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Kapitel 23: Die Nacht des Wolfes und ein Fels in der Brandung

Kapitel 23

Die Nacht des Wolfes und ein Fels in der Brandung

Rettungswagen mit Blaulicht bei Nacht vor einem Ferienhaus an der Nordsee Blaulicht statt Neujahrsruhe – die Nacht, in der alles anders kam als geplant.

Man sagt ja, es gäbe Gesetze, die man niemals brechen sollte. Eines der wichtigsten lautet: Egal wie alt du bist, hör auf deine Mutter. Mütter haben nämlich dieses unheimliche, eingebaute Frühwarnsystem für Katastrophen.

„Mutti, Krankenhäuser gibt es auch an der Nordsee!“, hatte ich noch siegessicher getönt, als sie uns die Silvesterreise nach Hooksiel ausreden wollte. Mein Mann war erst zwei Tage zuvor aus der Klinik entlassen worden – wegen einer Sache, die eigentlich erledigt war. Er fühlte sich fit, ich wollte ans Meer, und so ignorierten wir das mütterliche Omen.

Doch Hooksiel empfing uns mit einem Wetter, bei dem man nach drei Minuten draußen klatschnass war. Die Stimmung sank synchron zum Barometer. Am Neujahrstag drückte sich mein Mann schon nachmittags vor dem Spaziergang. „Ich fühl mich nicht...“, murmelte er. Ich rollte innerlich mit den Augen. Klar, bei dem Regen hätte ich auch gerne eine Ausrede gehabt.

Abends wurde er dann richtig nörgelig, meckerte am Essen rum und überließ mir den kompletten Abwasch, um sich auf die Couch zu verziehen. Ich war stinksauer. Toller Urlaub, dachte ich wütend und knallte in der Küche mit den Tellern. In meinem Kopf lief die Wick-Media-Night-Werbung: „Schaaaatz, ruf meine Mutti an!“ Ich war fest entschlossen, nach dem Spülen ohne ein Wort ins Bett zu marschieren.

Ich war gerade beim letzten Teller, als ein Geräusch die Stille zerriss. Kein Bellen. Ein tiefes, urwüchsiges Heulen.

„Na super“, dachte ich genervt. Ein Mann mit Männergrippe auf dem Sofa und ein junger Rüde, der gerade entdeckt, dass es da draußen läufige Mädels gibt. Ich ging zu Gubacca, um ihn für die letzte Gassirunde anzuleinen. Normalerweise flippt er völlig aus, wenn er die Leine sieht. Diesmal musste ich ihn förmlich überreden, überhaupt aufzustehen. Draußen erledigte er nur das Nötigste und zog sofort wieder Richtung Haustür. Er wollte nicht laufen. Er wollte zurück.

Wieder drinnen änderte sich die Atmosphäre schlagartig. Gubacca ignorierte mich vollkommen. Er setzte sich direkt vor meinen schlafenden Mann, legte den Kopf in den Nacken und ließ dieses klagende Heulen wieder los. Es war kein pubertärer Weltschmerz. Es war ein verzweifeltes Signal. Er rannte hektisch zwischen der Couch und mir hin und her, stupste mich an und bellte mich dann mit einer Intensität an, die keinen Widerspruch duldete. Er benahm sich wie ein Hütehund, der ein verirrtes Schaf zurück zur Herde treiben will – nur dass ich das Schaf war und er mich mit aller Kraft zur Couch drängte.

Und dann begriff ich es endlich. Sein Ernst sickerte langsam zu mir durch. Ich legte meinem Mann die Hand auf die Stirn – sie glühte. Wir waren perfekt ausgerüstet, hatten eine Hundeapotheke für jeden hündischen Weltuntergang dabei, aber natürlich kein Fieberthermometer für uns Menschen.

Dann ging alles rasend schnell. Ich wählte die Nummer des Notrufs. Ein besonnener Feuerwehrmann am Telefon. Das Fieber stieg, Detlef fing an zu phantasieren. Endlich das Blaulicht vor dem kleinen Ferienhaus. Sanitäter, Fragen, Hektik. „Kommen Sie in einer halben Stunde mit den Sachen nach“, sagte einer von ihnen beim Hinausgehen.

Und dann war die Tür zu. Und ich war allein.

Es war Mitternacht. Ich stand in diesem fremden Haus und realisierte erst jetzt, was gerade passiert war. Ich packte hastig eine Tasche. Trotz der inneren Panik musste ich kurz lachen, weil es so typisch Mann war: Fünf Autozeitungen hatte er eingepackt, aber keinen einzigen Schlafanzug – nur T-Shirts.

„Dann muss halt heute Nacht der Jogginganzug als Schlafanzug dienen“, murmelte ich, nahm die Tasche und marschierte zum Auto. Hier wartete die nächste große Herausforderung auf mich. Ich bin nicht gewöhnt, den großen Wagen von meinem Mann zu fahren, und alleine diesen Riesen aus dem engen Carport zu manövrieren, trieb mir die Schweißperlen auf die Stirn. Dass ich außerdem absolut nachtblind bin und mich stur auf das Navi verlassen musste, weil ich keine Ahnung hatte, wo die Klinik lag, machte die Sache nicht besser.

Gubacca nahm ich mit zum Krankenhaus. Obwohl es irrational ist, gab es mir in diesem Moment ein Gefühl der Sicherheit, zu wissen, dass er hinten in seiner Box lag. Ich fühlte mich einfach nicht ganz so allein.

Im Krankenhaus angekommen, durfte ich nur einen kurzen Augenblick in die Notaufnahme zu meinem Mann, um ihm die Tasche zu geben. Mitbekommen hat er meinen „Besuch“ aber nicht. Er war kaum noch ansprechbar.

Die restlichen Tage waren ein zähes Warten. Gubacca musste in dieser Zeit komplett zurückstecken. Ich hatte kaum Zeit, mich mit ihm zu beschäftigen, es gab keine großen Spaziergänge – für ihn eigentlich vollkommen ungewohnt. Aber er war wie ausgewechselt. Er wartete geduldig im Auto, ohne zu murren. Und wenn wir dann doch für zehn Minuten an den Strand kamen, rannte er mit einer solchen Lebensfreude über den Sand, als wollte er mich aufheitern. Er forderte nichts, er gab nur.

In dieser Zeit ist Gubacca zu meinem kleinen Fels in der Brandung geworden. Es war wie ein Blick auf den „wahren“ Gubacca, wenn die Hormone mal nicht Salsa tanzen. Der Hund, der wirklich hinter diesem Lockenköpfchen steckt und zu dem er sich entwickeln würde.

Ich mag gar nicht darüber nachdenken, was an diesem Abend passiert wäre, wenn ich einfach schlafen gegangen wäre. Gubacca wusste es einfach. Lange bevor ich aufgehört hatte, mich über den Abwasch zu ärgern.

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