Kapitel 21: Von fliegenden Türen und Rum mit Tee
Von fliegenden Türen und Rum mit Tee
Lotta und Gubacca – das ungleiche Dreamteam im Ruhe-Modus.
Die Wochen nach Kevins fulminantem Revival fühlten sich tatsächlich an wie eine Achterbahnfahrt. Wobei ich zugeben muss: Ich hatte die Pubertät schlichtweg nicht mehr auf meiner Liste gehabt. Mein Gedankengang war so simpel wie falsch gewesen: Anstrengende Welpenzeit? Hatten wir. Kevin? Kennen wir. Also Haken dran. Gubacca ist halt frühreif gewesen und jetzt sind wir durch. Doch weit gefehlt. Dieser Kelch sollte also nicht an mir vorbeigehen.
Wenn ich etwas Positives daran finden will, dann das: Es hat mich nicht komplett aus den Socken gehauen. Viele Welpenbesitzer erleben ja dieses Entsetzen, wenn aus dem superlieben Baby plötzlich ein kleines Monster wird, als hätte jemand heimlich den Charakter ausgetauscht. Dieses „Wer bist du und was hast du mit meinem Hund gemacht?“ blieb mir erspart. Kevin war mir nicht fremd. Ich kannte das Theater. Ich hatte nur kurz vergessen, dass er auch eine Zugabe beherrscht.
Dumm nur, dass unsere Achterbahn genau in dem Moment wieder ordentlich Fahrt aufnahm, als ich mit meinen Eltern und Lottchen in den Urlaub nach Greetsiel fuhr. Für Gubacca war diese Konstellation neu; zum ersten Mal war er nicht der einzige Hund im Haus, sondern musste sich mit Lottchen in eine bestehende Dynamik einsortieren. Das war zwar alles nicht dramatisch, bedeutete aber eine Menge neuer Eindrücke für einen Junghund, der gerade ohnehin mit seinem eigenen Hormonchaos beschäftigt war.
Eigentlich hatte ich trotzdem auf eine Verschnaufpause gehofft, ähnlich wie in unserem Sommerurlaub. Ich hatte noch dieses Bild im Kopf: Ostsee. Weite. Ruhe. Leere Wege. Kein Programm, keine Reize, nur Wind und Wasser und dieser unerwartet unkomplizierte Gubacca, der neben mir herlief, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht. Meine Mutter war deutlich skeptischer. „Bist du sicher, dass das gut geht?“, fragte sie vor der Abfahrt mehrmals. Ich winkte ab. Natürlich würde das gut gehen. Ich hatte schließlich einen Plan. Und Leckerlis. Dass mein Plan im Wesentlichen daraus bestand, fest daran zu glauben, dass der Wind an der Nordsee Kevins Pubertätsflausen einfach aus dem Kopf wehen würde, behielt ich diskret für mich.
Greetsiel empfing uns nicht mit Erholung, sondern mit Sturmtief ‚Xavier‘, Dauerregen und einem Gubacca, der offensichtlich beschlossen hatte, dass Urlaub der perfekte Zeitpunkt für ein komplettes System-Reset ist. Schon beim Auspacken wurde klar, dass Gemütlichkeit heute woanders stattfand. Während wir das Gepäck nämlich im Laufschritt durch den peitschenden Regen ins Ferienhaus schleppten, flitzte Gubacca rein und raus wie ein Flummi, der zu lange im Automaten festhing. Er war sichtlich begeistert von allem: Von den Gerüchen, den Türen, den Räumen. Und offensichtlich auch von der Statik der Fliegengittertür.
Es machte nur einmal laut Peng!. Mit der Wucht eines 18-Kilo-Bombers war er gegen die Tür gedonnert, die daraufhin in einem hohen, fast schon eleganten Bogen quer durch den Garten segelte. Stille. Ich starrte auf die leere Verankerung, dann auf die Tür im Rasen, dann wieder auf die leere Verankerung, weil mein Gehirn kurz nicht bereit war, das als Realität anzuerkennen. Meine Mutter bewahrte als Einzige die Fassung, sah mich mit diesem unbezahlbaren Ich-hab’s-dir-ja-gesagt-Blick an und fragte sicherheitshalber: „Bine, hast du eigentlich eine gute Hundehaftpflicht?“
Hatte ich. Aber was ich viel dringender gebraucht hätte, war ein Nervenkostüm aus Stahlbeton. Denn was in den nächsten Tagen folgte, war keine Erholung, sondern eine dramatische Aufführung von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“. In der einen Minute war Gubacca mein Lieblings-Gubacci. Der Charmeur. Der Hund, der meiner Mutter die Pfoten so zärtlich auf den Schoß legte, als hätte er persönlich beschlossen, sie ab sofort für immer glücklich zu machen. Er schaute sie dabei so an, dass sie mich regelmäßig verständnislos musterte. „Ich weiß gar nicht, warum du solche Schwierigkeiten mit ihm hast“, stellte sie fest, während sie sein Lockenköpfchen kraulte. „Bei mir ist er der liebste Hund der Welt.“
Klar. Sie ging ja auch nicht mit Hyde spazieren. Sobald wir nämlich die Tür hinter uns ließen und der Greetsieler Dauerregen uns peitschte, war Schluss mit dem bezaubernden Familienhund. Der Wind fegte über den Deich, und Kevin nutzte jede Böe als Startsignal für seine Show. In die Leine beißen, an mir hochschießen, hysterisch bellen. Am liebsten genau dort, wo garantiert Leute standen, damit ich auch wirklich das volle Programm bekomme, inklusive Publikum. Es war mir unfassbar peinlich. Ich war jetzt die Frau mit dem wutschnaufenden Pelz-Kind, das sich metaphorisch schreiend auf den Boden wirft, weil es die Schokolade an der Kasse nicht bekommt.
Nach drei Tagen tippte ich eine S.O.S.-Nachricht an unsere Hundetrainerin Marion. Nicht, weil ich eine Schritt-für-Schritt-Anleitung brauchte. Ich brauchte psychologischen Beistand. Marions Antwort kam prompt und war der wohl ehrlichste Rat des ganzen Urlaubs: „Nimm anstatt Tee mit Rum lieber Rum mit einem kleinen Schuss Tee. Den Rest schaffst du gemeinsam mit uns, wenn du wieder da bist.“ Dieser Satz rettete mir Greetsiel. Nicht, weil Kevin sich schlagartig in Luft auflöste, sondern weil ich aufhörte, in Regen und Sturm nach der perfekten Lösung zu suchen. Ich akzeptierte, dass wir gerade nicht im Optimierungsmodus waren, sondern im Überlebensmodus. Und das war für diesen Moment genug.
Trotz allem war der Urlaub ein Erfolg. Nur auf einer anderen Ebene. Lotta, der kleine Biewer-Yorkshire meiner Eltern, wurde nämlich zur wichtigsten Verbündeten. Nach Chirus Tod hatte sie lange getrauert und Gubacca bisher eher skeptisch aus der Ferne betrachtet. Doch hier, im verregneten Greetsiel, passierte etwas Schönes. Mein 18-Kilo-Bomber machte sich beim Spielen im Ferienhaus so klein, dass er fast auf Augenhöhe mit ihr war. Und wenn er zu grob wurde, wies Lottchen das Riesenbaby mit einer Souveränität in seine Schranken, die mich ernsthaft vor Neid erblassen ließ. Während ich draußen mit Hyde kämpfte, bekam Gubacca drinnen Unterricht von einer fünf Kilo schweren Lehrerin.
Als wir vierzehn Tage später nach Hause kamen, war ich körperlich erledigt und innerlich wieder vollkommen auf unsere Baustellen fixiert. Und genau deswegen tat ich etwas, das ich sonst gern erst nach drei Wochen Grübeln und fünfzehn Gedankenschleifen gemacht hätte. Ich rief Gubaccas Züchterin Bea an. Als leidenschaftliche Bloggerin hielt ich alle unsere Erlebnisse in einem Internet-Tagebuch fest. Dadurch war auch sie immer ziemlich gut im Bilde, was wir so treiben. Und ich merkte sofort, als ich anfing zu erzählen, dass sie nicht in meinen „Ja-aber“-Rhythmus einsteigen würde. Sie hörte sich Greetsiel an, Kevin, die Tür, den Deich, das Theater. Und dann hielt sie mir ziemlich ruhig den Spiegel hin. „Bine“, sagte sie, „du hast vor dem Urlaub schon unglaublich viel mit ihm gemacht.“
Ich wollte direkt widersprechen. Natürlich wollte ich das. Ich war ja schließlich Bine. „Ja, aber das waren doch alles Sachen, die er kennt“, setzte ich an. „Café kennt er. Freundinnenbesuche kennt er. Unterwegs sein kennt er. Das ist doch nichts Neues.“ Bea lachte. Nicht böse. Eher wissend. „Ich weiß“, sagte sie. „Du willst einen Begleiter. Du hast das mit Chiru so gemacht. Das war für dich normal. Aber Gubacca ist nicht Chiru. Und auch meine Hunde sind nicht alle gleich in ihrem Verhalten. Gubaccas Papa zum Beispiel ist am liebsten zu Hause. Für ihn ist ein ruhiger Tag ein Geschenk.“
Das saß. Vor allem, weil ich wusste: Sie hatte recht. Mein Denkfehler war nicht, dass ich „zu große“ Dinge gemacht hatte. Es war eher dieses ständige „Ach komm, das geht doch noch“. Und noch eins. Und noch eins. Weil er es ja kennt. „Das heißt aber nicht“, sagte sie ehrlich, „dass die Pubertät damit weg ist. Kevin wird trotzdem anklopfen. Aber du kommst leichter durch, wenn du die Grundlast runterfährst.“ Und dann kam ihr nächster Tipp, über den ich überraschenderweise gar nicht unglücklich war: „Lass ihn auch bei euch im Haus ruhig die Treppen laufen.“
Bisher war ich treu und brav der Sessellift für Gubacca gewesen. Hochtragen. Runtertragen. Hochheben. Absetzen. Mit achtzehn Kilo wird man da irgendwann sehr demütig, was den eigenen Rücken angeht. Und Bea hatte einen Punkt: Wenn er sich im Haus frei bewegen kann, kann er sich auch seinen Ruhepol besser suchen. Der Sessellift-Betrieb wurde also eingestellt. Gubacca fand diese Information erst einmal skandalös. Er stand vor der Treppe, schaute hoch, schaute mich an, schaute wieder hoch. Dieses Gesicht sagte ganz klar: Wie bitte. Das war bisher ein Service. Das stand so in unserem Vertrag.
Wir machten es langsam. Teppichreste für den Grip. Ich daneben. Leise, ruhig, ohne großes Tamtam. Ein Schritt. Noch ein Schritt. Dann dieses kurze Zögern, als würde er überlegen, ob Treppenstufen vielleicht doch Lavagruben sind. Und dann ging er. Nicht schön. Nicht elegant. Eher wie jemand, der zum ersten Mal auf Schlittschuhen steht und so tut, als wäre das alles geplant. Aber er ging. Stufe für Stufe. Oben angekommen blieb er kurz stehen, schaute sich um und verschwand dann in eine Ecke, die offenbar ab sofort sein neuer Ruhepol war.
In den Tagen danach zog ich unsere Stoppleine konsequent. Mehr Ruhe, weniger Programm. Wobei ich ehrlich zugeben muss: Das fiel mir am Anfang verdammt schwer. In meinem Kopf thronte immer noch dieses unerschütterliche Bild vom „idealen Begleiter“, der natürlich überall dabei ist. Ich wollte das perfekte Team sein, das gemeinsam die Welt erobert – oder zumindest gemeinsam in der Eisdiele sitzt.
Dass Gubacca offensichtlich ganz andere Pläne für sein perfektes Leben hatte, kratzte erst mal ordentlich an meinem Ego. Ich musste mein eigenes Wunschbild schrumpfen lassen, damit er wieder Luft zum Atmen hatte. Mein neuer Prüffaktor war so simpel wie ernüchternd: Hat Gubacca eigentlich irgendetwas davon, wenn ich ihn jetzt mitschleife? Die Antwort war oft ein ehrliches „Nein“.
Also fuhr ich allein in die Eisdiele. In den ersten Minuten fühlte es sich noch völlig falsch an; als fehlte ein wichtiges Puzzleteil, um das Bild der perfekten Hundebesitzerin abzurunden. Doch dann, mit dem ersten Löffel Eis, setzte plötzlich ein ganz anderes Gefühl ein: Freiheit. Ich saß einfach nur da und starrte Löcher in die Luft. Kein permanentes Scannen der Umgebung nach anderen Hunden, kein banges Warten auf den nächsten Bell-Anfall und vor allem kein mentaler Dauer-Checkup der Hundeerziehung. Zum ersten Mal seit Monaten war mein Kopf einfach nur im Pausen-Modus.
Und das Beste? Als ich zurückkam, blinzelte mir kein beleidigter Hund entgegen, sondern ein tiefenentspanntes Lockenköpfchen, das die binenfreie Zeit sichtlich für ein ausgiebiges Nickerchen genutzt hatte. Er war nicht seelisch zerstört, er war erholt.
Für den Moment hatten wir unseren Frieden gefunden. Wir hatten uns neu sortiert und ich war einfach nur dankbar für die Stille, die momentan wieder in unser Haus zurückgekehrt war.
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