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Kapitel 24: Der Pubertätswarner auf Stufe Rot

Kapitel 24

Der Pubertätswarner auf Stufe Rot

Collage von Gos d'Atura Gubacca: links ein lieber Blick direkt in die Kamera, rechts ein wilder, aufgedrehter Blick („Mr. Hyde“). Ein Hund, zwei Gesichter: Wenn aus dem charmanten Lockenkopf innerhalb von Sekunden „Mr. Hyde“ wird.

Nach Hooksiel hätte man meinen können, dass Gubacca und ich jetzt auf einer dauerhaften Wolke der Verbundenheit schweben würden. Er hatte diese feinen Antennen für die Notlage, konnte sich zurücknehmen, statt noch mehr Chaos zu machen, und war in dieser Nacht einfach da – bei mir. Und irgendwo in mir setzte sich dieser Gedanke fest: Okay. Jetzt sind wir wirklich ein Team. Jetzt wird es leichter.

Spoiler: Nein.

Kaum waren wir zurück im Alltag und der Druck der Klinikwoche sackte langsam ab, meldete sich eine alte Bekannte zurück. Nicht leise, nicht vorsichtig, sondern mit Anlauf und der Energie von jemandem, der in der Zwischenzeit Liegestütze gemacht hatte. Die Pubertät.

Wenn es einen Pubertätsmelder gegeben hätte, so einen wie einen Feuermelder, hätte er bei uns durchgehend gepiept. Ich hätte mir die Ohren zuhalten müssen. Auf einer Skala von eins bis hundert lag Gubacca irgendwo bei einhundertfünfzig. Und ich daneben – mit dem Gefühl, dass mein Leben plötzlich aus tiefem Durchatmen und Beruhigungstee bestand. Viel Beruhigungstee.

Mein Zwerg-Riese, wie ich ihn immer noch liebevoll nannte, wog inzwischen um die zwanzig Kilo.. Er sah noch aus wie ein flauschiger Junge, aber zog an der Leine, als würde er im Nebenjob Waggons rangieren. Zehn Schritte vor, fünf zurück. Tiiief einatmen. Und dann, zack: Leine straff, Kopf runter, Nase am Boden, Rute hoch. Manchmal erinnerte er mich an einen Autoscooter, der sich selbst für ein selbstfahrendes Auto hielt.

Und das war die harmlose Version. Die echte Version begann meist dann, wenn es eigentlich gut lief. Auf dem Hundeplatz zum Beispiel war Gubacca oft ein Selbstläufer. Er trainierte gern. Er war konzentriert, schnell im Kopf, lernte wie im Zeitraffer. Solange kein Druck herrschte, war er bei mir. Er hatte Spaß. Ich hatte Spaß.

Nur leider bestand unser Alltag nicht aus Hundeplatz. Nach dem Training gingen Biggi und ich oft noch eine kleine Runde, damit Dexter und Gubacca ihr Geschäft erledigen konnten. Und sehr oft passierte es dort, ohne dass ich vorher irgendetwas kommen sah. Wie ein Lichtschalter. Eben war er noch Hund. Dann war er plötzlich… etwas anderes. Gubacca kippte. Der Schalter ging um. Und Mr. Hyde stand neben mir.

Er sprang mich an. Nicht „ein bisschen“. Nicht „ich bin aufgeregt“. Sondern mit voller Wucht. Zwanzig Kilo, die dir im Stehen mit Anlauf gegen den Körper springen, sind kein süßes Pubertätsproblem. Das ist ein körperliches Erlebnis. Und in dem Moment erreichte ich ihn nicht mehr. Kein Ansprechen, kein Locken, kein „Hey, komm runter“. Da war nichts. Als wäre zwischen uns ein Vorhang zugefallen.

Und während ich versuchte, irgendwie aufrecht zu bleiben, hagelte es kluge Ratschläge.
„Du musst ihn ignorieren!“
„Du musst dich wegdrehen!“
„Du musst konsequenter sein!“

Ich war für Tipps wirklich offen. Ich wollte ja, dass es besser wird. Aber in diesem Moment war das alles Theorie. Da sprang mir gerade ein zwanzig Kilo schwerer Teenager in den Körper, und Hyde war nicht mehr ansprechbar. Das war kein Trainingsmoment. Das war Schadensbegrenzung.

Und das Verrückteste war: Ich wusste nie, wann es passieren würde. Manchmal lief ein Spaziergang gut, manchmal sogar richtig gut, und ich merkte, wie ich innerlich aufatmete. Okay. Heute ist ein guter Tag. Und dann kippte es wieder. Ohne erkennbaren Grund. Kein Auslöser, den ich greifen konnte. Keine Warnung, die ich verstand.

An einem Mittag nahm ich mir besonders viel Zeit. Ich hatte später einen Arzttermin und wusste, dass Gubacca danach alleine bleiben musste. Also wollte ich vorher noch „was Gutes“ machen. Nicht schnell um den Block. Sondern eine schöne Runde, bei der er richtig Spaß hatte

Wir gingen zu unserer Wiese. Diese Wiese war für mich so etwas wie eine kleine Insel. Offener Platz, ein bisschen Weite, keine engen Wege, kein Gedränge. Ich versteckte Leckereien im Gras, ganz simpel, und Gubacca ging darin auf. Nase runter, Welt aus, Job an. Er suchte, fand, schnaufte zufrieden und guckte mich zwischendurch an, als hätte ich gerade den genialsten Freizeitangebot-Katalog der Stadt erfunden. Wir spielten. Er war ausgelassen, fröhlich, lebendig. Und ich freute mich wirklich. Nicht dieses „Ach, immerhin“, sondern dieses echte Freuen darüber, wie viel Spaß er an kleinen Dingen haben konnte. Auf dem Rückweg dachte ich: Okay. Das war gut. Das war richtig gut.

Und genau deshalb traf es mich so hart. Auf dem letzten Stück passierte es wieder. Ohne Vorwarnung. Ohne Übergang. Als hätte jemand in seinem Kopf einen Schalter umgelegt. Gubacca sprang mich an. Einmal, zweimal, immer wieder. Er biss in die Leine, zerrte, kam wieder hoch, als wäre ich plötzlich Teil eines Spiels, das ich nicht mitspielen wollte. Ich versuchte, ihn anzusprechen, ihn runterzuholen, irgendetwas. Doch jeder Versuch löste nur Gegenwehr aus. Es fühlte sich an, als würde er es darauf anlegen. Als würde er sagen: Und? Was machst du jetzt?

Weiterlaufen war unmöglich. Jeder Schritt nach vorn machte es schlimmer, jeder Halt machte mich zur besseren Zielscheibe. Ich blieb stehen. Zum Baum werden, hatte ich gelernt. Kann man toll anspringen. Ich hielt ihn fest. Er riss sich los. Ich bekam die Leine wieder zu fassen, hielt dagegen, spürte diese Kraft, die in zwanzig Kilo plötzlich viel zu stark wirken kann. In meinem Kopf ging sofort die Uhr an. Der Arzttermin rückte näher. Ich sah innerlich die Uhr im Wartezimmer und mein Handy, das irgendwann mit dieser freundlich genervten Nachricht vibrierte: „Wo bleiben Sie denn?“

Es wurde später. Später. Und noch später. Und während ich da stand, irgendwo zwischen Wiese und Alltag, merkte ich dieses Gefühl, das ich inzwischen kannte und hasste: Ich komme da nicht durch. Nicht zu ihm. Nicht an ihn ran. Bitte hör auf. Bitte. Nur jetzt nicht.
Dann knallte es.
Irgendwo in der Ferne. Dumpf, laut genug, dass ich zusammenzuckte. Gubacca erstarrte.

Für einen winzigen Moment war alles still, als hätte das Geräusch den Film angehalten. Sein Kopf ging hoch. Seine Augen waren plötzlich wieder da. Nicht mehr in diesem Tunnel, nicht mehr in diesem „Hyde“. Er schaute. Und ich spürte, wie die Spannung aus der Leine wich, als hätte jemand sie losgelassen.

„Okay“, sagte ich leise. Mehr zu mir als zu ihm. Jetzt. Jetzt gehst du. Und wir gingen. Als wäre nichts gewesen. Nur dass bei mir sehr viel gewesen war.

Nach solchen Momenten begann ich, Strecken zu meiden. Erst ganz unauffällig. Ich bog früher ab, nahm „halt die andere Richtung“, kürzte Runden, weil ich nicht mehr ständig in dieser Alarmbereitschaft laufen konnte. Manchmal hielt ich ihn fest, bis er sich beruhigte. Manchmal ging ich nur noch kurz raus, das Nötigste. Und irgendwann führte ich sogar die Flexileine ein. Nicht, weil ich sie besonders schön fand. Sondern weil ich dachte, vielleicht war dieser permanente Stress, dass er sich nicht in die Leine werfen sollte, ein Auslöser. Vielleicht brauchte er mehr Raum, damit er nicht explodierte. Vielleicht… vielleicht… vielleicht.

Stehenbleiben und sich mit jemandem zu unterhalten war in dieser Zeit übrigens ein echter Endgegner. Kaum blieb ich stehen, begann ein hysterisches Dauergebell. Nicht dieses „Wuff, da ist was“, sondern dieses „Ich kann nicht, ich will nicht, ich halte das nicht aus“. Menschen drehten sich um. Manche lächelten mitleidig, manche genervt. Und ich stand da mit einem Hund, der akustisch gerade einen Notruf absetzte.

Und dann gab es noch etwas, das mich jedes Mal richtig ärgerte: Gubacca hatte so gut gehört. Wirklich gut. Wenn kein Wasser in der Nähe war. Und jetzt reichte manchmal schon, dass ich in eine Richtung schaute, weil in der Ferne ein Radfahrer auftauchte. Ein winziger Punkt am Horizont. Mehr nicht. Und schwups war Gubacca auf dem Weg dorthin.

In dieser Zeit war unsere Trainerin Marion gold wert. Sie bot uns an, dass wir, wenn kein Training auf dem Platz war, dort mit den beiden üben und spielen konnten. Ohne Publikum, ohne Kommentare, ohne dieses Gefühl, dass jeder Blick sofort bewertet. Es war kein Zaubertrick. Aber es war ein Ort, an dem ich wieder atmen konnte. Und manchmal war genau das der Unterschied zwischen „Ich schaffe das“ und „Ich weiß nicht, wie lange noch“.

Abends suchte ich nach einem Rettungsanker für meine Nerven. Eine Bekannte schwärmte von ihrem akribisch geführten Übungstagebuch. Täglich notieren, auswerten, analysieren. Allein die Vorstellung machte mich müde. Aber die Grundidee gefiel mir. Also erfand ich mein Sternchenbuch.

Jeden Abend vor dem Einschlafen ging ich den Tag gedanklich durch und suchte nach den Momenten, die gut gewesen waren. Nicht perfekt. Nicht Instagram. Einfach gut.
Ein Blickkontakt auf fünf Meter Entfernung: ein Sternchen.
Ein freiwilliges Sitzen, bevor ich die Tür öffnete: zwei Sternchen.
Ein Moment, in dem er nicht sofort die Welt kommentierte: Jackpot.
Manchmal waren es nur zwei Sternchen am Tag. Manchmal viereinhalb. Und manchmal fühlte es sich an, als hätte ich den ganzen Tag gesucht und nur ein kleines „immerhin“ gefunden.

Aber dieses Zählen half mir. Es verschob den Fokus. Es gab mir das Gefühl, dass nicht alles verloren war. Nur: Während ich Sternchen sammelte, merkte ich, wie mein Kopf schon wieder in eine andere Richtung arbeitete. Ich suchte nach einer Erklärung. Nicht nach einer echten, sondern nach einer, die sich gut anfühlte. Eine, die Ordnung in dieses Chaos brachte. Am liebsten so eine Erklärung, die in einen Satz passt. In eine Schublade.

Ich konnte nur noch nicht ahnen, wie schnell ich selbst anfangen würde, Gubacca in solche Schubladen zu stecken.

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