht an, als hätten zwei Jungrüden kurz geklärt, wer heute zuerst auf die Wiese durfte. Dafür war zu viel Ernst in dieser Begegnung gewesen. Die beiden standen nun weit voneinander entfernt. Körper angespannt, Blicke fest aufeinander gerichtet. Von der alten Wiedersehensfreude war nichts zu sehen. Es wirkte, als wäre zwischen ihnen innerhalb weniger Sekunden etwas zerbrochen, von dem wir bis dahin nicht einmal gewusst hatten, dass es gefährdet war.
Wir waren beide vollkommen aufgewühlt. Trotzdem fuhren wir zu unserer Trainingsstunde. Vielleicht hofften wir, Marion könnte uns erklären, was gerade passiert war. Vielleicht wollten wir auch einfach nicht mit diesem Schreck allein nach Hause fahren. Im Auto saß jeder wieder an seinem gewohnten Platz. Nur fühlte sich die vertraute Sitzordnung plötzlich nicht mehr vertraut an. Dexter hinten, Gubacca vorne. Dazwischen lagen auf einmal nicht nur ein paar Sitze, sondern eine Grenze.
Auf dem Hundeplatz war an gemeinsames Arbeiten nicht zu denken. Sobald die beiden sich sahen, gingen sie in die Leine. Sie bellten, zogen und waren kaum ansprechbar. Biggi und ich standen jeweils mit einem aufgebrachten Jungrüden am anderen Ende des Platzes und versuchten, irgendwie Ruhe in eine Situation zu bringen, in der niemand mehr ruhig war. Am wenigsten wir selbst. Marion sprach lange mit uns. Sie bot an, kontrolliert und mit Maulkörben an der Situation zu arbeiten. Objektiv war das eine Möglichkeit. Für uns fühlte sie sich in diesem Moment trotzdem nicht richtig an. Die Erinnerung an die Wiese war noch viel zu frisch. Wir hatten beide Angst, dass die Situation erneut eskalieren und trotz aller Sicherung einer der Hunde verletzt werden könnte. Wir wollten keinen Versuch starten, bei dem wir innerlich schon vor dem ersten Schritt die Luft anhielten. Also ließen wir es für diesen Tag.
Später versuchten wir noch gemeinsame Spaziergänge an der Leine. Mit Abstand, kontrolliert und ohne die Erwartung, dass die beiden sofort wieder miteinander spielen sollten. Aber wir waren alle vier angespannt. Biggi beobachtete Dexter. Ich beobachtete Gubacca. Gleichzeitig beobachteten wir einander und versuchten einzuschätzen, ob der Abstand groß genug war, ob einer der Hunde den anderen fixierte und ob die nächste Reaktion schon in der Luft lag. Von einem Spaziergang konnte kaum die Rede sein. Es war eher eine gemeinsam durchgeführte Überwachungsmaßnahme. Die Hunde spürten unsere Anspannung vermutlich ebenso deutlich wie wir ihre. Jeder Blick des anderen wurde wichtig. Jede Bewegung bekam Bedeutung. Die alte Selbstverständlichkeit war verschwunden.
Nach diesen Versuchen mussten wir uns eingestehen, dass es nicht funktionierte. Ausgerechnet das hatten wir mit unserem gemeinsamen Einzeltraining verhindern wollen. Marion hatte die beiden begleitet, weil sich ihr Spiel bereits verändert hatte. Dexter war körperlicher geworden, Gubacca wollte häufiger rennen und ausweichen. Wir hatten früh hingeschaut, eingegriffen und versucht, ihre Freundschaft so zu begleiten, dass beide sich weiterhin miteinander wohlfühlten. Und trotzdem standen wir nun genau an dem Punkt, den wir niemals hatten erreichen wollen. Unsere gemeinsamen Trainingsstunden waren vorbei. Die Spaziergänge ebenfalls.
Ich fragte mich immer wieder, was wir falsch gemacht hatten. Hatten wir erste Signale übersehen? Hätten wir die beiden nach der langen Pause nicht einfach gemeinsam auf die Wiese lassen dürfen? Wäre ein ruhiger Leinenspaziergang vor dem Ableinen besser gewesen? Hätten sie mehr Abstand, mehr Zeit oder eine andere Begrüßung gebraucht? In meinem Kopf entstanden unzählige Varianten dieses Nachmittags. In jeder davon machten wir an irgendeiner Stelle etwas anders und am Ende liefen Dexter und Gubacca wieder gemeinsam über die Wiese. Nur ließ sich die wirkliche Begegnung nicht zurückspulen. Vielleicht hatten wir tatsächlich Fehler gemacht. Vielleicht waren aus zwei Welpen während dieser Pause einfach zwei junge Rüden geworden, deren Verhältnis nicht mehr dasselbe war. Wahrscheinlich lag die Wahrheit irgendwo dazwischen. Eine eindeutige Antwort fanden wir nicht. Was blieb, war die Erkenntnis, dass ihre alte Freundschaft nicht mehr trug.
Das tat nicht nur wegen Gubacca weh. Biggi und ich hatten uns durch unsere Hunde kennengelernt. Wir waren keine langjährigen Freundinnen gewesen, die zufällig zwei gleichaltrige Welpen bekamen. Dexter und Gubacca waren unser erstes Bindeglied. Durch sie entstanden die Treffen, die Gespräche, das gemeinsame Training und schließlich auch unsere Verbindung. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn unsere Freundschaft schon vorher bestanden hätte. Dann hätten wir uns weiterhin getroffen und die Hunde eben zu Hause gelassen. Aber unser gemeinsamer Alltag war um Dexter und Gubacca herum entstanden. Als die beiden nicht mehr zusammen sein konnten, fiel seine Mitte weg.
Es gab keinen Streit zwischen Biggi und mir. Niemand machte der anderen einen Vorwurf. Trotzdem wurden die Treffen weniger, weil plötzlich all das nicht mehr möglich war, was uns bis dahin so selbstverständlich zusammengebracht hatte. Ich vermisste die gemeinsamen Spaziergänge. Das Abholen mit dem Auto. Die Wiese. Das Training. Und diese besondere Form des Austauschs, die nur entsteht, wenn zwei Menschen gleichzeitig mit jungen Hunden durch dieselbe anstrengende Phase gehen. Bei Biggi musste ich nie erklären, warum meine Jacke Löcher hatte oder weshalb ein ruhiger Abend für mich bereits als außergewöhnlicher Erfolg galt. Sie kannte diese Tage selbst. Wir konnten über Dinge lachen, für die andere uns vermutlich nur mitleidig angesehen hätten.
Natürlich hatten wir inzwischen auch andere Menschen und Hunde kennengelernt. Gubacca hatte neue Kontakte und ich neue Freundschaften geschlossen. Aber das gemeinsame Aufwachsen mit Dexter war etwas Besonderes gewesen. Er war nicht irgendein Hund auf einer Spielwiese. Er war der Welpe gewesen, der genau im richtigen Moment in unser Leben gekommen war. Damals, als ich glaubte, Gubacca sei überall zu viel und wir beide würden nirgendwo richtig hineinpassen. Mit Dexter und Biggi hatte es plötzlich einen Ort gegeben, an dem wir uns nicht erklären mussten. Nun war auch dieser Ort verschwunden.
Der Streit der Hunde war laut gewesen. Das, was danach zwischen uns wegfiel, war erstaunlich leise.

.png)