-->

Kapitel 22: El Gaucho und die Kunst, eine Augenbraue hochzuziehen

Kapitel 22

El Gaucho und die Kunst, eine Augenbraue hochzuziehen

El Gaucho mit seinem Hund Pedro El Gaucho und Pedro – ein Team, das über den Dingen steht.

Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen. Vergleiche sind das Gift jeder Hundeerziehung, aber als ich nach unserem Greetsiel-Urlaub Biggi und Dexter das erste Mal wieder sah, traf mich der Schlag. Während mein 18-Kilo-Bomber und ich uns an der Nordsee noch gegenseitig die Nerven geraubt hatten, schien bei den beiden in der Zwischenzeit ein Wunder geschehen zu sein.

Dexter lief an der Leine. Und zwar nicht irgendwie. Er schwebte förmlich neben Biggi her, hielt Blickkontakt und wirkte so konzentriert, als würde er nebenher ein Mathematikstudium absolvieren. Die Leine hing durch wie eine schlaffe Wäscheleine im Windstillen. Biggi strahlte eine Ruhe aus, die fast schon wehtat. „Wir hatten Einzelunterricht bei Marion“, erklärte sie bescheiden. Ich war beeindruckt – und, seien wir ehrlich: Ich war grün vor Neid. Mein Kopfkino startete sofort den Blockbuster: Bine und Gubacca – Das Ende aller Leinenprobleme. Wenn Dexter das kann, dachte ich, dann buche ich uns jetzt den Express-Weg zum Gehorsam-Olymp.

Doch Gubacca hatte das Drehbuch nicht gelesen. Für ihn war Marions Hundeplatz untrennbar mit seinem Kumpel Dexter verbunden. Als wir zur ersten Einzelstunde vorfuhren und der Parkplatz leer blieb, war die Verwirrung groß. Anstatt sich auf Marion und mich zu konzentrieren, scannte er im Sekundentakt den Horizont. „Wo sind die? Die müssen doch gleich kommen!“ Anstatt der erhofften Eleganz erlebten wir eine Demonstration seiner mittlerweile hervorragend austrainierten Sprungkraft. Gubacca war wie ein Flummi auf Speed. Er schoss an mir hoch, biss spielerisch in die Leine und testete seine Vorderpfoten bevorzugt an Marions Kleidung. Ich sah förmlich, wie sich die nassen Pfotenabdrücke wie Orden des Scheiterns auf ihrer Jacke verewigten.

„Er ist heute... sehr präsent“, sagte Marion diplomatisch, während sie sich den Matsch von der Hose strich. Ich wollte am liebsten im feuchten Boden des Hundeplatzes versinken. Unser „Wundertraining“ endete damit, dass ich eine Trainerin mit deutlichen Schlammspuren und ein Selbstbewusstsein hatte, das tiefer lag als die Sohlen meiner Gummistiefel. Ich war kein Team mit meinem Hund, ich war die Frau am Ende einer gespannten Strippe, die versuchte, ein behaartes Känguru zu bändigen.

Der absolute Tiefpunkt kam jedoch erst noch. Marion bat mich, dass uns beim nächsten Training mit Dexter – einem gemeinsamen „Lernspaziergang“ – eine befreundete Trainerin als Beobachterin begleiten sollte. In meinem Zustand fühlte sich das an wie eine öffentliche Prüfung, für die ich nicht gelernt hatte. Ich sah das Szenario „Horrorspaziergang“ schon vor mir: Dexter als Musterschüler vornweg, und wir als die Chaos-Truppe dahinter, während die Expertin jeden meiner Fehler mit dem Klemmbrett in der Hand analysierte.

„Weißt du, was ich immer mache, wenn ich ein schwieriges Turnier vor mir habe?“, erzählte mir Biggi, als ich ihr am Telefon mein Herz ausschüttete. Sie kannte diesen Druck von ihren Reitturnieren. „Ich stelle mir vor, ich wäre jemand ganz anderes. Ich schlüpfe in eine Rolle, die über den Dingen steht.“

Und in diesem Moment, irgendwo zwischen Marl und dem nächsten Frust-Keks, wurde El Gaucho geboren.

El Gaucho war kein gestresster Hundebesitzer, der sich Sorgen um die Meinung anderer machte. Er war ein hartgesottener katalanischer Schäfer, ein Mann der Berge, wettergegerbt und unerschütterlich. Sein Erkennungszeichen war ein imaginärer, bodenlanger Mantel aus schwerem Tuch, ein tief in die Stirn gezogener Hut und Stiefel, die schon tausend Meilen durch die Pyrenäen hinter sich hatten. In seinem Gefolge: Der wilde, aber loyale Hütehund „Pedro“.

Je detaillierter ich mir El Gaucho vorstellte, desto mehr passierte etwas mit meiner Wirbelsäule. Ich wuchs um mindestens zehn Zentimeter. Wenn Pedro – also Gubacca – aus der Reihe tanzte, würde El Gaucho nicht zetern. Er würde nicht hektisch an der Leine ruckeln. Er würde nur belustigt eine Augenbraue hochziehen, Pedro mit einem kurzen Pfiff zur Ordnung rufen und mit einer Stimme, die nach Lagerfeuer und Tabak klang, sagen: „Auch du wirst irgendwann vernünftig.“

Mit diesem inneren Kostüm traten wir zum Lernspaziergang an. Und tatsächlich: Die Gast-Trainerin war ein Naturtalent darin, mir ein schlechtes Gefühl zu geben. Sie steckte Gubacca sofort in die Schublade für „schwierige, distanzlose Fälle“ und feuerte eine Salve an klugen Ratschlägen ab.

„Sie müssen mehr Druck aufbauen! Sehen Sie, wie er Sie ignoriert? Da fehlt die klare Dominanz!“, tönte sie, während sie streng über ihre Brille sah.

Früher hätte mich das vernichtet. Ich hätte gestammelt, mich entschuldigt und wäre vor Scham fast gestorben. Doch diesmal hatte sie die Rechnung ohne den Gaucho gemacht. Ich spürte, wie ich unter meinem unsichtbaren Hut die Augenbraue nach oben schob. Ich sah sie nicht direkt an, sondern blickte in die Ferne, als würde ich dort meine Herde suchen. Gubacca sprang gerade wieder mit voller Wucht in die Leine, aber anstatt mit derselben Hektik zu antworten, atmete ich ruhig durch. In meinem Kopf wehte kein westfälischer Nieselregen, sondern der Wind über die kargen Gipfel Spaniens.

„Er ist eben ein echter Katalane“, sagte ich mit einer Gelassenheit, die die Trainerin für eine Sekunde völlig aus dem Konzept brachte. „Er braucht keine Härte. Er braucht einen Grund.“

Die Trainerin stutzte. Mit so einer Antwort aus der „Gaucho-Perspektive“ konnte sie nicht arbeiten. Und das Wunder geschah: Weil ich mich weigerte, das Opfer ihrer Kritik zu sein, verlor auch Gubacca das Interesse an seiner Rebellion. Er merkte, dass sein Hirte heute einen sehr langen Atem und einen sehr schweren Mantel hatte.

Das Training wurde kein technisches Meisterwerk, aber es war mein persönlicher Triumph über den Vergleichs-Teufel und das Schubladendenken anderer. Ich hatte gelernt, dass ich nicht Biggi sein musste und Gubacca nicht Dexter. Ich musste nur El Gaucho sein – souverän genug, um über klugen Ratschlägen zu stehen und geduldig genug, um auf meinen „Pedro“ zu warten. Ich befürchtete zwar, dass mir das in Zukunft nicht immer gelingen würde, aber diesmal ging die Runde ganz eindeutig an El Gaucho.

  • Share: