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Kapitel 30: Seite an Seite

Kapitel 30

Seite an Seite

Meisterschwimmer Gubacca

Meine Wünsche an Gubacca waren nie besonders bescheiden gewesen. Ich wollte einen Hund, der mich überallhin begleitete, gerne lernte, sportlich war und eine enge Bindung zu mir hatte. Einen Hund, mit dem ich wandern, verreisen und möglichst viele Abenteuer erleben konnte. Und ich wollte unbedingt einen Hund, der gerne schwamm. Dieser Wunsch nahm in meinem Kopf bereits sehr konkrete Formen an: Ich sah Gubacca und mich gemeinsam im Meer. Seite an Seite würden wir dem Sonnenuntergang entgegenschwimmen – ein Bild voller Freiheit, Vertrauen und stiller Verbundenheit.

Gubacca sah das anders. Dabei liebte er Wasser. Er sprang in Pfützen, watete durch Bäche und fand zuverlässig jede schlammige Stelle. Nur endete seine Begeisterung genau dort, wo seine Pfoten den Kontakt zum Boden verloren. Er ging so weit ins Wasser, bis sein Bauch angenehm gekühlt war, und blieb dann stehen. Mehr war seiner Meinung nach nicht erforderlich: Bäuchleinkühlen genügte vollkommen. Warum sollte man schwimmen, wenn man auch stehen konnte?

Natürlich hätte ich das einfach akzeptieren können. Aber damals war ich noch nicht besonders gut darin, einen Punkt auf meiner Wunschliste kampflos aufzugeben. Wenn Gubacca nicht von selbst schwimmen wollte, musste ich ihm eben zeigen, wie schön es war. Also machte ich aus dem Schwimmenlernen ein Projekt. Am Kanal ging ich mit gutem Beispiel voran und stellte mich als Vorschwimmerin zur Verfügung. Gubacca musste mir nur folgen. Ich schwamm ein Stück hinaus, lockte ihn und warf besonders schöne Stöckchen ins Wasser. Dabei gab ich vermutlich auch jene hohen Quietschlaute von mir, von denen Menschen überzeugt sind, dass Hunde sie unwiderstehlich finden.

Gubacca fand sie vor allem beunruhigend. Während ich im Wasser auf ihn wartete, stand er am Rand und kläffte. Laut und ausdauernd. Bis dahin hatte ich nicht gewusst, wie hervorragend es am Kanal schallte. Kein Stock war schön genug, um dafür den sicheren Boden unter den Pfoten aufzugeben, kein Lockruf konnte ihn überzeugen. Ich entwickelte von Trainingseinheit zu Trainingseinheit mehr Ehrgeiz, während Gubacca seine Energie darauf verwendete, nicht schwimmen zu müssen. „Geht nicht, gibt’s nicht“, war meine Haltung. „Will nicht, gibt’s sehr wohl“, war seine.

Erschwerend kam hinzu, dass Wasser auf Gubacca eine enthemmende Wirkung hatte. Nach wenigen Minuten Bäuchleinkühlen war er häufig so aufgedreht, dass an vernünftiges Üben nicht mehr zu denken war. Dann übernahm sein innerer Kevin: Gubacca wurde laut, hektisch und war kaum noch zu erreichen. Irgendwann gab ich auf. Nicht, weil ich plötzlich zu einer weisen Hundehalterin geworden wäre, die die Wünsche ihres Hundes respektierte. Unsere Schwimmstunden waren einfach zu anstrengend. Ich verabschiedete mich von meinem Bild und akzeptierte, dass ich offenbar einen wasserliebenden Nichtschwimmer besaß.

Dann besuchte ich eines Tages eine Freundin. Während ich dort saß, bekam ich eine Nachricht von meinem Mann: „Gubacca ist im Kanal geschwommen.“ Ich starrte auf mein Handy. Gubacca? Unser Gubacca? Der Hund, für den Schwimmen bisher eine vollkommen überflüssige Form der Fortbewegung gewesen war? Offenbar hatte mein Mann einen Stock ins Wasser geworfen. Gubacca war hinterhergesprungen und hatte ihn zurückgebracht. Einfach so. Kein Vorschwimmer. Kein wochenlanger Trainingsaufbau. Wahrscheinlich nicht einmal eine einzige motivierende Quietschlautäußerung. Ein Stock hatte genügt. Herr Mini-Rütter hatte in wenigen Minuten geschafft, woran ich mit großem körperlichem Einsatz gescheitert war. Zum ersten Mal trug er diesen Namen meiner Meinung nach vollkommen zu Recht.

Natürlich freute ich mich. Ein wenig empört war ich trotzdem. Schließlich war das Schwimmen mein Projekt gewesen. Ich hatte im Kanal gestanden, gelockt, geworfen und gequietscht. Mein Mann hatte einen Stock genommen – und plötzlich konnte der Hund schwimmen. Welche Folgen Gubaccas neu entdeckte Fähigkeit haben würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Ein paar Tage später waren wir wieder am Kanal. Bei dem schönen Wetter herrschte reger Badebetrieb, und wir mussten ein gutes Stück laufen, bis wir eine freie Bucht fanden. Auf dem Wasser schwamm eine Entenfamilie. Ich hatte sie durchaus gesehen. Ich hatte nur nicht gleichzeitig darüber nachgedacht, dass Gubacca sie ebenfalls gesehen haben könnte. Wie so oft war ich gedanklich mit allem Möglichen beschäftigt, nur nicht mit dem Hund neben mir. Kaum erreichten wir unsere Bucht, nahm das Drama seinen Lauf: Gubacca sprang mit einem eleganten Hechtsprung in den Kanal und schwamm los. Direkt auf die Enten zu.

Mir blieb fast das Herz stehen. Die Tiere befanden sich weit draußen, und der Kanal war nicht gerade schmal. Wir riefen und schrien, doch für Gubacca existierten wir nicht mehr. Er hatte gerade erst herausgefunden, dass er schwimmen konnte. Nun wollte er offenbar auch gleich feststellen, ob er dabei Enten einholen konnte. Mein Mann stand hektisch am Ufer. „Jetzt schwimm doch endlich hinterher!“, rief er voller Panik.

Ich tat zunächst gar nichts. Ich befand mich in einer Art Schockstarre und beobachtete, wie mein Hund immer weiter hinausschwamm. Dann begann ich, meine Kleidung auszuziehen. Schließlich hatte ich meinem Mann oft genug erklärt, dass ihm mit mir nichts passieren konnte. Ich war früher bei der DLRG gewesen und hatte sogar meinen Rettungsschwimmer gemacht. Wenn wir jemals Tretboot fahren und er dabei ins Wasser fallen sollte, würde ich ihn selbstverständlich retten. Gelogen hatte ich nicht. Ich hatte lediglich nicht ausreichend berücksichtigt, wie lange das inzwischen her war.

Also raus aus den Kleidern und ab ins Wasser. Dort stellte ich schnell fest, dass von meiner früheren Rettungsschwimmerkarriere vor allem die Erinnerung übrig geblieben war. Mir fehlte nicht nur Pamela Andersons roter Baywatch-Badeanzug. Auch meine Geschwindigkeit ließ zu wünschen übrig. Während Gubacca kraftvoll hinter den Enten herschwamm, folgte ich ihm wie eine lahme Ente. Der Kanal wirkte vom Ufer aus deutlich schmaler.

Zum Glück begriff Gubacca irgendwann selbst, dass seine Jagd keine Aussicht auf Erfolg hatte. Die Enten waren schneller und vermutlich auch wesentlich erfahrener. Er gab auf und drehte um. Kurz darauf schwamm er neben mir. Gemeinsam machten wir uns auf den Rückweg zum Ufer. Und da war es plötzlich, das Bild, das ich mir so lange ausgemalt hatte: Gubacca und ich, Seite an Seite im Wasser.

Nur ohne Meer und Sonnenuntergang. Stattdessen lagen meine Kleider irgendwo am Kanalrand, mein Mann stand noch immer aufgewühlt am Ufer und vor uns brachte sich eine Entenfamilie in Sicherheit. Mit Gubacca erfüllten sich meine Wünsche selten so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Aber manchmal erfüllten sie sich doch.

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