Der Tag, an dem der Hühnerhals ausfiel
Mit Gubaccas Durchfall waren wir ja eigentlich schon durch. Zumindest blogtechnisch. Dass die ganze Geschichte aber noch ein kleines Nachspiel haben würde, hatte ich nicht bedacht.
Denn Schonkost ist ja schön und gut. Moro’sche Möhrensuppe lässt sich nur ziemlich schlecht in den Leckerlibeutel füllen. Gekochtes Huhn mit Reis übrigens auch.
Also musste es unterwegs ein paar Tage ohne gehen. Kein Problem, oder? Oh doch.
Denn ich musste feststellen, dass sich bei uns in über neun Jahren eine erstaunliche Menge kleiner Belohnungsrituale eingeschlichen hat. Und bei einigen davon kann ich heute nicht einmal mehr mit Sicherheit sagen, warum es sie überhaupt gibt.
Das Leckerchen, wenn Gubacca ruhig vor dem Bäcker gewartet hat, kann man wahrscheinlich noch am ehesten pädagogisch wertvoll begründen. Aber warum bekommt dieser Hund eigentlich ein Leckerchen, wenn wir die letzte Straße überquert haben und wieder in unserem Wohnviertel angekommen sind?
Ich weiß es nicht. Wirklich nicht. Er bekommt da eins. Schon lange.
Das fällt wohl unter Perfekte-Bine-Konditionierung.
Ganz so schlimm wie Herr Mini-Rütter bin ich allerdings noch nicht. Der belohnt bekanntlich sogar das Häufchenmachen. Ausgerechnet davon wollten wir in diesen Tagen ja nun wirklich nicht noch mehr produzieren.
Wobei ich spätestens seit der Sache mit dem Leberwurstschnittchen vorsichtig damit geworden bin, was ich meinem Göttergatten in Ernährungsfragen zutraue.
Und dann wären da noch die Hühnerhälse
Es gibt nämlich noch eine Belohnung, bei der ich sehr genau weiß, warum wir sie eingeführt haben. Unser Lieblingsthema. Das Wort mit „R“.
Wer diesen Blog schon länger liest, dürfte wissen, was jetzt kommt: Rüdenbegegnungen.
Für alle anderen: Gubacca findet nicht jeden Vertreter des eigenen Geschlechts gleichermaßen bezaubernd. Das ist schon lange kein großes Drama mehr, aber wir haben über die Jahre unsere ganz eigenen Strategien entwickelt.
Eine davon lautet inzwischen: Rüde kommt. Gubacca bleibt ruhig. Hühnerhals kommt.
Das funktioniert ausgesprochen gut. Der getrocknete Hühnerhals hat es bei uns damit zu einer Bedeutung gebracht, die weit über seinen eigentlichen Daseinszweck als ziemlich unappetitlich aussehendes Stück Geflügel hinausgeht.
Er ist Zahlungsmittel, Bestechungsmaterial und bei schwierigen Kandidaten mein persönliches Beruhigungsmittel. Für Gubacca natürlich. Also hauptsächlich.
Dass ausgerechnet getrocknete Hühnerhälse auf meiner schwarzen Liste der während eines Durchfalls erlaubten Lebensmittel ziemlich weit oben standen, erklärt sich vermutlich von selbst.
Somit fiel auch unser bewährtes Rüdenmanagement aus. Und langsam wurde mir klar, dass nicht Gubacca das größte Problem mit unserer neuen Situation hatte.
Ich fühlte mich ohne meinen Leckerlibeutel nämlich erstaunlich nackig. Der gehörte für mich offenbar inzwischen genauso selbstverständlich zu einer Gassirunde wie die Leine. Das war eine Erkenntnis, mit der ich nicht unbedingt gerechnet hatte. Aber es half nichts. Also zog Bine ohne Hühnerhals, ohne Leckerchen und ohne Plan B los.
Gubacca ging es während seines Durchfalls glücklicherweise die ganze Zeit gut. Kein Bauchweh, keine Appetitlosigkeit, keine Müdigkeit. Vor allem keine Appetitlosigkeit.
Das wurde mir bereits bei unserem ersten Bäckerbesuch ohne Belohnung sehr deutlich vor Augen geführt.
Gubacca wartete wie immer. Ruhig und ordentlich. Ich kam wieder heraus. Er sah mich an. Und wartete.
Ich ging los. Gubacca blieb kurz stehen. Der Blick wurde etwas eindringlicher. Vor ihm auf dem Boden landete bereits der erste Speicheltropfen.
Schließlich wusste dieser Hund ganz genau, wie der Ablauf nach dem Bäcker geregelt war. Offenbar nur ich nicht mehr. Wir gingen trotzdem weiter.
Gubacca kam mit, allerdings nicht ohne mir ziemlich deutlich zu vermitteln, was er von dieser spontanen Änderung unserer Geschäftsbedingungen hielt. Noch offensichtlicher wurde es an besagter letzter Straße. Wir überquerten sie. Gubacca sah mich an. Nichts. Er sah noch einmal. Immer noch nichts.
Und diesmal beließ er es nicht bei einem Blick. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass man das Ausbleiben eines Leckerchens derart empört kommentieren kann. Kann man.
Keine Hühnerhälse. Keine Verhandlungen.
Und dann kamen die Rüden.
Mit einem Hund, der wegen Durchfall häufiger raus muss, kann man sich seine Gassizeiten leider nicht danach aussuchen, wann möglichst wenig los ist. Also hieß es: Augen zu und durch.
Normalerweise gehe ich inzwischen ziemlich entspannt in solche Begegnungen. Ich sehe den anderen Hund, hole rechtzeitig unseren Hühnerhals heraus und unser Deal steht: Du gehst vernünftig vorbei, dafür lohnt sich die Sache für dich.
Gubacca kennt das. Ich kenne das. Alle sind zufrieden.
Nur hatte ich diesmal nichts. Und ich merkte selbst, dass sich dadurch auch bei mir etwas veränderte. Ich konnte Gubacca nichts anbieten. Also gab es plötzlich auch nichts zu verhandeln.
Hühnerhals raus.
Deal steht.
Kein Hühnerhals.
„Lass es.“
Ein Rüde kam uns entgegen, Gubacca wurde aufmerksam und von mir kam nur ein ziemlich ernst gemeintes: „Lass es.“
Und zwar so, dass ich hinterher selbst kurz dachte: Oha. Wo kam die denn jetzt her? Offenbar schlummerte irgendwo unter all den Hühnerhälsen noch eine deutlich resolutere Bine.
Und Gubacca? Ließ es. Einfach so.
Ich war einigermaßen verblüfft. Beim nächsten Mal funktionierte es wieder.
Nicht bei jedem Hund perfekt. Nicht plötzlich völlig tiefenentspannt. Und ich werde ganz sicher nicht aus ein paar gelungenen Begegnungen die neue große Theorie zur Hundeerziehung entwickeln.
Aber eines fiel mir auf: Ich war anders. Bisher war da sehr oft dieser kleine Handel in meinem Kopf: Sei vernünftig, dann bekommst du dafür etwas richtig Gutes.
Jetzt war meine Haltung eher: Nein. Das machen wir nicht. Punkt.
Und damit konnte Gubacca erstaunlich gut umgehen. Vielleicht sogar besser als mit meiner bisherigen Mischung aus Hühnerhals, vorausschauendem Management und dem inneren Hoffen, dass er sich bitte für die richtige Variante entscheidet.
Der Leckerlibeutel darf trotzdem bleiben
Keine Sorge. Ich bin nicht zum neuen Hardliner geworden.
Der Leckerlibeutel ist inzwischen wieder in meine Jackentasche eingezogen. Ich mag ihn da. Offenbar gibt er mir Sicherheit. Gubacca vermutlich auch.
Nur wird gerade nicht mehr jede unserer kleinen Gewohnheiten automatisch bezahlt. Dafür gibt es wieder Belohnungen für wirklich wichtige Dinge.
Zum Beispiel kleine Heldentaten.
Wenn Gubacca das Spielzeug findet, das die schusselige Bine unterwegs verloren hat. Oder die Leine. Ja. Auch die habe ich schon verloren.
Und während ich noch darüber nachdenke, ob mein Hund vielleicht ein bisschen zu sehr auf Futterbelohnungen konditioniert war, beschleicht mich inzwischen ein ganz anderer Verdacht:
Vielleicht war Gubacca gar nicht das eigentliche Problem. Vielleicht hatte vielmehr Bine gelernt: Rüde in Sicht = Hühnerhals in die Hand.
Perfekte-Bine-Konditionierung eben.
Man lernt nie aus. Auch nicht nach über neun Jahren mit demselben Hund.
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