Kapitel 28: Der hässlichste Hund von Weeze
Der hässlichste Hund von Weeze
Manches im Leben eines Hundehalters beginnt mit einer Schnappsidee. Dass ich Gubacca zu einer Rassehunde-Ausstellung anmeldete, gehörte definitiv dazu. Ganz von selbst war ich allerdings nicht darauf gekommen – ich hatte mich ein wenig überreden lassen. Möglichst viele Hunde aus unserem Verein sollten teilnehmen, und da die Ausstellung draußen stattfand, schien sie mir eine gute Gelegenheit zu sein, fernab der großen Hallenausstellungen erste Erfahrungen zu sammeln. Unsere Hundetrainerin sah das etwas anders. Als ich ihr von der Anmeldung erzählte, lachte sie laut auf. Bei den Übungen auf dem Hundeplatz neigte Gubacca schließlich dazu, mich anzuspringen, sobald ihm etwas zu viel, zu langweilig oder schlicht nicht nach seinem Geschmack war. Schon meine Vorstellung, später einmal mit ihm joggen zu gehen, hielt sie für ausgesprochen sportlich. Meinen Plan, ihn in einem Ausstellungsring ruhig und möglichst vorteilhaft zu präsentieren, hätte sie vermutlich als sehr ambitioniert bezeichnet.
Zum Zeitpunkt der Anmeldung hatte ich immerhin noch das Aussehen auf meiner Seite. Gubacca war ein bildhübscher Junghund mit hellem Fell und einem kleinen Lockenköpfchen, das meiner Meinung nach durchaus das Zeug zu einem Pokal hatte. Dann begann der Fellwechsel. Fellwechsel klingt nach einem geordneten Vorgang: Das alte Fell geht, das neue kommt und zwischendurch wartet man ein wenig. Bei Gubacca wirkte es eher, als hätte das alte Fell bereits gekündigt, während das neue seinen Arbeitsvertrag noch nicht unterschrieben hatte. Von Woche zu Woche sah er zerrupfter aus. Aus meinem flauschigen Lockenköpfchen wurde ein Junghund, der an manchen Tagen wie ein seltenes katalanisches Kurzhaar-Exemplar wirkte – an anderen eher wie ein gerupftes Huhn, das beschlossen hatte, trotzdem selbstbewusst durchs Leben zu gehen. Der amüsierte Blick unserer Hundetrainerin sprach bei jedem Treffen Bände. Ihr Gesicht erledigte das zuverlässig ohne Worte.
Zusammen mit dem Video bei Bea, das mir kurz zuvor meine eigene Unsicherheit beim Führen so gnadenlos vor Augen geführt hatte, schrumpfte meine Siegesgewissheit von Woche zu Woche. Allerdings versicherten mir alle: Bei einem jungen Hund erwartet niemand ein perfektes Verhalten im Ring. Ein bisschen laufen, kurz stehen bleiben und sich vom Richter anfassen lassen – das würden wir schon schaffen. Also hielt ich an der Anmeldung fest. Wie schwer konnte es schließlich sein, mit einem Hund ein paar Runden zu laufen und ihn dabei möglichst hübsch aussehen zu lassen?
Mehr als dreißig Gos d’Atura Català waren in Weeze gemeldet. Mir gefiel die Vorstellung, einen Tag mit Menschen zu verbringen, die dieselbe Begeisterung für diese Rasse teilten. Gemeinsam anreisen, mitfiebern und sich über die Erfolge der Hunde freuen. Vielleicht würden wir später noch weitere Ausstellungen besuchen und irgendwann sogar über eine Zuchtzulassung nachdenken. Es war kein ausgefeilter Plan, aber es klang nach etwas, das schön werden könnte. Und ganz ehrlich: Gegen den einen oder anderen Pokal hätte ich ebenfalls nichts einzuwenden gehabt.
Gubacca startete mit drei weiteren Hunden in der Jugendklasse der Rüden. Zu Beginn begrüßte der Richter jeden von uns per Handschlag und beobachtete dabei, wie die Hunde auf ihn reagierten. Gubacca setzte sich entspannt neben mich. Ich fand das hervorragend. Er sprang den Richter nicht an, bellte nicht und benahm sich ausgesprochen höflich. Dass er in diesem Moment besser hätte stehen sollen, wusste ich nicht. Für mich saß dort ein junger Hund ruhig neben seinem Menschen und zeigte sich von seiner vernünftigsten Seite. Der Auftakt war also schon einmal geglückt.
Anschließend liefen wir gemeinsam durch den Ring. Gubacca blieb an meiner Seite und veranstaltete kein Drama. Gemessen an den Dingen, die er unterwegs durchaus anzubieten hatte, war das eine beachtliche Leistung: Keine Kevin-Show, kein Leinenbeißen, niemand wurde angesprungen. Der Richter sah sich Gubaccas Pfoten, seinen Rücken und seinen Körperbau genauer an. Ruhiges Stehen gehörte zwar nicht zu Gubaccas größten Leidenschaften – er verlagerte sein Gewicht, setzte sich zwischendurch wieder hin und machte es dem Richter nicht ganz leicht –, aber er ließ sich überall anfassen. Der Richter blieb freundlich, und in meinem Kopf sammelten wir weiterhin zuverlässig Pluspunkte.
Nachdem alle vier Rüden begutachtet worden waren, liefen wir noch einmal eine gemeinsame Runde. Gubacca blieb brav bei mir, pöbelte niemanden an und schaffte es sogar, nicht an mir hochzuspringen. In meinem Kopf knallten bereits die ersten Korken. Dann kam der Richter auf mich zu und rief mich als Erste zu sich. Als Erste! Ich hatte keine Ahnung von Ausstellungs-Routinen, meinte aber zu wissen, wie solche Siegerehrungen ablaufen: Der Richter ruft selbstverständlich den Gewinner auf! Für einen kurzen, wunderschönen Moment dachte ich tatsächlich: Wir haben gewonnen! Meine innere Pokalsammlerin begann bereits damit, im heimischen Regal Platz zu schaffen.
Dann zeigte der Richter auf die für uns vorgesehene Position: Platz vier. Ganz hinten. Innerhalb weniger Sekunden war ich von der vermeintlichen Siegerin zur Letztplatzierten geworden. Schneller hätte nicht einmal Gubacca vom schlafenden Engel zu Kevin umschalten können. Ich setzte mein tapferstes Lächeln auf und versuchte so auszusehen, als hätte ich selbstverständlich die ganze Zeit gewusst, wohin diese Reise ging.
Die anderen drei Rüden in unserer Klasse erhielten ein V für „vorzüglich“. Gubacca bekam ein SG für „sehr gut“. Platz vier bedeutete somit das Kürzel SG4. „Sehr gut“ klingt eigentlich nach etwas, über das man sich freuen sollte. In der Schule hätte ich diese Bewertung vermutlich ohne größere Rückfragen entgegengenommen. An diesem Tag fühlte sie sich erstaunlich schlecht an. Und es sollte noch schlimmer kommen.
Mitten auf dem Platz stand eine große Orientierungstafel, auf der alle Ergebnisse nach und nach öffentlich eingetragen wurden. Im Laufe des Tages konnte jeder zusehen, wie die Tafel förmlich mit stolzen V's überquoll. Praktisch alle teilnehmenden Hunde fuhren ein „Vorzüglich“ nach Hause. Die einzigen Ausnahmen? Ein Rüde, der im Ring kräftig gepöbelt hatte, und ein anderer, der seine Rute beim Laufen einknickte. Beide hätten ohne diese Patzer garantiert auch ein V bekommen. Und dann war da noch Gubacca. Sein SG4 stach auf der riesigen Tafel förmlich heraus wie ein dicker roter Korrekturstrich. Mein verletztes Gefühl rechnete kurz nach und kam zu einem glasklaren Ergebnis: Gubacca war offiziell nicht nur der Letzte seiner Klasse – er war der hässlichste Hund der gesamten Ausstellung.
Das hatte selbstverständlich niemand gesagt. Nicht der Richter, nicht die anderen Aussteller und erst recht nicht die Tafel. Aber mein gekränktes Ego hatte die Übersetzung bereits in Stein gemeißelt.
Gubacca nahm das Ergebnis deutlich gelassener. Er wusste nicht, dass er Letzter geworden war. Und selbst wenn man es ihm ausführlich erklärt hätte, hätte ihn vermutlich nur interessiert, ob mit einem SG4 wenigstens ein Leckerchen verbunden war. Falls nicht, war die Veranstaltung aus seiner Sicht ohnehin schlecht organisiert. Ich dagegen wollte den Richterbericht am liebsten gar nicht lesen. Dabei stand darin keineswegs, dass Gubacca hässlich war. Der Richter bescheinigte ihm unter anderem eine sehr gute Pigmentierung, einen geraden Rücken und eine gute Brusttiefe. Sogar seine aktuelle Frisur wurde ausgesprochen höflich umschrieben: „Derzeit nicht in bester Haarverfassung.“ Zerrupftes Huhn hätte vermutlich nicht in einen offiziellen Richterbericht gepasst.
Dann entdeckte ich noch einen weiteren Satz: „Wenn korrekt vorgeführt, guter Bewegungsablauf.“ Der saß. Bis dahin hatte ich geglaubt, das Laufen gar nicht schlecht gemacht zu haben. Als ich mir die Videoaufnahme unseres Auftritts später ansah, verstand ich besser, was der Richter gemeint hatte. Ich war viel angespannter gewesen, als ich es im Ring bemerkt hatte. Ich hielt die Leine zu fest, steuerte zu viel und schaffte es nicht, Gubacca so zu führen, dass sein Bewegungsablauf wirklich gut zu erkennen war. Offenbar hatte dem Universum das Handyvideo bei Bea noch nicht gereicht; es plante bereits eine kleine Dokumentationsreihe über meine Körpersprache.
Auf der Rückfahrt saß das gekränkte Ego wie ein schwerer Beifahrer mit im Auto. Für meine Familie die ich wie ein Schlosshund heulend angerufen hatte, war die Sache denkbar unverständlich: Ich war mit einem hübschen Hund zu einer Ausstellung gefahren, er hatte die Note „Sehr gut“ kassiert und ich fuhr mit genau demselben Hund wieder nach Hause. Warum man darüber betrübt sein konnte, verstand wohl nur jemand, der insgeheim schon den Platz für den Siegerpokal im Regal ausgemessen hatte.
Die kleine, süße Genugtuung folgte ohnehin erst ein paar Tage später, als ich mir auf Facebook die offiziellen Siegerfotos der Ausstellung anschaute. Direkt neben dem Podest für den 1. Platz hatte ein riesiges Werbebanner unseres Rassevereins gestanden. Darauf abgebildet: Ein kleiner, wunderschöner, flauschiger Welpe, der stellvertretend für die Perfektion der ganzen Rasse strahlte – Gubacca! Jeder einzelne der strahlenden Siegerhunde war auf den Fotos direkt neben meinem Hund verewigt worden. Der Hund, den mein gekränktes Gefühl zum hässlichsten Hund von Weeze erklärt hatte, war das offizielle Werbegesicht der gesamten Veranstaltung gewesen. Allerdings wie ich zugeben muss, in der Version vor dem Fellwechsel.
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